IV.4.1. Genuin nationalsozialistische historische Romane

Der nationalsozialistische historische Roman geht im wesentlichen auf den völkischen Bauernroman und den nationalrevolutionären Kriegs- und Freikorpsroman zurück. Das heißt, die Bauern müssen entweder militarisiert werden, wodurch sie ihre Funktion für die kleinbürgerliche Utopie verlieren, oder der Soldatenstaat muß zur Realisierung der Blut- und Boden-Ideologie in Marsch gesetzt werden.

Diese beiden Ansätze lassen sich an zwei historischen Romanen demonstrieren, an Wolfgang Schreckenbachs "Die Stedinger"(1936) und an Fritz Helkes "Fehde um Brandenburg"(1936). Beide sind NS-Romane, wobei der erste mehr aus der völkischen und der zweite mehr aus der nationalrevolutionären Richtung kommt. Beide werden zur Anschaffung für Volksschulbüchereien empfohlen(136) und erreichen von den empfohlenen und nach 1933 erschienenen historischen Romanen die höchsten Auflagen und die beste Position in den NS-Literaturgeschichten. Es spricht für die weitgehende Trivialität der NS-Literatur, wenn ein guter Teil ihrer bedeutenden Werke auch als Bücher für die Jugend gepriesen werden. In diesen Jugendbüchern wird der Leser zwar ziemlich direkt angesprochen, aber auch hier soll direkte Propaganda vermieden und die "Botschaft" durch vorbildliches Verhalten vermittelt werden.

Schreckenbachs "Die Stedinger" ist oberflächlich betrachtet ein Bauernroman, ähnlich wie Hinrichs "Volk am Meer". Thema ist der Kampf der Stedinger im 13.Jahrhundert gegen den Erzbischof von Bremen und die Grafen von Oldenburg. Mit Acht und Bann belegt widerstehen sie mehreren Kreuzfahrerheeren, um am Ende heldenhaft unterzugehen. Die Stedinger werden von den Nationalsozialisten als vorbildliches germanisches Bauernvolk verehrt; an ihren Kampf gegen die Kirche und ihren heroischen Untergang wird mit Feiern und der Errichtung einer nationalen Gedenkstätte bei Altenesch - dem Ort ihres letzten Kampfes - erinnert. Schreckenbach geht es hier darum, ein herausragendes, heldenhaftes und tragisches Beispiel aus der deutschen Geschichte zu beschreiben. Er benützt dazu auch die Form der Saga und eine getragene, aber knappe Sprache. Auffällig ist außerdem der moralisch wertende Eingriff des Autors. Um den Roman noch stärker an die nordischen Sagas anzulehnen, wird ihm ein Motto aus der Edda vorangestellt:

Besitz stirbt, Sippen sterben,
du selbst stirbt wie sie;
eins weiß ich, das ewig lebt:
des Toten Tatenruhm.
Mit dem Bezug auf dieses Motto schließt der Roman in sakralem Ton. Das Opfer der Stedinger geht ein in die Mythen des deutschen Volkes: "Hier schließt das Buch vom Heldenkampf und Untergang der Stedinger. Der Ruhm aber, den sie erworben haben, dauert ewig." Um den Mythos dieses "ewigen" Volksschicksals aufrechtzuerhalten, unterschlägt Schreckenbach, daß die Stedinger erst um die Jahrtausendwende das Land besiedelten und sich dann von der Herrschaft des Erzbischofs befreien wollten; seine Stedinger leben "seit unvordenklicher Zeit" im Land, viel länger als die christliche Kirche(137).

Der Hauptfehler der Stedinger ist, daß sie nicht rechtzeitig auf ihre Führer hören und die für die Landesverteidigung notwendigen Opfer bringen. Als endlich die richtigen Führer gewählt sind - sie kommen als Bauern aus dem Volk -, sind bereits einige schwerwiegende Fehler gemacht worden. In der Krise jedoch steht das Volk "einig und geschlossen <...> hinter seinen erwählten Führern"(138). Der Volksgemeinschaft wird alles untergeordnet, das Opfer ist für sie das höchste Ziel:
Mit beinahe froher Ungeduld ersehnte Bolko plötzlich den Tag, an dem er der Heimat seine Liebe mit dem Schwert in der Faust würde beweisen können.(139)
Bemerkenswert ist, daß diese Volksgemeinschaft über der germanischen Sippe steht; womit ein zeitgenössischer Anspruch in die Vergangenheit übertragen wird. Wenn vom Blut gesprochen wird, bezieht sich das immer auf das Volk und nicht auf die Familie. Ein Stedinger Priester, der für sein Volk kämpft und deshalb als Ketzer verbrannt wird, begründet sein Handeln mit der Stimme des Blutes(140). Verräter werden gnadenlos umgebracht; es erschlägt dabei der Vater den Sohn, und die Schwester des Verräters Nome Holling verrät diesen an die Stedinger, um sich nach seinem Tod samt dem Hof selbst zu verbrennen(141). Hier wird die Sippenhaft heroisch selbst vollzogen.

Der Kampf gegen Adel und Kirche, die bäuerliche Volksgemeinschaft und die selbstgewählten Führer entsprechen einer völkischen Gesinnung. Diese wird aber zur nationalsozialistischen, da es nicht mehr um die konservative Bewahrung des Bauernstaates geht, sondern um seine restlose Militarisierung. Das Opfer für eine aussichtslose Sache wird pseudoreligiös verbrämt: Der Ruhm der Stedinger ist wichtiger als ihr Leben. So wird das Angebot des Bischofs, sich zu unterwerfen, mit der Parole "lieber tot als Sklav"(142) abgelehnt. Es ist eine hohle Phrase, wenn Schreckenbach, nachdem alle Stedinger in einem wahren Nibelungenkampf einer riesigen šbermacht unterlegen sind, behauptet: "So fanden die Stedinger ihr Ende, weil sie sich nicht unter den Erzbischof beugen wollten und die Freiheit lieber hatten als Leben"(143) Die Freiheit, ihr Leben einem ruhmvollen Opfertod vorzuziehen, hatten sie allerdings nicht. Freiheit bedeutet für Schreckenbach das Opfer des Einzelnen zum Ruhm des Ganzen. Mit der Militarisierung der Volksgemeinschaft und der Verherrlichung des Opferrituals geht Schreckenbach wesentlich weiter als dies in ähnlichen älteren Bauernromanen - von Bartels, Löns und Hinrichs - getan wird. Seine Bauern und Führer haben denn auch den letzten Rest an Individualismus verloren; sie sind nur noch standardisierte Typen.

Der Roman "Fehde um Brandenburg" von Fritz Helke schildert die Kämpfe im spätmittelalterlichen Brandenburg beim Ausbau der Landesherrschaft zwischen den Anhängern des alten Feudalsystems - den Quitzows - und dem neuen Kurfürsten Friedrich von Hohenzollern, der die moderne Staatsidee vertritt. Die Politik der Hohenzollern erscheint nicht als historischer Prozeß, sondern als mythisches Werden des preußischen Staates als Vorgänger des Dritten Reichs. Friedrich vertritt deutlich nationalsozialistische Elite- und Staatsvorstellungen, allerdings nationalrevolutionärer Provenienz:
Der Adel vergißt, daß er auserwählt ist vor den Massen des Volkes, um diesem Volk Hüter und Schützer zu sein! Daß harte Pflichten sich an seine Rechte binden, daß seine Rechte nur durch diese Pflicht bestehen!(144)
Als Herrscher will er dem Land etwas geben und dafür auch die Quitzows, "diese trotzigen Bären gewinnen(145). Die Quitzows dagegen werden als wilde und urwüchsige Angehörige des brandenburger Adels geschildert, ihre Führungsposition legitimieren sie nicht mit ihrer Abstammung, sondern durch Leistung: "Was ich bin, das bin ich aus mir selbst, durch meines Geistes und meines Armes Kraft!"(146)

Vor allem durch das Propagieren preußischer Staatsvorstellungen … l Spengler oder Jünger und der Verbindung von Leistung und Elite rückt der Roman in die Nähe der nationalrevolutionären Ideologie. Typisch ist auch, daß die Personen des Romans keine Bauern, sondern Krieger und Führer sind, und daß ein Thema der preußischen Geschichte behandelt wird. Der Qualitätsmaßstab bei der Beurteilung von Menschen ist ihre militärische Verwendbarkeit, durch die sich auch die Bürger auszeichnen können(147).

Nationalsozialistisch wird der Roman durch das Einfließen der Blut- und Boden-Ideologie, die dem zu schaffenden "preußischen Staatswesen" das imperialistische Ziel weist:
Im deutschen Osten brennt es. <...> Wieder einmal ist die deutsche Grenzmark in Gefahr, der slawischen Invasion zu erliegen, die deutsche Ritter vor Jahrhunderten schon einmal gebrochen haben. Die Ordensritter bitten Brandenburgs mächtigsten Mann um seine Hilfe gegen die Polen. Und der Quitzow versagt sich. Er hat nicht begriffen. Er hat nicht erkannt, welche Aufgabe Brandenburg zugefallen ist im deutschen Raum.(148)
Der Autor läßt keinen Zweifel daran, "worum es in Deutschland geht", gegangen ist und immer gehen wird. Dieser an Quitzow gerichtete Erzählerkommentar gilt nur dem Leser, dem völliges Einverständnis suggeriert wird und dem damit die Verpflichtung zukommt, Quitzows verfehlte historische Mission aufzunehmen. Sein ahistorisches Geschichtsverständnis von den ewig gleichbleibenden Aufgaben bringt Helke schon im Vorwort zum Ausdruck:
Denn, mögen auch die Formen des äußeren Lebens sich beliebig wandeln, die Kräfte, die im letzten unser Schicksal gestalten, bleiben die gleichen für Zeit und Ewigkeit.(149)
Helke negiert ausdrücklich den historischen Prozeß, der mit dem Ausbau der Landesherrschaft durch die Hohenzollern in Brandenburg stattfindet. Für ihn bricht nur Ewiges schicksalhaft hervor. Statt einer Entwicklung stellt er ein heroisches Beispiel dar, das am Schicksal der Quitzows durchaus einen nihilistischen Grundzug verrät:
In Quitzow kämpft die Sippe, längst ihrer völkischen Bindung entkleidet, in Friedrich zeigt sich der gleiche Begriff schon wieder zum Volkhaften ausgeweitet. Zum ersten Male tritt in ihm das staatliche Prinzip sichtbar in Erscheinung. Und so ist diese Fehde auch schon im voraus entschieden. Aber wie sie geführt wurde, das ist wesentlich und beispielgebend.(150)
Helke führt in seinem Roman nur noch Typen vor. Dies wird vor allem im Vergleich mit den früheren Preußenromanen von Flex und Naso augenfällig, deren Protagonisten sowohl eine Entwicklung durchlaufen wie auch Individualität besitzen. Die Statik des Romans ist aber nicht nur auf Handlung und Protagonisten beschränkt; sie ergreift auch das "Historische", das neben den zu Ewigkeitswerten erhobenen nationalsozialistischen Vorstellungen völlig verlorengeht. Ähnlich wie Schreckenbach benützt Helke eine knappe, reduzierte Sprache, die auf die Darstellung von Realität zugusten des "Wesentlichen", des heroischen Beispiels, verzichtet. Für beide Bücher sind somit in engerem Sinn die Bezeichnungen "Roman" und "historisch" falsch. Am historischen Beispiel stilisieren sie ein Opferritual; dieses Ritual wird durch die Sagaform der Kritik entzogen und als ewiggültiger Mythos des deutschen Volkes ausgegeben.

Die Entwicklung zum nationalsozialistischen historischen Roman läßt sich am besten am Werk Hans-Friedrich Bluncks vorführen. Während der Weimarer Republik hatte er noch als völkischer Prophet mit seinen Gottsucherromanen der germanisch-deutschen Seele nachgespürt und hatte, abgesehen von seinem "Hein Hoyer", die konkreten Beispiele aus der deutschen Geschichte vermieden. Zwar nähert er sich auch mit diesen Romanen durch die Verherrlichung übermenschlicher Führer beträchtlich der nationalsozialistischen Weltanschaung; es fehlt aber zumeist die Mobilisierung der Massen für die völkisch-nationalen Ziele. Sein "Hein Hoyer" von 1922 ist unter den historischen Romanen das früheste Beispiel von NS-Literatur, obwohl er wegen des weitgehenden Fehlens der Blut- und Boden-Ideologie auch dem nationalrevolutionären Lager zugeschlagen werden kann. Die typisch nationalsozialistische Mischung aus völkischem und nationalrevolutionärem Gedankengut findet sich erst in drei nach nach 1933 erschienenen historischen Romanen - "Die große Fahrt"(1934), "König Geiserich" (1936) und "Wolter von Plettenberg"(1938) -, in denen der ideologische Gehalt immer mehr den imperialistischen Zielen des Nationalsozialismus angepaßt wird.

Der Held des Romans "Die große Fahrt" ist der ehemalige deutsche Pirat Diderik Pining. Als Statthalter Dänemarks auf Island entdeckt er, wie die Wikinger, das Land hinter Grönland - Amerika - und träumt von dessen Besiedlung(151). Diesem Traum vom neuen Reich wird alles untergeordnet und geopfert. Beispielhaft opfert Pining seine Gefühle, seine Liebe zu Deike Witten:
Was war er, Statthalter der nordischen Meere, was war seine Liebe zu einer Frau, was waren Menschen, da es um die Völker ging?(152)
Deike will nur bei ihm bleiben, wenn er die Seefahrt aufgibt, Kurze Zeit trägt er sich mit dem Gedanken, Bauer zu werden und zu heiraten, doch dann opfert er sein persönliches - bürgerliches - Glück dem großen heroischen Ziel, dem Kampf. Die Frau wird von Blunck auf die Funktion reduziert, das künftige Menschenmaterial zu gebären:
"Daß sie einst unter mir fahren, Weib! Dafür gebarst du sie." <...> in seinen Gedanken fuhren mit den Männern viele Frauen nach Westen, weit nach Westen, um ein Volk zu gebären.(153)
Wegen seiner Kompromißlosigkeit verliert er seine Frau an seinen Gegenspieler, den Bauernführer Grettir. Trotz der Betonung der biologischen Vitalität der Bauern demonstriert Blunck hier den wesentlichen Unterschied zwischen dem Bauern beziehungsweise dem Bürger, der sein Glück und seine Interessen verfolgt und darüber das große Ziel vergißt, und dem Soldaten und Führer, der bereit ist, alles zu opfern und deshalb auch alles zu verlangen. "Weiber sind für die Bauern, aber nicht für Männer vorm Tod"(154), muß sich Pining von einem alten Seefahrer ermahnen lassen. Die Bauern sind zwar gutes genetisches Material, jedoch unfähig für das große Ziel die nötigen Opfer zu bringen. Wie die Frauen werden sie zur Besiedlung des zu erobernden Lebensraumes verplant, der ein Reich für die Söhne des Statthalters werden soll(155).

Wichtiger als die Bauern ist für Blunck die Hanse. Vom Reich allein gelassen, hat sie sich in mehreren Kriegen ausgeblutet und nicht mehr die Kraft, sich auf ein derartig großes Unternehmen einzulassen. Bei der Beschreibung Deutschlands und der Hanse werden Bluncks politische Ziele offensichtlich. Die Reformation wird bei ihm zur "deutsch-nationalen Bewegung"(156), die unter der Führung der Hanse einen erfolgreichen deutschen Imperialismus hätte einleiten können, wenn sie nicht am Egoismus der Parteien gescheitert wäre; am Ende bleibt wieder einmal nur der Heroismus der Krieger:
Die Hanse war eines der letzten scharfen Schwerter des Reichs, aber sie war durch Kriege und Eheeinschränkungen volksarm und müde geworden. Nur ihre Freibeuter hatten noch den unbändigen Willen, in die Weite zu schweifen, sie waren den Abenteurern gleich, die für Portugal den Seeweg nach Indien, für Spanien die neue Welt entdeckten. Es gab indes keine Flagge über ihnen, sie zerstreuten sich im Dienst aller Herren, und was sie an namemlosen Heldentum schufen, ging unter vor der Geschichte.(157)
Die Ursachen für den Niedergang der Hanse sind für Blunck nicht organisatorischer oder ökonomischer, sondern biologischer Natur: "sie waren an Gut und Söhnen verstoßen und verarmt, niemand durfte wissen, wie leer die Schatzkammern und die Wiegen der Städte waren"(158). Weil die Hanse die Bauern als Menschenreservoir vernachlässigt und sich auf die Funktion als "Seefahrer und Händler" reduziert, schwinden ihre Städte "weg wie Schnee in der Sonne"(159).

Eine Hoffnung Deutschlands ist seine begeisterte Jugend, zum Beispiel Pinings Sohn Dierk. Mit der Reformation will er Deutschland von Rom befreien und ein nordisch-deutsches Christentum schaffen(160). Dieser reine Idealismus ist allerdings nicht nur positiv zu beurteilen, er ist zu sehr Schwärmer und Träumer, der sich auf ein inneres Reich beschränkt(161). So muß er sich vorwerfen lassen: "Wußt ich's nicht, Deutscher! Rede vom Himmel, indes die Erde verteilt wird"(162). Ihm fehlt die notwendige Härte des Vaters. Er überredet diesen, seinen Feind Grettir zu begnadigen, was letzten Endes das Scheitern des Unternehmens verursacht.

Die Utopie von Macht und Größe, die nur von einem übermenschlichen Führer verwirklicht werden kann, weist Blunck als überzeugten Nationalsozialisten aus. Das Volk bleibt im Roman Material und Dekoration. Die Leistungen der Isländer, die Pinings Expeditionen ausrüsten müssen, werden sehr schlecht beurteilt, da sie nicht willig genug opfern. Dagegen spiegelt Blunck Tragik und Not nur in Pinings Liebesleid. Auch die Sprache verrät die Mißachtung des Volkes, der Massen zugunsten der Führer: "Da tat der Abt sich mit dem Landrat Grettir zusammen und war bereit zu kämpfen"(163). Gemeint sind natürlich nicht die hohen Herren, die sich wohl kaum in Kämpfe einlassen, sondern ihre verfügbaren Mannschaften.

Geschichte ist für Blunck ein heroisches Beispiel(164). Dem Leser wird nicht die Gelegenheit zu Kritik oder Distanz gegeben, er wird eingegliedert in die Gemeinschaft der gefühlsmäßig Wissenden. Blunck liefert keine Analyse; er fordert nur den Glauben an eine Utopie, die im NS-Staat verwirklicht werden soll:
Es fehlt jegliche Gesellschaftskritik.<...> Statt die Möglichkeit eines realen Ausweges für Deutschland aufzuweisen, wird auf eine utopische und mystische Gesellschaft <...> verwiesen.(165)
Bluncks nächster Roman "König Geiserich" zeigt einen Führer, der sein Volk tatsächlich in ein neues Reich führt. Der Roman beginnt damit, daß das Bauernvolk der Vandalen nach langer Wanderung in Spanien von Römern und Goten hart bedrängt wird. In dieser "Notzeit"(166) wird Geiserich als der Tüchtigste zum Führer. Um alle Widerstände zu überwinden und die Vandalen zur Vormacht im Mittelmeer zu machen, muß er erst einen einigen starken Volkskörper schaffen. Die größten Hindernisse dabei, der Sippenstreit zwischen zwei Adelsgeschlechtern und der Religionsstreit ziwschen Arianern und Katholiken, werden von Geiserich erbarmungslos beseitigt. Den Grund zu immer neuen Konflikten liefern Verrat und Intrigen von Frauen; so steigert sich der Roman in einen regelrechten Frauenhaß hinein. Des öfteren stößt man auf Sätze wie: "Frauen können Völker zerstören, Geiserich. Wir müssen hart sein!" oder: "wie viele Reiche sanken dahin um der Frauen willen". Um die vernichtende Wirkung der Weiblichkeit zu unterstreichen, wird sogar die Nibelungensage erzählt, obwohl das historische Burgunderreich erst zur selben Zeit vernichtet wurde(167). Diese Angriffe Bluncks verraten eine ausgeprägte Angst des soldatischen Mannes, den zum Heldentum notwendigen Triebverzicht nicht leisten zu können(168), sie sind ebenso eine Wendung gegen die politisch engagierten Frauen der Weimarer Republik, die sich nicht auf die gewünschte Gebärfunktion reduzieren lassen wollen. Genau darin liegt auch hier ihre einzige Bestimmung, weshalb es Geiserich immer wieder danach verlangt, "dumpf sich in viele Frauen einzusenken"(169).

Geiserich will kein förderalistisch-ständisches völkisches Reich, sondern den Machtstaat. Blunck verwendet deshalb des öfteren das Wort "Staat"(170). Dieser Staat ist nach der nationalsozialistischen Interpretation des preußischen Dienstideals aufzubauen, das bedeutet die Unterordnung des persönlichen Interesses unter das vom Führer bestimmte Gemeinwohl. Den größten Verzicht und die größte Leistung vollbringt - wie Pining - Geiserich(171). Blunck legt nahe, in Geiserich den ersten Diener des Staates zu sehen, der auf sein privates Glück und seine Liebe verzichtet und dem Staat selbst seine Söhne opfert(172).

Diesem neuen Staat und seinen neuen Gesetzen muß sich auch die alte Herrenschicht beugen. Geiserich, selbst ein gesellschaftlicher Aufsteiger, wählt die neue Führungsschicht nach Leistung aus. Er beseitigt die alten völkischen Rechte und errichtet nach nationalsozialistischem Muster eine Diktatur:
Er ernannte Führer und Amtner, er baute aus der Beute eine Flotte, größer als man sie brauchte. Er sammelte eine neue Schicht um sich, Männer, die aus allen Stufen kamen, oft ohne Namen und zuweilen sogar ohne Schwertruhm.(173)
Das Gemeinwohl, dem Geiserich angeblich Leben und Glück opfert, wird zum Vorwand, die totale Mobilmachung nach dem Willen des Führers zu vollziehen. Das Volk selbst wäre ohne seinen Führer zum Untergang verurteilt. Geiserich weiß, "stärkere Völker kommen über jene, die ohne starke Führer sind, und ihre Stunden verklingen"(174). Den Auftrag zu seiner historischen Mission erhält er von Gott selbst, der ihm in einer Vision erscheint (175). In Gott erkennt Geiserich aber nur die Pflicht, sich am sozialdarwinistischen Kampf zu beteiligen: "Denn er wußte, daß Gott nur dem zum Sieg verhalf, der sich wehrte und um sich schlug"(176). Durch Formulierungen wie "er wußte" macht Blunck Geiserich zum Inhaber höherer Einsichten. In den Kampfbeschrei- bungen wird die Handlung wie üblich auf Geiserich und seine Gegenspieler konzentriert, die völlig allein zu agieren scheinen (177).

Soweit könnte man den Roman noch der ideologischen Richtung des militanten Nationalismus zurechen. Als typisch nationalsozialistisch kann man ihn vor allem aufgrund der Methoden bezeichnen, mit denen Geiserich die Vandalen zur Großmacht machen will. Er führt eine Landreform nach dem Muster des Reichserbhofgesetzes durch, fordert Rassentrennung zwischen Römern und Germanen sowie eine germanische Allianz und plant wie Himmler die organisierte Rassenaufzucht:
Neue Pläne wuchsen; er nahm sich vor, Gesetze aufzugeben, nach denen niemand in die Dhingversammlung kommen und niemand Beamter werden dürfe, der nicht schon ins Volk eingewachsen, - der nicht drei Söhne oder vier Kinder sein eigen nannte. Mochte er Kinder annehmen, wenn sein Weib unfruchtbar blieb. Mehr noch! Niemandem sollte bis dahin sein Erbe, sein Hof bestätigt werden! Pachtbürger sollte er bleiben! - Breiten mußte sich das Volk!(178)
Solche Vorstellungen machen den Roman zu einem nationalsozialistischen Propagandaepos.

Noch konkreteren politischen Zielen als der Eroberung ferner Reiche wendet sich Bluncks Roman "Wolter von Plettenberg" zu. Der Deutschordensmeister in Livland, Plettenberg, verteidigt das Abendland gegen einen übermächtigen Feind, gegen den Zar Iwan der Schreckliche. Das von vielen Konflikten zerrissene Ordensgebiet - Balten gegen Deutsche, Bürger gegen den Orden, der Erzbischof gegen die Reformation - wird unter dem Druck der äußeren Bedrohung zusammengeschweißt, um einen jahrelangen totalen Krieg durchzustehen. Um die immer wieder auftretenden Interessengegensätze zu überwinden, wird dem Volk vom Schicksal ein Führer gesandt:
Livland war ein kleines Reich von Deutschen, Liven, Esten und Letten, in dem seit Jahrhunderten Adel und Erzbischöfliche, Städte und Ordensritter um die Burgen rangen, in dem erst jetzt, vom Schicksal gesandt, der Meister des Deutschordens, Wolter von Plettenberg, die Macht aller Einzelnen überwunden und unter sich vereinigt hatte.(179)
Der Führer entscheidet auch den Krieg; die anderen - Ritter, Bauern, Bürger und Landsknechte - sind nur Instrumente seines Willens: "Nun kam es nicht auf jene Truppen an. Fing man Plettenberg, war der Krieg gewonnen"(180).

Die Kriegsursache wird von Blunck ins mystisch-schicksalshafte entrückt. In Iwan dem Schrecklichen entsteht dem Abendland "aus dem Dunkel"(181) ein neuer Gegner, der den ewigen Kampf zwischen dem Abendland und dem Osten wieder aufnimmt:
Plettenberg sieht, wie überall von Osten her Tartaren, Russen und Mongolen gegen die alte Welt anstürmen, er sieht die deutschen Bürger in den Städten Polens und Schwedens, die Bauern in Siebenbürgen und in Ungarn, er sieht die Ritter an der baltischen Küste auf der Wacht. Es geht ihm nicht um Livland allein, es geht um das Schicksal der alten Herrenvölker, wie auch um das der Menschheit, die sich auf sie verließ.(182)
Auch Plettenberg ist der Inhaber höherer und ewig gültiger Weisheiten, die für den Leser zur Verpflichtung werden. Ganz ungeniert stilisiert Blunck seinen Protagonisten zum Verteidiger der "Menschheit", zu der die östlichen Völker offensichtlich nicht zählen; die sogar deren Erzfeind und das Böse schlechthin darstellen. Die Balten dagegen bezeichnet er als den Deutschen verwandt, in seinen Großmachtvorstellungen spielen also bereits "Hilfsvölker" eine Rolle. Der Kampf zwischen dem "Volkstum" der "jungen Völker" und dem "russischen Menschentum" wird zur abendländischen Aufgabe hochstilisiert(183). Wie später in der Waffen-SS wird ganz Europa aufgefordert, sich unter deutscher Führung am Kampf gegen die Flut aus dem Osten zu beteiligen:
In vielen Teilen des Reichs brachen junge Ritter auf, um dem Deutschen Orden beizustehen. Aus England und aus Frankreich, aus Schweden und aus Italien kamen Freiwillige, um gegen den zu helfen, der gleich den Türken die Alte Welt bedrohte und zerschlug.(184)
Abgesehen von der Ungereimtheit, in bezug auf Europa gleichzeitig von jungen Völkern, alten Herrenvölkern und alter Welt zu sprechen, ist Blunck auch nicht in der Lage, seine mystischen Volkstumskämpfe als die Kämpfe von Völkern zu schildern. Volk und Blut als die angeblichen Triebkräfte der Geschichte spielen in der Handlung keine bedeutende Rolle, sie sind nur formbares Material der Führer.

Nach Plettenberg ist Iwan der Schreckliche die wichtigste Figur des Romans. Seine unermeßlichen Horden sind weniger Grundlage als Ausdruck seiner Macht. Den Kampf zwischen Livland und Rußland verherrlicht Blunck, noch extremer als die Historiographie des 19.Jahrhunderts, als den Kampf zweier Giganten: "Die beiden Unüberwindlichen hatten sich miteinander gemessen, und der Deutsche hatte gesiegt"(185).

Wie die anderen Blunckschen Führer muß auch Plettenberg auf sein Glück, auf seine Liebe verzichten, um durch sein eigenes Opfer vorbildlich zu wirken(186). Die von ihm geliebte Maria Godenboge stirbt bei der Verteidigung einer Festung wie eine Märtyrerin. Am Ende des Romans läßt Plettenberg ein steinernes Marienbild mit den Zügen der Toten anfertigen, das allgemein verehrt wird. Verzicht, Opfer und Helden erhalten eine sakrale Weihe. Kult und Religion dienen völlig säkularisiert dazu, den Opfertod für die Ziele des Führers als höchstes Ziel zu propagieren. Diese grundlegende Botschaft wird noch mit allerlei gegenwärtiger Ideologie angereichert: So mit der Idee einer europäischen Allianz, besonders mit den Balten, den "roten Brand über dem Land im Osten" abzuwehren(187). Für den zeitgenössischen Leser ist die Parallele zu den Nachkriegskämpfen im Baltikum leicht zu ziehen.

Die drei nach 1933 erschienenen historischen Romane von Blunck unterscheiden sich nicht nur von seinen Gottsucherromanen der Weimarer Republik, sie lassen auch eine Entwicklung erkennen (188). Die wichtigsten ideologischen Gemeinsamkeiten sind der Führerkult, die totale Mobilmachung für die imperialistischen Ziele des Führers, die Blut- und Boden-Ideologie und ein dazugehöriges organisches Geschichtsverständnis. In allen Romanen wird die notwendige Opferbereitschaft am vorbildlichen Verzicht des Führers auf sein persönliches Glück vorgeführt. Einige dieser Ideologeme erfahren eine deutliche Steigerung ins Mythisch-Sakrale. Der Liebesverzicht wird von der Auflösung der eheähnlichen Verbindung Pinings über Geiserichs Opfer bis zum Marienmythos im "Plettenberg" gesteigert. Analog steigert Blunck den Führerkult. Pining hat durchaus noch Gemeinsamkeiten mit seinen Soldaten und ringt mit seinen inneren Bedürfnissen, Geiserich steht dagegen schon weit über seinem Volk und wird zum Ausführenden göttlicher Ratschläge. Wolter von Plettenberg ist eigentlich kein Mensch mehr, er wird dem Abendland vom Schicksal gesandt, völlig rein, wie seine Liebe zu Maria, und frei von Zweifeln strebt er seinem Ziel zu(189).

Parallel zu dieser Mythisierung wird Blunck in einigen Punkten immer konkreter. Die Reihe geht vom sagenhaften Amerikafahrer über einen germanischen König zur deutschen Ostpolitik im Baltikum. Sie zeigt den šbergang von relativ utopischen Kolonialträumen zur aktuellen Ostexpansion. Blunck verzichtet auf "Flausen" wie "Abenteuerfahrten" und fordert direkt zum Akzeptieren der Zustände und zur Opferbereitschaft auf. "Der Autor kommt jetzt in brutaler Deutlichkeit, seine Geduld ist erschöpft"(190). Mit der Steigerung der Opferbereitschaft der Bevölkerung, die im "Plettenberg" völlig unproblematisch ist, werden auch die Kampfbeschreibungen immer ausführlicher. In "Die große Fahrt" sind sie noch äußerst knapp gehalten:
Beim Nordkap vereinigte er sich mit Lütte Lüdekin und überfiel die Russen, als sie sich plündernd längs der Küste zerstreut hatten. Und er verbrannte einige ihrer Schiffe.(191)
In "Geiserich" wird nur eine große Seeschlacht etwas ausführlicher beschrieben, wobei jedoch auch die taktische Lage im Vordergrund steht. Im "Plettenberg" erstrecken sich die Kampfbeschreibungen ausführlichst und gewaltverherrlichend über einige Seiten(192). Todes- und Fahnenkult werden dabei zum Ritual:
"Her mit der Fahne!" brüllte Hammerstädt, aber der Fähnrich ließ sie ihm nicht. Der Ritter hieb ihm die Hand ab, da hielt der Todwunde den Schaft mit der Linken, er biß mit den Zähnen ins Tuch und versuchte, es zu zerreißen.(193)
Alle drei Romane enthalten die wesentlichen Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung. Eine hierarchische Ordnung mit einem charismatischen Führer an der Spitze wird für eine opferreiche Expansionspolitik in Marsch gesetzt. Mit den Anforderungen an den Einzelnen steigert sich auch der Irrationalismus zum pseudoreligiösen Kult. Die Romane werden dabei immer mehr zur direkten NS-Propaganda, was mit einer Häufung von Gegenwartsideologemen und einer zunehmenden Trivialisierung verbunden ist, so daß "Plettenberg" auch noch den letzten Rest an literarischer Qualität vermissen läßt.

Das von Blunck so oft vorgeschobene Gemeinwohl entlarvt er selbst als reine Phrase, wenn die Romane mit ihrem historischen Hintergrund verglichen werden. Pinings Amerikafahrten wurden, falls sie jemals stattgefunden haben, vergessen. Das Reich der Vandalen ging so schnell unter, daß dies sogar den Tadel der NS-Ideologen hervorgerufen hat, die als Ergebnis der westgermanischen Wanderungen hauptsächlich den Verlust an Volkskraft und Osteuropas beklagen(194). Plettenbegs Livland wurde bald nach ihm polnisch, dann schwedisch und schließlich von 1721-1918 russisch, ohne sich in eine Steppe zu verwandeln. Von den heroischen Volkskämpfen bleibt also nichts als der Ruhm der Führer, den Blunck dann auch besonders betont:
Sein Weg war übermenschliche Tat, Pflicht, Opfer und Einsamkeit der Großen. Er hörte Gottes Ruf und den seines armen Volkes; er wirkte die Freiheit und Macht seines Reichs; er verlor darüber, was das Leben der anderen hellt und köstlich macht.Aber kann man Besseres über einen Mann berichten?(195)
Trotz der historischen Bedeutungslosigkeit bleibt die Legende, das Beispiel von den heroischen Taten vergangener Führer. Das ist ein als Heroismus getarnter Nihilismus.

© Frank Westenfelder


Kunst & Geschichte - Historienmaler: Theodor Baierl und Laslett John Pott

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