IV.4.2. Völkische historische Romane

Trotz verbaler Reminiszenzen entwirft Blunck in seinen historischen Romanen eine ganz andere Welt als die der völkischen Ideologen. Die politischen Ziele und die Rolle des Volkes kommen der nationalsozialistischen Realität sogar wesentlich näher als die kleinbürgerlichen Wunschträume völkischer Bauernromane. Um diesen internen, oft unterdrückten Differenzen im historischen Roman auf die Spur zu kommen, ist es notwendig, die wichtigsten historischen Metaphern der völkischen Fraktion zu untersuchen.

Im Führerkorps der NSDAP wird die völkische Fraktion vor allem durch Himmler und Rosenberg vertreten. Rosenberg möchte gerne als religiöser Erneuerer des Dritten Reichs gelten, wobei sein "Mythos des 20.Jahrhunderts" die Funktion einer völkischen Bibel übernehmen soll(196). Seele und Religion verkörpern sich für ihn nur noch in der nordischen Rasse. Als arteigene Religionsform gilt die mittelalterliche Mystik, Meister Eckehart wird dabei zum "größten Apostel des nordischen Abendlandes"(197). Sein ganzer Haß richtet sich gegen das Christentum, insbesondere den Katholizismus. Aber auch das zentralistische Führerprinzip hätte Rosenberg gerne durch ein mehr föderalistisches System, "eine Monarchie auf republikanischer Grundlage"(198), ersetzt. In seiner Rede "Der deutsche Ordensstaat" von 1934 beteuert er, Hitler nicht vorgreifen und nur eventuelle Regelungen für dessen Nachfolge entwerfen zu wollen(199). Er möchte aber, daß anstelle des Halbgottes Cäsar nach dem Ordensprinzip von den Unterführern mitregiert wird. Zur Unterstützung verweist er auch auf das germanische Thing. Seine historischen Vorbilder können ebenfalls als typisch völkisch bezeichnet werden; er erwähnt vor allem Armin, Widukind, Heinrich den Löwen, den deutschen Orden und heroische Bauernaufstände(200).

Eine ähnliche Weltanschauung vertritt Heinrich Himmler. Bei ihm führen manche Gedanken jedoch zu konkreteren Versuchen, da er über eine wesentlich stärkere Machtposition verfügt(201). Himmlers Vorstellungen sind durch seine Artamannenvergangenheit noch viel stärker geprägt als Rosenbergs Ideen von Darr‚s Blut- und Boden-Ideologie. Ostkolonisation und Menschenzüchtung sind für ihn heilige Aufgaben(202). Ganz in organischen Gesichtsvorstellungen befangen, wendet er sich gegen Cäsarismus und Imperialismus. Sie sind für ihn nur eine letzte Blüte deutscher Geschichte, "eine Blüte faschistischer Art", nach der Deutschland im Laufe weniger Jahrhunderte absterben müsse. Seiner Meinung nach wird von Hitler jedoch gerade dieser Weg vermieden, denn:

er will zurück zur Quelle des Blutes, er verwurzelt uns wieder mit dem Boden, sucht wieder Kraft in den Quellen, die vor zweitausend Jahren, die vor Jahrhunderten verschüttet worden sind.(203)
Mit dem Rassismus verbindet sich bei Himmler, ähnlich wie bei Rosenberg, eine Vorliebe für völkische Mystik(204). Religiöse Bindungen sind für ihn unbedingt erforderlich, das "artfremde" Christentum, besonders der Katholizismus, muß durch einen nationalen Kult ersetzt werden(205). Dazu fördert er eine Wiederbelebung germanischer Religionsformen, unter anderem durch das Errichten nationaler Kultstätten, zum Beispiel Sachsenhain in Verden, Externsteine, Thingstätte "Stedingsehre" und die Gräber von Heinrich I. und Heinrich dem Löwen. Manche der neuen Kultübungen orientieren sich stark an christlichen Zeremonien(206). Von zentraler Bedeutung ist für ihn der Ahnenkult, der das Individuum zum Glied einer endlosen Ahnenkette degradiert.

Sich selbst sieht er gerne als Reinkarnation Heinrichs I. und Heinrichs des Löwen, deren historische Mission - die Ostkolonisation - er fortsetzen will(207). An Heinrich I. bewundert Himmler besonders seine Ostpolitik, die Ablehnung, sich von der Kirche zum römischen Kaiser salben zu lassen, und die föderalistische Struktur seines Reichs: "Er war der erste unter Gleichen"(208).

Neben seinem fortwährenden Interesse an den Germanen, die für ihn eine Art paradiesischer Urgesellschaft verkörpern, nimmt wohl der deutsche Ritterorden unter seinen historischen Vorbildern die bedeutendste Stellung ein(209). In ihm scheinen sich einige völkische Wunschvorstellungen in idealer Weise zu verbinden: Die Vorstellungen von einer elitären Kriegerkaste, die sich die Ostexpansion zum Ziel gesetzt hat, gehen einher mit Ritterromantik und Frömmigkeit - Himmler schätzt den Marienkult als etwas vorchristliches(210) -, außerdem gilt der deutsche Ritterorden spätestens seit Spenglers "Preußentum und Sozialismus" als Vorgänger des preußischen Staates. Die einzige Kritik Himmlers am Orden richtet sich gegen das Zölibat, wobei seine Vorstellungen nicht unwesentlich von den historischen Romanen Werner Jansens beienflußt sind(211).

Konflikte ergeben sich für die völkische Fraktion immer wieder mit Hitler. Dieser gibt sich in Religionsfragen ganz als Pragmatiker und versucht, den "Spintisierereien eines Rosenberg und eines Himmler ein Ende zu bereiten"(212). Genauso abschätzig stellt er sich zur Germanenverehrung. Der "freie" germanische Bauer mag ihn als Menschenmaterial für seine zukünftigen Kriege interessieren, aber nicht als Grundlage einer Utopie. Seine historischen Ahnherren sieht er nicht wie Himmler oder Rosenberg in Arnim und Widukind, sondern in den römischen Kaisern und Karl dem Großen. Er schwärmt nicht von einer mittelständisch-förderalistischen Bauernrepublik, sondern vom Krieger- und Sklavenstaat Sparta, in dem 6000 Herren über 345 000 Sklaven geherrscht hätten (213). Die Ostkolonisation ist ihm deshalb auch kein inneres Bedürfnis, sondern eine Notlösung, die die "Vernunft gebietet"; so formuliert er salopp: "Lieber gehe ich zu Fuß nach Flandern als zu Rade nach Osten"(214).

So banal diese Auseinandersetzungen auch klingen mögen, in ihnen zeigt sich doch der Konflikt zischen völkischer Kleinbürgerutopie und faschistischen Machtstaatsgedanken (215). Diese Konflikte können zuerst durch den wirtschaftlichen Aufschwung und dann durch den Eroberungskrieg überdeckt werden. Ähnlich wie während des Ersten Weltkriegs verspricht der Krieg sowohl der Industrie als auch den Blut- und Boden-Ideologen die Erfüllung ihrer Wünsche(216).

Es ist jedoch offensichtlich, daß die völkische Literatur, im Gegensatz zur mehr faschistischen, die am preußischen Beispiel Machtstaat und totale Mobilmachung verherrlicht, sich immer weiter von der sozialen Wirklichkeit des Dritten Reiches entfernt. Sie wird so zur reinen Wunschliteratur, die die wahren Ziele des deutschen Faschismus verschleiert:
Ähnlich wie die Kolonialliteratur täuscht sie darüber hinweg, daß Imperialismus und Faschismus in erster Linie industriellen Zwecken dienen. (217)
Darr‚ wollte noch einen "Neuadel aus Blut und Boden", der neue Mensch sollte gerade an der Landarbeit gesunden(218). Diese Ansicht vetritt auch Himmler, während sich in den Kreisen um Hitler die Meinung herausbildet, daß der nordische Eroberer zu schade für die Landarbeit sei (219). Diese verschiedenen Vorstellungen führen sogar zu einem Streit der Vorgeschichtsforscher, ob die Urgermanen nun nomadische Eroberer oder seßhafte Bauern gewesen seien(220). Die "Polarität" zwischen Soldat und Bauer wird auch von der Sekundärliteratur bemerkt, die versucht, die historische "primitive Todfeindschaft" im Sinn der Gegenwart umzudeuten, in "das Aufeinander-Angewiesensein von Bauer und Soldat, von friedlicher Kulturtat und kriegerischer Wehrhaftigkeit" (221). Doch trotz dieser künstlichen Harmonisierung bleibt dieser Konflikt im historischen Roman bestehen und kann als Unterscheidungsmerkmal benützt werden.

Die folgenden völkischen historischen Romane widersprechen der NS-Weltanschaung nicht, zeigen sogar eine weitgehende Übereinstimmung. Allerdings domininiert in ihnen die Blut- und Boden-Ideologie gegenüber den totalitären Staatsvorstellungen. Auffallend ist auch, daß zum Thema des deutschen Ritterordens und zur Ostkolonisation verschwindend wenig Titel bis zu Kriegsbeginn erscheinen, die auch in Auflagenhöhe und Rezeption unbedeutend bleiben(222). Dies erklärt sich sicher damit, daß dieses Thema schon während der Weimarer Republik genügend ausgeschlachtet worden ist und sich der Bedarf leicht mit Neuauflagen der Romane von Wichert, Jansen, Kotzde und Miegel abdecken läßt. Man kann aber auch annehmen, daß für die Völkischen zunächst andere Probleme dringender erscheinen, denn ab 1939 hat der deutsche Ritterorden im historischen Roman wieder Auftrieb.

Der beliebteste völkische historische Roman, der auch in den NS-Literaturgeschichten immer ausführlich erwähnt wird, ist der "Femhof"(1934) von Josefa Berens-Totenohl, der mit dem Roman "Frau Madlene"(1935) fortgesetzt wird. Berens-Totenohl erklärt dem Leser im Vorwort, daß ihr angenommener Zweitname die Gegend im Sauerland bezeichnet, in der im 14.Jahrhundert die Handlung spielt. Über die alten Namen und Sagen - die Historie wird am Ende des zweiten Romans zur Sage - stellt sie so die Verbindung zur Vergangenheit her. Sie legitimiert sich durch ihre eigene "blutmäßige" Verbindung zur Heimat, deren Geschichte zu erzählen:
Josefa Berens-Totenohl schreibt und gestaltet nicht für sich, durch sie spricht vielmehr die Erde und das Schicksal der Menschen, sie kündet und formt nur, was das Blut ihr aufgetragen und was dieses Blut an uralter Überlieferung ihr zutrug. Das aber ist ihre Gnade.(223)
Die Handlung ist einfach: Auf dem einsamen Wulfshof lebt der starke urwüchsige Wulfsbauer mit seiner stolzen Tochter Madlene. Der junge Bauer Ulrich hat einen Ritter, der seinen Besitz und seine Ehre verletzt hat, erschlagen und muß deshalb seine Heimat verlassen. Er wird Knecht auf dem Wulfshof. Aufgrund ihres angeborenen Herrentums scheinen er und Madlene für einander bestimmt. Der Wulfsbauer duldet dieses Verbindung aber nicht, da Ulrich nur ein Knecht ist. Als Madlene mit Ulrich flieht, erwirkt er beim Femegericht das Todesurteil, das er persönlich vollstreckt. Madlene gebiert Ulrichs Sohn, unter dem der Hof seine zweite Blüte erlebt. Von Madlenes Kampf um Hof und Sohn erzählt der zweite Band, in dessen Verlauf der alte Wulf vom Blitz erschlagen wird. Am Ende wird Madlene durch ihr starkes vorbildliches Verhalten zu einer volkstümlichen Heiligen, bei der sich die Frauen Rat und Kraft holen. Der tote Wulf wird zur Sagengestalt; wie Wotans wilde Jagd tobt er in Sturmnächten über die sauerländische Berge. Durch diese Legende wird der Bezug zur Gegenwart hergestellt.

Die Personen des Romans handeln nicht nach ihren Bedürfnissen, sondern stellen sich heroisch ihrem Schicksal und folgen ihrer Bestimmung bis zum Untergang. Madlene rechtfertigt vor ihrem Vater Ulrichs Totschlag, da er wie jeder Bauer den Feind erschlagen habe, der in seine "Ehre eingebrochen" sei. Sie liefert ihm damit nur Motiv und Verpflichtung, Ulrich zu erschlagen: "Nahe stand ihm nur das Eine: das was jeder Bauer tun würde, in dessen Hof und in dessen - Ehre - ja: Ehre ein anderer einbräche".(224) Auch zur Begründung der Beziehung zwischen Madlene und Ulrich reicht gewöhnliche Liebe nicht aus; sie ist Bestimmung. Am Anfang des Romans rettet Ulrich die ertrinkende Madlene. Madlene verspricht dem Vater, noch vorher einen "Unfried" zu bringen, und Ulrich weiß nicht, was ihn in dieser Gewitternacht hinaustreibt (225). Ihre Liebe bricht symbolträchtig in der Osternacht hervor, als das Volk, nach alten heidnischen Bräuchen Wotan und Freya verehrend, den Frühling und mit ihm die "blühende, fruchtreiche Zeit" feiert(226).

Der Einzelne soll verpflichtet werden, sämtliche privaten Glückswünsche dem Land, aus dem er stammt, und dessen Traditionen unterzuordnen. Bei den vorbildlichen Charakteren des Romans - Ulrich, Madlene, Wulfsbauer - treten dabei auch keine inneren Konflikte oder Unsicherheiten auf. Sie erfüllen getrieben ihre Bestimmung. Berens-Totenohl bevorzugt bei der Beschreibung der Menschen, um ihre Erdverbundenheit zu suggerieren, organische Metaphern (227):
"Wenn ein Baum morsch ist, fällt er, und kein Stützen hilft. Das Land aber bleibt. Das welkt nicht. Es baut neue Bäume. Das Land ist euer Hof. Die neuen Bäume seid ihr."(228)
Hier, wie an der Beschreibung des Wulfsfriedhofes, der alle Wulfe seit Urzeiten vereint(229), zeigt sich die religiöse Botschaft des Romans. Die Wulfe sind zwar heimliche Heiden und Ketzer, aber eigentlich Pantheisten; Wotan und Freya sind nur Symbole der Naturkräfte. Die wirkliche Religion bezieht sich auf Sippe, Hof, Erde und Blut. Wer sich dem bedingungslos unterwirft, erlangt in der Volkssage Unsterblichkeit.

Die Bauern sind einzig Familie und Besitz verpflichtet, ansonsten müssen sie ihre Freiheit gegen Kirche und Fürsten verteidigen. Politik und gesellschaftliche Veränderungen sind für den Wulfshof Bedrohungen. Geschichte verläuft fernab des politischen Geschehens nur als Generationenfolge. Die Wulfe sind frei, weil sie stark sind. Mit dieser "blutsbedingten" Leistungsfähigkeit erheben sie sich über unfreie Bauern und Dienstleute. Sie müssen allerdings ständig bereit sein, ihre Selbstständigkeit gegen die großen Territorialherren zu verteidigen:
Durch alle Fährnisse hindurch hatten die Wulfe ihr Besitztum frei erhalten und zu einer Macht emporgebracht, die unangetastet stand an der ewigbrennenden Grenze zwischen den drei Fürsten. (230)
Die Wulfsbauern werden zur Chiffre für den bedrohten Kleinunternehmer, stark traditionsbewußt und immer noch selbständig. Knechte sind in den Familienbetrieb integriert. Die gesellschaftliche Bedrohung geht von den Großen und deren Monopolbestrebungen aus. Auch der Krieg erweist sich als existenzbedrohend und wird als zerstörerisch abgelehnt. Die Landsknecht sind Gesindel, das selbst zum Knecht nicht taugt.

Nach "unten" versucht Moritz Jahn diesen völkischen Mittelstand in seiner Erzählung "Die Geschichte von den Leuten an der Außenfohrde"(1936) abzugrenzen. Jahn erzählt in einem Sagastil, der in seiner Knappheit über den Vespers noch weit hinausgeht. Die Erzählung beginnt in ganz archaischem Ton:
Garbrand hieß ein Mann, der an der Außenfohrde lebte, seine Frau hieß Gjauke. Sie waren beide bei sechszig Jahren; sie hatten nur eine Tochter, die sie Geisa nannten <...>. Es war noch ein anderer Mann in Garbrandsheim Haat mit Namen und von geringer Herkunft; sie achteten ihn wenig besser als einen Knecht, und es war ihm gleich. Da waren auch noch zwei Mägde auf dem Hofe.(231)
Hier ist schon der grundlegende Konflikt der Erzählung angelegt, der zwischen bäuerlichen Herren und Knechten, die Knechte aufgrund ihres niedrigen Charakters sind. Knechte sind kaum mehr wert als Vieh. So wird zum Beispiel erwähnt, daß Garbrand wenig Schaden durch die Flut hatte, außer daß sie ihm drei Knechte - allerdings durch deren eigene Schuld - nahm(232).

Da alle Nachbarn weggezogen sind, Bleibt Garbrand nichts anderes übrig, als seine Tochter mit Haat zu verheiraten. Geisa gebiert drei Söhne von Haat - die Mägde, mit denen er schläft, gebären dagegen nur Töchter -, denen sie teilweise mit List Namen aus Haats niederer Sippe gibt. Die Söhne geraten alle nach Haats Art, und da sie zu feige sind, sich in der Fremde Frauen zu rauben, wie es die Mutter fordert, schwängern sie ihre Halbschwestern. Geisa trifft gerade Vorbereitungen, das Haus samt Bewohnern zu verbrennen, als Neusiedler ankommen, von denen Haat mit seinen Söhne erschlagen wird. Geisa beweist jetzt ihre ganze Größe: "Als Geisa vor den Toten stand, beugte sie sich zu keinem nieder"(233). Sie heiratet den Sohn der Ankömmlinge, dieser heißt Bur - Bauer - im Gegensatz zu Haat, waß Haß bedeutet (234). Obwohl inzwischen über vierzig, bekommt sie nun einen artgerechten Sohn, den sie nach ihrem Vater Garbrand nennt, und der später ein mächtiger Mann wird.

In dieser Erzählung wird die herrschende Gegenwartsideologie nicht direkt angesprochen, und doch bestimmt sie den Inhalt. Jahn reduziert das Verhalten seiner Figuren auf ihr Blut und ihre Erbanlagen. Er macht damit dasselbe wie Berens-Totenohl, nur verzichtet er auf jegliches Beiwerk. Mit Rückgriff auf die Saga betont er den Ewigkeitswert seiner Aussagen und mit der grob vereinfachenden Sprache stellt er exemplarisches Verhalten dar, bei dem es weder Zweifel noch Widersprüche gibt. Die Möglichkeit durch Sprache Realität zu erfassen, wird dabei einfach negiert.

Ein radikal-völkisches Machwerk aus dem Umfeld der Ludendorff-Bewegung ist die Romantrilogie "Das Blutgericht am Haushamerfeld" (1933), "Es muß sein"(1936) und "Ums Letzte"(1937) von Karl Itzinger. Er erzählt darin vom Aufstand protestantischer Bauern während des Dreißigjährigen Krieges. Die Bauern wehren sich gegen die Gegenreformation und zu hohe Steuern und erliegen nach heroischem Kampf einer erdrückenden Übermacht. Die Reformation bezeichnet Itzinger als Luthers "völkische Sendung", "die Roms geistige Alleinherrschaft auf germanischen Boden zerstörte"(235). Seine Bauern sind derart treudeutsch, daß die Beschreibungen oft kitschig wirken: "Und so haben denn im Lande ob der Enns die Burschen harte Fäust' und die Mädchen weiche Herzen"(236).

Der Haß des Autors gilt allem Fremden, besonders den welschen Jesuiten und den kroatischen Soldaten, aber auch der Habsburger Monarchie und dem Adel, der das Volk im Stich läßt. Ein Kampfruf der Bauern erinnert sicher nicht zufällig an die SA: "Pfaffenbluet und Herrensaft gibt den Waffen guete Kraft"(237). Die Bauern erscheinen als typische Vertreter einer konservativen Revolution; sie kämpfen gegen eine ungerechte Obrigkeit, für einen starken Nationalstaat, ein Reich mit einem Kaiser und für ihr altes Recht(238). Diese konservativ-revolutionären Ansichten spricht explizit ein Student aus:
"Von den Rosenalpen im Land Tirol bis hinauf zur Bernstein küste an des Nordmeeres Wellen wohnt und schafft das deutsche Volk! Groß und herrlich wäre es wie kein zweites auf Gottes Erde! Leider liegt es schon die längste Zeit krank und hilflos darnieder, von Neid und Zwietracht zerfressen.<...> Darum stellen wir uns zusammen und erheben die Hand wider die vielen Herren! Ein einzig's Volk wollen wir sein und einen einzigen Herren wollen wir haben! Nit die Obrigkeit soll gestürzt werden, sondern das Unrecht, nit Rebellion wollen wir machen, sondern Ordnung schaffen." (239)
Völlig ahistorisch ist es, wenn der Student das Reich, das im 17.Jahrhundert nur bis Pommern reicht, auch noch mit Etsch und Memel begrenzt. Die Bauern fallen schließlich den Intrigen der Jesuiten und einer Übermacht von Landsknechten zum Opfer. Der Verfasser kann aber bemerken: "Sie alle starben mit der Waffe in der Hand". Durch die Verherrlichung des Heldentodes sollen die Romane ein "Denkmal" sein(240).

Vor allem durch seine Heroisierung der kämpfenden Bauern und der vehementen Ablehnung des Katholizismus und der Habsburger verrät der Autor seine völkische Position. Da die Bauern einen starken Nationalstaat anstreben, kann man die Romane auch als nationalsozialistisch bezeichnen. Im Gegensatz zu Bluncks Romanen verzichtet Itzinger auf den gottgesandten Führer, er beschreibt statt dessen, wie Wolfgang Schreckenbach, einen Volksaufstand, bei dem die Führer aus dem Volk hervortreten. Der bedeutendste Bauernführer - Stefan Fadinger - stirbt bereits im zweiten Buch. Wegen des fehlenden Führerkultes und der ausgeprägten Obrigkeitsfeindlichkeit ist der Roman eher als völkisch zu bezeichnen.

Am unverhohlensten propagiert Heinrich Bauer in seinem Roman "Florian Geyer"(1935) gegenwärtige Ideologie. Obwohl Bauer ein bekannter und auch von Himmler geschätzter Autor ist, wird er von der NS-Literaturgeschichtsschreibung völlig ignoriert, sein "Florian Geyer" sogar ausgesprochen ablehnend rezensiert. Es wäre einfach, mit dem Zitieren der im Roman vorkommenden Gegenwartsideologie Seiten zu füllen; es sei deshalb nur darauf hingewiesen, daß er aus fast nichts anderem besteht. Der Roman verherrlicht den deutschen Bauern, das alte germanische Recht, das deutsche Volk, die Nation, das Reich, den deutschen Ritterorden, Florian Geyer als übermenschlichen Führer und dessen "schwarze Schar" als heroische Elitetruppe der Bauernschaft(241).

An den Beispielen von Itzinger und Bauer zeigt es sich, daß es nach 1933 offensichtlich nicht mehr ausreicht - wie noch in den Blut- und Boden-Machwerken von Jansen und Kotzde - inhaltlich möglichst viel gegenwärtige Ideologie unterzubringen. Diese Romane werden zwar auch gut verkauft, aber Literaturwissenschaft und Literaturkritik stützen sich auf die "dezenteren" Romane von Berens-Totenohl oder Jahn, die die Gegenwartsideologie nicht direkt ansprechen, sondern durch ihr heroisches Beispiel zu wirken versuchen. Häufung und Radikalität von NS-Ideologemen, wie es Wippermann vorschlägt(242), können somit kein ausreichendes Kriterium zur Bestimmung von NS-Literatur sein.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf den bedeutendsten völkischen historischen Roman einzugehen, der nach 1933 erschienen ist: Kolbenheyers "Das gottgelobte Herz"(1938). In den Literaturgeschichten wird ausführlich auf ihn eingegangen, die Rezensionen sind überschwenglich(243). Kolbenheyer behandelt darin die Zeit der deutschen Mystik. Er ist damit, sich rückwärts durch die deutsche Geistesgeschichte bewegend, am Ausgangspunkt der deutschen "Volksseele" angekommen. Für ihn ist die Geschichte ein steter Kampf der nordisch-germanischen Seele gegen den rationalen mediterranen Geist, der vor allem durch die katholische Kirche das vitale deutsche Volk zu unterdrücken versucht. Dieser Kampf ist entsprechend Kolbenheyers zyklischem Geschichtsbild von einem ewigen Auf und Ab gekennzeichnet(244). Einen der großen Befreiungsversuche der deutschen Seele - die Reformation - hat er in seiner Paracelsus-Trilogie behandelt; den ersten sieht er in der deutschen Mystik, die er als "Pubertätsregung" der germanischen Seele gegen den mediterranen Geist bezeichnet(245).

Der Roman besteht aus drei Handlungsebenen, die nur sehr lose miteinander verknüpft sind. Die erste Handlungsebene wird vornehmlich durch das Seelenleben der Nonne Margarete Ebner ausgefüllt, wodurch der Roman sich zumindest oberflächlich stark an das Muster des Bildungsromans anlehnt. Die zweite Ebene beschreibt das politische Geschehen der Zeit, den Kampf zweier Gegenkönige und die Einflußnahme des Papstes gegen die Herausbildung einer deutschen Zentralgewalt(246). Am knappsten ist die zentrale Handlungsebene gehalten, die sich mit dem Wirken Meister Eckharts und dessen Auseinandersetzungen mit dem Papst befaßt. Was Eckhart klar erkannt hat und in seinen Predigten zum Ausdruckbringt, äußert sich in Margarete als Verkörperung der Volksseele dumpf und unter unsäglichem Leid. Mulot spricht von "des Meisters souveränem, männlichen Geist" und stellt sicher im Sinne Kolbenheyers fest:
Eckhart repräsentiert die höchste Glaubensmöglichkeit seines Volkes, Margarete Ebner aber die volksbiologische Glaubenswirklichkeit ihres Jahrhunderts.(247)
Diese besondere Begabung der Frau zur unbewußten seelischen Empfindung wird auch im Roman formuliert: "Gott sucht sich selber in einem Volke, und sein Verlangen verlautet am offenkundigsten im Weibswesen"(248). Eckhart dagegen weiß genau, um was es geht:
Es mußte der Geist in äußerster Schulung und letzter Schärfung dahin gelangen, daß er das lauernde Gift der Vernunft überwand, dann stand er nicht mehr in der Mitte, sondern auf der Schwelle und fand das Tor offen. (249)
Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht überprüft werden, wie genau Kolbenheyer den historischen Eckhart wiedergibt. Die geforderte Vernunftfeindschaft wird vom Leser auf jeden Fall auf die Gegenwart bezogen, und Kolbenheyer präsentiert diese Botschaften als ewiggültige Wahrheiten, die allerdings eine nihilistische Grundkomponente verraten:
"<...> der Funken Gottes ruhet in mir, schaffet dem Ewigen die Kenntnis seiner selbst, denn ohne meine Seele wär er ewig ein Nichts geblieben und in der leeren Gottheit."(250)
Gott verliert hier, wie Hanimann feststellt, jede Transzendenz und wird zum Ausdruck der biologischen Lebenskräfte(251).

Diese klare Erkenntnis ist Margarete verwehrt, sie wird zum Opfer des Konflikts zwischen dem Drängen ihrer Seele und dem kirchlichen Dogma: Kolbenheyer beschreibt ausführlich ihre Jugend in einem Patrizierhaus in Donauwörth - im Roman "Werde". Ihr Vater ist, wie die anderen Vaterfiguren Kolbenheyers, stark, gewalttätig und aufbrausend; der Typus des vitalen, deutschen Menschen. Durch den breiten Raum, den die Schilderung des Elternhauses im Roman einnimmt, erreicht Kolbenheyer zweierlei; er fügt Margarete in die Reihe ihrer Ahnen ein(252), Vitalität, Fanatismus und nüchterner Geschäftssinn sind in ihr wirksam als Erbanlagen des Vaters. Sie repräsentiert den Gegensatz zwischen der Welt des jungen kraftvollen Bürgertums und der unnatürlichen Qual des Klosterlebens. Gerade durch Margaretes gesunde Erbanlagen, die zu Frausein und Mutterschaft drängen, ist ihr Opfer gewaltig; nur ihre fast übermenschliche Sehnsucht und ihr Wille treiben sie weiter. Leid und Triebunterdrückung werden derart ausführlich beschrieben, daß es für den Leser selbst zur Qual wird(253).

Kolbenheyer verherrlicht allerdings nicht die Triebunterdrükkung im Dienste der Institution(254), das Klosterleben wird von ihm als artfremd abgelehnt. Er führt dazu besonders die Figur der alten Trugenhovin ein, eine alte weise Frau, die noch tief in germanisch-heidnischen Traditionen verwurzelt ist, einer "Wächterin" des Volkstums und deshalb "bei aller Frömmigkeit dem Wesen feind, das die Mehrung des Blutes hemmt"(255). Im letzten Teil des Romans trifft die Trugenhovin noch einmal auf Margarete, die, um die Weltlichkeit in sich abzutöten, seit Tagen weder ißt noch trinkt und halb entrückt auf einem Brett liegt. Für die Trugenhovin ist das Brett ein "Werkzeug des Tüfels", sie fordert Margarete auf: "Stand uf, iß und trink, ein Menschenkind unter Menschen!"(256) Doch für Margarete gibt es nur noch den Weg in den subjektiven Wahn, bis sie manchmal nicht mehr unterscheiden kann und will, was Traum und Realität ist(257). Sie erleidet wochenlange Starrkrämpfe und wird stigmatisiert und in diesem Wahn - für den Nichtchristen Kolbenheyer können die Wundmale der Stigma- tisation nur Zeichen von Wahnsinn sein - bricht doch ihre eigentliche Bestimmung durch. Der Roman endet mit einem ekstatischen Erlebnis. Margarete säugt eine hölzerne Figur des Jesusknaben:
Sie empfand ein menschliches Berühren seines Mundes, und wie es kräftig an ihr sog. Ohne Willen saß sie auf ihrem Lager in einem großen, göttlichen Erschrecken und ließ es gesche- hen. Sie war in ihrem Leben nie noch seliger gewesen.
Ende
Kolbenheyer ist es mit diesem Roman - im Gegensatz zu Paracelsus-Trilogie - gelungen, zu seiner völkisch-irrationalen Botschaft die passende Form zu finden. Dadurch, daß nicht mehr der große, einsame Wissende im Mittelpunkt steht - Eckhart bleibt Randfigur -, wird Margarete als Ausdruck der Volksseele glaubhafter als Paracelsus. Trunz stellt dazu fest, daß Kolbenheyer nicht mehr die "großen, geistigen Wegfinder" beschreibt, sondern Durchschnitt und Irrweg"(258). Außerdem verweist Kolbenheyer des öfteren auf die starke volkstümliche Wirkung der Mystiker, die gewissen Sehnsüchten des Volkes entsprochen haben müssen(259). Der Roman enthält kaum theoretische Äußerungen zur Mystik, statt dessen wird Seelenschau betrieben. Der Leser soll durch das naive Miterleben und nicht durch Argumente überzeugt werden. Die Archaisierung der Sprache verbürgt einerseits historische Authenzität, andererseits läßt sie dem Leser die Welt der Ahnen vertraut erscheinen(260). Dem gegenüber steht das volksfremde Latein des Klerus, das in akkuratem Hochdeutsch wiedergegeben wird.

An einem fiktiven Gespräch Eckharts mit dem Papst in Avignon (261) demonstriert Kolbenheyer den grundlegenden Unterschied zwischen der kalten, rationalen südländischen Art und dem vitalen, gefühlsbetonten Deutschtum. Der Papst stellt fest: "Ihr seid anders dort in dem Waldland"(262). Er verzichtet allerdings darauf, Eckhart als Ketzer vor Gericht zu stellen, da er es für unmöglich hält, daß diesen das Volk rational verstehen kann. Dabei übersieht er die wesentliche Komponente von Eckharts Predigten:
Wußte der Papst nicht, daß es eine Predigerstimme gab, die aus der Gemeinde wuchs wie eine Offenbarungsnot und dem Prediger selbst nicht mehr als Eigenes galt, sondern als Empfangenes? (263)
Diese Stelle beweist auch, daß Kolbenheyer in seinen historischen Romanen nicht nur ewiges Volkstum geschickt historisierend einkleidet, sondern auch auf die politischen Veränderungen der Gegenwart reagiert. Sein Pausewang kann 1910 noch als wilhelminischer Bürger seinen Frieden mit der Gesellschaft machen und dabei seiner Innerlichkeit frönen. Paracelsus wird während der Weimarer Republik zum unverstandenen Rufer in der Wüste; das Volk ist noch nicht bereit. Diese Schwierigkeiten kennt Eckhart einige Jahre später nicht mehr; die ekstatische Einheit zwischen Volk und Führer ist hergestellt.

Kolbenheyers Vertrauen in diese neue Gemeinschaft ist nicht nur wesentlich fester, sie wird auch literarisch überzeugender umgesetzt als zum Beispiel bei Blunck, der nur nihilistische Führerschablonen produziert. Kolbenheyer führt seinem Leser nicht einfach einen vorgefertigten Helden vor, um dann im Stil des Abenteuerromans weiterzuerzählen, er läßt ihn Irrwege durchleiden und gibt im dafür das Versprechen der Ekstase. Der Roman fordert den Leser mehr als die übliche NS-Literatur und ist deshalb der einzige von den bekannten historischen Romanen, der ausdrücklich nicht als Jugendbuch empfohlen wird(264).

Daß der völkische Blut- und Ahnenmythos nicht nur auf Nationalsozialisten wie Kolbenheyer oder Blunck beschränkt ist, belegt der Roman "Lennacker. Das Buch einer Heimkehr"(1938) von Ina Seidel. Der Roman erzählt in zwölf novellenartigen Geschichten die Entwicklung einer protestantischen Pfarrerfamilie von der Reformation bis ins 19.Jahrhundert. Die Verbindung wird über eine Rahmengeschichte hergestellt. Der junge Oberleutnant Hans Lennacker kommt Weihnachten 1918 krank aus dem Krieg zurück und besucht seine Tante, die als Oberin in einem evangelischen Damenstift lebt. Dort fällt er in einen zwölftätigen Fieberschlaf und erlebt träumend die Geschichte seiner Ahnen. Das Träumen wird damit "zur Fähigkeit des Schauens"(265). Bezeichnend ist, daß die Pfarrer der einzelnen Erzählungen immer ohne Vornamen nur Lennacker genannt werden und so zu einer einzigen Person verschwimmen, die dem modernen, kranken und heimatlosen Individualisten Hans Lennacker die Integration ermöglicht.

Die heilsame Verbindung zu den Ahnen stellt auch Seidel über das Blut her, sonst hätte sich eher die beliebte Form der Familienchronik oder einzelne Erzählungen der Tante angeboten. Die Tante ist nur der Katalysator, der das Unbewußte aktiviert. Hans Lennacker verfügt über Erinnerungen, die weder er noch die Tante haben können.

Die Einzelerzählungen sind bis auf eine, die die Zeit der napoleonischen Kriege beschreibt, weitgehend von direkt ausgesprochenem völkisch-nationalen Gedankengut frei. In der Rahmengeschichte kommt dies jedoch deutlich zum Ausdruck. Die Tante hält den Oberleutnant Hans Lennacker nur für würdig, in die Ahnenreihe aufgenommen zu werden, weil er das EK I trägt(266). Hans lobt die Frontgemeinschaft als einzig positives Erlebnis des Krieges und sieht in ihr die Urzelle für eine neue Gesellschaft (267). Ebenso wird von Führern gesprochen, die allein die Opfer bringen, da die Masse nur selten von einem großen Gedanken ergriffen wird(268). Seidels Roman mag in erster Linie für eine Erneuerung des Protestantismus stehen, ist aber schon im formalen Aufbau ohne völkischen Blutsmythos und Irrationalismus nicht denkbar und ist in seinen wenigen konkreten politischen Aussagen durchaus dem Bereich der Konservativen Revolution zuzurechnen.

© Frank Westenfelder


Kunst & Geschichte - Historienmaler: Paul Delaroche und Emil Nolde

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