II.5.3. Kriegspropaganda

Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges ist in einem Großteil der neuerscheinenden historischen Romane der Nationalismus bis zur reinen Kriegspropaganda gesteigert. Das Genre macht sozusagen mobil und stellt sich in den Dienst des Vaterlandes. Dabei finden nun alle vorher divergierenden Strömumgen mühelos zusammen. Freund und Feind sind klar durch die militärischen Fronten geschieden, und die innenpolitischen Spannungen scheinen der Vergangenheit anzugehören. Trotzdem kann man den historischen Romanen immer noch die verschiedenen ideologischen Ansätze entnehmen.

Die preußisch-konservative Position findet sich in "Die Tänzerin Barberina"(1915) von Adolf Paul und in "Martin Luther. Ein Lebensbild"(1916) von Hermann Schmökel. Beide gehören eigentlich mehr zur innerlich-apolitischen Unterhaltungsliteratur. Paul schildert Leben und Lieben einer Tänzerin, die sich zeitweilig am Hofe Friedrichs des Großen aufgehalten hat, während Schmökel Luthers Familienleben und sein inneres Ringen um den Glauben schildert. Daß die wenigen politischen Anspielungen regelrecht aufgesetzt sind und vor dem Krieg wahrscheinlich ganz entfallen wären, zeigt, wie schnell die Unterhaltungsliteratur bereit ist, sich in den Dienst des Kriegs zu stellen.

Paul zieht schon im Vorwort, damit es der Leser nicht übersieht, die Parallele zwischen dem Preußen Friedrichs des Großen und dem wilhelminischen Deutschland:

Wie heute Deutschland, war damals Preußen genötigt, seine junge Großmachtstellung gegen eine Welt von Feinden zu behaupten,- dieselben Neider, die auch damals das Emporklimmen deutschen Geistes und deutscher Tüchtigkeit scheel ansahen.(227)
Er verweist dann noch auf die Ähnlichkeit der damaligen kulturellen Zustände in England, Frankreich und Preußen mit denen der Gegenwart.

Barberina, die sich zuerst in Frankreich aufhält, beobachtet dort Dekadenz und Mätressenwirtschaft und danach in England Geldgier und Korruption. Erst in Preußen begegnet ihr, personifiziert durch Friedrich den Großen, Ordnung und Idealismus, denn "er hatte andere Ziele als sein persönliches Glück"(228). Aber diese Anspielungen sind ziemlich unbedeutend im Rahmen der Romanhandlung. Nur einmal nach der Schlacht am Hohenfriedberg kommentiert der Autor selbst Preußens historische Mission, wenn er von der Aufgabe Preußens schreibt, "zu einigen, zu reinigen, zu befreien", und vom Banner,"das einst das ganze Deutschtum zum Siege führen sollte"(229).Da dieser patriotische Kommentar weder für die Handlung noch für die innere Entwicklung der Personen von Bedeutung ist, wirkt er aufgesetzt.

Das nach Preußen wichtigste historische Vorbild des preußischen Konservatismus, die Reformation, behandelt Schmökel in seinem Luther-Roman. Sein "Lebensbild" enthält keinerlei gegenwartsbezogene politische Anspielungen. Aber nach dem eigentlichen Schluß mit Luthers Tod, hat er noch das Kapitel "Luther lebt" angehängt, indem er auf Luthers militärische Verwendbarkeit hinweist:
Wenn harte Zeit über das deutsche Volk kommt, dann ist`s, als ob sein Geist die deutsche Seele fülle, der Geist der Furchtlosigkeit und des tapferen Mutes, der Geist der getrosten Zuversicht: "Und wenn die Welt voll Teufel wär...!" ... - das gibt Hunderttausenden Eisen ins Blut,weckt alles Männliche im Herzen. Luther lebt! Heute mehr denn je.(230)
Bemühen die preußisch-konservativen Autoren Paul und Schmökel Friedrich den Großen und Martin Luther zur patriotischen Aufrüstung, so greift der völkische Autor Werner Jansen auf die deutschen Heldensagen zurück; mit dem "Buch der Treue" (1917) auf die Nibelungen- und mit dem "Buch der Liebe"(1918) auf die Gudrunsage. Jansens Neubearbeitungen sind völlig von der Weltkriegssituation geprägt, wobei keine Gelegenheit ausgelassen wird, Analogien herzustellen oder den germanischen Helden vaterländische Appelle in den Mund zu legen.

Das Burgunderreich ist von Feinden eingekreist - im Westen von Theoderich, im Norden von Clodowech und im Osten von den Hunnen (231) -, Hagen ist sein "Kanzler" und die Nibelungen sind "deutsche Ritter". Bezeichnend für Jansens völkische Position ist die rassistische Freund-Feind-Gegenüberstellung, von den blaublonden, deutschen Recken(232) unterscheiden sich die Hunnen durch ihre "gelbe, krumme, triefäugige Gestalt"; sie sind "Affen" und "blutsfremde Würger"(233). Zur Schaffung Deutschlands fordert Hagen von den Nibelungen den Opfertod:
"Eine deutsche Tat voll unerhörter Größe, gerichtet auf ein deutsches Ziel! Ein Opfer ohne Beispiel,denn nur der Opfernde gewinnt. - Hackt mich in Stücke, wenn ihr daraus Deutschland schafft, und ich werde gewonnen haben."(234)
Während Jansen seinen Nibelungenroman den "jüngsten deutschen Toten" widmet, ist sein Gudrunroman an die "Heldinnen" daheim gerichtet(235). In der Gefangenschaft der welschen Normannen bewährt sich die friesische Gudrun durch Stolz und Treue. Die Kraft, ihre lange Gefangenschaft durchzuhalten, zieht sie vor allem aus dem Bewußtsein ihrer rassischen Überlegenheit der schlechten normannischen Mischrasse gegenüber. Jansen scheidet auch hier Freund und Feind nach bewährtem völkischem Muster: deutsch-blond gegen dunkel-welsch:
Ein blonder Kopf ruhte an seiner Brust, als wäre es ein Gruß aus Nordlandbahnen,fern übers Meer in diese welsche Finsternis, und nur die tiefen dunklen Augen geben Kunde, welch anderes Blut sich in das alte, starke drängte.(236)
Die militärischen Gegner des Deutschen Reiches werden durch Jansens rassistische Argumentation entweder vertiert oder auf eine niedere Stufe des Menschseins gestellt, wodurch die Feindschaft als naturgegeben erscheint. Dadurch, daß sich Jansen dabei der Sagenwelt bedient, entzieht er seine "Argumente" der Überprüfbarkeit in die Regionen der höher verbürgten Wahrheit des völkischen Mythos. Aber die dazu vorgenommenen starken Modernisierungen und Aktualisierungen der angeblich ewiggültigen Stoffe zeigen die Künstlichkeit dieser völkischen Mythen, die allerdings gerade wegen ihrer Trivialität eine große Wirkung ausüben(237).

Ganz auf die mythische Verklärung einer historischen Persönlichkeit ist der Roman "Fridericus"(1918) von Walter von Molo angelegt. Er versucht, Persönlichkeit und Leben Friedrichs des Großen in den Ereignissen einer Nacht und der am folgenden Tag stattfindenden Schlacht zu konzentrieren: "The whole life, the whole personality and the whole soul of the great king is mirrored in this novel"(238). Dies gelingt ihm nur, indem er mit den historischen Daten sehr freizügig umgeht, Ereignisse zusammenfaßt, die Jahre auseinanderliegen, wie der Tod seiner Schwester (1758) und der der Zarin(1762) (239), und die Schlacht nicht näher bezeichnet. Als Vorbild dient wahrscheinlich die Schlacht bei Torgau (3.11.1760), die die letzte große Schlacht des Krieges war.

In dieser schicksalsschwangeren Nacht erläutert Friedrich in diversen Gesprächen sein Weltbild. Er wendet sich gegen idealistische Vorstellungen von Gott, Heldentum und Vaterlandsliebe und gegen pazifistische Träume(240). In vielen Fragen gibt er sich moralfrei und pragmatisch. Einen der Sodomie angeklagten Dragoner versetzt er lediglich zur Infanterie: "Dort hat der Kerl keine Stuten"(241). Grundlegend ist aber seine Ablehnung der Aufklärung; es gibt für ihn weder eine sittliche Entwicklung des Menschen noch eine historische Entwicklung hin zum Weltfrieden. Es gibt nur das heroische Akzeptieren des Schicksals und den Kampf:
"Bewegung ist Leben, Bewegung ist Kampf und Streit! Leben heißt kämpfen und streiten. <...>
Der Mensch ist eng, egoistisch, verantwortungslos, blind, rechthaberisch, eitel, gemein und habgierig! Dieses Schandgebäude auf zwei Beinen wird nie anders!"(242)
Friedrich wird bei Molo zum übermenschlichen Dämon, der sich heroisch seiner unergründbaren historischen Aufgabe stellt und als Werkzeug des Schicksals erscheint(243). Daß Molo mit diesem Friedrich weit über die biederen Heldengestalten der wilhelminischen Literatur hinausgeht, wird dadurch sichtbar, daß der Roman drei Jahre lang verboten ist, bevor er 1918 begeistert aufgenommen wird(244).

Die Schlacht ist eine einzige Demonstration von Friedrichs Willenskraft. Auf ihrem Höhepunkt treibt immer wieder sein "Vor" die Preußen zu übermenschlichen Leistungen und zum Sieg(245). Kurze Impressionen und knappe Befehle wechseln sich rasend ab. In das hämmernde Chaos mischt sich die Ektase des Heldentodes:
Wildauf flatterte der befreite Brandenburger Aar der entehrten Fahne, in die weiße Seide gebannt, in Friedrichs Hand; sie schrien auf, sie jubelten; der Brandenburger Aar hackte zu, die aufsteigenden Seelen der unter ihm Gefallenen wehten das entrollte Fahnentuch jauchzend hin und her.(246)
Mit dem Sieg kommt die Nachricht vom Tod der Zarin, und so enden Krieg und Roman.

Molo verzichtet auf die Entwicklung seines Helden, er beschreibt auch nicht wie in einem späteren Friedrich-Roman(247) die langwierige wirtschaftliche Aufbauarbeit nach dem Siebenjährigen Krieg. Er nimmt den fertigen "Übermenschen", der seine geschichtliche Bestimmung in einer Großtat, bezeichnenderweise eine Schlacht, erfüllt. Dazu konzentriert er die Romanhandlung auf einen Tag und eine Person und löst dann die ganze aufgestaute Problematik in einem ekstatischen Höhepunkt auf. Sein Roman steht damit dem Aufbruchspathos der Jugendbewegung wesentlich näher als den anderen völkischen oder konservativ-preußischen Kriegsromanen.

Was allerdings bei all diesen Romanen unübersehbar ist, ist der fortgeschrittene Säkularisationsprozeß. Keiner ist von einer genuin christlichen Haltung geprägt. Schmökel benützt seinen Luther, um deutsche Innerlichkeit und Wehrhaftigkeit zu propagieren; Jansen verwendet religiöses Vokabular, um Volk und Vaterland an die Stelle Gottes zu rücken, und Molo setzt auf den historischen Übermenschen, dessen Daseinserfüllung die sinnstiftende Tat ist. Die historische Mission, die er dabei zu vollbringen hat, entspricht auch durchaus Pauls etwas trivialer formulierten Vorstellungen.

© Frank Westenfelder


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