III.4.1.a. Bedrohtes Bauerntum

Ende der zwanziger Jahre ist die Großstadtfeindschaft endgültig in "Großstadthaß" umgeschlagen(146). Dem entspricht eine wahre Flut von Bauernromanen(147). In Schleswig-Holstein wehrt sich die Landvolkbewegung mit Gewalt gegen Pfändung und Versteigerung, dabei werden die historischen Kämpfe der Bauern wieder populär. Man demonstriert unter einer Schwarzen Fahne, die Schwert und Pflug zeigt, mit dem Schlachtruf "slaa doot"(148).

Der konservativ-revolutionäre Bauer verteidigt seinen Besitzstand in erster Linie gegen Adel und Klerus; Antikapitalismus und Antifeudalismus werden zu wichtigen Elementen des historischen Bauernromans(149). Bevorzugte Themen sind die Kämpfe der Stedinger und der Dithmarschen sowie der Bauernkrieg von 1525, obwohl das militärische Fiasko dabei dem heroischen Geschichtsverständnis ziemliche Mühe macht. Man erklärt dieses Versagen in der Regel mit Disziplinlosigkeit, Führermangel oder Verrat(150). Die Kämpfe der Bauern gehen nie um eine revolutionäre Neugestaltung der Gesellschaft, sondern immer um das "alte Recht", das dem neuen römischen Recht entgegengestellt wird(151).

Ein eher konservativ-nationaler Bauernroman ist Rudolf Stratz' "Madlene"(1928); in ihm werden zwar völkische Elemente verwendet, sie sind aber nicht von zentraler Bedeutung. Der Ritter Felix von Trugenhofen beteiligt sich an Sickingens Reichsritteraufstand und schließt sich dann den aufständischen Bauern an. Da er jedoch deren militärische Disziplinlosigkeit verabscheut, kämpft er in Florian Geyers schwarzem Haufen, der als Elite von den Bauernhorden abgesetzt ist:

Das waren gefährliche Gesellen, die da um die Brandstätten lagerten,hochgewachsene, freie fränkische Bauern mit breiten Schultern und keckem Blick, viele alte Kriegsleute und Landsknechte darunter, alle wohlgerüstet und in Ordnung, <...> wie gewaltig sich dies finstere, erprobte Volk von den verhungerten Waldbäuerlein, den trunkenen Winzerknechten des hellen Haufens unterschied.(152)
Besonders stark wird in dem Roman die katholische Kirche angegriffen:" Der Pfaffe da ist aber des Hasses voll bis an den Rand, schreit <...>plärrt als ein rechter Römling sein unsinnig ruchloses Zeug.(153)

Die wahren Feinde des Volkes sind der Adel und die Pfaffen, aber auch die Fugger und Welser. Als Gegenbild wird die bekannte konservativ-völkische Utopie angeboten: "ein freies waffentragendes Volk unter seinem Kaiser, ein deutsches Volk ohne römisches Recht und römische Pfaffen, ein glückliches, einiges Volk, gleich nach innen, stark nach außen"(154). Als der Aufstand niedergeschlagen ist, geht Ritter Felix mit seiner Madlene in die Schweiz, um dort "auf freiem Boden und in freiem Volk"(155) zu leben. Mit diesem leicht veränderten Faust-Zitat entlarvt Stratz Felix als verhinderten deutschen Bildungsbürger. Daß es sich dabei um ein reines Lippenbekenntnis handelt, zeigt, daß die Bauern, von einer kleinen kriegerischen Kaste abgesehen, eigentlich nichts wert sind.

Als völkischen Mythos beschwört Wilhelm Schäfer in seinen "Dreizehn Büchern der deutschen Seele"(1922) den heroischen Kampf und den Untergang der Stedinger Bauern im Hochmittelalter. Der Konflikt entsteht nicht, wie bei den historischen Stedingern, durch die Verweigerung der Abgaben an den Bischof von Bremen - also durch einen sozialen Emanzipationsprozeß -, sondern durch Eingriffe der römischen Kirche in das alte Recht:
So gingen die Stedinger ein in den Gottesstaat kreuzfahrender Henker, als Ketzer verbrannt, gleich tollen Hunden erschlagen; sie büßten den Bann der kirchlichen Mächte und schmeckten die irdische Acht; sie webten mit blutigen Fäden ihr Bild in den Teppich der Freiheit.(156)
Schäfer verherrlicht an den Stedingern nicht den Versuch ihrer Befreiung vom Bistum Bremen, er preist nur ihr Beharren auf ihrem - real nie vorhandenen - tausendjährigen Recht. Ihr heroischer, aber sinnloser Untergang erhält durch das Blut seine sakrale Weihe und wird als propagandistisch nutzbarer Opfertod im nachhinein sinnstiftend. Die Befreiung der schweizer Bauern "von der habsburgischen Plage" schildert Schäfer mit pathetischer Genugtuung(157). Auch der grosse Bauernkrieg erscheint als gerechte Bewegung, die von Luther ausgelöst wird. Sie scheitert nur an den "Schwarmgeistern" und der "Brunst ihrer unreinen Machtgier"(158).

Während Stratz mit seinen adligen Helden und seiner Verachtung der Masse, trozt der völkischen Thematik, seinen konservativen Standpunkt nicht verhehlt, erstellt Schäfer einen völkischen Mythos. Seine Protagonisten sind die einzelnen Bauernvölker, deren Kampf um ein imaginäres Recht religiös überhöht wird.

Das beste Beispiel eines von Weltkrieg und Revolution beeinflußten Bauernromans ist aber August Hinrichs'"Das Volk am Meer" (1929). Er beschreibt den Befreiungskampf der Blutjadinger Friesen gegen den Oldenburger Grafen. Dieser Kampf wird in die Reihe
der großen bäuerlichen Freiheitskämpfe gestellt: "Sage und Geschichte erzählen von den Freiheitskämpfen der Stedinger, der Dithmarschen, der Schweizer, tragischer noch war der Verzweiflungskampf der Blutjadinger"(159). Hinrichs erwähnt den Bauernkrieg von 1525 mit keinem Wort; sicher nicht weil er ihm nicht "tragisch" genug war,sondern wegen des Mangels an Heroismus(16O).

Die Friesen sind stolz und selbstbewußt, sie denken an ihren Vorteil und an ihre Heimat. Krämer, Bischöfe und Fürsten sind eine ständige Bedrohung ihrer Freiheit:
Sie haben schon lernen müssen, sich selber zu helfen - an einer Seite die See, an der anderen die beutegierigen Großen - man weißt nicht, wer schlimmer ist, die See, die ihre Deiche zernagt und ihnen das Land unter den Füßen wegfrißt, oder die geistlichen und weltlichen Herren,die mit bewaffneten Horden über die Grenzen brechen. Jeder Fußbreit ist blutgedüngt.(161)
Der blutgedüngte Boden weist in Richtung der völkischen Blut- und Bodenideologie. Es gibt nur die Interessen der Bauern und die entgegengesetzten Interessen der Großen. Deutschland bzw. das Reich existieren nicht. Aus Dickschädeligkeit sind die Bauern zu einer vernünftigen Politik unfähig, aber im Kampf werden sie zu wahren Urgewalten(162).

Von der Verherrlichung der Stärke ist die Verachtung für Feigheit und Schwäche nicht zu trennen. Ein Gaukler, "ein zerlumpter Kerl, gelb und schielend, schwarze Haarsträhnen über der Stirn" (163), sticht einen Friesen mit dem Messer. Zur Strafe "wird man ihm sein eigenes Messer durch die Hand stoßen, die Schneide nach den Fingern gerichtet,da mag er am Pfahl stehen, bis er den Mut findet sich loszureißen"(164).

Die bäuerliche Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft; es wird zwischen den armen Fischern und den reichen Großbauern unterschieden. Der Konflikt wird vor allem daran aufgezeigt, daß der Fischer Bole nicht Tale, die Tochter eines Großbauern, heiraten kann. Doch die Verbindung scheitert nicht am Standesunterschied, sondern daran, daß sich Tale "standesgemäß", aber von den Eltern auch unerwünscht, in einen Junker verliebt.

Aber diese Gegensätze verschwinden sofort, als der äußere Feind auftaucht; sie schaffen zwar Probleme, aber sie sind nicht der Grund für den Untergang. Die Ursache liegt vielmehr darin, daß die Bauern in ihrem Eigensinn nicht auf ihre Führer hören. Erst in der äußersten Not wenden sich die Bauern neuen Führern zu; die Chance der Bewährung und des Aufstiegs für die Fischer. Boles Vater wird zum Führer auf dem Deich im Kampf gegen das Meer, und Bole selbst führt die Friesen in die letzte Schlacht. "Sie haben ihn zum Führer gewählt, und er weiß was das bedeutet" (165).

Der Hauptgegner der Bauern im Kampf ist die schwarze Garde. Die Landsknechte werden nicht ohne Verständnis beschrieben, ihre Lust am Plündern und am Töten erscheint als etwas völlig Normales. Im Endkampf sind sie aber der urwüchsigen Kraft der Bauern unterlegen. Diese Kraft, die den Kampf zum Naturereignis und militärische Tüchtigkeit zum menschlichen Qualitätsmerkmal werden läßt, verrät die völkische Position des Autors(166).

Dabei wiederholt Hinrichs in seinem Roman nicht die billige Schwarz-Weiß-Malerie von Löns. Er zeigt die Klassenkonflikte, der Gegner wird nicht verteufelt, und die Bauern sind unvernünftig und stur. Während Löns eigentlich den kostümierten wilhelminischen Bürger im Krieg vorführt, will Hinrichs vitales Volkstum beschreiben; die Tiermetaphorik wird deshalb auf die "in-group" angewandt und gilt, wie die unbewußte - unvernünftige - Wut als Merkmal der Kraft des noch gesunden Volkes. Es steht auch nicht wie bei Stratz ein einzelner Protagonist oder eine kleine Elite im Mittelpunkt, sondern das Friesenvolk. Die Führer entstammen diesem Volk und erreichen ihre Position im Kampf. Der Roman ist grundlegend von der Blut- und Bodenideologie geprägt, die jedoch mit dem Gedankengut der Konservativen Revolution - Führertum, ekstatischer Kampf und soziale Problematik - angereichert wird.

Noch 1924 hatte sich Hinrichs in seinem historischen Bauernroman "Die Hartjes" ganz auf persönliche Probleme der Bauern beschränkt. Verschuldung und sozialer Niedergang haben ihre Ursachen lediglich in der Spielleidenschaft und der Genußsucht einzelner Bauern. Der Tüchtige ist durchaus, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, noch in der Lage als Einzelner sein Leben zu meistern. Wie groß der "Bedarf" an heroischen Bauern ist, ist daraus zu ersehen, daß der fünf Jahre später erschienene Roman "Das Volk am Meer" den ebenfalls erfolgreichen Vorgänger "Hartjes" in seinen Auflagenzahlen überholt.

© Frank Westenfelder


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