IV.7.1. Verwendbare Literatur

Als verwendbar kann man die Romane von zwei der populärsten Vertreter der "Inneren Emigration" bezeichnen: "Der Großtyrann und das Gericht"(1935) und am "Am Himmel wie auf Erden"(1940) von Werner Bergengruen und "Der Vater"(1937) von Jochen Klepper. "Der Großtyrann" und "Der Vater" sind während des Dritten Reichs äußerst erfolgreich, werden nicht verboten und des öfteren geradezu überschwenglich rezensiert(460).

Bergengruens "Großtyrann" wurde bereits in den zwanziger Jahren konzipiert und erscheint dann 1935(461). Kein regelrechter historischer Roman - weder Ort noch Zeit werden präzisiert - schildert er relativ ahistorisch die Diktatur in einer fiktiven italienischen Renaissancestadt. Bergengruen geht es weder um die Historie noch um die Nutzbarmachung der deutsch-völkischen Vorgeschichte, sondern um ein zeitloses, ewiggültiges Exempel (462).

Der Großtyrann beauftragt Nespoli, den Leiter seiner Geheimpolizei, mit der Aufklärung eines Mordfalles. Im Verlauf der Untersuchungen verstricken sich sämtliche Hauptpersonen des Romans in Intrigen und Falschaussagen. In der Stadt herrscht durch die Bespitzelung ein Klima der Angst(463). Dieser Atmossphäre entspricht ein schwüles Wetter, das die Menschen am rationalen Denken hindert. Der Autor entrückt damit politische Vorgänge in metaphysische Bereiche(464). Die Verdächtigen nehmen alle Schuld auf sich, doch selbst die versuchte Selbstanschuldigung des Färbers und Laienpredigers Sperone entlarvt der Großtyrann als den eitlen Versuch, Christus ähnlich zu werden.

Die größte Schuld trifft jedoch den Großtyrannen, der den Mord aus Staatsräson selbst begangen hat und der Versuchung nicht widerstehen konnte, seine Mitmenschen zu versuchen. "Ne nos inducas in tentationem" ist dann auch das Motto des Romans und sein in der Präambel festgelegtes Anliegen ist es, zu berichten von den "Versuchungen der Mächtigen". Dem Großtyrann wird nicht sein Mord vorgeworfen, sondern seine Selbstvergottung, daß er über sich nicht mehr das Recht und die Macht Gottes anerkennen will und nur noch bereit ist, seine eigenen Grundsätze zu respektieren, aber keinerlei Maßstäbe, "die außerhalb seiner entstanden sind"(465). Durch seine Reue am Ende des Romans überantwortet er sich wieder der Gnade Gottes, und ein gegenseitiges Verzeihen bildet den Abschluß.

Der Roman enthält gewisse Anspielungen auf die Realität des Dritten Reichs: Die Bauleidenschaft des Großtyrannen, seine Sicherheitsbehörde, die als "Orden" bezeichnet wird(466), und das Klima der Angst und Denunziation. Der Großtyrann nennt sich selbst ein Werkzeug der "Vorsehung" und ist bemüht, eine "Bruderschaft" junger Idealisten um sich zu sammeln(467). Die wichtigste Parallele ist aber die soziale Situation innerhalb des Stadtstaates. In der Stadt herrschten vorher die alten Patriziergeschlechter, der Großtyrann dagegen ist ein Aufsteiger aus niederer Schicht. Er vergibt Ämter nach Leistung und nicht nach Geburt: "Mir liegt an Männern, nicht an ihren Vätern" (468). Während die alten Geschlechter erst langsam die neuen Machtverhältnisse akzeptieren, wird der Großtyrann als Populist vom einfachen Volk geliebt, allerdings nicht, weil er dessen Lage verbessert, sondern weil er den Herrenstand bedrückt(469). Seinem moralischen Gegenspieler Diomede gegenüber gesteht der Großtyrann, daß er den verborgenen - das heißt den eigentlichen - Willen des Volkes nur als Gewaltherrscher, nicht aber unter Beachtung der ehemaligen Verfassung oder der Parteien realisieren kann(470). Aber auch der jugendlich reine Idealist Diomede hat schon während seines Rechtsstudiums in Bologna erkannt, daß ein Staatswesen mit einem "Gewaltherrn an seiner Spitze selbst dem Letzten seiner Zugehörigen eine Kräftigkeit gibt, wie sie nicht sein kann, wo Kürschner und Wollkrämer um Amtssitze hadern"(471). Bergengruen lehnt demnach weder den faschistoiden Machtstaat und dessen charismatischen Führer ab, noch fordert er eine Kontrolle der Macht durch das Volk(472). Er verlangt lediglich die Unterordnung des Herrschers unter ein sehr abstraktes und damit weit interpretierbares göttliches Recht. Nachdem der Großtyrann dies erkannt und akzeptiert hat, liebt ihn Diomede wegen seiner menschlichen Fehlbarkeit "stärker als je zuvor und ohne eine Einschränkung " (473).

Der Roman kann zwar als Kritik an der NS-Realität interpretiert werden, wenn der Leser in der Figur des Großtyrannen ein positives Gegenbild zu Hitler sehen will; viel eher jedoch kann er als ein Aufruf an die Mächtigen verstanden werden, sich an ein vages göttliches Recht zu halten. Vom Standpunkt der NS-Propaganda ist jedoch nicht einzusehen, warum "Großmut und Seelenadel" den Großtyrannen vom "Führer" abheben sollen(474). Ein guter Tyrann wäre für den Leser nicht nur akzeptabel(475), er ist die Utopie des Romans: "Die Herrschaftsform der Tyrannis wird nicht nur nicht radikal kritisiert, sie wird am Ende des Romans wieder bestätigt"(476).

Wesentlich vielschichtiger in der Handlung ist der 1940 erschienene sechshundertseitige Roman "Am Himmel wie auf Erden". Im Gegensatz zur eigentlichen ahistorischen Parabel im "Großtyrann" wendet sich Bergengruen nun wieder ganz dem historischen Roman zu. Er schildert die Berliner Sintflutpanik von 1524, wobei auch der kulturhistorische Hintergrund ausführlich behandelt wird. Das Leitthema ist wieder die Selbstüberschätzung und Fehlbarkeit eines Herrschers, des Kurfürsten von Brandenburg.

Durch seinen Hofastronomen Carion erfährt der Kurfürst von einer nahen Naturkatastrophe, die gleichzeitig durch Zeichen und Prophezeiungen dem einfachen Volk angekündigt wird. Um der drohenden Panik vorzubeugen, erläßt der Kurfürst immer strengere Gesetze, die allerdings nicht verhindern können, daß die Angst immer größer wird. Der Kurfürst als Ordnungsfanatiker überschätzt die Wirkung seiner Gesetze und erliegt regelrecht einem "Gesetzesfetischismus"(477). Sein Hauptfehler ist jedoch, daß er, als das Unwetter einsetzt, in Panik aus Berlin flüchtet. In diesem Augenblick der Schwäche zeigt er, daß ihm das vom Autor mit dem Motto "Fürchtet euch nicht" zum Hauptthema des Romans erhobene Gottvertrauen fehlt. Carion dagegen hat sein Schicksal Gott anvertraut und bleibt in der Stadt.

Auf dem Tempelhofer Berg erkennt der Kurfürst die höhere göttliche Ordnung und kehrt während des Unwetters in die Stadt zurück, wobei Pferd und Kutscher vom Blitz erschlagen werden. Am Ende des Chaos' treffen sich Kurfürst, Erzbischof und Bürgermeister in der Kirche. Bergengruen symbolisiert damit im religiösen Kult die wiederhergestellte weltliche Ordnung. Alle

empfanden es mit Bewegung, daß hier drei Gewalten, die landesherrliche, die geistliche und die städtische, in ihren obersten Vertretern gemeinsam vor dem Gedächtnis des in die Glorie entrückten Kaisers standen und damit die Fortdauer der irdischen Ordnung anzeigten.(478)
Carion, der zuvor Brandenburg verlassen wollte, entschließt sich jetzt zum Bleiben: "Zum Leben im Geiste, wie er es bisher geführt hat, trat jetzt das Leben im Gehorsam, das Leben vor dem Angesicht des Schicksals"(479). Man kann hier durchaus einen Seitenhieb Bergengruens gegen die Emigranten erkennen. Bergengruen wollte mit der Darstellung der Sündflutpanik - der Angst vor dem Regen - eine Parallele zur Bombenangst der Berliner ziehen(480). Das Motto "Fürchtet euch nicht" ist also auch als Ausruf zu verstehen, in Pflicht und Gehorsam im Dritten Reich auszuharren.

Ein weiteres wichtiges Motiv ist die Analogie zwischen dem Aufruhr der Natur und dem Aufruhr der wendischen Urbevölkerung. Die alten wendischen Naturgottheiten scheinen sich noch einmal gegen die deutsche Bevölkerung, die mit Christentum Kultur und Ordnung verkörpert, empören zu wollen. Bergengruen beschreibt die Wenden im Gegensatz zur üblichen völkischen Literatur historisch exakt als weißblond und blauäugig und mit viel Symphatie. Er konstatiert auch die Rassenmischung der Brandenburger aus Deutschen und Wenden, mit Anspielung auf die NS-Rassentheorien: "Es war ja der Ahnenstolz der Ahnungslosen, daß sie unter ihren Vorfahren keine Wenden und Wendinnen gehabt haben wollten"(481). Andererseits verrät Bergengruen seine Nähe zu organischen Geschichtsvorstellungen, wenn er vom "langsam abwelkenden" Wendenstamm spricht(482). Für ihn ist allerdings der Unterschied zwischen Deutschen und Wenden nicht biologisch-rassisch festgelegt, sondern besteht in den verschiedenen Kulturtraditionen, wobei er jedoch die Überlegenheit der deutsch-christlichen Kultur postuliert. Der heimliche König der Wenden, der Kutscher des Kurfürsten, wird im Finale wie bei einem Gottesgericht vom Blitz erschlagen.

Die Vorherrschaft des deutschen christlichen Staates ist für Bergengruen ein historischer Fortschritt, der mythisch als gottgewolltes Schicksal verklärt wird: "Die Götter des wendischen Volkes sind tot, und nur seine Dämonen gehen noch um."(483) Mit dieser Argumentation - nach dem deutschen Überfall auf Polen - liegt Bergengruen zwar nicht auf der Linie des nationalsozialistischen Rassismus, rechtfertigt aber kritiklos den deutschen Ostimperialismus.

Ralf Schnell hat auf die Bedeutung der Natursymbolik in Bergengruens "Großtyrann" hingewiesen, die die Ohnmacht des Menschen gegen die sich in der Natur manifestierende höhere Ordnung symbolisiert(484). Im Roman "Am Himmel wie auf Erden" bestimmt diese Symbolik Handlung und Aufbau des Romans. Die Sterne werden zum Spiegel der höheren göttlichen Ordnung(485), sie verweisen auf ein religiöses abendländisches Reich(486). Der Aufstand der Wenden und des deutschen Lumpenproletariats ist gleichzeitig ein Aufstand der heidnischen Götter und der von ihnen verkörperten Natur. Der Mensch wird somit jeder politischen und historischen Verantwortung enthoben. Politische Vorgänge sind nach Bergengruen Naturvorgänge. Da diese Einstellung noch wesentlich stärker als im "Großtyrann" hervortritt und die Unterwerfung unter Ruhe und Ordnung noch deutlicher gefordert wird, kann man keine wachsende Differenz zum Nationalsozialismus feststellen.

Noch eindeutiger als Bergengruen legitimiert Jochen Klepper in seinem Roman "Der Vater" den Obrigkeitsstaat. Der Realität des Dritten Reichs setzt er den den patriarchalischen Staat des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. entgegen. Der Begriff des Vaters hat zwei Bedeutungen: Einerseits überantwortet sich Friedrich Wilhelm völlig der Gnade Gottes - des himmlischen Vaters -, andererseits ist er selbst der Vater seiner Untertanen und Soldaten. Der Konflikt mit seinem Sohn, den er für seine Prinzipien zu opfern bereit ist, wird von Klepper in Analogie zum Sohnesopfer Gottes dargestellt(487). Doch auch Friedrich Wilhelms Leben erscheint teilweise als Passionsgeschichte. Sein Recht zu herrschen begründet Klepper im Motto des Romans mit einem Zitat Friedrich Wilhelms: "Könige müssen mehr leiden können als andere Menschen."

Friedrich erscheint als Stellvertreter Gottes, der sein eigenes Glück und sein Leben seiner Aufgabe opfert. Gegen zahllose Widerstände und Schicksalsschläge macht er das ererbte bankrotte Preußen zur Großmacht. Klepper thematisiert diesen Gegensatz zwischen dem verschwenderischen Vater - "König Midas" -, der von einem Alchimisten Gold machen lassen will, und dem emsig arbeitenden Sohn - dem "Plusmacher" - in den ersten beiden Kapiteln. Der Konflikt zwischen humanistisch- individualistischen Ansprüchen und dem preußisch-absolutistischen Staatsideal stellt Klepper recht eindringlich am Schicksal des Andreas Bleuset dar. Hier unterscheidet sich der Roman von der üblichen Preußen-Literatur, in der die Brutalität und die Härten der preußischen Armee meistens unterschlagen werden(488). Der gutgewachsene Bleuset entgeht lange erfolgreich den Werbern, bis er dann doch in die Armee gepreßt wird. Wegen seiner Freiheitsliebe wird er immer wieder brutal geschlagen:
Die Hände waren ihm vom Stock des Korporals zerschlagen, hatten zerfetzte Haut und blaugrüne Flecken von stockendem Blut. <...> Der König fragte anders als sonst: "Was fehlt ihm?" "Die Freiheit" <...>
Der König schritt noch nicht weiter. Er sagte wider alles Erwarten: "Auch ich bin nicht frei."<...>
"Sie werden nicht mißhandelt, Majestät."
"Auf gewisse Weise doch -"(489)
Klepper, der das Leiden und den Freiheitsdrang Bleusets sehr mitfühlend beschreibt, rechtfertig dennoch die brutale Unterdrückung des Individuums durch das angeblich größere Leid des Königs.

Zentral ist aber der Vater-Sohn-Konflikt, der damit endet, daß der Sohn, zerbrochen und angepaßt, ein würdiger Nachfolger zu werden verspricht. Der junge Friedrich erkennt - und dies ist typisch für den Roman - erstmals die Größe des von seinem Vater geschaffenen Preußen, als er das preußische Kontigent im Verband der Reichsarmee betrachtet(490).

Klepper ästhetisiert überschwenglich die preußische Militärmaschinerie. Dieses Erlebnis wird noch durch einen anderen Handlungsstrang verstärkt. Der Deserteur Bleuset ist beim Spießrutenlaufen getötet worden, was Klepper quälend eindrucksvoll beschreibt. Danach verläßt sein Bruder voll Haß Preußen und wird Söldner. Aus der Reichsarmee desertiert er aber mit vielen anderen wieder zum preußischen Heer, da dieses in Aufbau und Versorgung am vorbildlichsten ist, und möchte ein "Mustergrenadier" werden(491).

Klepper hat am Sohn und am Deserteur Bleuset die Unterdrückung des Einzelnen durch den totalen Staat problematisiert, aber nur, um sie eindrucksvoller zu rechtfertigen. Die Verkörperung Preußens ist für ihn das Militär, er gerät dabei in die Nähe nationalrevolutionärer Vorstellungen. Seine Beschreibung exerzierender Truppen, menschlicher Maschinen, enthält eine erotische Komponente:
Schön und strahlend richteten die Reihen sich aus, mit hohen, blitzenden Helmen und blanken Gewehren, in knapp umschließenden, sehr reinen Uniformen, edel und fest. Die Schenkel in den weißen Lederhosen waren wie Marmor, die Schritte gemeißelt, die Bewegung der Scharen schien voller Klarheit wie das Gesetz, nach dem die Gestirne sich drehen. Vollendet waren Gleichmaß und Stille; nur das Leder leise knirschte, das Leder der Riemen und Stiefel.(492)
Klepper verrät keinerlei Distanz zur persönlichen Leidenschaft Friedrich Wilhelms; er verwendet selbst Worte wie "Göttersöhne" und "Götterheer"(493). Peinlich wird es für den heutigen Leser, wenn Klepper einen badenden Soldaten im pathetischen Stil des Nationalsozialismus wie einen arischen Übermenschen verherrlicht, wobei auch der Zuchtgedanke nicht ausgepart wird:
Und aus den Seen seines Landes stieg ihm das neue Geschlecht empor, machtvollen Leibes und fruchtbar, nahm vom Waldgrund helle Waffen auf und hielt sie, in dem heißen Lichte einem feurigen Schwert gleichend, dem Herrn des Landes dienstbar und wahrhaft entgegen: lachende junge Krieger und Zeuger, Erhalter des Lebens, herrliche Söhne, Brüder und Väter in einem.(494)
Selbst die Möglichkeit der Euthanasie wird positiv in Erwägung gezogen(495). An den Blut- und Boden-Kult erinnert eine Soldatenhochzeit, die von einem gemeinsamen Aderlassen Friedrich Wilhelms und seiner Soldaten gekrönt wird. Klepper verwendet dabei eine schwülstige Natursymbolik, die der Zeremonie den Anstrich eines heidnischen Fruchtbarkeitsritus gibt.(496)

Auch das dem Buch zugrundeliegende Geschichtsbild ist konservativ. Der Ausbau der Landesherrschaft in Preußen erscheint nicht als notwendiger historischer Prozeß, sondern als das Werk eines großen Einzelnen. Klepper bleibt weitgehend im Rahmen der konventionellen Personen- und Heroengeschichte. Bei ihm wird diese Geschichtsauffassung sogar noch religiös überhöht. Durch die zahlreichen Anspielungen und Parallelen zwischen König und Gottvater sowie zwischen Thronfolger und Gottessohn, wird der Herrscher zum Vollstrecker des göttlichen Willens auf Erden. Dies wird formal noch dadurch unterstrichen, daß Klepper jedem Kapitel ein Bibelzitat voranstellt, das sich auf den König bezieht und ungefähr der Problematik des Kapitels entspricht. Herrschaft wird somit unantastbar, die Entscheidungsbildung für die Beherrschten uneinsichtig, sie können sich nur bedingungslos unterordnen.

Bei der Schilderung des Schwedenkönigs Karl XII. verrät Klepper seine zyklische Geschichtsauffassung:
Er war wie der Wikingerjarle einer, die nachdem sie die Ostsee und ihre Gestade mit Krieg erfüllt und die Rache des Schicksals auf sich gezogen haben, in den Nebel des Nordens zurückweichen.(497)
Diese Stelle entspricht übrigens recht genau den Äußerungen des Nationalsozialisten Heyck zu Karl XII.(498).

Der Vergleich mit Heycks Roman scheint sich anzubieten. Klepper kann wesentlich besser als Heyck die Komplexität von Problemen und Personen darstellen; der Leser muß für die Antihelden durchaus Sympathie aufbringen. Trotzdem sind Kleppers Lösungen letztendlich genauso eindeutig wie die Heycks, sie erscheinen sogar noch beeindruckender, da das Problem ja "diskutiert" wurde. Ein wesentlicher Unterschied ist die Sprachgestaltung, die bei Heyck oft einem sachlichen Bericht ähnelt, bei Klepper dagegen mit religiösem Pathos überladen ist, was jede Distanz zwischen Autor und Leser zugunsten einer höheren Wahrheit verschwinden läßt:
"Unabänderlich ist das Gesetz", sprach der König, "und um der ewigen Ordnung Willen muß es bestehen; denn alle Ordnung spiegelt Gottes ewiges Maß." Als das die Mutter des gerechten Königs hörte, kam große Angst über sie(499).
Zwischen dem religiösen Pathos Friedrich Wilhelms und der Sprache des Erzählers verwischt sich jeder Unterschied. Heycks Sachlichkeit wird dadurch unterstrichen, daß er große Teile seines Romans der Wirtschaftsgeschichte widmet, die bei Klepper weit hinter religiöse Betrachtungen zurücktritt(500).

Klepper hat seinen Roman als Kritik am Dritten Reich verstanden(501). Sicher besteht für einen überzeugten protestantischen Monarchisten ein starker Gegensatz zwischen der Regierung Friedrich Wilhelms und Hitlers Willkürherrschaft, der sich unterzuordnen, Klepper nur zu bereit ist (502). Der gläubige Nationalsozialist kann in diesem Roman fast nur Übereinstimmendes mit der Propaganda erkennen. Selbst der sonst sehr wohlwollende Keller zweifelt, ob die Bezeichnung Widerstand auf Klepper angewandt werden kann, und ist auch nur bereit, von "unfreiwilligen Widerstand" zu sprechen(503). Klepper ist mit seiner Verherrlichung der Obrigkeit und der Ästhetisierung des Militärs (504) literarisch wertvoller als die meisten NS-Autoren. Die lobenden Rezensionen und die Beliebtheit des Romans als offizielles Geschenk sind also nur die logische Konsequenz seines Inhalts (505).

Die Romane von Bergengruen und Klepper stehen sicherlich für eine andere Position als die des Nationalsozialismus. Inhaltlich unterscheidet sie in erster Linie von der NS-Literatur, daß sie das übliche Schwarz-Weiß-Schema bei der Personenbeschreibung verlassen. Man kann in der differenzierten Darstellung der Gegenpositionen durchaus die Weiterführung einer humanistischen Bildungstradition sehen, die in der NS-Literatur völlig aufgegeben ist. Dadurch gelingt es, vor allem die Stellung des Herrschers zu problematisieren, der in Bergengruens Romanen erst schuldig werden muß, um die wahre Verpflichtung seines Amtes zu erkennen. Auch Kleppers Preußenkönig wird ständig von Selbstzweifeln gequält. Die Lösung ist jedoch in allen drei Romanen ein absolutistischer undemokratischer Staat, dessen Führer sich lediglich einer höheren Ordnung - in diesem Fall der christlichen - unterordnen muß. Andere Positionen werden zwar dargestellt, dann aber mit dieser höheren Ordnung abgelehnt. Bergengruen akzeptiert den Mord aus Staatsräson, sieht in der Unterdrückung der Wenden einen göttlichen Naturvorgang, Klepper legitimiert die Versklavung des Individuums durch die preußische Militärmaschinerie.

Das geschlossen-religiöse Weltbild äußert sich bei beiden Autoren in starken Formbestrebungen. Der "Großtyrann" hat durch seine verdichtete Handlung durchaus Novellencharakter und lehnt sich mit seiner Gliederung in fünf Bücher an die klassische Dramenform an. Auch in seinem umfangreichen Roman "Am Himmel wie auf Erden" bleibt Bergengruen bei einer relativ geschlossenen Handlung. Er benützt nur wenige Hauptpersonen, konzentriert die Handlung auf sechs Wochen und auf den Umkreis von Berlin(506). Kleppers Roman ist streng in zwei Teile gegliedert, deren Kapitel jeweils ein Bibelzitat als Motto voransteht. Mit solchen religiösen Motti wird in allen drei Romanen auf die höhere Ordnung verwiesen. Doch auch darin zeigt sich die formale Ähnlichkeit zur NS-Literatur, in der manchmal mit Edda-Zitaten auf die höhere völkische Ordnung verwiesen werden soll(507).

Im nationalsozialistischen Roman ist der Führer ein Werkzeug des Schicksals und kein egoistischer Machtmensch. Jenssen bescheinigt Bluncks Geiserich, daß ihm "der unerkannt mahnende Gott, der über dem Werk der Großen waltet, erscheint"(508). Auch Wolter von Plettenberg ist ein edler und selbstloser Führer:
Entschlossen und gläubig als Persönlichkeit, klug wägend als Staatsmann, voll Inbrunst, Zweifel und warmen Herzblut als Mensch, überlegen und gelassen im Alter.(509)
Auf ihr persönliches Glück verzichten auch Bluncks Führer; sie opfern sich und ihr Gefolge bedingungslos dem höheren Ziel, das zu erkennen allerdings nur ihnen vergönnt ist. Stellt man sich also einen dem Christentum verbundenen Faschismus vor, wie in Spanien oder Portugal, so ist durchaus nicht einzusehen, warum den Romanen von Bergengruen und Klepper die Bezeichnung "faschistisch" vorenthalten werden sollte.

© Frank Westenfelder


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