II.3. Dienst und Anpassung

Der größte Teil der nach der Reichsgründung entstandenen historischen Romane verzichtet auf ein fortschrittliches Verständnis von Geschichte und verherrlicht statt dessen bedingungslos den Obrigkeitsstaat. Individuelle Interessen müssen unterdrückt werden, es bleiben nur Dienst und Anpassung. Das bekannteste Beispiel für diese Geisteshaltung ist der von Gudrun Isaak untersuchte "Fall C. F. Meyer"(54). Ich möchte hier nur auf die wichtigsten Ergebnisse hinweisen, die Meyer in eine deutliche Gegenposition zu Storms fortschrittlich-demokratischer Gesinnung bringen. Conrad Ferdinand Meyer ist einer der wenigen Autoren, die die Reichsgründung sofort historisch illustrieren: Sein Versepos "Huttens letzte Tage" von 1871 begründet seinen Ruhm in Deutschland. Sein "Georg Jenatsch"(1874) ist zum Teil eine bewußte Analogie zu Bismarck. Meyer verherrlicht darin große Führer und Helden, das Volk und das Bürgertum werden dagegen abgewertet und "spielen dabei nur die Rolle von Statisten oder einer willigen Herde von Mitläufern"(55). Meyer stellt als Geschichte "nur die Kämpfe heroischer Individuen" dar, "Kontinuum und Kausalität" werden dagegen nicht sichtbar. Isaak fällt deshalb ein vernichtendes Urteil:

Die disziplinierende Tendenz von Meyers Novellen,verbunden mit einem guten Schuß esoterischer Innerlichkeit, die Idealisierung und Verklärung der Geschichte und Elite, macht sein Prosawerk zum Gegenteil progressiver Literatur. Es ist antidemokratisch, antisozial und antiaufklärerisch.(56)
Sehr ähnliche Positionen, nur literarisch einfacher verpackt, finden sich bei Dahn, Weinland und Wolff. Felix Dahns Roman "Ein Kampf um Rom"(57) bezieht sich schon mit dem Titel auf den Kulturkampf(58). Dahn schildert darin die letzten Jahre der ostgotischen Herrschaft über Italien. Die Goten sind arianische Christen und werden deshalb von der römischen Kirche und den Byzantinern als Häretiker noch härter verfolgt als die Heiden. Eigentlich sind Dahns Goten überhaupt keine Christen, für sie ist der Dienst am Volk Religionsersatz(59); einige ihrer Führer äußern sich bestenfalls freireligiös oder heidnisch. Dahn läßt es sich auch nicht nehmen, die Konstantinische Schenkung als Betrug vorzuführen(60). Eine gewisse Parallele zu den im Kulturkampf mit Bismarck verbündeten Nationalliberalen kann man in den römischen Republikanern erkennen, von denen einer im "orientalischen Despotismus" des falschen Byzanz den Hauptfeind Roms sieht(61). Die Allianz zwischen Goten und republikanischen Römern zerbricht jedoch an der Selbstsucht der Römer und an der Selbstsucht von Cethegus, der wieder ein selbständiges Rom errichten möchte. An den Römern, die zur Kooperation bereit sind, rügt der junge Gotenheld Totila ihr "liberales Weltbürgertum", über dem sie ihr Volk vergessen:
Wo ist denn die Menschheit, von der du schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine Menschheit über den Völkern, irgendwo in den Lüften, kenne ich nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volk lebe. Ich kann nicht anders! (62)
Der Hauptgegensatz besteht jedoch zwischen den kraftvollen, reinen, lichten Germanen und den falschen, dekadenten, dunklen Südvölkern, wobei die Byzantiner und der römische Klerus die extreme Gegenposition einnehmen; die Römer verfügen noch über einige positive Helden(63). Durch ihren Aufenthalt in Italien sind die Goten der mit der "Romanisierung verbundenen Fäulnis" ausgesetzt(64) und geraten in Gefahr, dekadent zu werden:
Ein Wahn, daß unsere hochgewachsenen, weißen Goten klein und braun geworden sind hier unten im Tal? Ist es Wahn, daß alles Unheil von jeher von Süden kam? Von diesem weichen falschen Tal? <...> Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Üppigkeit, alle Unkraft, alle List? Von hier aus dem Welschtal, aus dem Süden, wo die Menschen zu Tausenden beisammen nisten, wie unsauberes Gewürm und einer dem anderen die Luft vergiftet. (65)
So sind die Goten militärisch nur von anderen Germanen, den Langobarden, zu schlagen, wie der kluge byzantinische Feldherr Narses weiß: "Nur Germanen schlagen diese Germanen", oder "Diamant schneidet Diamant"(66).

Wegen der Verwendung solcher Klischees könnte man Dahn schon als völkischen Autor bezeichnen,es überwiegt allerdings noch konservativ-nationales Gedankengut. Die Blondheit ist bei Dahn noch ein triviales Kennzeichen für reinen Charakter(67). So wird der dunkle Gotenkönig Teja , der ja kein reinrassiger Gote sein kann, zum düsteren Propheten des Untergangs, denn er dann auch heroisch vollzieht. Die Goten werden außerdem mehrfach von ihren eigenen Königinnen verraten. Dahns besondere Abneigung gilt den merowingischen Franken, die fast genauso falsch wie die Byzantiner sind, dagegen spricht er von der gotischen "Nation" oder den "deutschen Fürsten" Theoderich und Odoaker(68). Durchaus positiv ist auch die Darstellung des Juden Isak und seiner Tochter Miriam, die beide ihre Treue zu Totila mit dem Tod bezahlen. Theoderich hatte die Juden vor den Römern beschützt, was ihm Isak nicht vergißt:
"Und das will ich gedenken, solange meine Tage dauern, und will dienen seinem Volk treu bis zum Tode, und man soll wieder sagen weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein Jude."(69)
Ein Jude wird zwar aus Eifersucht zum Verräter, aber das kommt selbst unter den Goten vor. Was Dahns Roman am deutlichsten kennzeichnet, ist die Feststellung, daß er reine Herrschergeschichte schreibt. Der Roman ist in sieben Bücher gegliedert, die nach den gotischen Herrschern benannt sind. Das Volk wird weder ausführlich beschrieben
noch entwickelt es eigene "völkische" Kräfte, es ist bestenfalls Dekoration und ohne Führung wird es sogar recht schnell zu disziplinlosem "Gesindel"(70). Am deutlichsten wird dies in den Schlachtenbeschreibungen. Dahn beschreibt sehr detailliert die letzte Gotenschlacht(71). Dabei verfolgt er jede Handlung Tejas, der nacheinander sämtliche Helden des byzantinischen Heeres erschlägt. Das ganze restliche Gotenheer tritt nur in Erscheinung, als ein anderer Gote Teja einen neuen Schild reicht und einen Schlag auf ihn verhindert. Den Gegenangriff führt Cethegus, der auch fast allein den gotischen Angriff auf Rom abgewehrt hat, mit 1500 Mann, die aber auch nicht weiter erwähnt werden. Cethegus erschlägt mehrere gotische Fürsten. Der Kampf endet, als sich Teja und Cethegus gegenseitig töten.

An der unhistorischen Kunstfigur Cethegus lassen sich Dahns Geschichtsvorstellungen wesentlich besser festmachen als an den ganzen völkischen Versatzstücken. Cethegus ist die Seele des römischen Widerstandes, sein Verrat und seine Intrigen bringen die Goten an den Rand des Abgrunds. Wie der Leser ohnehin den Eindruck erhält, die Goten seien nur durch fortwährenden Verrat besiegt worden(72). Trotz dieser Morde und Intrigen ist Cethegus ein wahrer Übermensch, er ist der "letzte Römer"(73). Dahn ist unfähig oder unwillig die Widerstandskraft des römischen Volkes, das er als Pöbel verachtet, anders als in einer einziger Person dazustellen, die er sogar im Gegensatz zu den gotischen Königen erst erfinden muß.

In ähnlich nationalistischer Weise wird der Rassebegriff in Weinlands "Rulaman" von 1878(74) eingesetzt. Die Handlung dieses Jugendbuches spielt zur Zeit der indoeuropäischen Besiedlung Deutschlands. Der Roman ist durch zahlreiche kulturhistorische Anmerkungen ergänzt, um dem Leser historische Genauigkeit vorzuspiegeln, die jedoch bei dieser vorgeschichtlichen Handlung unmöglich ist. Das kleine dunkle Urvolk der Aimats wird von den großen, hellen, indoeuropäischen Kalats verdrängt. Die Kalats sind schon zivilisiert, errichten Zwingburgen, haben Geldwirtschaft und Frondienst, lügen und stehlen. Um das Land ganz in Besitz nehmen zu können, locken sie die Aimats auf eine Feier und ermorden sie heimtückisch. Der Roman orientiert sich weitgehend am Muster von Indianergeschichten, in denen die zivilisierten Weißen die guten Wilden ausrotten. Soweit könnte man Weinland einen naiven Aufruf gegen den Imperialismus unterstellen; aber am Schluß des Buches hat die alte Seherin der Aimats noch eine Vision: Sie sieht die Rächer kommen, mit blauen Augen und blonden Haaren, "das wahre Volk der Sonne"(75). Ethnologisch gesehen ist dies purer Unsinn, aber aus nationalistischer Sicht werden die blonden, germanischen Deutschen zu Rächern der Aimats an den Franzosen , den keltischen Nachkommen der Kalats.

Ausdruck bürgerlicher Butzenscheibenromantik sind Julius Wolffs Romane "Der Sülfmeister"(1883) und "Der Raubgraf"(1884). Stolze Ritter, trutzige Bürger, Schlachtengetümmel und Liebesgeschichten gaukeln dem Leser ein idyllisches Mittelalter vor. Ein Kriegzug
wird zum Schauspiel und der Heldentod zur theatralischen Rührszene:
Das vereinigte Heer <...> bot ein jedes kriegerisches Herz erfreuendes Schauspiel. Speerfähnlein flatterten,Stahlhauben und Blechschienen blitzten, Waffen klirrten, Ketten und Eisenringe rasselten an den Panzern, Riemenzeug knarrte und Schnauben und Hufschlag tönten.
<...>
Das Fähnlein Fußknechte hatte ihn mittlerweile erreicht und blieb nun um des Weges Breite von ihm entfernt flüsternd stehen in scheuer Ehrfurcht vor dem tiefen Schmerze ihres heldenhaften Gebieters, den sie noch niemals so gesehen hatten.(76)
Daß diese kitschigen Träume auch mit konkreten Gesellschaftsvorstellungen verbunden sind, zeigt der "Sülfmeister" unverkennbar. In Lüneburg verjagen die von Agitatoren aufgehetzten Zünfte den Stadtadel. Um die chaotischen Zustände in der Stadt zu beenden, hilft der Sülfmeister, obwohl selbst Zunftmitglied, durch einen Putsch die alte Ordnung wieder herzustellen, bei der sogar eine Mitbestimmung der Zünfte abgelehnt wird.

Im Roman "Der Raubgraf" löst Wolff die Konflikte zwar nicht ganz so eindeutig, demonstriert dafür aber um so deutlicher seine Ansicht von Geschichte. Albrecht II. von Regenstein, der Raubgraf, kämpft gegen die nach Unabhängigkeit strebende Bürgerschaft von Quedlinburg(77). Nach hartem Kampf unterliegt er dem Bündnis der Bürger mit dem Bischof von Halberstadt. Am Ende schlägt Wolff noch kurz den Bogen zur Gegenwart: Was von seiner Geschichte geblieben sei, seien ein paar eindrucksvolle Ruinen, die Errichtung des Fürstentums Halberstadt und die Legende vom Raubgrafen, die im Volksmund weiterlebe. Von Quedlinburgs Entwicklung erfährt der Leser nichts; Stadt und Bürgertum haben ihre einzige Funktion als Kulisse des gräflichen Schicksals.

Alle drei Autoren vertreten ein ausgesprochen ahistorisches Geschichtsbild, das weder historische Entwicklungen zuläßt, noch die zeitliche Distanz der Epochen anerkennt. Der direkte Bezug von längst vergangenen, teilweise fiktiven Ereignissen auf die Gegenwart macht die oft aufwendigen Kulturbeschreibungen zum bloßen Kostüm von Ewigkeitswerten. Dieses fortschrittsfeindliche Geschichtsdenken ist mit einer starken Obrigkeitsverherrlichung verbunden, die sich am unverblümtesten in Dahns Königsgeschichte der Goten äußert. Während Wolffs Romane noch keine ausgesprochen chauvinistischen Tendenzen enthalten, ist bei Weinland der Konflikt zwischen Deutschen und Franzosen schon seit vorgeschichtlichen Zeiten festgelegt. Dahns "Kampf um Rom" enthält eine schematische Freund-Feind-Unterscheidung: Hier wird nur noch zwischen den Guten, den eigenen Leuten, und den Schlechten unterschieden. Ob dieses Feindbild mit Katholiken oder Franzosen besetzt wird, bleibt dem Leser überlassen.

© Frank Westenfelder


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