IV.6. Vom völkischen Kleindeutschland zur Europaidee

Im letzten Kapitel wurde gezeigt, daß allein durch den Prozeß der Machtübernahme - ähnlich wie nach der Reichsgründung 1871 - das Bedürfnis entsteht, die eigene Führungsposition mit der deutschen Kaisergeschichte zu legitimieren. Diese Interpretation beginnt sich ab 1935 duchzusetzen, obwohl einige dogmatisch völkische Theoretiker - vor allem Himmler - weiter, an einem kleindeutschen Geschichtsbild festzuhalten versuchen. Mit der erfolgreichen Außenpolitik - der Annektion von Österreich und der Tschechoslowakei - beginnt 1938/39 eine neue Phase(388). Die Vorbildlichkeit des mittelalterlichen Kaiserreichs steht jetzt außerhalb jeder Diskussion. Man greift nun sogar auf die von Völkischen und Deutschnationalen mit Haß verfolgten Habsburger zurück(389). Der habsburgisch-katholische Reichsmythos soll dazu dienen, die Herrschaft über Mitteleuropa zu legitimieren(390).

Es muß nicht weiter ausgeführt werden, daß diese Nutzbarmachung des habsburgischen Mythos auf die ihm zugrundeliegende Vorstellung vom Vielvölkerstaat verzichtet. Eine 1937 in Wien entstandene Dissertation stellt das Reich noch ausdrücklich dem Staatsgedanken gegenüber und lehnt deshalb die Imperien Alexanders des Großen und Roms ab. Als Utopie gilt eine förderalistische Friedensordnung aus vielen Völkern und Staaten(391). Auf der anderen, der kleindeutschen Seite beunruhigt dieses "Überwuchertwerden der nationalen Idee" die borussisch-konservative Geschichtswissenschaft(392).

Nach dem Sieg über Frankreich und mit dem Krieg gegen Rußland gewinnt die Mitteleuropaidee verstärkt an Bedeutung. Unter der Führung des Reichs soll das Abendland nun wieder den Kampf gegen den " ewigen" Ansturm aus dem Osten aufnehmen(393). Dies führt außerdem zu einer positiveren Einstellung gegenüber dem Christentum als abendländische Ideologie(394). Von der Geschichtswissenschaft wird "das Reich als europäische Ordnungsmacht" verherrlicht(395). In einem Aufsatz in den NS-Monatsheften von 1944 wird es sogar ausdrücklich abgelehnt, die Balkanvölker als Slawen zu bezeichnen, da sie sich im Kampf gegen den Osten in der Reichsordnung zusammengeschlossen hätten(396). Im Kreuzzug gegen die Sowjetunion - dem Unternehmen "Barbarossa"(397) -stellt die SS unter Berufung auf die Reichsidee die Divisionen "Das Reich", "Prinz Eugen", "Hohenstaufen" und später sogar die französische "Charlemagne" auf, aber keine wird nach Widukind, Heinrich dem Löwen oder den preußischen Königen benannt. Selbst Himmler bezieht sich in einer Rede vor dem Führerkorps der SS-Division "Das Reich" nur noch auf die Kaiser:

Seid euch klar, daß dieses Reich weit zurückreicht. Es reicht zurück in die Zeit der Hohenstaufen, der Sachsen und des Frankenkaisers Karl des Franken.(398)
Der nationale Gedanke wird dabei immer mehr aufgegeben, man bevorzugt nun Schlagworte wie "Das neue Europa" oder "Großgermanisches Reich"(399). Vor dem Reichstag beschwört Hitler den "ewigen" Kampf des Abendlandes:
Denn so wie einst die Griechen gegenüber den Karthagern nicht Rom, Römer und Germanen gegenüber den Hunnen nicht das Abendland, deutsche Kaiser gegenüber den Mongolen nicht Deutschland, spanische Helden gegenüber Afrika nicht Spanien, sondern alle Europa verteidigt haben, so kämpft Deutschland auch heute nicht für sich selbst, sondern für den gesamten Kontinent.(400)
Daß fast die Hälfte der Germanen auf Seiten der Hunnen und die deutschen Kaiser nie gegen den Mongolen kämpften, wird zugunsten der "höheren Wahrheit" verschwiegen.

Entsprechend der Mischung und Veränderung konservativer Ideologie verschiedenster Provenienz bildet die Darstellung der Reichsidee im historischen Roman ein breites Spektrum. Es reicht von der NS-Propaganda eines Blunck bis hin zu den katholischen Reichslegenden Gertrud von Le Forts. Bei der Beurteilung dieser Literatur ist genau auf die Interpretation der Formel "Reich" und auf das Entstehungsdatum zu achten. Durch den ideologischen Richtungswechsel der Nationalsozialisten werden Romane verwendbar, die anfänglich der offiziellen Ideologie nicht entsprechen. Es sollen in diesem Rahmen Romane behandelt werden, die bis 1938, also vor der Expansion, erschienen sind. Sie geben damit weniger die augenblickliche Realität wieder, sondern entwerfen Programme, die erst später erfüllt werden, oder setzen sehr verdeckt den Reichsgedanken gegen den NS-Staat ab.

Blunck propagiert bereits 1938 in seinem "Wolter von Plettenberg" die nationalsozialistische Abendlandideologie(401). Blunck ist damit der ideologischen Entwicklung etwas voraus. Er fordert ein zentralistisches und expansives Imperium, mit dem sich die völkisch-kleindeutschen Ideologen erst im Laufe des Krieges aussöhnen. Dies unterstreicht die Vorbildlichkeit der Blunckschen Romane.

Ganz auf derselben Linie liegt der Roman "Der Reiter auf dem fahlen Pferd"(1937) des Schweizers Emanuel Stickelberger. Nach Stickelberger ist der Kampf Asiens gegen das Abendland ein sich ewig wiederholender, schicksalshafter Akt. Um diesen Kampf über jede rationale Begründung zu erheben, beginnt der Roman mit einem doppelten Vorspiel, in dem der Konflikt mystisch verklärt wird. Im ersten Vorspiel erteilt Buddha nach dem Hunnensturm 453 den Befehl, in achthundert Jahren die Herrschaft Asiens über die Welt zu verbreiten. Durch Intrigen des Todesgottes werden die Mongolen mit der Ausführung des Befehls betraut. Das zweite Vorspiel -"Im Zeichen des Kreuzes" - erläutert an der Prophezeiung eines alten Zisterzienserabtes das Schicksal des Abendlandes. Das Abendland droht ungefähr alle achthundert Jahre von Asien überrollt zu werden. Als Beispiele nennt er den Trojanischen Krieg um 1300 v.Chr., die Perserkriege um 500 v. Chr., die Hunnen um 450. Zu erwarten ist nun um 1200 der neue Angriff Asiens, angeführt von dem Reiter auf dem fahlen Pferd der Apokalypse, verkörpert in Dschingis Khan. Wenn Europa diesen Angriff überstehen sollte, wäre in weiteren achthundert Jahren mit dem nächsten zu rechnen(402).

Das eigentliche Anliegen des Autors ist der Kampf gegen den Bolschewismus im 20.Jahrhundert, zu dem er im Achthundertjahresabstand historische Vorläufer sucht. Wenn die historischen Daten nicht passen, wie zum Beispiel beim Trojanischen Krieg oder den Türkenkriegen, werden sie einfach verfälscht oder entfallen ganz.

Die Handlung dreht sich um Dschingis Khan und seinen abendländischen Gegner, Herzog Heinrich I. von Schlesien, der aufgrund der Prophezeiung die Abwehr Schlesiens vorbereitet. Beide scheinen schicksalhaft verbunden zu sein, sie sind im selben Jahr geboren und haben im selben Jahr geheiratet. Aber während Dschingis Khan mit Lust zerstört und erobert, kultiviert Heinrich mit deutscher Hilfe das unterentwickelte polnische Schlesien. Stickelberger hebt hier besonders die angebliche kulturelle Unterlegenheit der Polen hervor, wenn er von der "polnische(n) Wirtschaft" spricht oder abfällig feststellt, als die fleißigen Deutschen ein Kloster gebaut haben, "rissen die Polen das Maul auf"(403).

Das Reich zerfleischt sich im Krieg zwischen Staufern und Welfen, während die Mongolen weiter in Richtung Europa vorstoßen: "Und die Völker des Abendlandes fahren fort, sich zu zerfleischen, blind für die Vorzeichen des nahenden Verhängnisses"(404). Nur im Osten hält der schlesische Löwe gute Wacht(405). Zum Kampf kommt es erst unter den Nachfolgern der großen Gegner. Heinrich II. wird dabei zum "Retter der abendländischen Völker"(406). Dies gelingt ihm unter anderem, weil ihm zur Unterstützung einige hundert überzeugte Europäer zu Hilfe eilen:
geistliche Haudegen aus aller Herren Ländern, aus Frankreich, den Niederlanden, Britannien, Spanien, Italien. Ein trostvolles Sinnbild des Zusammenstehens aller in der ge meinsamen Gefahr, aber an Zahl einige hundert nur im Ganzen.(407)
Auch Stickelberger nimmt hier die Propaganda der Waffen-SS für ihre europäischen Freiwilligenverbände vorweg. Dies, die vom Schicksal gesandten Führer, die Bedeutung der Ostkolonisation und das mystisch-zyklische Geschichtsverständnis machen den Roman zu einem herausragenden Beispiel nationalsozialistischer Literatur.

Eher von nationalrevolutionärer Seite wird die Reichsideologie von Walter von Molo und Werner Beumelburg vertreten. Molo hat mit seinem "Fridericus" bereits recht früh ein Beispiel nationalrevolutionärer Literatur gegeben. Nach 1933 gehört er als Mitglied der Preußischen Akademie der Künste zu den repräsentativsten Dichtern des Dritten Reichs. Obwohl er besonders von völkischer Seite angegriffen wird, wird sein "Fridericus" immer noch in den höchsten Tönen gelobt(408). Da Molo gemeinsam mit Frank Thiess nach 1945 den Begriff der "Inneren Emigration" einführt und für sich beansprucht, ist es besonders aufschlußreich, seinen 1936 erschienenen Roman "Eugen von Savoy, heimlicher Kaiser des Reichs" kurz zu untersuchen.

Untypischerweise ist dieser Eugen kein nordischer Deutscher, sondern ein kleiner verwachsener Franzose, der nur gebrochen deutsch spricht. Das Vorbild aller Ordnung ist aber auch hier das Reich:
"Das Reich aber", sprach der Kaiser mit veränderter Stimme und mit großen ehrerbietigen Augen, "das wird nur langsam. Das Reich, das ich mein'."(409)
Der Kampf gegen die östliche Barbarei - hier gegen die Türken - wird zur Sache ganz Europas: Eugen zog an der Spitze der Jugend Europas von neuem in den Krieg." Als sogar ein Enkel Ludwigs des XIV. zu ihm stößt, fragt er ihn:
"Darf ich ihr Ansuchen dahin auffassen, daß sie endlich Europa als Einheit anerkennen und sich gemeinsam gegen die Barbarei wenden, gegen die ich Zeit meines Lebens gekämpft habe?"(410)
Als Hauptgegner dieser höheren Reichsordnung wird von Eugen vor allem der Egoismus der Fürsten, besonders der preußischen, angegriffen(411). Doch der Borusse Molo ist recht leicht zu entlarven: Sein Reich ist nicht der katholisch-förderalistische Vielvölkerstaat der Habsburger, sondern das preußisch-deutsche Imperium. Eugen erkennt am Vergleich Frankreich-Deutschland die Vorteile des Zentralismus und klagt. "Wir waren einmal ein herrliches und mächtiges Volk unter einem starken Kaiser"(412). Wovon der Savoyer dieses "Wir" ableitet bleibt unklar, aber Molo geht noch viel weiter, wenn er ihm eine typisch preußisch-deutsche Ahnengalerie erstellt, von Widukind, dessen "Blut" in seinen Adern fließt, über die Staufer, die in Italien für die deutsche "Art" gekämpft hatten, bis zu Luther, "dessen Lehren der Norden folgte"(413). Die Habsburger dagegen verhindern immer wieder in ihrer Gier eine sinnvolle Nutzung von Eugens militärischen Siegen. Molo führt diese Umwertung sogar so weit, daß Eugen sein politisches Testament mündlich an Friedrich den Großen weitergibt und diesen damit zu seinem Nachfolger in Sachen Reich macht. Der Roman ist angefüllt mit zahlreichen heroischen Schlachtenschildeungen, in denen der Kampf zum freudigen Jugendabenteuer banalisiert wird:
der junge Kurfürst von Bayern schlug jubelnd Köpfe von den Türkenschultern ab. Laut und durchdringend jauchzte er mit den Lauten seiner heimatlichen Berge(414).
Immer wieder wird Eugen als übermenschlicher Führer präsentiert, ein großer Politiker und genialer Feldherr, der ganze Schlachten durch seinen persönlichen Einsatz entscheidet(415).

Im Gegensatz zur NS-Literatur fehlt dem Roman zwar die Blut- und Boden-Komponente, aber wegen der Utopie des imperialistischzentralistischen Militärstaates, der von einem charismatischen Führer regiert werden soll - dies ist im Roman die verpaßte Chance Österreichs -, kann man ihn der nationalrevolutionären Literatur zuordnen, die in dieser Ausprägung der nationalsozialistischen weitgehend entspricht. Diese Inhalte werden meist direkt auf die Gegenwart bezogen und in trivalster Form angepriesen. Mit diesem Roman kann Molo also auf gar keinen Fall der "Inneren Emigration" oder gar dem heimlichen Widerstand zugerechnet werden(416).

In Beumelburgs Romanen nimmt der Reichsgedanke meistens eine zentrale Stellung ein. Sein "Kaiser und Herzog" kommt durch die kleindeutsche Geschichtsinterpretation und das Thema der Ostkolonisation der nationalsozialistischen Weltanschauung am nächsten. Er versucht dabei, das Unglück des Reichs mit dem Kampf der beiden Geschlechter zu erklären, die für ihn gleichzeitig die gegensätzlichen Pole der deutschen Seele verkörpern. In "Reich und Rom"(1937) ist für ihn der Kampf der deutschen Seele gegen Rom im Zeitalter der Reformation eine Grundbedingung für ein künftiges Reich. Beumelburg berichtet hier recht sachlich, es geht ihm vor allem um die verpaßte Chance, durch eine Reichsreform ein starkes zentralistisches Reich mit einer Nationalkirche zu schaffen. Neben der katholischen Kirche greift er vor allem den Egoismus der Reichsstände, der Fürsten und des Kaisers an. Statt eines einzelnen Führers erscheinen fast alle bedeutenden Personen des frühen sechszehnten Jahrhunderts. Hier wird auch Beumelburgs nationalrevolutionäre Einstellung deutlich: Die positiven Helden sind alle Revolutionäre und Krieger: Sickingen, Florian Geyer, Hutten und Hipler. Da das Reich aber am Religionsstreit und am Egoismus der Parteien zerbricht, bleibt Beumelburgs konservativen Revolutionären nur der heroische Tod.

Sakralen Charakter erhält das Reich in Beumelburgs Roman "Mont Royal"(1936). Ein junger Moseldeutscher sucht zur Zeit Ludwigs des XIV. das Reich. Auf die Frage, wo denn dieses Reich noch zu finden sei, erhält er eine Antwort, die von jedem konservativen Revolutionär der Weimarer Republik stammen könnte:
"Das Reich <...> ist überall da, wo einer dafür streitet und leidet. <...> Das Reich, mein Lieber, das mußt du wissen, ist in jedem Baum, in jedem Acker, in jedem Haus und in jeglicher Brust, die dafür schlägt."(417)
Da dieses Reich also erst durch Opfer und Glauben entsteht, widmet ihm der junge Jörg sein Leben im Kampf gegen Türken und Franzosen. Immer neue Qualen muß er durchleiden, bis er am Ende verkrüppelt und einsam stirbt: Seine ganzes Leben lang spricht er nur ein Gebet - "Unser Reich komme" -, das in bewußten Gegensatz zur christlichen Version gestellt wird. Das Christentum wird von dem einfachen Bauernjungen säkularisiert und auf das weltliche Reich übertragen: "Für den Glauben kann ich nicht sterben, aber für das Reich will ich sterben"(418).

Die Bauern, die den Toten finden, erwarten fast, daß er aufsteht und spricht(419). So wird der geschundene Jörg zur Christusfigur, die nach einer langen Passionsgeschichte für das irdische Reich stirbt. Jörg gründet im französisch besetzten Moselland eine Widerstandsorganisation und bietet so, einschließlich eines Fememordes, unübersehbare Parallelen zu den Freikorpskämpfern im besetzten Ruhrgebiet. Die jungen Nationalisten um Jörg werden von der deutschen Obrigkeit fast genauso verfolgt wie von den Franzosen. Gegenüber dieser alten Obrigkeit entwirft Jörg die Utopie eines nationalen Reiches, das sich statt auf Söldner auf Freiwillige, "die "Auslese des Volkes" stützt, "deren jede einzelne von dem Glauben beseelt ist, für den Staat und für das Reich zu kämpfen"(420). Prophetisch sieht Jörg, wie das Volk die fürstliche Obrigkeit hinwegfegen wird, aber er weiß, diese Ideale werden in Blut ertränkt werden; sein Reich wird erst danach entstehen als "eine Herrschaft der strengsten Zucht und der unbeschränkten Verpflichtung gegen das Volk"(421). Beumelburg vermischt hier die Inhalte von Jüngers "Arbeiter" mit religiösem Pathos.

Dieses Pathos nimmt Beumelburg in seinem Friedrich-Roman "Der König und die Kaiserin"(1938) wieder zurück. Auch mit der Verwendung von Gegenwartsideologie ist er hier wesentlich dezenter als der selbsternannte innere Emigrant Walter von Molo. Beumelburg bemüht sich relativ nüchtern, Friedrich den Großen und Maria Theresia als gleichberechtigte Vorläufer des gegenwärtigen Deutschland darzustellen(422). Dies gelingt ihm zum Teil dadurch, daß er sie ihre zeitgemäßen politischen Interessen verfolgen läßt und nicht wie in seinem "Kaiser und Herzog" den Protagonisten nur zeitgenössische Propaganda in den Mund legt.

Die preußischen Könige verfolgen egoistisch ihre politischen Ziele, auch gegen Kaiser und Reich(423). Friedrich begründet nüchtern und sachlich den geplanten Angriffskrieg:
"Ich habe alles in der Hand, was ein Fürst nötig hat, ich habe meine Truppen und einen großen Kriegsschatz, ich besitze alle nur erdenklichen Vorteile gegenüber meinen Nachbarn."(424)
Sehr ausführlich wird im Roman auch die Diplomatie beschrieben, die dazu dient, Bündnisse und Verträge rein nach Nutzen zu schließen oder zu brechen. Weder Friedrich noch Maria Theresia wissen um ihre historische Bestimmung, um das kommende Reich. Diese Vision ist für den Leser nur aus den Erzählerkommentaren zu entnehmen, wie zum Beispiel zur Schlacht von Roßbach:
Sie malte ein Bild von der Zukunft, das von der Idee eines neuen Reiches bestimmt war, eines Reiches von nordischer Prägung. (425)
Der Roman schließt mit einem gesperrt gedruckten Absatz, in dem Beumelburg die historische Bedeutung des Königs und der Kaiserin verdeutlicht, mit ihrem tragischen Kampf die Idee des Reichs in den Herzen aufzuwühlen, damit sie zwei Jahrhunderte später vollstreckt werden konnte. Das heroisch-soldatische Geschichtsbild Beumelburgs offenbart seinen idealistischen Ansatz:
Was ist Menschengröße, was sind Völkerschicksale, gemessen am Ablauf der Jahrhunderte. Sie versinken darin gleich Stei nen <...>. Aber die Kunde von ihnen bleibt ewig, und ihr Nachhall wirkt fortzeugend als Mahnung und Stärkung kommender Geschlechter.(426)
Hier spricht wieder der Nationalrevolutionär, der die Weltkriegsniederlage mit einem existentialistischen Heroismus verarbeiten will und dabei - etwas abgewandelt - auf dasselbe Edda-Zitat zurückgreift, das Schreckenbach seinen Stedingern vorangestellt hat. Diese sachlich-heroische Position läßt sich auch auch an den Schlachtenbeschreibungen aufzeigen. Da wird in stundenlanger "blutiger Arbeit" einfach "Menschenmaterial" zerschlissen, für den Soldaten bleibt als Lohn am Ende wieder einmal nur die Ehre:
Die Dragoner des Generals Bonin verbluteten. Ihnen folgte des Fürsten eigenes Regiment Alt-Anhalt. Diesen folgen die Kürassiere auf dem Fuße in den Tod und in die ewige Ehre.(427)
Diese Beschreibung ist wesentlich distanzierter als die seitenlangen naturalistischen Schlachtenschilderungen Molos, soll aber gerade dadurch das preussisch-soldatische adäquat zum Ausdruck bringen.

Beumelburg fordert die großdeutsche Variante des preußischen Militärstaates. Friedrich formuliert einmal recht konkret die nationalrevolutionäre Opfertheorie:
"Es ist nicht die Aufgabe der Herrscher, ihre Völker glücklich zu machen <...>. Aber es ist ihr Beruf, sie stark zu machen und wach zu erhalten. Das Glück <...> steht schon am Anfang des Niedergangs, aber die Not bildet das Tor zur Größe."(428)
Auch das österreichische Volk muß zur Größe - das heißt zum Krieg - gezwungen werden, denn es wittert in Maria Theresia "eine Gefahr für seinen ohnehin schon kümmerlichen und ärmlichen Frieden"(429). Obwohl er sich der Blut- und Boden-Ideologie enthält, kommt der Roman, besonders nach dem "Anschluß" Österreichs, mit seiner Verherrlichung von Krieg und Opfer den nationalsozialistischen Bedürfnissen mehr entgegen als die meisten völkischen Bauernromane(430).

Daß der Reichsgedanke auch weiterhin auf jungkonservative oder katholische Art verherrlicht werden kann, zeigen die historischen Romane von Gertrud von Le Fort, Henry Benrath, Gerhard Ellert und Gertrud Bäumer. Le Forts "Legende der letzten Karolinger" mit dem Untertitel "Das Reich des Kindes"(1934) mystifizziert das Reich Karls des Großen als die Einheit des Abendlandes. Es ist für sie "das heilige Reich", seine Teilung ist eine der "Todsünden der Karolinger"(431). Mystisch wird Europas Zukunft beschworen, wenn das Volk ahnungsvoll zur Teilung des Reiches in Verdun sagt: Dort "werden noch einmal die christlichen Völker ihr Blut vergießen"(432). Die Einheit des Abendlandes wird gefordert, weil das Reich "das Tor gegen Asien" gegen den "ewigen Völkersturm" aus dem Osten schützen muß(433):
Denn immerdar, wenn die Völker des Abendlandes wanken und untereinander zerfallen, so erhebt sich der Sturm aus Asia, - also war es, - also war es, als das Reich der Römer versank, und also wird wird es sein bis an das Ende der Zeiten. (434)
Le Fort zieht eine Parallele zwischen dem letzten Karolinger, Ludiwg dem Kind (893-911), und Jesus, sowie Ludwigs Mutter Uta und Maria. Ludwigs früher Tod gilt als Opfer, "daß ein neues Reich werden kann!"(435) Die Legende fordert keine Revanche gegen Frankreich oder einen völkischen Staat, verherrlicht auch keinen heroischen Führer, sondern steht ganz in der Tradition katholisch-föderalistischen Reichsvorstellungen. Aber gerade durch diese eschatologischen Reichshoffnung, den Opfermythos und vor allem das ahistorische Bild vom ewigen Kampf gegen Asien kommt sie in die Nähe der nationalsozialistischen Weltanschauung, nach 1940 wird sie geradezu als Propagandaschrift verwertbar. Durch die Legendenform, mit der ein Anspruch auf höhere mythische Wahrheiten erhoben wird, leistet Le Fort eine künstlerische Umsetzung des Themas, die nur von den besseren NS-Autoren erreicht wird. Die Literaturkritik lobt dann auch besonders den chronikalen Legendenstil als angemessenen künstlerischen Ausdruck bei der "mythisch-magische(n), dem deutschen Menschen auf ewig unveräußerliche(n) und heilige(n) Idee des Reiches"(436). Wie stark sich die Legende den nationalsozialistischen Geschichtsvorstellungen annähert, bestätigt außerdem eine Dissertation aus der Zeit:
Auf der Grundlage der historischen Quellen erhebt sich der Bau der Legende, der Totenstarre des trockenen Berichts entrissen, aber nicht der Wirklichkeit, denn in die Sphäre des seelischen emporgehoben bleibt alles reale, ewige Wirk lichkeit. (437)
Le Fort ist sich über diese Interpretationsmöglichkeit klargeworden, denn sie setzt die geplante Trilogie "Die drei Kronen", deren erster Teil die Legende bilden sollte, nicht fort, sondern beginnt in ihrem Roman "Die Magdeburgische Hochzeit"(1938), Kritik an den herrschenden Zuständen zu üben(438).

Das Imperium der Habsburger in seiner größten Ausdehnung unter Karl V. verherrlicht Gerhard Ellert in seinem Roman "Karl V." von 1935. In unaufhörlichen, sinnlosen Kriegen versucht Karl, sein Reich zusammenhalten. Er wird in der Nachfolge der römischen Kaiser zum "Herren des Abendlandes" und sein Reich zur zeitlosen Utopie:
Wenn dieser Tag den Grundstein legen könnte zur Verwirk lichung eines Weltreiches, wie es die alten Kaiser geträumt haben! Immer wieder hebt sich der Gedanke aus dem Strom der Jahrhunderte, versinkt und ersteht aufs neue.(439)
Dieses Reich könnte das Mittelmeer beherrschen, die Türken vertreiben, Frankreich niederhalten und wäre ein großartiger Wirtschaftsraum(440).

Mit seiner positiven Darstellung Karls V. steht Ellert im Gegensatz zur nationalsozialistischen Geschichtsschreibung, die nicht bereit ist, Karl zu den deutschen Führern zu rechnen, und in ihm, dem wesensfremden Spanier, den "Inbegriff gieriger Herrschaftsgelüste über Seelen und Reich" sieht(441). Karl regiert keinen völkischen Nationalstaat, sondern eine Föderation aus "vielen Völkern"(442). Er führt seine Kriege haupsächlich mit spanischen und italienischen Soldaten, die mindestens genauso tapfer kämpfen wie die deutschen Landsknechte. Dies mag zwar historisch richtig sein, aber normalerweise sind die "welschen" Soldaten ein Negativtopos des historischen Romans. Ellert verzichtet auch auf Gegenwartspropaganda und versucht nur, ein möglichst komplexes Bild Karls zu zeichnen. Man kann diesen Roman durchaus nicht als nationalsozialistisch bezeichnen, aber durch seine Verherrlichung eines großen Kaisers und des Imperiums, auf einen literarischen Niveau, das die üblichen NS-Romane weit übertrifft, wird auch er für die Nationalsozialisten benutzbar (443).

Das Reich als Föderation selbstständiger Nationen stellt Henry Benrath in seinem Roman "Die Kaiserin Konstanze" (1935) dem zentralistisch regiertem Imperium gegenüber. Konstanze, die Königin des normannischen Sizilien, wird mit dem deutschen Kaiser Heinrich VI. vermählt und bringt damit die sizilianische Nation als Mitgift in das staufische Reich ein. Heinrich und die Deutschen unterdrücken daraufhin brutal das eigenständige Sizilien. Der Machtmensch Heinrich kann zwar mit Gewalt das Reich noch zusammenhalten, aber nach seinem Tod muß es sofort zerfallen. Ihm gegenüber steht die mütterliche Konstanze, die die friedliche Integration Siziliens als selbstständigen Teil des Reichs anstrebt:
Hätte sie in Sizilien wirklich mit Sizilianern regieren und sich auf die kaiserliche Macht als ultima ratio stützen können, sie hätte anderes erreicht als der nicht mehr zu rechnungsfähige Fanatiker, der "das Reich" sagte und immer nur den "Kaiser" meinte.(444)
Damit wird nicht nur einer der größten deutschen Kaiser und Führer als herrschsüchtiger und unzurechnungsfähiger Fanatiker dargestellt, sondern auch, ob gewollt oder nicht, eine grundlegendere Kritik an der politischen Realität des Dritten Reiches geübt als in manchen Werken der sogenannten Inneren Emigration. Der Berater und Freund Konstanzes, Lothar von Ingelheim, entwirft einmal ausführlich das Modell einer "Confoederation", einem "Reich, dessen übernationale Ordnung für die Außenpolitik gilt, dessen Teile aber sonst selbstständig sind"(445). Diese Position wird von der NS-Literaturkritik bekämpft:
Man läßt im heutigen schicksalsreichen Augenblick deutscher Geschichte nicht so offensichtlich den Süden über den Norden triumphieren!
Interessant ist dabei, da es auf die mangelnde literarische Qualität der NS-Romane verweist, daß der Roman deshalb als "gefährlich" bezeichnet wird, weil er eben diese Qualität besitzt(446).

Benrath kritisiert aber nicht nur den deutsch-staufischen Imperialismus, er stellt auch dem machtbessenen Tyrannen die mütterliche Herrscherin gegenüber. Konstanze wird somit zum humanistischen Gegenpol des NS-Heroismus. Die zentrale Bedeutung dieses Themas wird durch das dem Roman vorangestellte Motto unterstrichen:
Wir sind Hüterinnen Wachen ist unser Auftrag Unser Amt ist Frieden Die Tat ist des Mannes, doch wiegt sie gering vor dem Großen Erbarmen (Stoa, Delphi II.)
Benrath hat in seinen drei bekanntesten historischen Romanen nur nichtdeutsche - sogar zwei "nichtarische" - Herrscherinnen dargestellt: Neben der Sizilianerin Konstanze noch die Griechinnen Galla Placida und Theophano(447). Auch dadurch entfernt er sich von den üblichen Mustern des Genres. Was seine Romane trotzdem für den Nationalsozialismus rezipierbar macht, ist ihre literarische Qualität und die Möglichkeit, diese Königinnen als zeitlos-heroische Charaktere zu interpretieren. Benraths Kritik am imperialistischen Machtsstaat bleibt zurückhaltend und ist den beiden folgenden Romanen nicht mehr so deutlich.

Mehr im Sinne der christlichen Abendlandideologie verherrlicht Gertrud Bäumer mit ihrem Roman "Adelheid"(1936) den Reichsgedanken. Durch die Ehe Adelheids mit Otto I. wird Burgund ein Teil des Reichs. Bäumers Roman fehlen zwar Gegenwartspathos, Nationalismus oder Rassismus, aber das Reich wird zum mythisch-religiösen Begriff, der in Adelheid und Otto seine Verkörperung findet:
Die Gestalt Adelheids - das ist die Gegenwart der gottbegnadeten Kraft, die das Reich erbaute, die es zur gebietenden Mitte der europäischen Geschichte machte und zur irdischen Form des Reiches Christi weitete.(448)
Otto wird als Werkzeug des Schicksals ausgegeben: "Nicht er erfand das Reich. Das wachsende Reich rief ihn an seinen Platz"(449). Im Zusammenhang mit dem Reich verwendet Bäumer bevorzugt die Begriffe "Christenheit" und "Abendland". Adelheid selbst ist Europäerin, ihr Wesen hat sich über die "Stammesart ins Allgemeinere, ins Abendländische" erweitert(450). Die Ostkolonisation wird euphemistisch verbrämt zur christlichen Mission. Dabei gerät Bäumer in die Nähe des nationalsozialistischen Vokabulars:
Es war schön, auf dieser Brustwehr zu stehen, an die in unerschöpflichen Wellen das Völkermeer des unbekannten Ostens brandete.(451)
Die Schlacht auf dem Lechfeld ist eine der zentralen Stellen: Der Tod ist die angemessene Sühne für die Verräter, und Otto, der Retter Europas triumphiert: "Heil dem Erretter Europas! Heil dem Vater des Vaterlandes! Heil dem Kaiser!"(452) Im Gegensatz zu Benrath problematisiert Bäumer die Reichsidee nicht, sondern verherrlicht sie in vom Schicksal erwählten Idealfiguren, wodurch der religiöse Charakter des Reichs unterstrichen wird.

Die Romane von Ellert, Benrath und Bäumer sowie Le Forts Legende können alle als nicht-nationalsozialistisch bezeichnet werden. Von allen wird ein föderalistischer Reichsgedanke vertreten, der sich weder mit einem Nationalstaat noch mit einem völkisch-rassischen Reich vereinbaren läßt. Auffällig ist, daß die Romanhelden - ausländische Herrscherinnen, Karolinger und Karl V. - nicht dem Repertoire der völkisch-nationalen Geschichtsschreibung entstammen, von dieser sogar zum Teil abgelehnt werden. Der propagierte Reichsgedanke oder gar die Abendlandidee werden erst Jahre später von der NS-Propaganda aufgegriffen und sind zur Zeit des Erscheinens der Bücher noch nicht üblich.

Die größte Affinität zu den Bedürfnissen der Propaganda findet sich bei den christlichen Autoren Le Fort und Bäumer. Die Furcht vor einem Angriff aus dem Osten, vor dem nur das Bollwerk des christlichen Abendlandes schützen kann, schlägt oft genug in Aggression um, wie die positive Bewertung der Ostkolonisation zeigt. Wie bei den Nationalsozialisten wird die Abwehrhaltung gegenüber Rußland als mythisches Schicksal der rationalen Analyse entzogen, wobei dann auch jede historische Distanz verloren geht. Dieses vermeintliche Wissen um ewige Wahrheiten und Werte führt bei den christlichen Autoren zu einer ähnlich sakralen Überhöhung der beschriebenen Herrscher, des Reichsbegriffs und der Sprache, wie sie bei dem Nationalsozialisten Beumelburg zu finden ist.

In Ellerts "Karl V." geht es zwar auch um die Vormachtstellung eines starken Reichs in Europa, aber dieses Reich ist nicht nur föderalistisch strukturiert, es wird am Beispiel der Eroberung Südamerikas auch das Problem einer brutalen Expansion, verbunden mit der Christianisierung, angedeutet(453). Die einzige durchgehende Kritik an einem expansiven und zentralistischen Imperium findet sich jedoch bei Benrath.

© Frank Westenfelder


Kunst & Geschichte - Historienmaler: Antonio Gisbert und Gustave Boulanger

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