VI.4. Fraktionen im nationalsozialistischen historischen Roman

Das oft widersprüchliche Konglomerat der NS-Weltanschauung, besonders die Tatsache, daß die NSDAP nicht zuletzt wegen ihrer kleinbürgerlich-antimodernistischen Parolen an die Macht gekommen ist, dann aber den Modernisierungsprozeß noch beschleunigt, läßt auf Gegensätze innerhalb der Partei schließen, die sich auch in der Literatur niederschlagen müssen. Da der historische Roman kein parteieigenes Organ ist, sondern ein noch relativ freies Medium, können sich in ihm sämtliche Gruppen artikulieren, die mehr oder weniger mit dem neuen Staat einverstanden sind. Die Beliebtheit des historischen Romans und seine oberflächliche Entfernung vom aktuellen politischen Geschehen lassen sogar eine versteckte Kritik am System zu; eine Möglichkeit, die von den Autoren der "Inneren Emigration" benützt wird. Bei dem Bedürfnis der Nationalsozialisten nach historischer Ausstattung ist vieles rezipierbar, wenn es nicht gerade grundsätzlich gegen ihre Weltanschauung verstößt. So lassen sich selbst an systemkonformen Romanen immer noch verschiedene Staats- und Gesellschaftsvorstellungen erkennen.

© Frank Westenfelder


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