IV.7.3. Antifaschistische Literatur

Eine konsequent humanistische Gegenposition zur NS-Realität läßt sich nur in drei historischen Romanen feststellen, obwohl auch Le Forts Roman dieser Position nahekommt: in Reinhold Schneiders "Las Casas vor Karl V."(1938), Ernst Wiecherts "Der weiße Büffel oder von der großen Gerechtigkeit"(1937) und in Olaf Sailes "Kepler"(1938). Schneiders Roman wird nach der ersten Auflage verboten, und Wiecherts bereits 1937 geschriebene Legende kann erst, nachdem selbst private Lesungen verhindert wurden, 1946 erscheinen. Sailes "Kepler" enthält keine direkten Anspielungen auf die gegenwärtige politische Situation und wird deshalb von der Forschung nicht zur Literatur des Widerstandes oder der "Inneren Emigration" gezählt. Seine Positionen lassen jedoch eine wesentlich größere Distanz zur herrschenden Weltanschauung erkennen als sämtliche Romane der "Inneren Emigration".

Schneider wendet sich am historischen Beispiel der spanischen Konquistadoren kompromißlos gegen Imperialismus und Völkermord. Zur Zeit seines Erscheinens ist der Roman hauptsächlich als Anklage gegen die Judenverfolgung gedacht, bietet jedoch zu den späteren Eroberungen und der Behandlung der slawischen "Untermenschen" noch deutlichere Parallelen. Schneider übt hier wie Andres Kritik am katholischen Spanien, wo sie einfacher anzubringen ist als an der deutschen Geschichte(541).

Der Dominikanermönch Las Casas versucht, am Hofe Karls V. Gesetze zum Schutz der Eingeborenen zu erwirken. Die ganze Handlung konzentriert sich auf diesen Spanienaufenthalt Las Casas'. Der Leser erfährt von der Vorgeschichte und der Unterdrückung der Eingeborenen durch Protokolle, Erzählungen und Zeugenaussagen, die teilweise ein sehr konträres Bild ergeben. Las Casas muß sein Anliegen in einer Disputation mit dem Rechtsgelehrten Sepúlveda vor dem Kaiser vertreten. Sepúlveda belegt eindrucksvoll Las Casas' schuldhaftes Verhalten in der Vergangenheit. Er war selbst Plantagenbesitzer und erbarmungsloser Ausbeuter gewesen und hatte sogar, zum Schutz der Eingeborenen, die Einfuhr von Negersklaven empfohlen.

Neben dieser Disputation ist die Geschichte des jungen Konquistadors Bernardino de Lares der zweite wichtige Handlungsstrang. Bernardino war mit demselben Schiff wie Las Casas reich und todkrank aus den Kolonien heimgekehrt und erzählt diesem im Fieber abends nach den Disputationen seine Lebensgeschichte. Sepúlveda hat vom Standpunkt der Staatsräson die besseren Argumente, außerdem gelingt es ihm, Las Casas' moralische Inegrität zu untergraben. Las Casas kann sich nur auf das Leid und Elend berufen, das er und Bernardino gesehen und zum Teil mitverursacht haben. Er kommt trotzdem zu der universellen Forderung, daß kein christliches Reich ein anderes Volk unterdrücken darf, ohne die Gnade Gottes zu verlieren.

Nach tagelanger Bedenkzeit, während der Bernardino stirbt und sein ganzes Vermögen der Kirche zu wohltätigen Zwecken in den Kolonien vermacht, entscheidet sich der Kaiser für Las Casas. Beide wissen um die geringe Aussicht ihrer Bemühungen. Schneider verdeutlicht dies symbolisch in gefährdeten Ablegen in Las Casas' Schiff(542). Der Leser weiß ohnehin um die historische Irrelevanz dieser Bemühungen (543).

Man kann Schneider vorwerfen, daß in seinem Roman die Monarchie nicht in Frage gestellt wird, oder auf seinen grundlegenden Geschichtspessimismus verweisen, aber im Gegensatz zu Bergengruen fordert er nicht nur die persönliche Einsicht des Herrschers, sondern auch das Anerkennen einer allgemein gültigen Ethik in Form von Gesetzen, die es verbieten, fremde Völker auszubeuten und zu unterdrücken. Schneiders Gegenposition zur NS-Weltanschauung äußert sich auch in der Gebrochenheit und Hilflosigkeit seiner Protagonisten und besonders im Verzicht auf eine autoritäre Erzählhaltung, die dem Leser die festgefügte Meinung des Autors aufzwingt.

Ernst Wiechert wählt für seine kurze Erzählung "Der weiße Büffel oder von der großen Gerechtigkeit" die konventionelle, besonders bei christlichen Autoren beliebte Legendenform. Er schildert die Unterdrückung der indischen Ureinwohner durch die indogermanischen Eroberer, einer elitären Kriegerkaste. Der junge Vasudeva führt eine Art Guerillakrieg gegen die Eroberer, siegt in einem mythisch beschriebenen Gefecht, erkennt dann unter dem Einfluß seiner Mutter das Unrecht jeder Gewalt und lebt fortan als eine Mischung aus Buddha und Christus in einem Dorf. Von dort macht er sich auf den Weg, um beim Gottkönig Murduk als Sühne für ein von einem Offizier begangenes Unrecht einen weißen Büffel zu erbitten. Murduk verlangt von ihm die Anerkennung seiner Gottähnlichkeit(544), aber Vasudeva widersteht den Korruptionsversuchen und verzichtet auch auf die Chance, den Tyrannen zu ermorden, der erst seine Mutter verbrennen und dann ihn selbst enthaupten läßt. Nach Vasudevas Opfertod bereut Murduk und schickt als Zeichen der Sühne einhundert weiße Büffel mit vergoldeten Hörnern in Vasudevas Dorf.

Wiechert schildert zwar wie Bergengruen die Einsicht und Reue des Herrschers, aber während deren Fehler nur ihre Selbstüberschätzung ist, wendet sich Wiechert eindeutig gegen Eroberung und Unterdrückung anderer Völker, die Bergengruen in seinem Roman "Am Himmel auf Erden" mystisch verklärt. Auch das Demonstrationsobjekt ist trotz seiner historischen Ferne brisant. Schneider und Andres kritisieren oberflächlich die katholischen Spanier, die schon immer ein beliebtes Feindbild für die völkische Literatur abgaben. Wiechert dagegen klagt ganz konkret nach dem Muster völkischer Mythen die Eroberungen der vielgepriesenen "arischen Herrenrasse" an, und sein Protagonist gehört nach nationalsozialistischen Gesichtspunkten zu einer minderwertigen "Sklavenrasse".

Die Bücher von Schneider und Wiechert bilden deshalb unter den historischen Romanen der "Inneren Emigration" einen extremen Gegenpol zur nationalsozialistischen Weltanschauung und zur tagespolitischen Realität(545), weil sie nur Probleme nicht nur aufzeigen oder einzelne versteckte Anspielungen in ihren Büchern unterbringen, sondern sich bedingungslos zum Prinzip der Gewaltlosigkeit bekennen, die Unterdrückung anderer Völker verurteilen und die Einhaltung dieser Maxime für den Staat als verpflichtend erklären. Es genügt ihnen nicht, wenn sich der Führer des Staates einem unbestimmten Gotteswillen unterstellt, der sehr leicht durch einen ebenso unkonkreten Volkswillen zu ersetzen ist. Demokratische Forderungen oder ein fortschrittliches Geschichtsbewußtsein ist aber auch bei ihnen nicht zu erkennen. So bleibt dem konsequenten idealistischen Widerstand nur die Romanfigur des Märtyrers.

In diesem Kontext wird die wesentlich konsequentere Position von Sailes Roman erst richtig deutlich. Kepler erlebt die Zeit des religiösen Dogmatismus - von protestantischer wie auch von katholischer Seite -, des Aberglaubens und des Dreißigjährigen Krieges. Obwohl Saile den Roman "Dem Genius des Vaterlandes" gewidmet hat, beschreibt er keinen heroischen Übermenschen. Die Hauptfigur ist fortwährend Zeuge und Opfer der politischen Auseinandersetzungen, die sein Schicksal und die Romanhandlung stärker bestimmen als er selbst. Sein ganzes Leben ist ein Kampf um die Durchsetzung des kopernikanischen Weltbildes gegenüber religiösen Dogmen und Aberglauben.

Ganz im Gegensatz zu seinem, von Max Brod 19816 beschriebenen konservativen Zeitgenossen Tycho Brahe wird Kepler zum Aufklärer, der sich nicht nur für Toleranz und Frieden einsetzt, sondern auch an den historischen Fortschritt glaubt. Die Ursachen für Krieg und Unterdrückung werden nicht wie von anderen Autoren der "Inneren Emigration" mythisch entrückt, sondern den Herrschenden angelastet:

Man kann nicht alles menschliche Elend Gott zuschieben, denn er setzt dem Unglück ein Ende, wenn das Böse ausgetilgt ist. Man kann es ihm um so weniger zuschieben, wenn man ein Kaiser ist. Und mit einem Male standen die Bilder vor ihm, die Bilder eines verwüsteten Landes, drüben in der Pfalz, am Rhein in Hessen. Vor wenigen Wochen erst war er dort durch verbrannte Dörfer geritten, an verwüsteten Feldern, an heimatlosen Menschen vorbei, die auf der Landstraße verka men. Das sind deine astronomischen Tafeln, Kaiser Ferdinand! Ein zerstörtes, aus tausend Wunden blutendes Reich! Menschen dem Hunger, dem Elend, dem Tode verschachert! Ist das ein Werk mit dem man bestehen kann? Zweifelst du noch, daß Jahrhunderte kommen müssen, die uns - überwinden? (546)
Für Saile ist der Krieg nur in seinen katastrophalen Auswirkungen darstellbar; er denunziert "Fürsten, Offiziere, Bischöfe, Abenteurer und Prälaten" als seine Nutznießer; sein Protagonist erkennt dagegen in den geschundenen und verzweifelten Bauern die einzigen "Helden in diesem Krieg"(547).

Kepler steht den Mächten seiner Zeit hilflos gegenüber; er kann seine Mutter nur mit Mühe davor bewahren, als Hexe verbrannt zu werden - sie stirbt dennoch an den Folgen der langen Haft -, seine Bücher werden verboten und verbrannt. Seine Arbeit geht unter im Krieg (548). Was den Roman grundlegend von den Werken der "Inneren Emigration" unterscheidet, ist sein Festhalten am Fortschrittsdenken und die Verurteilung der Mächtigen, die sich nicht auf den Ruf nach dem "guten Herrscher" beschränkt.

© Frank Westenfelder


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