IV.1. DER HISTORISCHE ROMAN IM DRITTEN REICH

Vieles, was die historischen Romane der Weimarer Republik an Gegenbildern zur modernen Gesellschaft entworfen haben, versprachen die Nationalsozialisten zu ändern. Der historische Roman verliert als Medium somit 1933 seine oppositionelle Haltung und bekommt die Aufgabe zugewiesen, das neue Regime zu legitimieren. Mit dem Verlassen der Opposition werden jedoch die bisher verdeckten Gegensätze mit der nun selbst zu verantwortenden Realität konfrontiert. Der "Widerspruch von Wollen und Handeln, von antimodernem Selbstverständnis und objektiver Modernisierungsfunktion"(1) bestimmt jetzt die Politik, die Ideologie und auch die Literatur. Um diesen Widerspruch in den Romanen aufzuzeigen, die in der Mehrzahl die Wünsche und Sehnsüchte des bedrohten bürgerlichen Mittelstandes zu artikulieren, ist es notwendig kurz auf dessen veränderte soziale Situation einzugehen und die Grundzüge nationalsozialistischen Denkens, besonders die Vorstellungen von Geschichte und Moderne, darzustellen.

Nach der Machtübernahme sind die Nationalsozialisten zwar auf die Zusammenarbeit mit Reichswehr, Verwaltung und Industrie angewiesen, der Machtausbau, gegenüber den konservativen Koalitionspartnern, erfolgt jedoch sehr zielstrebig. Die neue Hierarchie gliedert sich meistens nach dem Führerprinzip, mit der obersten Instanz Adolf Hitler(2). Die neuere Forschung betont, daß dieses System keine monolithische Geschlossenheit zeigt, sondern von ständigen Kompetenzstreitigkeiten, regelrechten "Fehden" der einzelnen NS-Größen, gekennzeichnet ist(3).

Durch die wirtschaftliche Situation des Reichs ist gekennzeichnet durch ein gigantisches Rüstungsprogramm und durch Autarkiebestrebungen in der Ernährung und Rohstoffversorgung. Die Hauptnutznießer dieser neuen wirtschaftlichen entwicklung sind die Schwerindustrie und die chemische Industrie; aber auch unter der Arbeiterschaft gewinnt die NSDAP an Popularität, da ein deutlicher Rückgang der Arbeitslosigkeit spürbar wird - 1939 sind im "Reich" bereits 200 000 Gastarbeiter beschäftigt(4). Durch die zentrale Bedeutung der Großindustrie wird der bislang verteufelte Modernisierungsprozeß weiter beschleunigt. Der Trend zum Großbetrieb, Konzern, Urbanisierung und Proletarisierung des gewerblichen Mittelstandes geht jetzt verstärkt weiter. Vor allem der Mittelstand liefert die zusätzlichen Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie(5). Mit dem Reichserbhofgesetz und den Siedlungsprogrammen wird zwar der Umschwung zur völkischen Politik propagiert, man hilft damit aber nur einer relativ kleinen Gruppe von Bauern und unterstützt auch hier die Entwicklung zum Großbetrieb(6). Von den ganzen konservativen Mittelstandsforderungen wird keine richtig erfüllt, auch nicht die oft versprochene Auflösung der Warenhäuser. Ständestaatsideen werden zwar noch längere Zeit in der NS-Literatur behandelt, bleiben aber reine Propaganda(7). Genauso wächst die ersehnte "Volksgemeinschaft" nicht organisch zusammen, sondern wird technokratisch gleichgeschaltet. Die teilweise sehr förderalistischen völkischen und jungkonservativen Staatsvorstellungen von der Selbstverwaltung von Zünften und Gemeinden oder der relativen Autonomie einzelner Reichsteile müssen der Willkürherrschaft eines zentralistischen Staates weichen. Dafür eröffnen sich manchen Kleinbürgern, sofern sie rücksichtslos und intelligent genug sind, neue Karrieremöglichkeiten. Am auffälligsten deomonstriert das NS-Führerkorps selbst diese neuen Karrieren.Hans Dieter Schäfer weist darauf hin, daß von 1933 bis 1939 die Gesamtaufstiegsmobilität" doppelt so groß ist wie in den letzten sechs Jahren der Weimarer Republik(8).

Die immer wieder propagierte Volksgemeinschaft entpuppt sich als Verschleierungsideologie. Da sich der deutsche Faschismus real immer weiter vom Ideal einer ständische-kooperativen Gesellschaft entfernt, ist der Bauernstaat auch nicht mehr die zu realisierende Utopie; die Bauern sollen nur noch das "Menschenmaterial" für die kommenden Kriege abgeben und züchten. Selbst die so oft beschworene Familie wird unter diesen Zuchtaspekten rationalisiert, in der Extremform des "Lebensborn" ist die Verachtung der traditionellen Familie nicht mehr zu übersehen.

Die NS-Weltanschaung entfernt sich somit immer weiter von der völkischen Blut- und Boden-Ideologie, die zum ideologischen Versatzstück verkommt(9). Der zentrale Gemeinschaftsbegriff ist der der Rasse(10), der wesentlich aggressiver als der Begriff des Volkes verstanden wird. Mit ihm läßt sich das sozialdarwinistische Grundprinzip am leichtesten darstellen; an die Stelle der Völkergemeinschaft tritt der Rassenkampf. Die Rassenlehre liefert die zur Integration notwendigen inneren und äußeren Feindbilder und legitimiert gleichzeitig das Elitebewußtsein der "in-group":

Durch die nationalsozialistische Rassenlehre wurde das blaue Blut als arisches oder nordisches Blut gewissermaßen nationalisiert und eine Völkeraristokratie begründet, selbstverständlich als elitäre herrschaftsmission.(11)
Gemeinschaft und Führertum werden dem Volk mit Hilfe einer rein emotionalen Propaganda eingehämmert. Die Berufung auf den Irrationalismus als Erkenntnismethode ist somit grundlegend, da jede distanzierte, materialistische Analyse dieser Werte und der eigenen Lage unterbleiben muß(12). Der Unterschied zum Irrationalismus der Weimarer Republik besteht im wesentlichen im rationellen Gebrauch der neuen Möglichkeiten der Propaganda - Presse, Rundfunk, Schule und Parteitage -, die das Regime völlig ausschöpft. Dienst und Opfer für Volk und Führer steigert die Propaganda zum religiösen Akt(13). Auffällig ist die fetischartige Verwendung von Gegenständen - Fahnen, Ehrendolche, aber auch nationale Tempel und Ordensburgen -, die dabei den Rang von sakralen Gegenständen erhalten. Am deutlichsten ausgeprägt sind diese pseudoreligiösen Kultformen bei der SS(14).

Mit dem "Heilsereignis" der Machtergreifung am 30.1.1933 hat für die Nationalsozialisten die Geschichte ihren sinnvollen Endpunkt erreicht(15). Vergangenheit wird "bestimmt als die noch unvollkommene Gegenwart"(16). Geschichte ist allerdings nicht die kontinuierliche Entwicklung zur Gegenwart - die Fortschrittsidee der Aufklärung wird am stärksten bekämpft(17) -, sondern das ewige Ringen um die gleiche Idee. Genau darum zeichnet sich Geschichte auch durch große und durch unwichtige Epochen aus, in denen man der Realisierung der Utopie näher oder ferner gestanden zu haben scheint. Ebenfalls abgelehnt, abgelehnt werden nun die organischen Kreislauftheorien … la Spengler, die plötzlich zu pessimistisch erscheinen(18). Allerdings bleibt eine starke Affinität zum organischen Geschichtsbild bestehen, da auch die die Nationalsozialisten in der Geschichte immer nur die Wiederkehr des ewig Gleichen sehen(19). Für Hitler ist Geschichte die "versteinerte Wiedergabe der Politik"(20). In diesen Zussmmenhang paßt auch, daß die Nazis glauben, "mißglückte" Ereignisse revidieren zu können, zum Beispiel mit dem Sieg über Polen die Niederlage des deutschen Ritterordens bei Tannenberg, mit dem Frankreichfeldzug den Westfälischen Frieden oder mit dem Krieg gegen die Sowjetunion das Ende des Gotenreiches in Südrußland(21).

Für das nationalsozialistische Geschichtsverständnis sind Rasse, Führertum und Irrationalismus die bestimmenden Momente(22). Die rassische Geschichtsschreibung sieht wie Hitler in der Geschichte den ständigen Kampf zwischen Völkern um Lebensraum, wobei sich die Stärkeren zu Lasten der Schwachen ausbreiten. Aber auch hier tritt der Einfluß der Blut-und Boden- Ideologie zurück. Boden als Heimat wird nicht als geschichtsbildender Faktor gesehen, er erscheint nur als zu erobernder Lebensraum(23). Bei der Darstellung dieser Kämpfe stehen jedoch immer die großen einzelnen, die Führer, im Mittelpunkt und gerade nicht das Volk oder die Rasse. So wird ganz apodiktisch behauptet: "Geschichte ist Führergeschichte", denn "im Handeln seiner Führer erscheint das Handeln eines Volkes"(24). Man lehnt zwar die individualistische Geschichtsschreibung ab, aber diese Ablehnung erweist sich "weitgehende Verbalkonstruktion"(25), da mit der Führergeschichte die Methode, Geschichte als die Geschichte großer Männer zu schreiben auf die Spitze getrieben
wird.

Die mythische Geschichtsschau erklärt die Geschichte nicht kausal, sondern deutet sie symbolisch, sie wird zum nationalsozialistischen Wunschbild der Welt. Die "Geschichte sagt nicht wie es war, sondern wie es hätte sein sollen"(26). Die Historiographie verzichtet dabei völlig auf Tatsachenforschung und wendet sich immer mehr der Sage und dem Mythos zu:
Geschichtsbehandlung hat also die paradoxe Aufgabe für den nationalsozialistischen Dichter, die Historie zu vertreiben und dagegen den Sagenschatz des Volkes zu vermehren.(27)
Bei dieser Sakralisierung bestimmter Bereiche ist eine willkürliche Auswahl nach den Bedürfnissen der Gegenwart recht einfach. Zur breiten Verwendung historischer Themen in Lesebüchern ist festzustellen: "Das Selektionsprinzip ist das des Aktualismus unter dem Primat der Politik"(28). Da diese Vorstellungen weder historische Prozesse noch die Fremdheit anderer Epochen anerkennen, sind sie eigentlich ahistorisch, geradezu geschichtsfeindlich.

Vor allem wegen des Verhältnisses zu Geschichte stellt sich bei der Behandlung des Nationalsozialismus die Frage nach seinem Verhältnis zu Moderne und Rationalismus(29). Die zentrale Bedeutung der Industrie bei der Aufrüstung einer Armee, die mit modernen Waffen und Taktiken ihre ersten Gegner in "Blitzkriegen" vernichtend schlägt, die Produktion von Wunderwaffen, die Zentralisation der Verwaltung und die Verwertbarkeit des Menschen bis hin zu seiner industriellen Vernichtung geben dem Dritten Reich durchaus das Gesicht eines modernistischen, technokratisch-rationalen Staates. Auch in der Architektur setzt man nicht den romantisierenden Historismus fort, sondern wendet sich in vielen Bereichen dem Funktionalismus zu(30).

Der Blut- und Boden-Ideologe Heinrich Himmler soll zwar erst auf Druck Hitlers vorgesehenes Siedlungsland in den Ostgebieten zur geplanten Industrialisierung freigegeben haben(31), andererseits versöhnen sich aber ab 1937 mit den Kriegsabsichten gerade die radikal-völkischen Kreise mit Industrie und Technik, und die SS erliegt im Laufe des Krieges immer mehr einem Wunderwaffenmythos(32). Es ist deshalb müßig, darüber nachzudenken, ob die Nationalsozialisten die Industrialisierung jemals zugunsten eines Bauernstaates rückgängig gemacht hätten(33). Wenn Expansion und Imperialismus unabdingbare Kriterien eines faschistischen Staates sind, schließt dies eigentlich schon die Realisierung bäuerlich-mittelständischer Utopien aus.

Wichtiger erscheint die Frage, ob der Nationalsozialismus, wenn er sich, wie manche Nationalrevolutionäre, durch das Erkennen ihrer Notwendigkeit zur Realisierung der Moderne entschließt, überhaupt in der Lage ist, diese adäquat zu erfassen. Ein Denken, das den Irrationalismus zur Methode erhebt, sich auf ein starres Freund-Feind-Denken beschränkt, Kampf und Führertum verherrlicht und historische Entwicklung negiert, muß einfach unfähig sein, einige der grundlegenden Prinzipien der Moderne - Rationalismus, Prozeßdenken und Kooperation - anzuwenden. Wie stark die Orientierung an großen historischen Vorbildern die politische Struktur des Dritten Reiches beeinflußt, hat schon Robert Koehl beschrieben(34). Daß eine Ämtervergabe nach dem Muster mittelalterlicher Lehen und Kompetenzstreitigkeiten, die wie Fehden ausgetragen werden, nicht den Bedürfnissen eines modernen Industriestaates entsprechen ist offensichtlich. Auch das Führerprinzip wird einer modernen Bürokratie nicht gerecht(35). Über die Versuche, auf kapitalistische Wirtschaftmethoden einzugehen, urteilt Koehl: "But onely rarely were Nacional Socialists able to escape from their own romanticism and wihful thinking"(36). Trotz seines starken Interesses an technischen Neuerungen lehnt Hitler die Relativitätstheorie als "jüdische Physik" ab und behindert so die Entwicklung einer deutschen Atombombe(37). Herbert Mehrtens kommt zu dem Schluß, daß die Naturwissenschaften dort am effektivsten bleiben, wo sie sich die stärkste Unabhängigkeit vom System bewahren können(38). Auch die verheerenden Auswirkungen der Rassenlehre wurde schon dargestellt(39). Iring Fetscher verweist darauf, daß der NS-Ostimperialismus von dem Machtstaatsdenken des 18.Jahrhunderts geprägt ist. "In ihrer Beurteilung der Machtverhältnisse auf der Welt wurden sie Opfer ihrer eigenen Ideologie(40).

Die Mystifizierung der Technik, die ihren Höhepunkt im Wunderwaffenmythos findet, läßt die sinnvolle Beurteilung ihrer Möglichkeiten nicht mehr zu(41). Am deutlichsten wird das Unverständnis der Moderne bei der Verherrlichung des germanisch-faustischen Erfinders. Nach Hitlers Auffassung wird die Technik von genialen Einzelpersonen entwickelt(42). Anstelle von Grundlagenforschung und Weiterentwicklung setzt das Rüstungsministerium immer wieder auf "Erfindungen". Ludwig folgert daraus,
daß der Nationalsozialismus als Ideologie vorurteilsfreier Forschung diametral entgegenstand. Seine Anhänger verfingen sich im Kriege in der selbstgelegten Schlinge, da sie verlangten, daß sich auch die Wissenschaft den von ihnen geschaffenen Voraussetzungen anpassen müsse. Nicht zuletzt gehörten dazu aber völkisch rassistische Irrlehren, die zur Lösung wissenschaftlicher Grundaufgaben nicht nur nichts beitrugen, sondern sie behinderten und verzögerten.(43)
Das elitäre faschistische Denken kann sich anscheinend technische Entwicklungen in anonymen Großlabors nicht vorstellen. Ludwig spricht dabei vom "naiv-heroischen Charakter des deutschen Soldatentums"(44).

Als Konsequenz ist das nationalsozialistische Deutschland ab 1943 den Alliierten auf fast allen Gebieten technisch unterlegen(45). Die Nationalsozialisten erliegen wie die deutsche Bevölkerung dem eigenen Wunderwaffenmythos. Himmler überlegt schon 1940, ob nicht Sagen wie die vom fliegenden Hammer Thors auf Wunderwaffen der Germannen hindeuten: "Neue siegbringende Waffen und Kampfmittel sollten sich so wie einst Siegfrieds Schwert Balmung aus völkischen Geheimkammern beziehen lassen" (46). Der irrationale Glaube an eine Wiederholung der Geschichte wirkt auch auf die großen Propagandisten, Hitler und Goebbels. Immer wieder hoffen sie auf ein Zerbrechen der feindlichen Koalition wie im Siebenjährigen Krieg nach dem Tod der Zarin. Nach Roosevelts Tod herrscht bei Goebbels eine fast euphorische Stimmung. Barthel spricht in diesem Zusammenhang von einer "autosuggestiven Funktion", die die Propaganda auf die NS-Führer
selbst hat(47).

Der Nationalsozialismus akzeptiert zwar die modernen technischen Errrungenschaften, um sie für den geplanten Krieg zu benützen(48); dieser Vorgang ist aber ein Willensakt, den die eigene Weltanschauung, den die eigene Weltanschauung in pseudoreligiöse Bereiche hebt. Die "Mystik des Fliegens"(49) oder die "Sachlichkeit eines Maschinengewehrs" verhindern das Erkennen der rationalen und komplexen modernen Gesellschaft. Das Begriffsschema des Faschismus reduziert komplexe Sachverhalte auf ein einfaches Schema, auf soldatische Lösungen. "Der Faschismus und seine Nebenströmungen waren ja - philosophisch gesprochen - zu einem guten Teil Vereinfachungsbewegungen"(51). Der daraus abgeleitete faschistische Funktionalismus hat die Logik und Ästhetik eines Geschosses, genauso radikal, dynamisch und unflexibel(52). Das rationale Handeln der Nationalsozialisten verläßt im Grunde nie den irrationalen Rahmen , der durch ihre Ideologie abgesteckt ist(53).

© Frank Westenfelder


Artikel zu Fischereiökologie: Fischereipolitik und Wasserkraft

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