III.5. Die ungeliebte Demokratie

Die Jahre zwischen 1923 und 1929 sind von einer relativen Stabilität geprägt. Während die Außenpolitik von einem zunehmenden Ausgleich mit den Westmächten bestimmt ist, geht im Inneren mit der Abnahme der Arbeitslosigkeit der Einfluß der radikalen Parteien zurück. Aber diese Stabilitätsphase ist nicht gekennzeichnet von einer zunehmenden Demokratisierung, sondern mehr von einem Sich-Einrichten mit den immer noch als unbehaglich empfundenen politischen Gegebenheiten. Bei den Wahlen im Mai 1924 erleidet die SPD starke Einbußen, und die DNVP wird zur stärksten Partei des Reichstages. Nach den Dezemberwahlen desselben Jahres beteiligt sich die DNVP erstmals an der Regierungsbildung: Die für die kommenden Jahre typische Rechtskoalition entsteht. Dies und die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten signalisieren den Rechtsruck während der Stabilitätsphase der Weimarer Republik.

Das konservative Gedankengut bleibt nicht nur auf die Rechtsparteien beschränkt, es beeinflußt auch stark die Wertvorstellungen der demokratischen Parteien. Karl Rohe hat darauf hingewiesen, daß Begriffe wie "Soldat" oder "soldatisch" als Kennzeichen einer wertvollen Haltung auch im Reichsbanner und in der SPD verwendet werden (337). Bei den Katholiken finden ab 1924 in größerer Zahl Übertritte zur DNVP statt, und die katholische Literatur wird im wesentlichen von antidemokratischer Gesinnung, in deren Mittelpunkt die Reichsideologie steht, geprägt(338). Eine großen Einfuß bei der Verbreitung völkisch-nationaler Ideologie hat die Schul- und Bildungspolitik, die noch stark von den Kontinuitäten der wilhelminischen Zeit bestimmt ist und nie zu einem Instrument der Demokratie wird(339).

So wie die politischen Vorstellungen breiter Bevölkerungsschichten von irrationalen Sehnsüchten nach mythischer Geborgenheit, Ordnung und Obrigkeit bestimmt sind, dominiert im Bereich der Literatur nicht die als "Asphaltliteratur" geschmähte Neue Sachlichkeit, sondern Neuromantik und Neuklassik. Der historische Roman ist dabei eine beliebte literarische Form, mit der sich schöne, großartige Gegenbilder zur ungeliebten Demokratie entwerfen lassen. Während die Autoren der Neuen Sachlichkeit den Zeitroman bevorzugen, bleibt der historische Roman fast ausschließlich eine Domäne der Neuromantiker, die die Geschichte allerdings weniger, wie die völkisch-nationalen Autoren, für die politischen Ziele der Gegenwart bemühen, sondern sie dazu benutzen, der grauen und unheroischen Gegenwart auszuweichen. Dieser Eskapismus ist zwar frei vom aggressiven Heroismus der völkisch-nationalen Literatur, er verdeutlicht und verstärkt aber die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen politischen System und gerät mit seinen Wertvorstellungen fast immer in die Nähe der antidemokratischen Rechtsgruppierungen.

© Frank Westenfelder


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