II.4.1. Völkische Gegenentwürfe

Der Bauernroman ist das beliebteste Genre der in der Heimatkunst zusammengefaßten völkischen Literatur. Mit ihm lassen sich am besten die von der BdL-Propaganda beeinflußten konservativen Mittelstandsmodelle beschreiben. Dem kranken, zivilisierten Stadtleben steht der gesunde und vitale Bauer gegenüber. Kennzeichnend für die völkische Literatur ist, daß der Einzelne der Volksgemeinschaft untergeordnet wird, indem er als typischer Vertreter dieser Gemeinschaft auftritt oder als Individuum in ihr aufgeht. Hinzu kommt die religiöse Verwendung des Volksbegriffs, die oft mit pantheistischen Vorstellungen oder mit Rückgriffen auf germanisch-heidnische Mythen verbunden ist. Die katholische Religion gilt dagegen in bester kulturkämpferischer Tradition als artfremd. Obrigkeit und Ordnung werden zwar als grundlegend anerkannt, aber der Feudaladel kann durchaus Chiffre für die den mittelständischen Bauern bedrängenden Kräfte sein, so daß für manche Romane eine vehemente Adelsfeindschaft zu konstatieren ist.

Von den bisher behandelten Romanen enthält Dahns "Kampf um Rom" die meisten Übereinstimmungen mit der völkischen Weltanschauung. Mit seiner schematischen Unterscheidung zwischen nahezu heidnischen und rassisch gesunden Germanen und dekadenten, katholischen oder orthodoxen Südländern ist er geradezu vorbildhaft für die späteren völkischen Romane. Ihn unterscheidet allerdings die Betonung der Herrschergeschichte, die das Volk und den einfachen Bauern bedeutungslos erscheinen läßt. In Freytags "Ahnen" und Wicherts "Heinrich von Plauen" kommt in der Idee von der Geschlechterkette und der Bedeutung der Ostkolonisation durchaus völkisches Gedankengut zum Ausdruck, allerdings ist es wegen der Verbürgerlichung der Protagonisten und der positiven Darstellung des Christentums - das bei Freytag einen eindeutigen Fortschritt gegenüber dem Heidentum markiert - nur ansatzweise erkennbar.

Der fast gleichzeitig mit Dahns "Kampf um Rom" erschienene Roman "Der Gottsucher"(1883) von Peter Rosegger markiert eine ähnliche Mittelstellung zwischen wilhelminischen Konservatismus und völkischen Vorstellungen, wobei die völkischen Einflüsse allerdings dominieren.

In einem alten Bauerndorf pflegen die Einwohner immer noch die Bräuche ihrer germanisch-heidnischen Vorfahren. Als der neue Pfarrer die Sonnenwendfeier und andere traditionelle Sitten verbieten läßt, wird unter den Männern der Schreiner Wahnfred ausgelost, den Pfarrer zu ermorden. Während sich Wahnfred nach der Tat, zu der ihn erst die Niedertracht des Pfarrers befähigte, in den Wäldern verbirgt, trifft das Dorf die Rache der Obrigkeit; elf Männer werden enthauptet und die Kirche verschlossen: Nachdem die erzürnten Bauern ein Aufgebot von Landsknechten vernichtet haben, wird das ganze Hochtal durch weltliche und kirchliche Macht von der übrigen Welt abgeschlossen. Die trotzigen Bauern sind damit zwar nicht zu beeindrucken, aber das Gemeinschaftsleben versinkt schon bald in gesetz- und sittenlosen Chaos(117). Die bäuerliche Gemeinschaft befindet sich auf dem Tiefpunkt, denn trotz der allgemeinen Zügellosigkeit werden fast keine Kinder geboren, da "sie nicht aus der Sünde entstehen.<...> Die wenigen, die geboren wurden, verdarben und starben in ihrem zartesten Alter"(118).

Wahnfred ist in seinem Exil dagegen zum Gottsucher geworden. In dieser Figur zeichnet Rosegger die Position des vom Nihilismus befallenen Intellektuellen , der sich kraft eines Willensaktes seine Ideale, seinen Gott, selber schafft:

Unsere Zeit besonders hat ein Volk von Gottsuchern geboren. Zwar bekreuzt sie sich vor dem Worte Gott, wie sich das Mittelalter vor dem Teufel bekreuzt hat; sie gibt ihm andere Namen und sucht ihn; sie mag ihn nicht bekennen und ihn nicht entbehren. Jene Generation, die zum Bewußtsein gekommen sind, Gott verloren zu haben, sie mögen unglücklich sein, aber sie sind nicht verworfen. Sie sinken nicht mehr, sie steigen aufwärts, denn der Mensch sucht Gott oder was er darunter versteht nicht in der Tiefe sondern in der Höhe.Er schafft - es ist ja wahr - Gott nach seinem Ebenbilde, aber dieses Ebenbild ist der denkbar vollendetste Mensch, ein Vorbild, dessen kein Lebender und Sterbender entbehren kann. (119)
Der Romanheld erweist sich als Nietzscheaner mit religiösen Touch, der den Übermenschen als gesellschaftliches Allheilmittel anpreist. Unüberhörbar ist die Anspielung auf die allgemeine Glaubenskrise Ende des 19.Jahrunderts.

Eine Seuche wird von Wahnfred dazu benützt, seine neue Lehre vom Feuergott zu verbreiten. Mit der neuen Religion und der gemeinsamen Arbeit gelingt es ihm, wieder Ordnung in die verwilderte Gemeinschaft zu bringen. Da er sich aber immer mehr in seinem Wahn verstrickt, und auch die Bauern nicht dauerhaft zu bessern sind, verbrennt er sich mit gesamten Bevölkerung im Tempel beim ersten Gottesdienst. Der Vernichtung entgeht nur ein junges Paar - sein Sohn und die Tochter des Hüters des "heiligen Ahnfeuers" -, das seinen Gott in der Liebe gefunden hat.

Owohl Rosegger bemüht ist, die grundlegende Bedeutung von staatlicher Autorität und Religion für ein gesellschaftliches Zusammenleben zu demonstrieren, zeigt er doch gerade die Brüchigkeit dieser Systeme. Die absolutistische Herrschaft ist genauso fragwürdig und tyrannisch wie die christliche Religion und deren Repräsentanten. Der Roman kritisiert nicht nur den Katholizismus, sondern auch die Gier und Dekadenz des Adels(120). Den Bauern bleibt keine andere Möglichkeit als der Aufstand, und da erweisen sie sich, anders als die Dahnschen Germanen, als vitales Volk, das mit dem Ruf "Feldzug! Landkrieg! Herrenschlagen!" heroisch in den Kampf zieht(121). Das befreite Volk ist allerdings unfähig, die vertriebene Obrigkeit durch eine völkische Ordnung zu ersetzen, wie auch Wahnfred unfähig ist, eine neue Religion zu schaffen. Nach den gescheiterten religiösen und sozialen Experimenten bleibt nur der bürgerliche Rückzug in Liebe und Ehe. Die übertriebene und moralinsauere Darstellung des Sittenverfalls(122) zeigt die Angst des Autors vor dem Verlust der überkommenen Wertsysteme. Daß der gescheiterte Idealist sich das Recht nimmt, mit sich selbst das ganze Gemeinwesen zu richten, verrät aber auch, wie weit Rosegger selbst schon christlich-humanistische Wertvorstellungen verloren hat.

Die verlorenen Werte auf völkische Weise zu ersetzen, was bei Rosegger noch nicht gelingt, versucht Ernst Zahn in seinem Roman "Erni Behaim"(1898). Auch hier wird ein Bergdorf mit einem neuen fanatischen Kaplan, einem "Eiferer"(123), konfrontiert. Zahns völkisch-pantheistische Religionsvorstellungen formuliert der alte Martinus, der den Wald als "Baumtempel" bezeichnet und Gott in der Natur und im Sonnenaufgang - "eine Predigt ohne Worte" - findet(124). Der neue Kaplan Ambrosius macht mit solchen Schwärmereien rigoros Schluß und gewinnt dabei immer mehr Macht über die Dorfbewohner. Ihm gegenüber stellt Zahn den Vertreter der Bauern, den Richter Hofer, den Prototyp des gesunden germanischen Bauern. Der völkischen Werte bewußt, leistet Hofer einen Eid nicht auf Gott, sondern auf das Leben seines Sohnes, der "von seinem Blut"sei(125). Doch die Zeit des fremden Kaplans geht vorbei, Hofer wird in seinem Richteramt bestätigt und zerstört das neu errichtete Kreuz, das für ihn ein "Götzenbild" ist(126) Daß diese urwüchsige Charakterstärke biologische Ursachen hat, demonstriert Zahn am Gegensatz zwischen den blonden willensstarken Schweizerinnen Cille und Trud und der dunklen, haltlosen Livierin Faustine.

Die eigentliche Haupthandlung des Romans bildet jedoch die Integration des jungen Erni Behaim, der als Knecht bei Hofer arbeitet, in die Volksgemeinschaft. Der junge gefährdete Sucher muß das von Hofer dargestellte Ideal erreichen. Daß diese Suche auch scheitern kann, wird an Ernis Vater, einem ehemaligen Landsknecht, demonstriert:
Er war ein Abtrünniger am Heimatboden,daran die von Uri sonst hingen wie die Kletten, und den sie heilig hielten fast über Weib und Kind, war in ein wildes ungebundenes Umherstreifen verfallen und in Streit,Raub und Trunk verroht und verkommen.(127)
Für den aufrechten Erni beginnt sein Irrweg damit, daß er seiner todkranken Mutter auf deren wiederholtes Flehen hin Sterbehilfe leistet. Durch diese Tat verliert er sein seelisches Gleichgewicht und verläßt sein Dorf, um Vergebung und Gnade zu finden. Er tritt in ein Kloster ein, doch trotz schwerer selbstauferlegten Bußen findet er dort keinen Frieden. Dieser stellt sich erst ein, als Erni aus dem Kloster flieht, um sich dem schweizerischen Bauernaufgebot anzuschließen, das in den Krieg gegen Mailand zieht. Dort, im Kampf für Volk und Vaterland, findet er zu sich selbst und erlangt die ersehnte Gnade. Die Schlacht selbst dient Zahn nicht nur als völkischer Initiationsritus, sie soll auch den Unterschied zwischen den einfachen, aber gesunden und deshalb militärisch tüchtigen Schweizern und den zivilisierten Italienern zeigen:
Die Menschenmauer steht. Die Barbaren verstehen zu streiten; die nackten Arme meistern die eisengeschützten Feinde. Die Pferde zuerst, dann der Reiter! Die Streitaxt mäht, es schmettert der Morgenstern.(128)
Nach der Bewährung in der Schlacht kehrt Erni heim und lebt als heilkundiger Einsiedler in den Bergen. Bei einer Seuche heilt er viele Menschen und heiratet schließlich trotz seiner priesterlichen Weihen.

Das Weltbild, das der Roman zeichnet, ist von ähnlichen Gegensätzen gezeichnet wie "Ein Kampf um Rom": bäuerlich, germanisch und völkisch-pantheistisch gegen zivilisiert, südländisch und katholisch. Er unterscheidet sich allerdings dadurch, daß ein "normales " Individuum , nach dem Muster des Entwicklungsromans, in die Volksgemeinschaft eingegliedert wird. Diese Volksgemeinschaft wird in der Person des Richters Hofer und in der Schlachtenbeschreibung positiv dagestellt. Roseggers Gottsucher fehlt noch der Glaube an die völkische Utopie, er geht an seinem übersteigerten Individualismus und Nihilismus zugrunde; Zahns Erni Behaim findet dagegen Gemeinschaft und Religionsersatz und kann durch seine persönliche Opferbereitschaft schließlich integriert werden.

Noch weiter als Zahn geht Lulu von Strauß und Torney. Die Brinkbauern in ihrem Roman "Der Hof am Brink"(1906) haben nicht mehr Erni Behaims oder gar Wahnfreds individualistische Probleme, sondern leben innerhalb eines festgefügten Weltbildes. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges leiden die Bauern stark unter den Plünderungen der Soldaten, nur die Brinkbauern wissen sich zu wehren. Sie wildern, holen sich im Umland was sie brauchen und besiegen im wilden Kampf sogar eine Gruppe von Landsknechten. Danach erstürmen jedoch die gequälten Bauern den Hof des stolzen Brinkmeiers, wobei nur einer seiner Söhne verletzt überlebt. Diesen letzten Brinkmeier tragen die Bauern, nachdem ihr Zorn verraucht ist, auf ihren Schultern ins Dorf.

Diese Bauern leben und sterben urwüchsig und unbewußt. Da sie keine Zweifel kennen und auch keinerlei Entwicklung durchmachen, erscheinen sie völlig typisiert:
Der Bauer stand da, breitspurig und fest, wie einer, der auf seinem Recht fußt. In der Haltung des Nackens, an dem die eisengrauen Haare gerade verschnitten waren, lag etwas Starres, Unbeugsames, ebenso in den hellen harten Augen.(129)
Dem gegenüber stehen die rassisch "minderwertigen" dunklen Troßweiber und die Zigeuner - Tatern -(130).

Mit der Beschreibung typisierter Helden und ihrem schicksalhaftem Leben orientiert sich der Roman weitgehend an den alten nordischen Sagas, denen sich die Autorin sprachlich anzunähern versucht. Der völkische Antiindividualismus und Irrationalismus sucht sich die passende antimodernistische Form, für die offensichtlich selbst der bürgerliche Bildungsroman zu fortschrittlich ist. Diese Entwicklung zum völkischen Sagaroman, parallel zu völkischer Wertsetzung und Realitätsverzicht, läßt sich an der Reihe Rosegger, Zahn und Strauß und Torney demonstrieren, durch andere völkische Autoren läßt sich dieses Ergebnis dann noch bestätigen (131).

© Frank Westenfelder


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