Entstehung, Entwicklung und Wirkung der nationalsozialistischen Ideologie zwischen 1890 und 1950
am Beispiel des "Massenmediums" historischer Roman.


 


Die Ideologie des Nationalsozialismus war nicht die Kreation einiger weniger Theoretiker, sozusagen eine Umsetzung von Hitlers „Mein Kampf". Viel mehr entstand sie aus einem Konglomerat konservativer, völkischer und nationalistischer Ideologien, die im 19. Jahrhundert entwickelt worden waren und dann während der ersten Wirtschaftskrise nach der Reichsgründung 1870 an Schärfe gewonnen hatten. Später trugen dann vor allem die Katastrophe des Ersten Weltkrieges und die Revolutionen in Russland und Deutschland ihre Weiterentwicklung. Sie war aber auch kein reines Werkzeug zur Verführung und Beherrschung der Massen. Wer z. B. die verquasten Tischgespräche Hitlers oder die Aufzeichnungen Himmlers liest, stellt sehr schnell fest, dass zumindest einige einige „Führer" auch Opfer ihrer eigenen „Weltanschauung" geworden waren; von den fatalen Auswirkungen der Rassenideologie auf die Kriegsführung ganz zu schweigen. Zudem zeichnete sich der Nationalsozialismus unter anderem dadurch aus, die krassesten Gegensätze scheinbar auszugleichen. So fand er Unterstützung bei revolutionären Arbeitern wie auch bei Monarchisten und Großkapitalisten, bei konservativen Kleinbauern und Handwerkern wie bei technikbegeisterten Studenten und Technokraten. Diese Widersprüche, die sichtbar im sogenannten „Röhmputsch" oder der Fritsch-Blomberg-Krise ausgetragen wurden, mussten auch zu Spannungen innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie führen.

Das Anliegen der folgen Seiten, die 1989 als Dissertation veröffentlicht wurden, ist es die Entstehung, Entwicklung und inneren Spannungen dieser Ideologie aufzuzeigen. Als Material dient dabei der historische Roman, der in der fraglichen Zeit das beliebteste Genre der Belletristik war. Dabei beschränken wir uns nicht auf Romane einer bestimmten politischen Richtung, sondern untersuchen alle Romane die eine Auflagenhöhe von mindestens 50.000 erreicht haben. Der historische Bestseller liefert sozusagen einen Hintergrund, vor dem sich die Entwicklung der nationalsozialistischen Ideologie abzeichnen soll. Durch die Einbeziehung der Auflagenhöhen ergibt sich außerdem die Möglichkeit, Aussagen über die Popularität einzelner Teilströmungen zu machen: wie demokratisch waren die Autoren und Leser der Weimarer Republik, wie erfolgreich waren Gleichschaltung und NS-Literaturpolitik, wie äußerten sich verschiedene Positionen, wie antifaschistisch war die sogenannte „Innere Emigration", gab es dezidierte Kritik am Nationalsozialismus, was änderte sich 1918, 1933 und 1945?

Nicht zuletzt muss dabei beantwortet werden, was einen nationalsozialistischen Roman ausmacht. Es wird also auch um Form und Stilfragen gehen, die in der Architektur und der bildenden Kunst für jeden auf der Hand liegen, in der Literaturgeschichte jedoch meistens ignoriert werden, da sich hier die Definitionen ganz einfach aus den Inhalten ableiten lassen. Allerdings reichte die pure Anhäufung einzelner Ideologeme nicht immer aus, um sich das Wohlwollen der NS-Literaturkritik zu verdienen. Es sei jedoch vorweggenommen, dass schwache oder gar negative Protagonisten, Ironie, kurz alle Distanz schaffenden Techniken, der Verbreitung und dem Konsum totalitärer Ideologien nicht gerade dienlich sind.



Frank Westenfelder
Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur
am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945
Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989

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INHALTSVERZEICHNIS

I. HISTORISCHER ROMAN UND NATIONALSOZIALISTISCHE LITERATUR

II.1. DER HISTORISCHE ROMAN IM KAISERREICH
II.2. Bürgerliches Selbstbewußtsein und Fortschrittsglaube
II.3. Dienst und Anpassung
II.4. Krisen und Kulturpessimismus
II.4.1. Völkische Gegenentwürfe
II.4.2. Flucht in die Idylle
II.4.3. Jugendbewegung und Gottsucher
II.5. Imperialismus und Weltkrieg
II.5.1. Konservative historische Romane
II.5.2. Völkische historische Romane
II.5.3. Kriegspropaganda
II.5.4. Kritik und Toleranz
II.5.5. Die Chronik des Wilhelminismus
II.6. Tendenz und Wirkung

III.1. DER HISTORISCHE ROMAN ZUR ZEIT DER WEIMARER REPUBLIK
III.2. Revolution und Verlust der Ordnung
III.3. Der Mythos von der deutschen Seele
III.4. Alter und "neuer" Konservatismus
III.4.1. Themen völkischer historischer Romane
III.4.1.a. Bedrohtes Bauertum
III.4.1b. Ostkolonisation
III.4.1.c. Literarische Bearbeitung
III.4.2. Themen nationalrevolutionärer Romane
III.4.2.a Krieger und soziale Konflikte
III.4.2.b. Führer und Staat
III.4.3. Reaktion auf die Moderne
III.5. Die ungeliebte Demokratie
III.5.1. Innerlichkeit und Obrigkeit
III.5.2. Konstruktion und Destruktion des Mythos
III.6. Aufstieg des Nationalsozialismus
III.7. Tendenz und Wirkung
IV.1. DER HISTORISCHE ROMAN IM DRITTEN REICH
IV.2. Nationalsozialistische Literaturpolitik
IV.3. Der nationalsozialistische historische Roman
IV.4. Fraktionen im nationalsozialistischen historischen Roman
IV.4.1. Genuin nationalsozialistische historische Romane
IV.4.2. Völkische historische Romane
IV.4.3. Nationalrevolutionäre historische Romane
IV.5. Machtkampf und Änderungen im Geschichtsbild
IV.6. Vom völkischen Kleindeutschland zur Europaidee
IV.7. "Innere Emigration", Kritik und Widerstand
IV.7.1. Verwendbare Literatur
IV.7.2. Kritische Literatur
IV.7.3. Antifaschistische Literatur
IV.7.4. "Innere Emigration" und Nationalsozialismus
IV.8. Die Literatur im Krieg
IV.8.1. Nationalsozialistische Epik
IV.8.2. Völkische Romane
IV.8.3. Möglichkeiten der Kritik
IV.8.4. Unterhaltungsliteratur
IV.9. Tendenz und Wirkung
V. WIRKUNG IN DER BUNDESREPUBLIK

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der königliche Platz in München
"Alles kleinliche Grünzeug auf dem Platz selbst ist verschwunden und einer großzügigen steinernen Plattenfläche gewichen. Dem neuen Raum ist damit jedes Natürlich-Zufällige genommen und ihm eine strenge steinerne Form gegeben."


Nationalsozialistisches Tryptichon

Aufgriff traditioneller religiöser Formen. Mythisch-irrationale Verklärung


Modell von Speers Berlin
Gigantomanie und Neoklassizismus.
Speer preist gegenüber Hitler den "Ruinenwert" seiner Bauten.


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