V. WIRKUNG IN DER BUNDESREPUBLIK

Der Bruch mit der Tradition scheint nach der Niederlage von 1945 total zu sein. Deutschland ist zerstört, machtlos und aufge- teilt. Preußen wird als Hort des Militarismus von den Allierten aufgelöst, und die beiden deutschen Staaten erhalten jeweils das politische System der Besatzungsmächte. Ein kritisches Verhältnis zum Nationalsozialismus kann jedoch nicht entstehen, da ein Großteil der Bevölkerung seine Mitschuld verdrängt und für den Neuaufbau in Wirtschaft, Politik und Justiz auf bewährte, das heißt belastete Personen zurückgegriffen wird. Diese Tendenz verstärkt sich mit dem beginnenden Kalten Krieg, der linke Oppositionelle und Emigranten wieder ins politische Abseits drängt. Die Entnazifizierung bleibt Kosmetik, der bestenfalls einige wenige radikale Nationalsozialisten zum Opfer fallen(1). Kollektive Verdrängung, Antikommunismus und persönliche Beziehungen führen somit zu einer starken personellen Kontinuität innerhalb der führenden Schichten. Die kritische Beschäftigung mit der Vergangenheit wird mit dem Schlagwort "Ideologieverdacht" diffamiert; man zieht sich in eine innerliche und unpolitische Sphäre, ins Private, zurück.

In der literaturwissenschaftlichen Rezeption des historischen Romans, einem der wichtigsten Ideologieträger des Nationalsozialismus, lassen sich analoge Tendenzen ausmachen. Waren bis 1945 immer wieder Arbeiten und Aufsätze - oft stoff- und motivgeschichtlicher Art - zum historischen Roman erschienen, so wird er nach dem Krieg weitgehend ignoriert, Nur Edmund Kauer äußert bereits 1946, im Rückblick auf die jüngste Vergangenheit, die Hoffnung auf einen Neuanfang(2). Ein Paradebeispiel für Kontinui>tät ist die Arbeit von Christian Jenssen(3), der während des Dritten Reiches mit einigen Aufsätzen zum historischen Roman und einer apologetischen Werkbeschreibung Hans-Friedrich Bluncks hervorgetreten war. Jenssen fordert vom historischen Roman einen "tieferfüllten menschlichen, mythischen oder religiösen Hintergrund"(4), den er vor allem in den Romanen Bluncks und Gmelins gegeben sieht, ohne auf deren Nähe zum Nationalsozialismus einzugehen. Ansonsten erwähnt er vornehmlich christlich-konservative Schriftsteller wie Handel-Mazetti, Le Fort, Bäumer, Bergengruen, Klepper und Benrath. Nur Autoren, die allzu direkt und pathetisch NS-Ideologie verbreiteten, wie Jansen oder Heyck, müssen einen leichten Tadel einstecken. Jenssen setzt damit nur eine Entwicklungslinie der NS-Literaturgeschichtsschreibung fort (5). Geradezu unglaublich erscheint es, daß die historischen Romane der Emigranten - Brecht, Brod, Feuchtwanger, Frank, Heinrich Mann - auch in der recht umfangreichen Bibliographie einfach ignoriert werden, ebenso wie einige Autoren der "Inneren Emigration", deren Romane eine wesentlich entschiedenere Opposition zum Nationalsozialismus verraten als zum Beispiel die von Klepper und Bergengruen(6).

Im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte wird die nationalsozialistische Literatur einfach ausgespart, dafür aber Kolbenheyer mit Heinrich und Thomas Mann in einem Zusammenhang erwähnt. Rudolf Majut treibt diese Einebnung noch weiter, indem er wertfrei die Werke von Emigranten, Konservativen und Nationalsozialisten aneinanderreiht, den einzigen Tadel erhalten die Propagandaromane von Jansen und Kotzde(7).

Wolfgang Grözinger und Hans-Georg Peters wollen die positive Tradition des historischen Romans retten, indem sie die "Betriebsunfälle" ausklammern(8). Grözinger setzt deshalb Stifters "Witiko" gegen Dahns "Kampf um Rom" ab, ohne zu erwähnen, daß sich die Nationalsozialisten mehr auf Stifter als auf Dahn beriefen. Seine eigene Stellung zur Geschichte verdeutlicht er noch mit der Aussage, daß man mit Sokrates leichter reden könnte "als mit einem Funktionär der DDR oder mit einem chinesischen Kommunisten"(9). Auch Peters versucht Dahn aus der Linie von Stifter bis zur Moderne herauszulösen. Auf den historischen Roman der zwanziger und dreißiger Jahre gehen beide Autoren selbstverständlich nicht ein.

Der sehr breit angelegte Romanführer von Olbrich und Beers nennt einen Großteil der bis 1945 erschienenen historischen Romane. Es entfallen lediglich einige triviale NS-Propagandaromane - zum Beispiel von Bauer, Itzinger, Jansen, Kotzde -, die allerdings auch schon weitgehend von der NS-Literaturgeschichte übergangen worden sind. Von den bekannteren nationalsozialistischen Autoren fehlen nur Helke, Schmückle und W.Schreckenbach. In dem 1953 erschienenen Literaturkanon von Herbert und Elisabeth Frenzel dominieren Werke, die Religion, Mythos oder existentialistisches Gottsuchertum thematisieren(10). Diese Tendenz wird noch verstärkt durch die fast vollständige Auflistung der historischen Romane der"Inneren Emigration"(11).In diesem entpolitisierten Literaturkanon lassen sich die "besseren" völkisch-nationalsozialistischen Gottsucherromane mühelos einordnen(12).

Bei der literaturgeschichtlichen Rezeption der zwischen 1933 und 1945 erschienenen Literatur erlangen die Autoren der "Inneren Emigration"die größte Bedeutung, ihre Texte füllen die Lesebücher und übertreffen dort an Quantität die der Emigranten um ein Vielfaches(13). Wie in den Verschwörern des 20.Juli sieht man in ihnen eine Form des Widerstandes, die nicht in Verbindung mit Sozialismus oder gar Kommunismus steht, deren Grundlagen Obrigkeitsgläubigkeit und Christentum sind. Gleichsetzungen zwischen Französischer Revolution, Nationalsozialismus und Kommunismus wie in den historischen Romanen von Thiess und Reck-Malleczwen entsprechen dabei vollständig den neuen Erwartungen(14). Ein weiterer Grund für die Beliebtheit der "Inneren Emigration" ist, daß bei der Kritik am Nationalsozialismus jede Analyse ausbleibt, die Konsequenzen für die Gegenwart haben könnte. Der Nationalsozialismus gilt als unerklärbare Katastrophe, oder wird einzig und allein Hitler als dämonischem Verführer des deutschen Volkes zur Last gelegt. Bezeichnend für die kollektive Verdrängung ist auch, daß die christlich-konservativen Obrigkeitsmodelle von Bergengruen und Klepper Neuauflagen von weit über 100 000 haben.

Betrachtet man die Weiterwirkung der bis 1945 erschienenen historischen Romane, das heißt,neben dem Fortbestehen in Privatbesitz und Bibliotheken, vor allem die Neuauflagen, so fällt auf, daß die radikalen Propagandaromane einer ganzen Reihe von NS-Autoren - Beumelburg, Jansen, Gmelin, Helke, Itzinger, Schmückle- nicht mehr aufgelegt werden. Die Ursache hierfür kann nur an einem mangelnden Interesse der Leser an solchen heroisch-völkischen und ultranationalistischen Inhalten liegen. Daß Zensur oder eine Selbstkontrolle der Verlage dabei keine Rolle spielen, belegen die Neuauflagen vormals sehr populärer NS-Romane von Berens-Totenohl, Blunck und Jelusich, die allerdings auch keine hohen Auflagen mehr erreichen. Führerkult, Heroismus, Militarismus und Ostimperialismus sind nach wie vor druckbar, nur die Leser sind derartiger Botschaften offensichtlich müde.

Lediglich der bereits vorher kaum vorhandene Antisemitismus fällt der Selbstzensur zum Opfer , während die rassistische Hetze gegen Zigeuner - Berens-Totenohls "Femhof" und dem "Werwolf" von Löns - und gegen Slawen - in Bluncks "Wolter von Plettenberg" und Jelusichs "Löwe"- weiterhin möglich ist. So entfällt in dem völkisch-rassistischen Roman "Meister Erwin und Uta"(1935) von Heinrich Bauer in der Neuauflage 1949 eine größere antisemitische Passage, sonst bleibt der mit NS-Ideologie überladene Text unangetastet(15). Jelusich streicht in der Neuauflage seines Romans "Der Traum vom Reich"(1941) die antisemitischen Stellen und zwei nationalistische Äußerungen(16). Daß der Verbreitung von NS-Ideologie sonst kaum Grenzen gesetzt sind, zeigen die Neuauflagen von Fritz Vaters NS-Propagandaromanen "Weking" und "Herr Heinrich", in denen nur im Nachwort die Bezugnahme auf Reden Hitlers und Himmlers geändert wird.

Wesentlich erfolgreicher als diese NS-Romane sind, neben den historischen Romanen der "Inneren Emigration", solche, die sich auf die Privatsphäre der Protagonisten beschränken(17). Den größten Erfolg haben die Heimatromane von Ganghofer und davon mit Abstand die beiden - "Die Martinsklause" und "Der Klosterjäger"-, die das Patriarchat zum Idyll verklären. Dieser Rückgriff auf leicht lesbares und altbewährtes Material muß auch für die ansonsten unverständliche dauerhafte Popularität von Dahns "Kampf um Rom" verantwortlich sein(18).

Auf die Resonanz der Anfang der fünfziger Jahre einsetzenden neoborussischen Apologetik(19) und ihren Versuch, soldatische Werte und Traditionen der deutschen Geschichte zu rehabilitieren, verweisen die hohen Neuauflagen der Preußenromane von Molos und von Nasos sowie von Rilkes "Cornet"(20). Diese Autoren, die dem Nationalsozialismus eher ablehnend gegenüberstanden, ihm aber mit ihren bereits vor 1933 erfolgreichen Romanen nützlich waren, demonstrieren die Benützbarkeit und die Fragwürdigkeit des preußisch-deutschen Militarismus.

Da die Rezeption christlich-humanistischer Nabelschau und der Flucht in eine entpolitisierte Innerlichkeit dient, kann man von den wieder erfolgreichen historischen Romanen nur Feuchtwangers "Margarethe Maultasch" und "Jud Süß" sowie mit Abstrichen Langewiesches "Königin der Meere" als kritisch und fortschrittlich bezeichnen(21).

Mit Ausnahme von Langewiesches Roman wird in allen Bestsellern das Individuelle der Protagonisten stark betont und dabei Natiolistisches vermieden. Selbst Rilkes, Molos und Nasos Soldaten leben und sterben eher für ihren subjektiven Existenzialismus als für ein höheres Ziel, wie in den NS-Preußenromanen von Heyck und Beumelburg. Diese Abwendung von der Politik hin zum Privaten und Allzumenschlichen liegt allerdings nicht am Angebot, sondern ist eine eindeutige Entscheidung der Leser. Diese Entwicklung deutete sich bereits ab 1940 mit dem Erfolg der historischen Romane von Czibulka und ähnlicher Autoren an.

Die Neuerscheinungen, auf die hier nur exemplarisch hingewiesen werden kann(22), werden von bereits vor 1945 bekannten Autoren nach altbewährten Mustern verfaßt. Ein beliebtes Thema sind "zeitlose" religiöse Probleme, die vor breiten kulturgeschichtlichen Dartstellungen entfaltet werden(23). Zur Schilderung von Liebe, Leid und Abenteuern wird meistens der Dreißigjährige Krieg als Hintergrund gewählt, der somit vom historischpolitischen Ereignis zur menschlichen Bewährungsprobe wird(24).

Ein Thema leistet jedoch, trotz aller Abgrenzungsversuche, die modifizierte Weiterführung eines Teils der NS-Ideologie: Die gegen Osteuropa gerichtete Abendlandideologie(25). Der Reichsgedanke soll nun aber nicht mehr, wie noch bei Friedrich Naumann oder den Nationalsozialisten, die deutsche Hegemonie in Mitteleuropa legitimieren, sondern die gemeinsame kulturelle Tradition einer konservativen und christlichen westeuropäischen Förderation betonen. Da von einem Führungsanspruch Deutschlands nicht mehr die Rede sein kann, wird das politische Schlagwort "Reich" immer mehr durch "Abendland" oder "Europa"ersetzt. So bezeichnet Jelusich Prinz Eugen nun als "Feldherr Europas" und Czibulka nennt ihn "Retter des Abendlandes"(26). Das Abendland als westeuropäische Förderation hat die Funktion den "ewigen" Angriffen aus dem Osten - von den Hunnen bis zum Bolschewismus - zu widerstehen und, wenn möglich, seinerseits nach Osten zu expandieren(27).

Die Kontinuität dieser Abendlandideologie läßt sich besonders mit zwei historischen Romanen über Otto III belegen: "Der Jüngling im Sternenmantel"(1949) von Gertrud Bäumer und "Der Kaiser Otto III."(1951) von Henry Benrath. Beide Autoren hatten schon vor der Wendung der NS-Historiographie mit Rückgriffen auf die mittelalterliche Kaisergeschichte Größe und Funktion des Reiches verherrlicht(28). Sie wurden damit zu eher unfreiwilligen Ideoligielieferanten, garantieren nun aber durch ihre Distanz zum Nationalsozialismus die Kontinuität der inzwischen völlig korrumptierten Reichsvorstellungen. Während Bäumer nach traditionellen Mustern einern historischen Roman zu schreiben versucht und darin die Utopie eines christlichen Reichs als Bollwerk gegen den Osten entwirft, passt Benrath seinen Roman den neuen Erfordernissen an. Anstelle von ausführlichen Kulturbeschreibungen berichtet er, in einer stark modernisierten Sprache, fast nur von diplomatischen Überlegungen und Ereignissen. Im Gegensatz zu Bäumer spricht er nicht vom "Reich", sonderm vom "Abendland" und fordert eine "westeuropäische Konföderation" unter Einbeziehung Polens und Ungarns(29). Benrath bemüht sich auch nicht um die Vortäuschung von Objektivität: Sein Roman ist an Otto selbst gerichtet, der anstelle des Lesers angesprochen wird und in dessen Genie der Autor sich einzufühlen versucht(3O).

Die Umwandlung von nationalistischen in abendländische Parolen findet sich auch in Jugendbüchern. So rühmt der ehemals radikal völkische und kirchenfeindliche Autor Heinrich Bauer nun "Kaiser Friedrich Barbarossa"(1954) als Erben Karls des Großen und Schirmherrn eines "christlichen Abendlandes", der für den "Frieden und die Ordnung Europas" kämpft(31). Die Geschichte des christlichen Abendlandes und seiner diversen Bedrohungen beschreibt auch Peter Bergen in einer Reihe belletristischer Kurzbiographien großer "Eroberer und Herrscher"(1957). Attila und Mohammed bedrohen den "freien Westen"(32), den Aetius, Karl der Große und Otto der Große verteidigen. Wie Bauer rechtfertigt Bergen die Ostkolonisation mit der Kulturlosigkeit der Slawen(33).

Der einzige Bestseller unter den Neuerscheinungen ist jedoch der ganz auf die Abenteuerlust von Jugendlichen abzielende Roman "Klaus Störtebeker"(1954) von Wilhelm Fischer(34). Ganz aus persönlichen und ehrenhaften Motiven wird der junge Ritter Klaus dazu getrieben, als Führer der Vitalienbrüder gegen Margarethe von Dänemark und die Hanse zu kämpfen. Frei von sozialen und politischen Zusammenhängen wird so Jugendlichen die Vorstellung von edlem Heldentum vermittelt. Der Autor verdeutlicht dies mit einer Vorrede Störtebekers an die jungen Leser:

Das Leben ist eine gefahrvolle Seefahrt. Nur wer sein Schifflein mit fester Hand und mutigem Herzen durch alle Stürme steuert, erreicht wieder das rettende Land! Die Lauen und Feigen aber treiben als Strandgut gegen die Klippen und zerschellen.(35)
Daß im Roman nicht die Lauen zerschellen, sondern Störtebeker, findet selbstverständlich keine weitere Erwähnung. Das zu erreichende Land dürfte somit der bloße Nachruhm sein. Mit dieser Botschaft wird, trotz trivialster Abwandlung, die Tradition von Rilkes "Cornet" und Gmelins"Konradin reitet" fortgesetzt(36).

Abgesehen von diesem Jugendbuch erreicht keiner der neuerschienenen historischen Romane besonders hohe Auflagen; der Bedarf wird hauptsächlich mit Neuauflagen bereits populärer historischer Romane gedeckt. Die überaus starke Wirkung dieser traditionellen Werke unterstreicht eine Liste der bis 1958 meistverkauftesten Bücher. Von den sieben historischen Romanen der 63 belletristischen Titel sind sechs vor 1918 erschienen(37).

Obwohl der historische Roman nicht mehr dieselbe starke Position innerhalb der Belletristik einnimmt wie noch in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, erfreut er sich nach wie vor großer Beliebtheit(38) und eines höheren Prestiges als die anderen Unterhaltungsromane. In einer Leseruntersuchung wurde festgestellt: "Es ist eine Tatsache, daß Kunden, die in einer Buchhandlung einen Frauenroman wie `Angelique'(Anne Golon) wünschen, einen historischen Roman verlangen"(39).

Der historische Roman der fünfziger Jahre behält seine Publikumswirksamkeit durch die entscheidende Veränderung zur reinen apolitischen und ahistorischen Unterhaltung. Er "entwickelt sich zu einem farbenträchtigen Breitwandfilm, auf dem eine kostümierte Sittengeschichte in amüsanter und spannender Weise abrollt. Bezeichnenderweise fehlt nun jedes nationales Pathos; an die Stelle heroischer Glorifizierung tritt allein die Freude an abwechlungsreicher und spannender Handlung"(40). Dem Bedarf an leichter Unterhaltungsliteratur entsprechen auch die meisten erfolgreichen Neuauflagen, aber dem Wandel von der Familienlektüre zur "Sex-and-Crime-Welle"(41) können sie nicht mehr entsprechen. Die erfolgreichsten historischen Romane der fünfziger Jahre - Annemarie Selinko: "Desire‚"(1951), Margret Mitchell: "Vom Winde verweht"(1937/38), Zsoltan von Harsany: "Ungarische Rhapsodie" (1949) und Mika Waltari: "Sinuhe der Ägypter"(1948) - sind Übersetzungen ins Deutsche(42). Es läßt sich feststellen,daß der traditionelle deutsche historische Roman seine Bedeutung innerhalb der Unterhaltungsliteratur immer mehr einbüßt(43) und von Übersetzungen verdrängt wird, die sich ganz auf persönliche Schicksale, Liebe und Abenteuer konzentrieren.

Für die Kontinuität des historischen Romans ist der Zusammenbruch Deutschlands 1945 eine wesentlich tiefere Zäsur als die Jahre 1918 und 1933(44). Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und die Machtergreifung der Nationalsozialisten führten zwar zu leichten Veränderungen des Genres, verstärkten dabei aber meist schon vorhandene Tendenzen; formal und inhaltlich konnten die alten Traditionen bruchlos fortgesetzt werden. Die Kontinuität des historischen Romans wird nach 1945 zwar durch die Kanonisierung alter Autoren in den Lesebüchern und Literaturgeschichten gewährleistet, führt jedoch nicht mehr zu in dieser Kontinuität stehenden erfolgreichen Neuproduktionen. Dadurch wird die These von Roberts bestätigt, daß die literarische Kontinuität nach 1945 vor allem von einem "Vakuum" verursacht wird, das durch den radikalen Verlust entsteht, also eine tiefgreifende Zäsur markiert(45). Am ehesten wird dieser Bruch noch von den weiterhin sehr erfolgreichen historisierenden Unterhaltungsromanen eines Frank oder Czibulka überbrückt, die schon in den vierziger Jahren einen Rückzug ins Private anzeigten(46). Diese Romane führen allerdings nicht die Tradition der völkisch-nationalen Literatur fort, sondern greifen auf deren neuromantische Vorläufer zurück. Nach über fünfzig Jahren fortschreitender Mobilisierung für die politischen Ziele der Gegenwart bleibt von der deutschen historischen Belletristik nur der neuaufgelegte oder der neu verpackte Kitsch des wilhelminischen Bürgertums.

© Frank Westenfelder


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