IV.7.2. Kritische Literatur

Im folgenden sind fünf Beispiele anzuführen, die im Gegensatz zu Klepper und Bergengruen das Problem von Herrschaft und Gewalt nicht nur problematisieren, sondern auch in einer Gegenposition verbleiben. Es handelt sich dabei um drei katholische Schriftsteller - Andres, Le Fort, Weismantel - und zwei - Thiess, Reck-Malleczewen -, die man grob dem Bereich der Konservativen Revolution zurechnen kann.

Stefan Andres erzählt in seiner Novelle "El Greco malt den Großinquisitor"(1936) die Konfrontation zweier individualistischer Gegner der Inquisition - El Greco und der Arzt Cazalla - mit deren oberstem Vollstrecker, dem Großinqiusitor Nino de Guavera. Beide üben Kritik an der herrschenden Brutalität und dem Klima der Angst. Dabei kann der Leser Parallelen zur Realität des Dritten Reichs erkennen. So stellt Cazalla fest: "Wer noch zu leben gedenkt, der lerne das Lügen"(510). Und el Greco sieht den Eskorial, das Zentrum der Macht, als gigantischen Bratrost. "Auf diesem spitzigen Dächerrost liegt die Welt gebraten, und verbranntes Fleisch stinkt"(511). Mit am beeindruckendsten ist wohl die Beschreibung einer Prozession, in der Macht und Gewalt der Inquistion Gestalt annehmen, eine Anspielung auf die NS-Kundgebungen(512).

Doch gleichzeitig ist El Greco fasziniert von der Macht, in der er Größe, Tragik und auch Vollstreckung des gottgewollten Schicksals erkennt. Andres symbolisiert diese Erfahrung in einem Naturereignis. Beim Betrachten eines Gewitters erkennt El Greco Größe und Grausamkeit der Natur und überträgt diesen Eindruck auf die Inquisition: "das Große ist furchtbar; Gott ist furchtbar, nicht der Tod, nicht Nino und sein Anhang!"(513). Aufgrund dieser Erkenntnis malt El Greco den Großinquisitor in tragischer Größe, als Mensch, der sich fanatisch einer Idee opfert: "Er ist ein Heiliger um seiner Schwermut willen, ein trauriger Heiliger, ein heiliger Henker!"(514)

Der Arzt Cazalla, dessen Bruder ein Opfer der Inquisition wurde, rettet dem todkranken Großinquisitor das Leben und gibt ihm damit die Möglichkeit weiterzumorden. Cazalla und El Greco schließen keinen Frieden mit der Macht, ihnen bleibt die Einsicht von deren Ungerechtigkeit und Grausamkeit. Beide fühlen sich jedoch so stark ihrem Berufethos und der eigenen Gewaltlosigkeit verpflichtet, daß in der beschriebenen Situation Widerstand unmöglich ist. Andres lehnt die Gewaltausübung des Staates ab, indem sie aber für ihn zum Naturereignis wird, konstatiert er die eigene Hilflosigkeit. Die Duldung dieses Buchs durch die Nationalsozialisten ist nur so zu erklären, daß Andres seine Kritik an der spanischen Inquisition übt, die für die völkisch-nationalen Kreise seit langem zu den erklärten Feindbildern gehört.

Der Roman "Die Magdeburgische Hochzeit"(1938) von Gertrud von Le Fort beeindruckt weniger durch seine direkten Anspielungen auf die Realität des Dritten Reichs(515), wie zum Beispiel Bergengruens "Großtyrann", als durch eine konsequent durchgehaltene humanistische Geisteshaltung. Le Fort demonstriert dies an der Belagerung und Eroberung Magdeburgs durch den katholischen Feldherrn Tilly. Durch die unvernünftige und intolerante Politik des Kaisers und der Jesuiten wird Magdeburg den Schweden in die Arme getrieben, die es allerdings nur dazu benützen, die kaiserliche Armee zu binden. Der alte Tilly ist bemüht, das katholische Edikt zu verhindern, er will auf der Basis religiöser Toleranz, ein unter dem Kaiser geeintes Reich schaffen, das sich gegen Franzosen und Schweden verteidigen kann. Hier beschwört Le Fort, am Beispiel Kaiser Ottos I., Magdeburgs Gründer, den alten Glanz des Reichs herauf. Die Stadt, das Symbol des Bürgertums, soll des Kaisers treue Magd sein(516).

Die Handlung des Romans wird wesentlich dadurch bestimmt, daß die großen historischen Ereignisse in einer Liebesgeschichte allegorisch wiedergegeben werden. Der kaisertreue Willigis muß die Stadt verlassen, seine Verlobte Erdmuth verliebt sich in Falkenberg, den Kommandanten der schwedischen Trupppen, der ihr seine Heiratsabsichten allerdings nur vormacht. Le Forts Einstellung zum üblichen Heroismus wird am Gegensatz zwischen Falkenberg und Tilly - Magdeburgs Brautwerbern - deutlich. Tilly rät dem jungen und enttäuschten Emigranten Willigis eindringlich vom Soldatenleben ab, da es Menschen fast nur zum Negativem verändert(517). Als Feldzeichen führt er eine Standarte mit der Jungfrau Maria zum Zeichen der Gnade und Vergebung. Falkenberg dagegen verführt zuerst Erdmuth und dann die Magdeburger Bürger im Sinne schwedischer Machtpolitik zum Krieg; "denn diese Stadt hier war doch im Grunde auch nur eine hoffärtige, selbstsüchtige, kleinliche Bürgerin"(518). Hier sind einige Parallelen zur Gegenwart zu erkennen: Falkenberg als Volksverführer und Kriegstreiber und Willigis als der Emigrant, der sich aus Enttäuschung dem Feind anschließt.

Bei der Erstürmung Magdeburgs ist die Soldateska nicht mehr zu kontrollieren. Magdeburg wird fast völlig zerstört, und zwanzigtausend Menschen verlieren ihr Leben. Tilly gewinnt dem Kaiser lediglich einen Trümmerhaufen und treibt die anderen protestantischen Städte in die Hände der Schweden, der Religionskrieg geht damit auf unabsehbare Zeit weiter. Sinnbildlich wird die stolze Erdmuth von einem Kroaten vergewaltigt. Am Ende des Romans steht als Zeichen der Versöhnung eine gemeinsamer Gottesdienst im zerstörten Magdeburg. Willigis verzeiht Erdmuth und heiratet die kurz vorher geschändete Braut.

Le Fort vertritt weder ein fortschrittliches Geschichtsbild, noch fordert sie eine demokratische Gesellschaft, auch die angedeutete Utopie eines christlichen Reichs verrät die konservative Herkunft der Autorin; sie rechtfertigt aber nicht den Machtstaat wie Klepper und Bergengruen, sofern dieser nur ein nebulöses höheres göttliches Recht anerkennt. Die Forderung nach Gnade und Toleranz ist in Le Forts Roman essentiell. Der Staat, der sie ignoriert, muß in endlosem Krieg zugrundegehen.

Leo Weismantels biographischer Roman "Gericht über Veit Stoß"(1939) wird in der Literatur zur "Inneren Emigration" nicht erwähnt, obwohl Weismantel zweimal in KZ-Haft saß. Das mag daran liegen, daß die üblichen Anspielungen fehlen. Trotzdem ist in dem Roman eine Geisteshaltung zu erkennen, die mit der nationalsozialistischen Weltanschauung unvereinbar ist.

Veit Stoß, ein angesehener Nürnberger Holzbildhauer, investiert sein erspartes Geld bei einem Kaufmann. Dieses Sich-Einlassen mit dem Kapitalismus allegorisiert Weismantel in einem Judasbild. Veit Stoß wird betrogen, rächt sich und wird immer zum Opfer einer ungerechten kapitalistischen Justiz. Der Rat und die Gerichte von Nürnberg brechen oder halten je nach Bedarf ihre Verträge. Veit Stoß wird auf der Folter zerbrochen, gebrandmarkt und geschäftlich ruiniert. Am Ende des Romans erfriert er, einsam und erblindet, auf der Straße. Im Sterben erscheinen ihm seine tote Familie und Maria.

Der Roman ist von einer katholisch-innerlichen Haltung geprägt. Auch die Reformation wird abgelehnt, da sie das Reich teilt und Krieg bringt(519). Das Wesentliche ist jedoch, daß die Gesellschaft dem Gläubigen nicht zu seinem Recht verhilft. Veit Stoß beharrt wie Michael Kohlhaas auf diesem Recht und wird dafür systematisch von der staatlichen Autorität zerstört. Dies muß keine bewußte Kritik am Dritten Reich sein, steht aber wegen des unverkennbaren Individualismus und Humanismus der herrschenden Weltanschauung diametral entgegen. Trotz Geschichtspessimismus und Irrationalismus wird die traditionelle katholische Märtyrerfigur zum Gegenbild der zeitgemäßen heroischen Führerfiguren.

Am Beispiel der Wiedertäuferbewegung kritisiert von konservativer Seite Friedrich P. Reck-Malleczewen mit seinem Roman "Bockelson. Geschichte eines Massenwahns"(1937) die gesellschaftlichen Zustände des Dritten Reichs. Unter dem Einfluß einiger landfremder Demagogen, vor allem des holländischen Schneiders Bockelson, verkommt die ehemals ständisch-konservative Gemeinde Münster zur populistischen Diktatur. Demagogische Massenverführung, Emigration, Bücherverbrennungen, Denunziation, Hinrichtungen politischer Gegner und übertriebener Prunk und Genußsucht der Herrschenden sind Anspielungen auf die NS-Herrschaft. Reck-Malleczewen betont des öfteren, daß es ihm nicht um das einzelne historische Ereignis geht, sondern um ein Beispiel, das sich auf ähnliche Weise in der Geschichte wiederholt. Er legt dem Leser somit nahe, die Wiedertäuferbewegung mit der NS-Bewegung zu vergleichen. Dazu benützt er eine distanzierte kommentierende Erzählhaltung, die dem Leser Standpunkt und Wertungen des Autors aufzwingt(520).

Ein wesentlicher Unterschied zu den meisten Romanen der "Inneren Emigration" ist, daß der Führer keinerlei positive Züge aufweist. In der Beschreibung Bockelsons kulminiert die elitäre und moralinsaure Kritik des Konservativen am kleinbürgerlichen Despoten und Revolutionär:

Bockelson aber? Das sind die verschwommenen und versulzten Züge des im Chausseegraben geborenen Bastards, des Kneipen und Hurenwirts, der auch als Literat dilettieren konnte, des abortiv verlaufenen Schneiders, der bei seiner Zunft wahrscheinlich für einen großen Dichter, im Klub der Rhetoriker aber vermutlich für einen geschickten Gewandschneider gehalten wurde.<...> Die Stigmata des in übler Stunde und in üblem Bette gezeugtem, der aus einem Taugenichtsdasein so leicht in die Kloake, aus dem Milieu des Dreckigen aber ins Lasterhafte und aus dem Lasterhaften endlich ins Verbrecherische und Blutdürstige wechselt.(521)
Reck-Malleczewen richtet diese Angriffe nicht nur gegen den Führer der Wiedertäufer, sondern auch gegen die Bevölkerung von Münster, wobei auf die überzeitliche Konstante dieser Bewertung verwiesen wird, auf die "ewig" niedrigen Instinkte revolutionärer Massenbewegungen:
Immer wird die Kanaille das hassen, was ihrer Gorillastirn nicht eingeht, immer wird der einmal losgelassene Pöbel mit seinem Plattfuß das zertreten, was den eigenen plumpen Fingern nicht gelingen konnte.(522)
Reck-Malleczewen zieht historische Parallelen zur Französischen Revolution, der Märzrevolution in Deutschland und der russischen Oktoberrevolution(523). Der Leser kann diese Beispiele mit dem Nationalsozialismus ergänzen. Diese historische "Gleichsetzung des Faschismus mit demokratischen Massenbewegungen" dient in dem Roman nicht nur zur Tarnung gegenüber der Zensur, sie entspricht auch dem konservativen Weltbild des Autors, der die soziale Komponente der Wiedertäuferbewegung fast völlig unterschlägt(524). Er interessiert sich eben nicht für soziale und historische Prozesse, seine Erklärungen zur Entstehung der Wiedertäuferbewegung und des deutschen Faschismus verlieren sich in mythischem Dunkel. Er weiß nur von einem "Massenwahn, von einer rätselhaften, auf ein ganzes Gemeinwesen gefallenen Psychose zu sprechen" und von einem "Sohn des Acheron", die immer wieder auftauchen, wenn alle Werte versinken(525). Aufgrund dieses Geschichtsbildes, bei dem sich die "Grenzen zwischen Historie und Mythos verwischen", rückt Schnell den Roman in die Nähe der NS-Literatur:
Historische Parallelisierung, wie sie Reck-Malleczewen vor nimmt, erweist sich in der unterschiedslosen Identifikation geschichtlich unvergleichbarer Entwicklungen als historischer Agnostizismus, der den Autor bei aller subjektiven Feindschaft zum Faschismus in der Ablehnung revolutionärer demokratischer Bewegungen objektiv an der Seite der Faschisten zeigt.(526)
Diese Kritik ist weitgehend zutreffend, man muß jedoch auch festhalten, daß durch die vehemente Ablehnung des Führers und des Terrorregimes das Nichteinverständnis mit den gegenwärtigen Zuständen wesentlich deutlicher wird als bei Klepper und Bergengruen.

Ebenfalls von konservativer Seite wendet sich Frank Thiess in seinem Roman "Das Reich der Dämonen"(1941) gegen die national- sozialistische Herrschaft. Thiess versucht in seinem Roman, die Geschichte - vor allem Geistes- und Kulturgeschichte - der Antike vom siebten Jahrhundert vor Christus bis ins sechste Jahrhundert nach Christus darzustellen. Es tauchen zwar immer wieder einzelne Herrscherfiguren auf, aber der eigentliche Protagonist des Romans ist die geistige Tradition der griechischen Kultur. Thiess schreibt weder Herrscher- und Kriegsgeschichte noch Sozial- geschichte, sondern eine Art Geistesgeschichte auf organischer Grundlage: "Geschichte ist wesentlich Geistes- und Volkstumsge- schichte"(527). Die antike Kultur ist seiner Ansicht nach im wesentlichen von den Eigenschaften des griechischen Volkes ge- prägt(528). So sind die Ursachen für Revolutionen in der Regel nicht soziale Veränderungen, sondern das unruhige Blut der Grie- chen(529). Thiess verfällt offensichtlich in völkisch-natio- nalsozialistische organische Geschichtsvorstellungen(530).

Der Roman enthält allerdings mehrere Stellen, die ohne Schwie- rigkeiten als Kritik an der Realität des Dritten Reichs ver- standen werden können; so zum Beispiel, wenn eine Revolte und die anschließenden Säuberungen dargestellt werden:
und die Sieger kommen nicht zur Ruhe, weil sie wegen der großen Zahl der Emigranten die Reaktion fürchten. Aus diesem Grunde suchte man gelegentlich die Emigration dadurch zu verhindern, daß man alle "die nicht dazugehörten", ganz gleich, ob sie "schuldig" oder "nichtschuldig" waren, aus- rottete.(531)
Am deutlichsten wird seine Kritik jedoch an der Darstellung des Militärstaates Sparta, die hauptsächlich nach der zweiten Auflage zum Verbot des Romans führt(532). Thiess spricht von der "Ruhe eines gut geleiteten sozial-humanen Gefängnisses", das sich im Gegensatz zum restlichen Griechenland durch "geistige ™de und künstlerische Unfruchtbarkeit" auszeichnet(533). Für ihn ist Sparta ein "ultrasozialistischer Militärstaat"(534). Das ist, wie bei Reck-Malleczewen, die konservative Kritik am Nationalsozia- lismus, für die er wie der Kommunismus das Ergebnis einer Pöbel- herrschaft ist. Nach Thiess entspricht die Tyrannis der Massen- herrschaft und diese einer "kommunistischen proletarischen Dik- tatur"(535).

Die Diffamierung der Volksherrschaft als kommunistische Dik- tatur - die Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus bleibt dem Leser überlassen - und das organische Geschichtsbild bringen den Roman in die Nähe der nationalsozialistischen Weltanschauung. Seine Opposition ist deshalb weniger in der Beschreibung von den Diktaturen und den Anspielungen auf die Gegenwart zu sehen, als in der bewußt humanistischen Gegenposition, die er zum NS- Heroismus bezieht. Antike, Christentum und Byzanz werden bei Thiess zu den wichtigsten Grundlagen "abendländischer Zivilisation", die von den jungen "Staatenwildlingen", den Goten und Hunnen bedroht wird(536). Man muß hier an die Ablehnung von Zivilisation, Christentum und Byzanz durch die NS-Geschichts- schreibung denken.

Am stärksten sind die Differenzen in der Behandlung der von den Nationalsozialisten verherrlichten Völkerwanderung, wenn Thiess den Germanen eine "kindliche Lust am Verbrennen und Hinmorden" (537) bescheinigt und als Ursache für den Untergang der Goten an- gibt, daß sie eine reine Kriegerkaste waren, die "den Bauernstand genau so verachteten wie die Bildung und das Recht"(538). Dem Heroismus der erobernden Barbaren und der spartanischen Mili- taristen stellt Thiess die Forderung nach Rechtstaatlichkeit und Menschlichkeit entgegen(539):
Mir scheint hier liegt die metaphysische Wurzel der beiden geistigen Mächte verborgen, ohne die es keine Geschichte und Entwicklung zu neuerem fruchtbarem Leben gibt: der Macht des Rechtes und der Religion. Die Großtaten der Hunnen und anderer Barbarenvölker sind fruchtlos ins Leere versunken, weil sie weder um die geschichtsbildende Kraft einer Rechtsschöpfung, noch um die Macht der Bindung an etwas Höheres, als es die eigene tierische Gewalt ist, gewußt haben.(540)
Man kann diese Gedanken durchaus dem Bereich der Konservativen Revolution zuordnen. Thiess ist antikommunistisch, antidemokra- tisch, elitär und vertritt ein organisches Geschichtsbild. Sein Bekenntnis zum Christentum kommt weniger - wie bei Weismantel oder Le Fort - aus eigener Frömmigkeit als aus der Erkenntnis seiner Bedeutung für eine abendländisch-humanistische Tradition. Den Barbaren und Spartanern als Vorläufern der Nationalsoziali- sten stellt Thiess christliche Caritas, Humanität, Rechtstaat- lichkiet, Zivilisation und Bildung gegenüber. Diese Werte ver- legt Thiess aber ausdrücklich in den Bereich der Metaphysik, entzieht sie so der Einsicht des Lesers und bleibt damit auf einem ähnlichen theoretischen Niveau wie die NS-Autoren.

In diesen vier Romanen wird eine humanistisch-christliche Gegenposition zur Realität des Dritten Reichs bezogen. Das Durchhalten dieser Position und nicht nur ihr kritisches Durch- spielen wie bei Bergengruen und Klepper ist wesentlicher als die versteckten Anspielungen auf die Gegenwart. Die Kritik kommt überwiegend von katholischen Autoren, aber auch Thiess stützt seine abendländisch-humanistische Geistestradition auf das Christentum, während Reck-Malleczewen die Ursachen des Massen- wahns in einem allgemeinen Wertezerfall sieht.

Es findet sich allerdings bei keinem Autor ein fortschritt- liches Geschichtsbild oder die Forderung nach Demokratisierung oder gar nach Widerstand gegen ungerechte Herrschaftssysteme. Thiess, Reck-Malleczewen und Weismantel schildern zwar Volksauf- stände, die jedoch nie die üblichen konservativen Vorstellungen vom zerstörerisch-chaotischen Schwarmgeistertum verlassen. Dabei ist jedoch zu beachten, daß die Blut- und Bodenliteratur recht häufig bäuerliche Erhebungen in ihrem Sinne interpretiert und heroisiert. Am weitesten scheint Le Fort zu gehen, indem sie das private Glück direkt vom politischen Geschehen abhängig macht. Diese Politik wird nicht wie bei den anderen Autoren als vorge- geben akzeptiert. Das Chaos ist ein Ergebnis des schwedischen Mi- litarismus und des jesuitischen Fanatismus. Der inhaltliche Unterschied zu den Romanen Bergengruens und Kleppers läßt sich am Fehlen eines positiven Ausgangs festmachen. Während Bergengruens Herrscher durch eine Krise ihre Legitimation erhalten und Kleppers Vater sich diese mit seinem Leidensweg erkämpft, bleibt bei Weismantel und Andres die Ungerechtigkeit zynisch bestehen, Thiess'Antike und Le Forts Reichs versinken im Chaos, und bei Reck-Malleczewen konzentriert sich die Handlung ohnehin auf das dem Wahn verfallene Gemeinwesen und dessen Führerclique.

© Frank Westenfelder


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