III.4.2.b. Führer und Staat

Führer- und Preußentum sind neben dem Kampf die zentralen Themen der nationalrevolutionären Literatur. Bluncks Hein Hoyer ist einer dieser vom Schicksal gesandten Führer, dessen politische Vorstellungen dem Preußenbild Spenglers und Jüngers ziemlich nahekommen. Die übermenschlichen - fast schon gottähnlichen - Führer verherrlicht Otto Gmelin in seinen Romanen, während sich Eckart von Naso dem Preußentum zuwendet.

Ein deutlicher Gegensatz zu den völkischen Blut- und Boden-Romanen ist Gmelins "Das Angesicht des Kaisers"(1927). Gmelin beschreibt das Leben des Hohenstauferkaisers Friedrich II. Die völkische Geschichtsinterpretation lehnt eben diese Hohenstaufen wegen ihrer Italienpolitik und der vernachlässigten Ostkolonisation vehement ab. Gmelins Friedrich ist auch alles andere als ein völkisch-deutscher Kaiser. Sein Einzug in Deutschland gleicht dem eines orientalischen Herrschers, dessen Karawane ein Völkergemisch ohnegleichen bildet, der außer exotischen Tieren auch Eunuchen und seinen Harem mit sich führt. Man muß sich an dieser Stelle Löns' völkische Beschreibung und Abwertung Karls des Großen als orientalischen Herrscher vergegenwärtigen(283).

Gmelin ist auch nicht bemüht, aus Friedrich einen deutschen Kaiser zu machen; "der Herr der Christenheit war gekommen, seine deutschen Völker zu begrüßen, seine deutschen Länder zu sehen" (284). Er unterdrückt den Aufstand seines Sohnes Heinrich, der sich als naiv schwärmender Deutscher gegen den abendländischen Kaiser auflehnt(285). Der Kaiser selbst sieht die Deutschen als "andere Menschen unter einem anderen Himmel"(286). Er glaubt weder an die unbefleckte Empfängnis noch an eine unsterbliche Seele, für ihn gibt es nur den Dienst an den "ewigen Dingen":

"Amt war da, Dienst war da, heilig und hoch. Es blieb nur steter Treue stiller, starker Schritt. Ohne Träume keine Sehnsucht. Träume waren gut, auch sie gab Gott, die Köstlichkeit der Schöpfung zu erfüllen, doch aus dem Meer der Träume wuchs die Burg in den Abend, stand im Lichte der ewigen Dinge, die von Gott ihren Glanz hatten. Entzaubert ward die Welt. Erfüllter Wunsch anders als geträumter. Alles stand klar und kühl da,ohne Überschwang,mit harten Umrissen. Voll des Glaubens an sich und Gott hieß es sein Werk tun. Ohne Höllenangst, ohne Seligkeitshoffnung. Einfach nur hier sein!"(287)
Friedrich denkt hier im Tonfall eines preußischen Offiziers, der die Gralsromantik der Jugendbewegung wiedergibt. Diese seltsame Mischung schlägt sich auch stilistisch nieder. Die kurzen, knappen Sätze, mit Worten wie Dienst, Amt, kühl und hart, entstammen der Vorliebe der Nationalrevolutionäre für das Nüchterne und Sachliche, während das "Meer der Träume" und die abendliche Burg auf Jugendbewegung und Expressionismus verweisen. Noch deutlicher wird dies an einer anderen Stelle, als dem Kaiser im Fiebertraum der Gralsritter erscheint. Der Gralsritter hat weniger Ähnlichkeit mit Wolframs Parzival als mit einem jungen Existentialisten des 20. Jahrhunderts, der von seiner Nietzsche-Lektüre geprägt ist:
Mensch ist verstrickt in die Wirrung; Wandlung ist schwer, Wandlung des Herzens, Wandlung der Welt. Kampf ist ewig, nie Irrtum besiegt.<...> Auge schloß sich, eingehüllt in Dröhnen hohen Mittags entsank sich der Mensch.(288)
Friedrich verhält sich in vielen Dingen als aufgeklärter Monarch; er empfiehlt zur Bekämpfung einer Heuschreckenplage rationale Mittel an Stelle einer Prozession und beschützt die vom abergläubischen Volk verfolgten Juden(289).

Besonders deutlich wird der Unterschied zu den oft um naturalistische Wiedergabe bemühten völkischen Romanen in der Beschreibung des Kampfes:
<...> um den Wagen knirschte ungeschwächte Kampfeswut in die sinkende Nacht. Fackeln, auflodernder Brand naher Palisaden, Zelte, warf manchmal rotgelben Flackerschein für Augenblicke über den Koloß. Dann entbrannte neu die Wut der Angreifer, spritzte bis zum schwarzen Untier.<...> Geheul hallte wieder, die Mailänder, in letzter Kraft ausholend, warfen die Angreifer zurück. Rasselndes Getöse, Schreie,anfeuerndes Gebrüll sprühten in die Nacht.(290)
Hier wird nicht die Aktion eines Einzelnen verfolgt oder die geniale Strategie des Führers vorgezeigt, der Kampf selbst wird zum dämonischen - durchaus ästhetisch beschriebenen - Naturereignis.

Im Roman fehlen Beschreibungen der Umwelt fast völlig, auch die die direkte Rede wird sehr selten gebraucht, statt dessen herrscht die erlebte Rede vor, so daß die seelischen Vorgänge als eigentliches Geschehen erscheinen.

Sinn oder Entwicklung ist für Gmelin in der Geschichte nicht zu erkennen, es bleibt nur die heroische und damit sinnstiftende Tat des Einzelnen, sein Durchbruch nach vorne. Der Roman ist deshalb in seinen Kapiteln steigernd angelegt: "Erweckung", "Der junge Sieger", "Mittag", "Der Kaiser", "Verwandler der Welt", "Entrückung". Friedrich wird nicht von den sozialen Umständen geformt, diese tragen nur dazu bei, seine Aufgabe, sein Schicksal herauszukristallisieren, bis er der Welt entrückt ist(291).

Friedrich wird im letzten Kapitel gottgleich; entsprechend häuft sich die Verwendung des Titels "Das Angesicht des Kaisers"(292). Seine Untergebenen sehen immer öfter dieses gottähnliche Angesicht; sein treuester Diener - Petrus von Vinea - wird zum Verräter, weil er die Gottesnähe nicht erträgt und den eigenen Unglauben nicht überwinden kann.

Außer Friedrichs Gottwerdung zeigt der Roman keine Entwicklung; die politische Situation ist am Ende genauso desolat wie zu Anfang. Friedrchs Sohn Manfred, der dem Vater am Totenbett geloben möchte, sein Werk zu vollenden, hört von ihm noch einmal tadelnd die Botschaft des Romans: "Ihr seid ungläubig. Wißt ihr nicht,daß nie etwas vergeblich war,das ein Mensch tat um der ewigen Dinge willen? Nicht zum Sieg sind wir gesandt, nur zum Kampf."(293) Der Glaube an die ewigen Dinge verschleiert kaum den vom Weltkrieg geprägten heroischen Existentialismus.

Das Thema vom ewigen Ringen um das Reich hat Gmelin in seinem Roman um den Westgotenkönig Alarich, "Das neue Reich"(1930), noch einmal aufgegriffen. Der Roman liest sich allerdings wie ein blasser Abklatsch seines Hohenstaufenromans. Nur daß jetzt auch noch Rassenideologie und Gegenwartsparolen einfließen. So bezeichnet der Vandale Stilicho seinen gotischen Gegner Alarich als "Volksgenosse"(294). Beide kämpfen für das Reich: "Ich will ein neues Reich, ein vandalisch-gotisch-fränkisch-allemanisches, kein römisches, ich will unser Reich, wie es in unserem Blut ist" (295). Diesen germanischen Volkskönigen und Söldnerführern den Glauben an ein zukünftiges Reich zu unterstellen, ist sogar der NS-Literaturgeschichtsschreibung zu penetrant(296). Der Romanschluß postuliert den überzeitlichen Charakter der Reichsidee:
Reiche erstanden und stürzten zusammen. Die Städte zerfielen, die fruchtbaren Landschaften verödeten. Verwüstung, Plünderung, Armut zog durch die Länder. Aber der Glaube an das Neue Reich ging nicht unter.(296)
Aufschlußreicher ist die kurze Erzählung "Konradin reitet"(1933), die sich deutlich an Rilkes "Cornet" anlehnt. Konradin wird zum Symbol der ewig aufbrechenden Jugend. Daß der Sturmritt Konradins nach Italien mit seinem Tod endet, verrät die nihilistische Grundhaltung des Autors. Der Erzähler ist immer anwesend, erklärt und deutet; es geht weniger um historische Genauigkeit; er schafft sich bewußt ein Traumbild seiner Sehnsucht:
Wer du auch warst Unbekannter, längst Versunkener, wer du auch warst, ich schaue dich nach meinem Gesetz, schaffe dich nach meinem Glauben, schaffe dich aus meinem Blut aus dem Hufschlag, der in meinem Herzen hämmert.(297)
Gmelin greift als fast Fünfzigjähriger das Pathos der Jugendbewegung auf, doch man wird den Verdacht nicht los, daß diese Jugend für die neuen nationalen Ziele mobilisiert werden soll. Bemerkenswert ist dabei, daß Gmelin Parallelen zur sonst verdammten Industriegesellschaft zieht. Er will nicht den Bauern oder Bürger ansprechen, sondern den Lehrling. So endet die Erzählung mit einem pathetischen Aufruf an die moderne Jugend:
Solange Jugend sucht und leidet, träumt und flammt, glaubt und handelt, bist du nicht tot, Konradin. Ihr alle, auf Schlachtfeldern und an Drehbänken, hinter Schreibmaschinen und Pflügen, die ihr die Glut im Herzen tragt und ins Leben reitet, zu leiden und zu kämpfen, zu werden und zu wirken, ihr alle seid meine Brüder.
Hört ihr nichts?
Reitet nur, reitet ... (299)
Das Ungewöhnliche an dieser "historischen" Erzählung ist, daß der Autor ganz unbefangen und offen über seinen historischen Stoff verfügt und ihn im Interesse der Gegenwart einsetzt. Das geschieht zwar in fast allen historischen Romanen, doch verwenden vor allem die völkischen Autoren, große Mühe darauf, historische Authenzität vorzugaukeln; so zum Beispiel Kolbenheyer, der sogar die Sprache den beschriebenen Epochen angleicht. Solche Bemühungen sind Gmelin fremd.

Ebenfalls einen rastlosen, sich selbst verzehrenden Reiter schildert Eckart von Naso in "Seydlitz. Roman eines Reiters" (1932). Naso hat seinen Roman zwar publikumswirksam angelegt(300) und entspricht mit seiner Darstellung von Preußen- und Soldatentum weitgehend den üblichen Vorstellungen. Doch er berichtet kühl und distanziert, ohne das entsprechende Pathos. Der Roman enthält auch keine direkten Anspielungen auf die Gegenwart, wesentlich sind aber zwei - für Naso überzeitliche - Themen, der soldatische Mann und Preußen, wobei der preußische Offizier wohl als ideale Seinsform des Mannes gilt.

Weder Seydlitz noch Friedrich der Große werden als Übermenschen beschrieben. Friedrich macht Fehler in der Schlacht und ist im Umgang mit Seydlitz manchmal ungerecht und persönlich verletztend. Seydlitz selbst ist "kein scharfer Kopf, aber ein guter Soldat"(301). Er ist als Reiterführer ein Naturtalent, aber keineswegs tiefgeistig-innerlich, eher kühl und rational. Als er von einer Höhe aus die schlesische Landschaft betrachtet, stellt Naso nüchtern fest:
Nicht gewohnt, sich optischem Reiz lange hinzugeben, stellte Seydlitz sein Pferd zurecht und ritt weiter, auf Trebnitz zu. Aber er dachte wenigstens dabei, daß Schlesien ein Land sei, um das es sich lohne Krieg zu führen.(302)
Sehr nüchtern ist auch sein Verhältnis zur Sexualität; die Libertinage ist lediglich ein körperliches Bedürfnis. Seydlitz geht an diesem Bedürfnis, nachdem er sich in ungarischer Gefangenschaft mit der Syphilis infiziert hat, zugrunde. Dies wird allerdings nicht wertend beschrieben; es ist typisch für den Werdegang eines Reiters - zuerst die Pferde, dann die Frauen, zuletzt der Wein(303). Die Infektion des jungen Kornetts scheint seinen kometenhaften Aufstieg zu initiieren, der dann mit seiner körperlichen Zerstörung endet. Der Verfall, das Aufbäumen nach den Krisen zeigen wesentlich deutlicher den Verschleiß eines unbändigen Lebens als ein abrupter Heldentod:
Das ist der Untergang eines Mannes und Kriegers, der ein Reiter war, wie Preußen keinen zweiten hatte. Er wurde durch den Körper groß und fiel durch den Körper. Er tat der Pflicht genüge. Er erhöhte sich selbst und richtete sich selbst.<...> Es war das Schicksal des preußischen Menschen, daß aus ihm herausschwären mußte und abfaulen, was unbezähmbar war. Und es wurde alles mit seinem Tode auf das Maß zurückgeführt.(304)
Naso stellt das preußische Militär als reine Männergesellschaft dar. Die Reiter sprechen von Pferden und Frauen in einem Atemzug: "Das Wesen der Frau reichte nicht bis in den Kreis der Männer. Hier ging die Frau nicht als Erscheinung um, nur als Abenteuer und Wirklichkeit der Sinne"(305). Die wirklichen Gefühle spielen sich nur zwischen Männern ab. Zwischen Seydlitz und seinem Adjutanten Tschirschky, "der jung und dunkel war, asketisch, fromm, tapfer und ein guter Reiter, dabei ein Pedant im Dienst und den Frauen Feind", oder dem Kornett von Reibnitz(306). Doch die wirkliche, große, männerbündische Liebe besteht zwischen Seydlitz und dem König. Als Seydlitz heiratet, empfindet Friedrich dies als ein Vergehen am Staat, ist allerdings vor allem persönlich verletzt. Nach der Scheidung und der Versöhnung mit dem Monarchen spricht Seydlitz mit dem jungen österreichischen Erzherzog, worauf Friedrich gereizt reagiert. Seydlitz "hörte aus des Königs Worten die Eifersucht des Freundes auf den Freund - und schwieg aus Dankbarkeit"(307). Am Ende nimmt Friedrich Abschied von dem entstellten, sterbenden Freund, dies ist die große Liebesszene des Romans:
Der Blick des Königs wurde weit. Es war der Blick der Liebenden, wenn die letzten Grenzen zwischen den Körpern fallen. Der dort war ein Mann und starb als Mann. Es gab nichts Besseres. Es blieb solange man selber bleiben mußte.<...> Danach blieben sie nebeneinander schweigsam, und die Ewigkeit des preußischen Menschen stand zwischen ihnen.(308)
Die Verherrlichung Preußens führt zu einer Ablehnung Habsburgs und des Katholizismus(309), sonst enthält der Roman weder rassische - die preußischen Husaren haben oft einen slawischen Einschlag - noch nationale Tendenzen. Preußen ist ein Prinzip und der Mann ein Qualitätsbegriff, was weder völkisch noch national gebunden scheint. Der Roman beginnt mit einem "Auftakt" in der Gegenwart: "Ein Europäer von Geschmack und Kultur, deutsch erzogen, kam gegen das Jahr 1932 nach Berlin, um Preußen zu suchen." Dieser Europäer findet Preußen schließlich in der Statue des Generals Seydlitz:
Er sah den wundervollen Mund, der den Frauen gefiel und den die Frauen verdarben. Über die Jahrhunderte blieb die Erscheinung des Reiters Seydlitz jung, karg, ebenmäßig und knabenhaft, in sich selber ruhend wie die Bronze nach dem Marmor von Tassaert.(310)
Der Roman schließt: "Es blieb von ihm zurück die Erbschaft eines schlesischen Gutes und das europäische Erbe eines Führers der Reiterei"(311).

Das Thema des preußischen Soldaten prägt den Stil des Romans, er ist sachlich, oft in der Form eines Berichts, ohne Pathos und Innerlichkeit. In den Schlachtbeschreibungen dominiert nicht das heroische Gemetzel, sondern der "Mechanismus" der preußischen Armee, die wie ein "Uhrwerk" funktioniert(312). Infanteriebataillone fallen um wie "Bleisoldaten"(313). Es siegen Disziplin und Präzision und nicht persönliche Tapferkeit und Heldentum. Naso beschönigt auch nicht das grausame und blutige Gemetzel der Schlachten. Obwohl Naso auf Gegenwartspropaganda verzichtet, kann man den Roman nicht als politisch völlig indifferent bezeichnen(314); denn mit seiner Verherrlichung des preußischen Menschen und Kriegers liegt er innerhalb des nationalrevolutio- nären Wertesystems.

© Frank Westenfelder


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