IV.8.2. Völkische Romane

Die Tradition des völkischen Bauernromans setzen nach Kriegsbeginn zwei erfolgreiche Romane fort: Berchtold Gierers " Geschlechter am See"(1940) und Hans Leips "Das Muschelhorn" (1940). Beide verfolgen die Entwicklung einer Familie über mehrere Generationen und orientieren sich schon damit wesentlich mehr an bürgerlichen Entwicklungsroman als an der NS-Epik.

Gierer erzählt in seinem Roman ausführlich vom Leben verschiedener Bauerngeschlechter gegen Ende des 14.Jahrhunderts am Bodensee. Das Leben der Bauern ist hart, immer mehr geraten sie in Abhängigkeit der großen Landesherrschaften, besonders der Klöster. Nach und nach verschwinden die letzten Freibauerngeschlechter. Gleichzeitig verarmt der Ritterstand, der nur noch durch Raub und besonders harte Ausbeutung der Bauern überleben kann. Aber auch so ist das Ende abzusehen. Kraft und Entwicklung findet sich nur in den Städten, die zunehmend wirtschaftliche und politische Macht erlangen. Viele Bauern ziehen in die Stadt, um dort als Handwerker ein besseres und freieres Leben führen zu können.

Während Gierer mit den Episoden einzelner Familiengeschichten diesen historischen Hintergrund zeigt, greift er immer wieder auf die Geschichte der Familie Schüer (oder Schürer) zurück. Sie ist Opfer der politischen Situation, die sie nicht beeinflussen kann, von der sie vielmehr bestimmt wird. Johann Baptist kann seine erste Geliebte nicht heiraten, da sie Hörige ist und er dadurch seinen Freibauernhof verlieren würde. Sein Leben ist bestimmt vom Kampf um die immer geringeren Rechte der Bauern und seiner Verbitterung gegenüber der Kirche. Er versucht deshalb, ohne "ihren Herrgott" auszukommen und sucht nach einem eigenen, einem "Baurenherrgott"(613). Sein Sohn Veit geht in die Stadt, wird ein bekannter Waffenschmied und verliert dabei jeden Kontakt zu Land und Familie. Veits Sohn Adam nennt sich dann, weil ihm seine Herkunft völlig unbekannt ist, Schwertfeger. Angeekelt von den politischen Auseinandersetzungen und der Weltlichkeit des Klerus, zieht er sich mit seiner Familie auf einen einsamen Bauernhof zurück. Weil er nie die Kirche besucht, wird er als Ketzer verdächtigt und sein Hof von Mönchen mit der Pest verseucht, die er als einziger überlebt. Im letzten Kapitel zieht er, der letzte männliche Nachkomme Johann Baptists, einsam durch die Länder. Den Klerus verachtet er wie "die Götter der Welt":

Sie nutzten die Geschöpfesangst der Geknechteten und liefen wie eine Meute feiger Hunde vor den Hetzrufen ihrer Priester. Sie wurden in güldene Käfige gesperrt. Davor standen Prediger und redeten von ihrer Schönheit und Kraft. Sie flüsterten dem Siechen in Herz und Seele ein, wie er den Nachbar verleumden, und dem Habgierigen, wie er ihr, der Götter Reich und seinen Beutel füllen könne.(614)
Veit spricht nur "mit dem Gott in seiner Brust", den er selbst geschaffen hat(615). Seine ganze Liebe gilt den Kindern, die er unterwegs trifft, in manche "versenkte er die Hoffnung", da er weiß, daß es für ihn selbst zu spät ist(616).

Durch die Sippengeschichte, die Feindschaft gegen die Kirche und die Beschreibung des bäuerlichen Lebens als ewiges Werden und Vergehen belegt der Roman die völkische Position des Autors (617). Andererseits fehlen dem Roman wesentliche nationalsozialistische und radikalvölkische Inhalte. Er enthält keinerlei rassistische Anspielungen, viele positive Figuren haben dunkles Haar, Judenverfolgungen werden wie Hexenverfolgungen mit dem Aberglauben des Volkes erklärt(618). Nationale und heroische Parolen fehlen völlig. Krieg und Kampf sind lediglich eine Bedrohung für die Existenz der Bauern.

Gierers Protagonisten wollen ihre ökonomische Unabhängigkeit erhalten und ihr persönliches Glück verwirklichen. Dabei werden sie Opfer des historischen Territorialisierungsprozesses. Den Bauern bleibt nur der Weg in die Abhängigkeit oder die Flucht in die Stadt, die mit dem Verlust der Tradition und dem Zerfall der Familie bezahlt werden muß. Auch die Möglichkeit eines heroischen Aufstandes wird nicht gezeigt - Gierer hätte dazu den Roman nur einige Jahrzehnte später spielen lassen müssen -, dazu sind die politischen Verhältnisse zu festgefügt. Am Ende des Romans steht der letzte kinderlose Enkel, dessen Hoffnung auf die noch ungeborenen Kinder kaum den Niedergang der eigenen Familie und des ganzen Bauernstandes überspielen kann.

Leips Roman "Das Muschelhorn" erzählt vom Niedergang der friesischen Familie Abdena. Die Abdena stammen angeblich von geflüchteten Stedingern ab und haben es als erfolgreiche Seeräuber zu einer bedeutenden Position unter den friesischen Häuptlingen gebracht. Die Handlung beginnt mit Imel Abdena, der mächtig und wohlhabend auf seinem burgartigen Hof an der Emsmündung residiert. Er fährt nicht mehr, wie noch sein Vater, zur See, sondern versorgt die Piraten auf Helgoland und handelt mit deren geraubten Gütern. Dieser Prototyp des nordischen Menschen (619) begibt sich in maßloser Selbstüberschätzung an Bord eines hamburgischen Schiffes, wird entführt und stirbt nach 24-jähriger Haft. Sein buckliger Sohn Dirik geht mit Sebalda, Imels zweiter Frau, nach Hamburg, um den Vater freizukaufen. Nachdem er jedoch vergeblich alles Geld ausgegeben hat, bleibt er als Schiffszimmermann in Hamburg und heiratet Sebalda. Beide führen ein äußerst ärmliches Leben, vom Ruhm und Reichtum der Abdenas ist ihnen nur ein Muschelhorn geblieben, das der letzte seefahrende Abdena aus Spanien geschickt hatte. Diriks Sohn Lambert bringt es in der Zunft zum Meister und wird ein angesehener Bürger, während Dirik selbst wegen eines unbedeutenden Diebstahls die Stadt verlassen muß. Der Höhepunkt erreicht die Verbürgerlichung der Abdenas mit Lamberts Sohn Bojer. Hochbegabt erlernt er die Schnitzkunst und wird durch seine Gallionsfiguren, die er in einem eigenen großen Betrieb anfertigt, reich und berühmt. Danach folgt rasch der Niedergang. Bojers unehelicher Sohn Alfonso wird Pirat und ertrinkt beim Versuch, seine Beute zu verstecken; seine Tochter geht wahnsinnig ins Meer. Bojer, der letzte und begabteste seines Geschlechts, wird sehr alt und verbringt seine letzten Jahre als Leuchtturmwärter.

Die Familiengeschichte handelt also von der Entwurzelung und Verbürgerlichung eines nordischen Krieger- und Bauerngeschlechts. Bezeichnend für den Roman ist, daß die großen friesischen Häuptlinge, die Ahnen der Abdenas, nur noch in Geschichten und Legenden auftauchen. Imel, der letzte von ihnen, ist nur noch Hehler und Händler und wird deshalb von der monopolistischen Konkurrenz beseitigt:
Störenfriede, Zweifler und Eigenbrötler sind schlechte Abnehmer von Massengütern. Um sie auszumerzen wird kein Unrecht gescheut, aber die Macht der Verteiler, die so Preise als Stempel verwalten, stempelt Unrecht um zu Recht. (620)
Imels Schicksal ist eigentlich nur die Vorgeschichte, der Großteil der Handlung spielt in Hamburg, was von Leip zu ausführ- lichen Beschreibungen des Stadtlebens und der Arbeitswelt benützt wird. In der Stadt vollzieht sich in dem Künstler Bojer dann auch die "Vollendung" der Abdenas; er ist Höhe- und Endpunkt seines Geschlechts.

Was den Roman von der völkischen Literatur unterscheidet, ist neben der Bevorzugung der Stadt seine sachliche, oft leicht ironische Sprache, die den Leser immer von den Protagonisten distanziert und auf deren subjektive Weltsicht verweist. Der vom hanseatischen Kaufmannsgeist geprägten Zeit scheint es angemessen, wenn Leip auf die "blutige Mehrarbeit" und die "größeren Unkosten" einer Enthauptung hinweist oder die Inquisition in Portugal als "wachsende Nachfrage nach Ketzerfackeln" bezeichnet (621). Ebenfalls leicht ironisch beschreibt er die oft heroisierten Landsknechte als "arme Heckenvögel und Sonnenbrüder, die nach der freien friedlichen Landstraße sich zurücksehnten, ohne Neigung, für großer Herren Ehrgeiz ihr bißchen Blut verzapfen zu lassen"(622). Im Kontext der völkischen Literatur ist ebenfalls außergewöhnlich, daß Sebaldas lebhaftes und erotisches Wesen positiv von der "schwerblütigen Blondheit" der Friesinnen abgehoben wird. Voll Spott beschreibt Leip diese "nordischen" Frauen als unerotische "rosige dralle Riesinnen" (623). Lambert ist unter rassischen Gesichtspunkten ein Mischling (624).

Kennzeichnend für die Romane Gierers und Leips ist, daß in ihnen weder der Höhepunkt noch der heroische Untergang stolzer Bauerngeschlechter geschildert wird, sondern hauptsächlich deren letzte, bereits verbürgerlichte Nachkommen, die in besitzloser Einsamkeit enden. Diese Entwicklung hängt mit historischen Monopolbildungen zusammen - bei Gierer der Landesherrschaft und bei Leip der Hanse -, die in beiden Romanen die Verbürgerlichung bewirken, die aber auch nicht als positiver Prozeß beschrieben wird. Bei Gierer ist ein stärkerer völkischer Einfluß spürbar, da sein Protagonist die Rückkehr aufs Land versucht, aber auch dort von der Macht der Kirche eingeholt wird. Leip entscheidet sich für die Stadt, dort findet der letzte Abdena die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, aber auch sie wird mit dem Ende des Geschlechts und dem Zerfall der Familie bezahlt(625). Beide verzichten auf politische Anspielungen auf die Gegenwart und NS-Ideologeme, wie Führerverherrlichung, Ostimperialismus und Heroismus.

Wesentlich ist jedoch, daß die Romane 1940 erschienen sind, als das Dritte Reich mit einer erfolgreichen Expansion begonnen hat. Sie entsprechen in wesentlichen Elementen dem "Dekadenzroman" der Weimarer Republik. Rolf Geissler hat in seiner Arbeit "Dekadenz und Heroismus" der am Muster des Entwicklungsromans festhaltenden völkisch-nationalen Literatur den "Dekadenzroman" als moderne Reaktion auf Massengesellschaft, Sinnzerfall und Geschichtspessimismus gegenübergestellt. Nach Geissler hält der "Dekadenzroman" formal am Schema des Entwicklungsromans fest, allerdings indem er "Entwicklung nicht als Aufstieg, sondern als Abstieg" versteht, "eine Umkehrung der Gerichtetheit der Entwicklungsromane" (626). Neben der Bevorzugung der Familiengeschichte nach dem Muster der Buddenbrooks finden sich noch andere Übereinstimmungen: Ausführliche Darstellung des Alltags, Verzicht auf einen überragenden Helden (627), Ohnmacht des Helden, Funktion des Zufalls, Zerfall der Handlung ins Episodische - besonders bei Gierer - und Sinnzerfall(628).

Die Romane von Gierer und Leip können also durchaus als "Dekadenzromane" bezeichnet werden. Daß der Zerfall der Gesellschaft 1940 nicht im Zeitroman beschrieben werden kann, versteht sich von selbst. Die Autoren wollten wohl keine bewußte Kritik am Dritten Reich formulieren, sondern ein unbewußtes Unbehagen zum Ausdruck bringen. Dieses Unbehagen findet bei den Lesern größere Resonanz als viele vom nationalsozialistischen Literaturbetrieb empfohlene Machwerke. Die ablehnende Reaktion auf die Realität des Dritten Reichs ist in beiden Romanen viel grundlegender und äußert sich deshalb auch in einer anderen literarischen Form als in den Romanen von Bergengruen und Klepper, die sowohl sprachlich wie formal große Gemeinsamkeiten mit der nationalsozialistischen Epik haben. Während von der "Inneren Emigration" oft nur einzelne Auswüchse am imperialistischen Machtstaat kritisiert werden, führt bei Gierer und Leip die Macht immer zum Untergang von Tradition, Familie und Individuum. Trotz der politischen Abstinenz wird die Handlung nicht heilsgeschichtlich verbrämt, sondern unterliegt sozialen Veränderungen. Läßt man also die persönliche Intention der Autoren außer acht und betrachtet die beiden Romane lediglich im Kontext der anderen, während des Dritten Reichs erschienenen historischen Romane, so sind sie inhaltlich und formal eine wesentlich adäquatere Reaktion auf die gesellschaftliche Realität als die Romane der "Inneren Emigration".

© Frank Westenfelder


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