III.3. Der Mythos von der deutschen Seele

Neben den Erklärungsversuchen sozialer Konflikte wird der historische Roman von einem weiteren Thema beherrscht: dem Versuch die deutsche, idealistische Seele gegen den rationalen, materialistischen Verstand abzusetzen. Die "Abwendung vom Zivilisatorisch-Rationalem" ist allerdings ein derartiges Charakteristikum der Zeit, daß selbst bürgerlich-liberale Autoren davon beeinflußt sind(55). Rein ideengeschichtlich läßt sich dieser Irrationalismus zwar bis zur Romantik zurückverfolgen, hat aber seine wesentlichen Quellen in den kulturkritischen, neuromantischen und völkischen Strömungen um die Jahrhundertwende, wo seine wesentlichen Ideen schon ausgeformt sind. Seine vehemente Wirkung und Radikalisierung nach 1918 erklärt sich sich jedoch nur aus der Niederlage und dem damit verbundenen Wertezerfall, die das konservative Bürgertum zu einer regelrechten "Flucht in den Mythos" veranlassen(56).

Im Nachkriegsdeutschland hat der Mythos auch eine enorme Trostfunktion. Die schon im Kaiserreich beim Bildungsbürgertum beliebte Methode, politische Impotenz mit Seelentiefe zu kompensieren, kann jetzt von einer ganzen Nation angewandt werden. Mittels Geist und Seele will man sich noch einmal über die materialistisch-rationalistischen Systeme in Ost und West erheben. Die Gegnerschaft zum Rationalismus gilt als einzige unumstrittene Definition des Konservatismus(57).

Das konservative Bürgertum reagiert damit auch auf den schon vorher als bedrückend empfundenen und durch den Weltkrieg noch einmal beschleunigten Modernisierungsprozeß - vor allem auf Urbanisierung, Monopolbildung, Industrialisierung und Säkularisation. Eine der ersten Reaktionen ist ein stark zunehmendes Religionsbedürfnis, das vor allem dem Katholizismus zugute kommt (58). Daneben gewinnen auch jede Menge christlicher Erneuerungsversuche sowie Okkultismus und Spiritismus an Einfluß. Bei der Darstellung deutscher Seelentiefe greift man auch im historischen Roman auf beliebte Vorkriegsmotive zurück: die deutsche Mystik und den Gott- bzw. Gralssucher, in denen sich angeblich der deutsche, rastlose, faustische Geist manifestiert. Nun werden jedoch heroische und nationalistische Aspekte stärker betont. Die Behauptung Rosenbergs: "Meister Eckehart und der graue Held unter dem Stahlhelm sind eins und dasselbe" ist nur die konsequente Fortsetzung dieser Gedanken(59). Wertezerfall und Säkularisation versucht man durch das bewußte Einsetzen von Mythen zu überwinden: "Die Mythosbesessenheit der Konservativen Revolution trägt alle Zeichen einer Religion des Als-ob.<...> so will auch der konservative Revolutionär den Nihilismus durch Glaubensneuschöpfung überwinden"(60).

Am wichtigsten wird der Mythos vom Volk und dessen biologischer Substanz, dem Blut. Der Irrationalismus weiß sich nur noch mit pseudo-wissenschaftlichen Prothesen zu behelfen. Die Volksvergötzung wird für weite Kreise zum Religionsersatz(61). Der einzelne löst sich auf, wird zum Teil eines Überorganismus, Glied einer endlosen Ahnenkette, die als Erbanlage in ihm fortlebt. Mit seinem Tod geht das Individuum in der mythischen Volkssubstanz auf.

Da Begriffe wie Seele, Mythos und Volk in der Weimarer Republik von den unterschiedlichsten Gruppen benutzt werden, ist es notwendig zu differenzieren. Vor allem ist zu unterscheiden, ob völkisch-nationale Ideen nur religiös verbrämt werden oder ob aus einer neuromantischen Tradition heraus, ein Rückzug in religiösinnerliche Bereiche stattfindet. Typisch für die Anfangsphase der Republik sind die völkisch-nationalen Interpretationen der deutschen Seele, während die bekannteren, eher neuromantischen Romane erst in den späteren Jahren erscheinen(62).

Eine Zwischenstellung nimmt Diehls "Suso"(1921) ein. Bei Diehl steht zwar die christliche Religion und das persönliche Leiden und Ringen des mittelaltlerlichen Mystikers Heinrich von Seuse im Vordergrund, es tauchen jedoch auch eindeutig kulturkämpferische Ideen auf(63). Die mystische Seelentiefe gilt als etwas typisch Deutsches, "als doch der Deutsche an reinem seelischen Empfinden, an tiefem Gemüt hoch über allen anderen Völkerschaften der Welt dasteht"(64).

Als ein Paradebeispiel des völkischen Seelenromans gilt Erwin Guido Kolbenheyers Paracelsus-Trilogie (1917 - 25)(65). Es interessieren hier besonders zwei Fragen: die nach dem völkischen Gedankengut und die nach der Spannung zwischen Volk und Individuum, wie es der Kernproblematik des Romans entspricht. Kolbenheyer beschreibt mit dem Muster des Bildungsromans das Leben des Arztes Paracelsus zur Reformationszeit. Die Dreigliederung, die das grundlegende formale Prinzip des Romans ist (66), unterstreichen die einleitenden Kapitel der drei Romanteile, in denen die Problematik allegorisierend dargestellt wird. Im ersten, "Einaug und Bettler", trifft der rastlose Wanderer Odin auf der schwäbischen Alb den halbverhungerten, frierenden Christus. Dieser ist der in Dogmen erstarrten, südlichen Religion entwichen, um am aufbrausenden, deutschen Herzen wieder stark zu werden:

Mich durstet nach Herzenslaut und Muttersprache. Sie haben mich so tief in das gläserne Latein egraben, daß mir die Auferstehung und die Flucht schwer geworden ist."(67)
Odin, der schon lange vor ihm da war, warnt ihn leicht höhnisch vor diesem Volk, "das keine Götter hat und ewig verlangt, den Gott zu schauen"(68); doch er zeigt ihm auch den frischgeborenen Luther und das sich andeutende Aufbrausen der germanischen Seele.

Ihr nächstes Treffen leitet den zweiten Teil ein. Odin sucht Christus auf, der inzwischen stark und satt geworden ist am seelischen Hunger der Deutschen. Christus triumphiert, doch Odin sagt ihm, daß der Hunger, der ihn genährt hat, von ihm sei(69). Sie ringen miteinander um das inbrünstige Herz Luthers und trennen sich unentschieden. In der letzten Begegnung, "Requiem", findet Odin den toten Christus in Augsburg nach dem Religionsfrieden. Die Festlegung des Protestantismus auf Lehrsätze hat ihn wieder getötet, und Odin weiß, daß er ein drittes Mal die Kraft zur Auferstehung nicht finden wird(70). Er nimmt den Leichnam und versenkt ihn im ewigen Eis der Alpen. Die Deutschen können keine Götter haben, aber ihn - als die "ewige Sehnsucht"- müssen sie leben, das zeichnet sie als Volk der Mitte vor allen anderen Völkern aus:
Mittag und Mitternacht, der Abend und der Aufgang gießt seiner Völker Haß und egierde auf dieses Volk der Mitte, das auch das Volk der Blutesmitte ist, da gleichermaßen nentkeimtes Leben,nachdrängend von tausend Geschlechtern her, in ihm selbstverschlossen zur lüte treibt, als weitentfaltet, offenbart schon eine Blütenlast zu Frucht und Samen will. Andere Völker werden rascher alt und klar,folgen ihren toten Göttern ins Nichts. Dieses Volk muß steigen und fallen wie Ebbe und Flut, wie Tal und Gipfel, und es ist kein Fall so tief, daß dieses Volkes Sehnsucht sich nicht höher aus dem Grund erhöbe, als aller Völker Sehnsuchtstraum reicht (71).
In Kolbenheyers organischem Geschichtsbild gilt die Reformation als ein erneuter Aufbruch der germanischen Seele, in der sich das Volkstum manifestiert. Das "Dritte Reich" des Paracelsus ist ein geistiges(72); historische Vorgänge leiten sich von geistigen Strömungen ab, die allerdings als biologisch determiniert gelten. Kolbenheyer leistet eine pseudomaterialistische Absicherung von Geistesgeschichte(73), indem er diese biologischen Konstanten einfach postuliert und dann mit der Geistesgeschichte belegt. Dabei gilt die christliche Religion als etwas Artfremdes, das den Deutschen aufgezwungen wurde und von sie sich in immer neuen Anstrengungen frei zu machen haben. Dieser Kampf ist von der Mystik über die Reformation bis in die Gegenwart immer derselbe(74).

Kolbenheyer vertritt einen vulgären Pantheismus, indem er versucht, die biologische Substanz des Volkes zur Gottheit zur erheben(75). Odin ist kein Gott, sondern das Symbol der deutschen Sehnsucht: "Ich bin nichts als ihrer Sehnsucht Spiegel"(76).

Wegen der zentralen Bedeutung des Volksbegriffs stellt sich die Frage nach der Beziehung Individuum - Volk. Zur Darstellung der seelischen Qualitäten des deutschen Volkes benützt Kolbenheyer die Form des Bildungsromans. Der erste Band stellt Paracelsus` Kindheit und Jugend dar, der zweite sein Leben als bedeutender Arzt und der dritte die Vollendung als rastloser Wanderer. Immer wieder wird auf die blut- und schicksalhafte Verbindung der Generationen hingewiesen. Paracelsus wird zum Beispiel in dem Augenblick geboren, in dem sein Onkel, der ruhelose Landsknecht Jung-Ruodi stirbt. Jeder trägt seine Ahnen im Blut mit sich:
nd sie, in denen die Selbsteinsamkeit aufgebrochen ist, hören das heimliche Rauschen und wissen, aß sie den Laut von zahllosen Geschlechtern her in sich tragen,deren Sprache sie nicht mehr kennen, on deren Lust und Leid sie nichts mehr wissen, deren Staub längst verweht und gewandelt ist, deren Heimlichstes und Letztes doch noch lebt und aus ihnen aufbricht. Wessen Ohr dafür erwacht,der erfällt wie eine reife Frucht, er stirbt indem er lebt, und sucht Erdreich außer sich; er schüttet einen Samen.(77)
Paracelsus ist ein unverstandenes Genie, ein einsamer, faustischer Mensch(78). Deshalb stellt sich die Frage, ob sich der Bildungsroman zur Darstellung des Volkes und seiner Überindividualität eignet, da er ja gerade die Ichwerdung beschreibt. Kolbenheyer versucht dieses Dilemma zu lösen, indem der große einzelne als Exponent seines Volkes sich selbst opfert und damit zum Keim neuer Entwicklungen wird: "Das Genie ist nach dieser Auffassung eine Art von Winkelried, der sein Leben in die Schanze schlägt, um die erstarrten Fronten des Denkens aufzubrechen"(79).

Es mag sein, daß Kolbenheyer seine eigene Theorie für schlüssig hält, aber daß die neuere Sekundärliteratur sein Werk als antiindivualistisch durchgehen läßt, erstaunt(80). Rein verbal ist das Individuum völlig dem Volk untergeordnet; dabei zeigt sich die Sehnsucht des Intellektuellen nach Gemeinschaft. Da dieses Genie jedoch derartig überhöht und unverstanden ist, ist es selbst sein einziger Maßstab, und das Volk muß sich an seinen individualistisch-bürgerlichen Seinsproblemen orientieren. Das Genie ist als Ausdruck des Volkes zu nichts weiterem als zu seinem Individualismus verpflichtet.

Im Gegensatz dazu ist es, Ricarda Huch in ihrem Roman "Der große Krieg in Deutschland" gelungen, das deutsche Volk in zahlreichen Einzelbildern darzustellen. Selbst Kolbenheyers Pausewang kann gerade wegen seiner Mittelmäßigkeit noch als Repräsentant des Volkes gelten. Der NS-Literaturwissenschaftler Gumbel hebt den "Paracelsus" wegen seiner heroischen Sinnsetzung und seines faustischen Individuums gegen den "Pausewang" und Huchs Roman ab. Er bemerkt völlig richtig, daß Paracelsus vom Volk losgelöst ist. Die Lösung liegt für ihn, ganz im Kolbenheyerschen Sinne, in der Ähnlichkeit des Protagonisten mit Christus: "Es gibt da nur eines, Opfer und Hingabe"(81).

Neben der Steigerung vom Durchschnittsmenschen zum faustischen Übermenschen fließt im "Paracelsus" wesentlich mehr Gegenwartsideologie ein. So wird im Kapitel "Schwabenkrieg" der heroische Kampf der schweizer Bauern beschrieben, mit Winkelriedmotiv, Führertum und Volksgemeinschaft in der Schlacht. Dieses Kapitel steht allerdings mit der Handlung des Romans in keinerlei Zusammenhang, es ist vielmehr wie ein Versatzstück hineingeflickt, ebenso wie die Gedanken, die Paracelsus in einem ehemaligen Judenviertel befallen:
Dort wo das Fremdvolk genistet hatte <...>, das seine goldbeschwerten Fänge ins Gemeinwesen gestreckt hatte, bis endlich die halbe Stadt verbrieft und schuldzinsend auf den Papieren der regensburger Jüdischheit gestanden war.(82)
Ein "Volkssturm" hat diesem Unwesen ein Ende gemacht.

Der Angriff gegen westlich-rationales Denken liegt schon im Sujet: Paracelsus ist ein intuitiv suchender Naturheilkundiger, der seine junge germanische Kunst dann auch gegen die der alten Völker verteidigt. Dieses alte Bücherwissen ist für ihn lediglich ein "Würmerfraß"(83). Bei dieser Radikalisierung und Anhäufung völkisch-nationaler Ideologeme ist es nicht erstaunlich, daß der NS-Ideologe Alfred Rosenberg den "Paracelsus" als vorbildhaft in seinem "Mythus des 20.Jahrhunderts" erwähnt(84).

Ebenfalls mit der deutschen Seele befaßt sich Wilhelm Schäfers geschichtsmythisches Werk "Die dreizehn Bücher der deutschen Seele"(1922). Schäfer interessiert sich nicht für individuelle Probleme und gibt deshalb die Romanform völlig auf. Um sein Volk mystisch in der eigenen Geschichte zu versenken, orientiert er sich in Sprache und Aufbau an der Bibel. Am auffälligsten ist dies beim ersten Buch - "Das Schuldbuch der Götter"-, das der Stellung der Bücher Mose entspricht; ein Buch nennt er sogar "Das Buch der Könige. "Das Buch der Zwietracht" erinnert an die Teilung Israels und das letzte - "Wiederkunft" - an die Johannesoffenbarung. Aber auch die germanischen Mythen werden eingearbeitet. Die beiden letzten Bücher - "Menschendämmerung" und "Wiederkunft" - lehnen sich noch stärker an die Völuspa als an die Johannesoffenbarung an.

Schäfer will mit seinem Buch seinem "Volk in seiner bitteren Geschlagenheit Trost bringen"(85). Seine Beziehung zur Geschichte wird in den Rahmenkapiteln "Eingang" und "Ausgang" deutlich. Er möchte zu den unbewußten Tiefen der Seele vorstoßen, in denen alles Geschichtliche schicksalshaft vorhanden ist:
Die kreisenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin alles versank, was deine Gegenwart war, und alles vorbestimmt ist, was deine Zukunft sein wird.(86)
Am Ende spenden biologische Metaphern dem Menschen Trost, indem sie ihn zum Teil eines Größeren machen:
Deutscher, sei deiner Gegenwart tapfer, weil du Erbhalter bist größerer Dinge, als die an dem Tag hängen:Gutes und Böses will werden, wie Unkraut und Saat wird, und der Acker bist du.(87)
Schäfer beginnt mit dem "Schuldbuch der Götter", das "Er", der pantheistische Gott, einleitet, dann folgt ein Abriß der germanischen Göttergeschichte, um über die mit Heldensagen vermischte Geschichte der Völkerwanderung zur konkreteren deutschen Vergangenheit überzugehen. Deren Interpretation erfolgt von einer kleindeutsch-preußischen Position aus. Schäfer verurteilt die Italienpolitik der deutschen Kaiser, die katholische Kirche und Habsburg. Positiv beurteilt werden dagegen Ostkolonisation, deutsche Mystik, Reformation, Preußen und Bismarck. Im "Schuldbuch der Menschen" bezichtigt er "die goldene Spinne", den "schwarzen Verrat" des katholischen Habsburg und vor allem "die rote Zwietracht" als Hauptschuldige der Niederlage im Weltkrieg. Im Schlußkapitel kehrt dann auch nicht Baldur wieder, sondern Deutschlands Größe, aus der Kraft seines Leidens, seines Gangs nach Golgatha und seiner Seelentiefe. Schäfer faßt hier noch einmal sämtliche konservativen Topoi zusammen:
Das Land der Mitte zu heißen, ist Deutschlands Geschick, zwischen Versailles und Moskau liegen die Gräber seiner gefallenen Söhne, zwischen Versailles und Moskau liegt seine kommende Not.
Die rote Zwietracht reißt seine Hoffnung nach Osten, die goldene Spinne im Westen saugt ihm sein Blut; was es der einen läßt, muß es der anderen nehmen: So ist es noch einmal
das Schlachtfeld der Welt.
Denn nun kann nicht Frieden auf Erden gesungen sein, als bis das dritte Reich kam; aber das dritte Reich wird keinem der Völker gehören, die Menschheit wird sein Herrscher und Untertan heißen.
Die Menschheit will werden, aber sie kommt nicht mit Lorbeer und Psalmen: Gewalt muß Gewalt bezwingen, ein Meer von Blut muß den Abgrund ersäufen, daraus sie geboren sein will.(88)
Wie ernst es Schäfer mit dem Wohl der Menschheit ist, ist nach diesen blutrünstigenn Phrasen jedoch sehr zweifelhaft. Seine zyklischen Geschichtsvorstellungen kommen nicht nur in Metaphern wie "Saat" und "Ebbe und Flut" zum Ausdruck , sondern auch in der geschlossenen Form des Buches, das am Ende mit der Wiederkehr Deutschlands den Kreis zum religionsgeschichtlichen Anfang zu schließen versucht. Das Volk wird zum Ersatz der verlorenen Götter. Nach dem Sündenfall in Form von Egoismus und Zwietracht kann für Schäfer die Erneuerung nur aus den seelischen Tiefen des Volkes kommen.

Im Gegensatz zu Kolbenheyer sucht Schäfer den Zugang zur deutschen Seele nicht in Form einer Biographie eines überragenden Genies, sondern im Geschichtsmythos des deutschen Volkes. Dabei nehmen Könige und Fürsten einen breiten Raum ein, auch den Dichtern und Denkern werden als Geistesheroen ganze Abschnitte gewidmet. Das Volk beschreibt Schäfer besonders ausführlich im "Buch der Bürger". Dieses Buch enthält einzelne Kapitel zum Rittertum, zur Hanse, zu den Reichsstädten und den Bauern. Bemerkenswert ist, im Kontext der völkischen Literatur, daß Schäfer das Volk unter dem Begriff des "Bürgers" zusammenfaßt. Er steht damit mehr in einer konservativen, zumindest nicht radikal-völkischen, Tradition. Dem entspricht auch seine Idealisierung des Volkes, von dem jeder Stand für sich beschrieben wird, wobei das Mittelalter den passenden historischen Hintergrund abgibt.

Noch stärker als Kolbenheyers Paracelsus-Trilogie ist Hans-Friedrich Bluncks "Urvätersaga"(1926-28) von der völkischen Blut- und Boden-Ideologie geprägt. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine Trilogie, deren einzelne Teilromane sich immer weiter in die Vorgeschichte und den Mythos zurückbewegen(89). Der erste Roman, "Streit mit den Göttern"(1926), spielt in der germanischen Bronzezeit, der nächste, "Kampf der Gestirne"(1926), in der Jungsteinzeit und der letzte, "Gewalt über das Feuer"(1928), beschreibt den Übergang von der Urhorde in die Epoche der Altsteinzeit. Eine Absicht des Autors ist es, den Anfang der deutschen Geschichte um einige tausend Jahre vor der Schlacht im Teutoburger Wald festzulegen(90); allerdings nicht in Form einer belletristischen Geschichtsschreibung, die Geschichte selbst soll zum Mythos werden. Die NS-Literaturwissenschaft bescheinigt Blunck, daß er die Wandlung vom "Psychologischen zum Heroischen, vom wissenschaftlichen Relativismus zum schöpferischen Glauben vollzogen hat"(91).

Im ersten Roman wird Wieland der Schmied zum Gottsucher uminterpretiert, der sich in Schuld verstrickt, dann aber wegen seines heroischen Fluges von den Göttern wieder in Gnade aufgenommen wird. Wie wenig die Vorstellungen von Schuld und Sühne mit der germanischen Religion zu tun haben, wurde schon von Meyer-Bensey festgestellt, wie auch die Einarbeitung der Prometheussage. Er weist auch daraufhin, daß Blunck selten eine Idee oder ein Motiv durchhält, sondern diese, je nach Bedarf, aufgreift oder fallen läßt(92). Stellt sich noch die Frage, was dieser fliegende Gottsucher überhaupt mit Geschichte zu tun hat, denn offensichtlich wird ja die konservative Nihilismusproblematik auf banalste Weise zum germanisch-völkischen Mythos seit Urzeiten erklärt.

Bluncks nächster Roman "Kampf der Gestirne" wendet sich mehr der Kultur- oder besser gesagt der Kultgeschichte zu. In einer jungsteinzeitlichen Megalithkultur kämpfen die Verehrer der Sonne gegen die des Mondes. Kult und Kampf manifestieren sich in den beiden Führern, die im mystischen Einzelkampf über Religion und Schicksal der Völker entscheiden. Bluncks Sprache offenbart die religiös-pathetische Überhöhung des Führerkampfes:
Nur der Glaube war größer bei Ull, dem König, und sein Mitleid mit den führerlosen Völkern war stärker als Golls Kraft aus der mondhellen Nacht. Er würgte Goll und überwand ihn, als das erste Frührot im Osten stand.(93)
Ull nimmt den Namen Diuvis an und nennt seine Tochter Ostara, was auf spätere indogermanische Gottheiten hindeutet(94). Religion ist somit nichts schon vorhandenes, sondern entsteht durch die Gottwerdung der Führer. Ull zieht aus, um die Sonne zu finden; diese nutzlose, aber heroische Tat wird für ihn sinnstiftend. Seinem Volk zwingt er den Sonnenkult auf und läßt es Tempel errichten. Der Führer schafft seine eigene Religion, die damit auch für das Volk verbindlich ist. Einige Generationen später wird er selbst als Gott verehrt werden. Blunck beschreibt diesen Vorgang nicht analytisch, er versucht selbst, diesen Mythos zu schaffen.

Der Höhepunkt - die Bezeichnung "Gipfel" wäre angebrachter - von Bluncks Gottsuchertrilogie ist der dritte Roman "Gewalt über das Feuer". Der Mensch steht noch auf der denkbar niedrigsten Kulturstufe, die nach Blunck vom Matriarchat bestimmt wird. Eine Urhorde von Frauen, deren Männer nicht von der Jagd zurückgekehrt sind, findet einen schwerverletzten Mann und pflegt ihn gesund. Mit ihm beginnt der gesellschaftliche Fortschritt. Der Verletzte, Börr, entdeckt bzw. erfindet das Feuer, den Bogen, die Haustierhaltung, die Kunst, er erschlägt den Berglöwen und stellt damit den Menschen über das gefährlichste Tier, dann führt er noch den Totenkult, die Einehe und natürlich das Patriarchat ein(95). Nur die Sprache und die Musik werden von Gott selbst verliehen, der zu dieser Zeit noch als "Mannwanderer" sichtbar über die Erde wandelt.

In Bluncks Trilogie geht es nicht um die Darstellung von Geschichte oder gar von historischen Prozessen. Blunck taucht in die mystischen Tiefen der germanisch-deutschen Seele; der einzige Archetypus, den er dort entdeckt, "ist der des Kriegers"(96), und der ist unverkennbar von Nihilismus und Weltkriegserfahrung geprägt. Obwohl das Volk immer wieder beschworen wird, ist es selbst doch völlig unwichtig. Im ersten Roman kommt es gar nicht vor, im dritten als weibliche Urhorde und im zweiten als Masse, die die Führer und deren Götzen verehren darf. Die Konzentration ganzer kulturgeschichtlicher Epochen auf eine einzige Person läßt sich nur mit einer generellen Verachtung der Masse - des Volkes - erklären.

Trotz des vielen Geredes von Seele und Gott reagieren Kolbenheyer, Schäfer und Blunck auf den Säkularisationsprozeß und den Wertezerfall im zwanzigsten Jahrhundert. Mit einer Mischung aus christlichen und germanischen Mythen unternehmen sie eine religiöse Erneuerung. Während die germanischen Mythen als psychologische Archetypen die biologisch-naturwissenschaftliche Realität der völkischen Religion verbürgen sollen, liefern die christlichen Mythen eher den theoretischen Überbau mit dem Erlösungsgedanken durch Leid und Opfer. Eine Reaktion auf den Wertezerfall - die Wertsetzung - sind auch die Formbemühungen der Autoren und ihre religiös überhöhte Sprache. Diese Formbemühungen sind bei Blunck am geringsten ausgeprägt. Er versucht dann später diesen Mangel auszugleichen, indem er in seinem Versepos "Die Saga vom Reich" die drei Bücher der "Urvätersaga" einarbeitet, was von der NS-Literaturwissenschaft als die "Krönung" von Bluncks epischem Schaffen gefeiert und sogar mit der "Ilias", der "Göttliche Komödie", dem "Parzival" und dem "Faust" verglichen wird(97).

Die Bemühungen von Kolbenheyer, Schäfer und Blunck, im zwanzigsten Jahrhundert völkische Mythen zu erschaffen, haben für den historischen Roman unübersehbare formale Konsequenzen. Ganz aufgegeben wird die Romanform von Schäfer. Er orientiert sich an der Bibel und an der Edda, um einen deutschen Geschichtsmythos zu schaffen. Historische Ereignisse und Personen stellt Schäfer damit auf eine Stufe mit der Genesis oder den germanischen Göttersagen. Die Behandlung dieses Werks im Rahmen dieser Arbeit rechtfertigt sich nur durch seinen engen Zusammenhang mit den historischen Romanen von Blunck und Kolbenheyer. Blunck greift auf die nordischen Sagas zurück. Obwohl dabei noch so eine Art Roman zustandekommt, lassen seine Helden weder Individualität noch Entwicklung erkennen. Der von ihm beschriebene Typus des Kriegers und des Führers ist von Roman zu Roman austauschbar und bleibt so unpersönlich und farblos wie das im Hintergrund agierende Volk. Alle drei Romane Bluncks zeigen als Tryptychon große schicksalhafte Ereignisse aus der deutschen Frühgeschichte, inszeniert um denselben Führer, der dabei allerdings nur die vorbestimmte Rolle spielt.

Nur bei Kolbenheyer scheint die Romanform noch gegeben: Er zeigt Kindheit, Reifungsprozeß und Vollendung eines Individuums. Doch auch er greift zur religiös motivierten Form der Trilogie und verleiht seinen Protagonisten christusartige Züge. Neben dem Geniekult läßt sich aber gerade mit der Form des Bildungsromans Kolbenheyers bürgerlicher Individualismus belegen. Die Rückbindung des großen einzelnen an sein Volk ist reines Lippenbekenntnis, das seine Entsprechung in den, den einzelnen Romanen vorangestellten, mythischen Vorspielen findet, die für die Handlung völlig irrelevant sind. Die völkische Ideologie ist nicht aus dem Roman ersichtlich, sondern nur aus dem aufgesetzten Rahmen. Das von Hermeneutik und Historismus geprägte Geschichtsverständnis, das für den historischen Roman vor dem Weltkrieg typisch gewesen ist, haben alle drei Autoren verloren. Sie haben kein Interesse daran zu erzählen, "wie es war", sie verwenden im Gegenteil ihre ganze Energie darauf, Geschichte in den Bereich des Mythos zu entrücken, zu erzählen, wie es gewesen sein sollte. Der Zerfall des bürgerlichen deutschen Geschichtsbewußtseins läßt sich auch daran festmachen, daß Schäfer mit seiner völkisch-deutschen Bibel ganz auf die Romanform verzichtet, während sich Kolbenheyer und Blunck mit ihren Romanen von der Gegenwart immer weiter entfernen(98). Freytag hat noch die historische Weiterentwicklung der "Ahnen" beschrieben; bei Ganghofer ist die Geschichte zur Requisitenkammer verkommen; Blunck und Kolbenheyer stoßen dagegen zielgerichtet rückwärts vor.

© Frank Westenfelder


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