IV.7.2. Kritische Literatur
Im folgenden sind fünf Beispiele anzuführen, die im Gegensatz zu Klepper und Bergengruen das Problem von Herrschaft und Gewalt
nicht nur problematisieren, sondern auch in einer Gegenposition verbleiben. Es handelt sich dabei um drei katholische
Schriftsteller - Andres, Le Fort, Weismantel - und zwei - Thiess, Reck-Malleczewen -, die man grob dem Bereich der Konservativen
Revolution zurechnen kann.
Bockelson aber? Das sind die verschwommenen und versulzten Züge des im Chausseegraben geborenen Bastards, des Kneipen und Hurenwirts, der auch als Literat dilettieren konnte, des abortiv verlaufenen Schneiders, der bei seiner Zunft wahrscheinlich für einen großen Dichter, im Klub der Rhetoriker aber vermutlich für einen geschickten Gewandschneider gehalten wurde.<...> Die Stigmata des in übler Stunde und in üblem Bette gezeugtem, der aus einem Taugenichtsdasein so leicht in die Kloake, aus dem Milieu des Dreckigen aber ins Lasterhafte und aus dem Lasterhaften endlich ins Verbrecherische und Blutdürstige wechselt.(521)Reck-Malleczewen richtet diese Angriffe nicht nur gegen den Führer der Wiedertäufer, sondern auch gegen die Bevölkerung von Münster, wobei auf die überzeitliche Konstante dieser Bewertung verwiesen wird, auf die "ewig" niedrigen Instinkte revolutionärer Massenbewegungen: Immer wird die Kanaille das hassen, was ihrer Gorillastirn nicht eingeht, immer wird der einmal losgelassene Pöbel mit seinem Plattfuß das zertreten, was den eigenen plumpen Fingern nicht gelingen konnte.(522)Reck-Malleczewen zieht historische Parallelen zur Französischen Revolution, der Märzrevolution in Deutschland und der russischen Oktoberrevolution(523). Der Leser kann diese Beispiele mit dem Nationalsozialismus ergänzen. Diese historische "Gleichsetzung des Faschismus mit demokratischen Massenbewegungen" dient in dem Roman nicht nur zur Tarnung gegenüber der Zensur, sie entspricht auch dem konservativen Weltbild des Autors, der die soziale Komponente der Wiedertäuferbewegung fast völlig unterschlägt(524). Er interessiert sich eben nicht für soziale und historische Prozesse, seine Erklärungen zur Entstehung der Wiedertäuferbewegung und des deutschen Faschismus verlieren sich in mythischem Dunkel. Er weiß nur von einem "Massenwahn, von einer rätselhaften, auf ein ganzes Gemeinwesen gefallenen Psychose zu sprechen" und von einem "Sohn des Acheron", die immer wieder auftauchen, wenn alle Werte versinken(525). Aufgrund dieses Geschichtsbildes, bei dem sich die "Grenzen zwischen Historie und Mythos verwischen", rückt Schnell den Roman in die Nähe der NS-Literatur: Historische Parallelisierung, wie sie Reck-Malleczewen vor nimmt, erweist sich in der unterschiedslosen Identifikation geschichtlich unvergleichbarer Entwicklungen als historischer Agnostizismus, der den Autor bei aller subjektiven Feindschaft zum Faschismus in der Ablehnung revolutionärer demokratischer Bewegungen objektiv an der Seite der Faschisten zeigt.(526)Diese Kritik ist weitgehend zutreffend, man muß jedoch auch festhalten, daß durch die vehemente Ablehnung des Führers und des Terrorregimes das Nichteinverständnis mit den gegenwärtigen Zuständen wesentlich deutlicher wird als bei Klepper und Bergengruen. Ebenfalls von konservativer Seite wendet sich Frank Thiess in seinem Roman "Das Reich der Dämonen"(1941) gegen die national- sozialistische Herrschaft. Thiess versucht in seinem Roman, die Geschichte - vor allem Geistes- und Kulturgeschichte - der Antike vom siebten Jahrhundert vor Christus bis ins sechste Jahrhundert nach Christus darzustellen. Es tauchen zwar immer wieder einzelne Herrscherfiguren auf, aber der eigentliche Protagonist des Romans ist die geistige Tradition der griechischen Kultur. Thiess schreibt weder Herrscher- und Kriegsgeschichte noch Sozial- geschichte, sondern eine Art Geistesgeschichte auf organischer Grundlage: "Geschichte ist wesentlich Geistes- und Volkstumsge- schichte"(527). Die antike Kultur ist seiner Ansicht nach im wesentlichen von den Eigenschaften des griechischen Volkes ge- prägt(528). So sind die Ursachen für Revolutionen in der Regel nicht soziale Veränderungen, sondern das unruhige Blut der Grie- chen(529). Thiess verfällt offensichtlich in völkisch-natio- nalsozialistische organische Geschichtsvorstellungen(530). Der Roman enthält allerdings mehrere Stellen, die ohne Schwie- rigkeiten als Kritik an der Realität des Dritten Reichs ver- standen werden können; so zum Beispiel, wenn eine Revolte und die anschließenden Säuberungen dargestellt werden: und die Sieger kommen nicht zur Ruhe, weil sie wegen der großen Zahl der Emigranten die Reaktion fürchten. Aus diesem Grunde suchte man gelegentlich die Emigration dadurch zu verhindern, daß man alle "die nicht dazugehörten", ganz gleich, ob sie "schuldig" oder "nichtschuldig" waren, aus- rottete.(531)Am deutlichsten wird seine Kritik jedoch an der Darstellung des Militärstaates Sparta, die hauptsächlich nach der zweiten Auflage zum Verbot des Romans führt(532). Thiess spricht von der "Ruhe eines gut geleiteten sozial-humanen Gefängnisses", das sich im Gegensatz zum restlichen Griechenland durch "geistige ™de und künstlerische Unfruchtbarkeit" auszeichnet(533). Für ihn ist Sparta ein "ultrasozialistischer Militärstaat"(534). Das ist, wie bei Reck-Malleczewen, die konservative Kritik am Nationalsozia- lismus, für die er wie der Kommunismus das Ergebnis einer Pöbel- herrschaft ist. Nach Thiess entspricht die Tyrannis der Massen- herrschaft und diese einer "kommunistischen proletarischen Dik- tatur"(535). Die Diffamierung der Volksherrschaft als kommunistische Dik- tatur - die Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus bleibt dem Leser überlassen - und das organische Geschichtsbild bringen den Roman in die Nähe der nationalsozialistischen Weltanschauung. Seine Opposition ist deshalb weniger in der Beschreibung von den Diktaturen und den Anspielungen auf die Gegenwart zu sehen, als in der bewußt humanistischen Gegenposition, die er zum NS- Heroismus bezieht. Antike, Christentum und Byzanz werden bei Thiess zu den wichtigsten Grundlagen "abendländischer Zivilisation", die von den jungen "Staatenwildlingen", den Goten und Hunnen bedroht wird(536). Man muß hier an die Ablehnung von Zivilisation, Christentum und Byzanz durch die NS-Geschichts- schreibung denken. Am stärksten sind die Differenzen in der Behandlung der von den Nationalsozialisten verherrlichten Völkerwanderung, wenn Thiess den Germanen eine "kindliche Lust am Verbrennen und Hinmorden" (537) bescheinigt und als Ursache für den Untergang der Goten an- gibt, daß sie eine reine Kriegerkaste waren, die "den Bauernstand genau so verachteten wie die Bildung und das Recht"(538). Dem Heroismus der erobernden Barbaren und der spartanischen Mili- taristen stellt Thiess die Forderung nach Rechtstaatlichkeit und Menschlichkeit entgegen(539): Mir scheint hier liegt die metaphysische Wurzel der beiden geistigen Mächte verborgen, ohne die es keine Geschichte und Entwicklung zu neuerem fruchtbarem Leben gibt: der Macht des Rechtes und der Religion. Die Großtaten der Hunnen und anderer Barbarenvölker sind fruchtlos ins Leere versunken, weil sie weder um die geschichtsbildende Kraft einer Rechtsschöpfung, noch um die Macht der Bindung an etwas Höheres, als es die eigene tierische Gewalt ist, gewußt haben.(540)Man kann diese Gedanken durchaus dem Bereich der Konservativen Revolution zuordnen. Thiess ist antikommunistisch, antidemokra- tisch, elitär und vertritt ein organisches Geschichtsbild. Sein Bekenntnis zum Christentum kommt weniger - wie bei Weismantel oder Le Fort - aus eigener Frömmigkeit als aus der Erkenntnis seiner Bedeutung für eine abendländisch-humanistische Tradition. Den Barbaren und Spartanern als Vorläufern der Nationalsoziali- sten stellt Thiess christliche Caritas, Humanität, Rechtstaat- lichkiet, Zivilisation und Bildung gegenüber. Diese Werte ver- legt Thiess aber ausdrücklich in den Bereich der Metaphysik, entzieht sie so der Einsicht des Lesers und bleibt damit auf einem ähnlichen theoretischen Niveau wie die NS-Autoren. In diesen vier Romanen wird eine humanistisch-christliche Gegenposition zur Realität des Dritten Reichs bezogen. Das Durchhalten dieser Position und nicht nur ihr kritisches Durch- spielen wie bei Bergengruen und Klepper ist wesentlicher als die versteckten Anspielungen auf die Gegenwart. Die Kritik kommt überwiegend von katholischen Autoren, aber auch Thiess stützt seine abendländisch-humanistische Geistestradition auf das Christentum, während Reck-Malleczewen die Ursachen des Massen- wahns in einem allgemeinen Wertezerfall sieht. Es findet sich allerdings bei keinem Autor ein fortschritt- liches Geschichtsbild oder die Forderung nach Demokratisierung oder gar nach Widerstand gegen ungerechte Herrschaftssysteme. Thiess, Reck-Malleczewen und Weismantel schildern zwar Volksauf- stände, die jedoch nie die üblichen konservativen Vorstellungen vom zerstörerisch-chaotischen Schwarmgeistertum verlassen. Dabei ist jedoch zu beachten, daß die Blut- und Bodenliteratur recht häufig bäuerliche Erhebungen in ihrem Sinne interpretiert und heroisiert. Am weitesten scheint Le Fort zu gehen, indem sie das private Glück direkt vom politischen Geschehen abhängig macht. Diese Politik wird nicht wie bei den anderen Autoren als vorge- geben akzeptiert. Das Chaos ist ein Ergebnis des schwedischen Mi- litarismus und des jesuitischen Fanatismus. Der inhaltliche Unterschied zu den Romanen Bergengruens und Kleppers läßt sich am Fehlen eines positiven Ausgangs festmachen. Während Bergengruens Herrscher durch eine Krise ihre Legitimation erhalten und Kleppers Vater sich diese mit seinem Leidensweg erkämpft, bleibt bei Weismantel und Andres die Ungerechtigkeit zynisch bestehen, Thiess'Antike und Le Forts Reichs versinken im Chaos, und bei Reck-Malleczewen konzentriert sich die Handlung ohnehin auf das dem Wahn verfallene Gemeinwesen und dessen Führerclique. © Frank Westenfelder
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