III.4.2.a. Krieger und soziale Konflikte

Zur Darstellung der für den revolutionären Nationalismus interessanten Problematik bietet sich die Zeit der spätmittelalterlichen Hanse geradezu an. Eine expandierende, für ihre Zeit sehr fortschrittliche Stadtgesellschaft, mit den sozialen Konflikten zwischen Patriziat und Zünften und dem Landsknechttum von Störtebekers Piraten, führt zu anderen Gegenentwürfen als der historische Bauernroman oder die neuromantische Mittelalterschwärmerei. Dienten Hanseromane im Kaiserreich hauptsächlich dazu, bürgerliche Emanzipationsbestrebungen zu illustrieren, so rücken nach 1918 mehr die sozialen Revolutionäre - die Likendeeler - ins Zentrum des Interesses(255).

Am einfachsten läßt sich diese Landsknechtromantik im Jugendbuch unterbringen, wie in Wilhelm Lobsiens "Klaus Störtebeker" (1927). Dabei wird jedoch jegliche soziale Problematik ausgeklammert. Aus Rache schließt sich der Ritter Störtebeker einer Schar an, " die auszog, an aller Welt für alles begangene Unrecht Vergeltung zu üben"(256). Trotz - oder gerade wegen seiner Trivialität ist dieses Buch durchgehend beliebt und hat, wie viele andere seiner Art, dazu beigetragen, Jugendlichen romantische Vorstellungen von Krieg und Rache nahezubringen.

Die beiden wichtigsten Romane der Zeit zu diesem Thema sind Hans-Friedrich Bluncks "Hein Hoyer"(1920) und Hans Leips "Godekes Knecht"(1925). Bluncks "Hein Hoyer" entsteht 1919 unter dem direkten Einfluß der Novemberrevolution und der Freikorpskämpfe(257). Die Handlung des Romans spielt in Hamburg um 1400. Die Stadt wird von den Seeräubern vor ihrer Küste und der Expansionspolitik Dänemarks bedroht, gleichzeitig ist sie von inneren Ständekämpfen zerspalten. Während die Patrizier engstirnig darauf bedacht sind, ihre Privilegien zu wahren, fordern die Zünfte eine Machtbeteiligung. Die Unruhen werden von "Schwarmgeistern" dazu benützt, das Volk sinnlos aufzuhetzen(258).

Der Landsknechtführer und ewige Krieger(259) Hein Hoyer ist nach langen Diensten in Italien und England in seine Heimatstadt zurückgekehrt und versucht, die Konflikte zu schlichten. Er zwingt den Rat zur Aufnahme von Zunftmitgliedern und besiegt die Aufrührer, allerdings "um der echten Freiheit willen, für die er fürchtete und die er über alles liebte"(260). Diese vielbeschworene Freiheit versteht Blunck im Sinne einer totalen Mobilmachung. Dementsprechend sehnt sich Hoyer - ganz unhanseatisch - nach einem starken Reich(261). Das Volk weiß von dieser Freiheit nichts. Um sie weiß nur Hoyer, der sie dem Volk als übermenschlicher Führer aufzwingen muß, denn: "Das Volk von Hamburg war noch taub und dumpf(262).

Der bucklige Hein Hoyer wird zum Dämon der Stadt. Zeitweilig zieht er sich mit seinen Männern zurück, die Stadt dem Chaos überlassend, um dann schließlich die Führung zu übernehmen. Im Krieg gegen Dänemark gelingt es ihm, die Hanse zu einigen und zu mobilisieren:

Aber die Städte schütteten Schar um Schar ins Land, für die Freiheit zu reiten, und Hein Hoyer schlug aus Holsten und Hansen ein Heer von seinem Geist. Gegen Gettorp stieß er und und entsetzte die treue Burg. Wie ein Stier brach er gegen Norden vor. Und er traf den übermächtigen König bei Tondern. Aber der Deutschen Wille um die Heimat war unbändiger als alle Macht,der Hamburger Ratsherr schlug ihn aufs Haupt. Bis Jütland ritt Hein Hoyer, den König zu fangen, um der Freiheit willen.(263)
Bluncks pathetischer Stil macht offensichtlich, wie die Menschen der Städte zu Kriegsmaterial werden, die Freiheit zur Mobilisierungsparole und Hein Hoyer zum Übermenschen, in dem das ganze Geschehen kulminiert.

Bemerkenswert ist auch, daß eine neue Gesellschaftsform angestrebt wird, die nicht mit mittelständischen oder monarchistischen Modellen zu verwechseln ist. Es handelt sich dabei um eine Art Populismus, der als "junge Zeit"(264) umschrieben wird. Blunck nimmt die spätere nationalsozialistische Hanseinterpretation vorweg, die an der Hanse vor allem Führertum, Wehrgeist und die innere Struktur, die den Bürger zum Soldaten macht und den totalen Krieg ermöglicht, hervorhebt(265).

Bei der Frage nach Bluncks Geschichtsbild ist eine andere Stelle von zentraler Bedeutung. Hoyer steht vor dem von ihm erschlagenen Herzog von Holstein und spricht zu dem Toten:
"Wisset, Eure Zeit ist vergangen.; die alte Erde, die ich nicht erklären konnte,stirbt. Aber sie ruft nach einer anderen aus unseren Händen. Ihr, die ihr glaubt, daß die Welt ein ewig drehender Kreisel sei, müßt mit dem Leben büßen."(266)
Schon die Verwendung der Worte "jung", "alt" und "sterben" deutet auf Bluncks organische Geschichtsvorstellungen; er will eine neue - junge - Zeit. Auch Blunck muß sich im klaren darüber gewesen sein, daß die große Zeit der Hanse nach 1600 vorbei war. Er stellt also keine historische, für die Gegenwart bedeutende Entwicklung dar, sondern einen abgeschlossenen Höhepunkt. Dazu paßt, daß Blunck den Roman durch zwei spätere Gottsucherromane zu einer Trilogie ergänzt hat(267):
In jeder dieser drei Zeiten steht ein Mann, der als Urbild des niederdeutschen, ja des deutschen Menschen schlechthin gerade dieser Zeit und ihrer Bewegung mehr oder weniger das Gepräge gibt(268).
Dennoch versucht Blunck, die Geschichte nach vorne zu einem Höhepunkt zu treiben, wozu, nach seiner Ansicht, ein charismatischer Führer notwendig ist.

Bluncks Sprache ist expressionistisch beeinflußt; der Roman droht sich in einzelne Szenen und Bilder aufzulösen. Sprache und Aufbau hüllen die Handlung in eine Art mystisches Dunkel und verleihen ihr ein pseudoreligiöses Pathos . Sehr konventionell ist dagegen die eingeflochtene Liebesgeschichte. Die als Knappe verkleidete Avelke begleitet Hoyer auf seinen Kriegszügen; nach einem schweren Streit folgt am Schluß die Hochzeit. Blunck verzichtet allerdings auf das bei den völkischen Autoren beliebte Muster des Bildungsromans. Hoyer ist von Anfang an ein festgefügter Typus, der nur seiner Umwelt seinen Willen aufzwingen muß. Die Ablehnung des Entwicklungsgedankens führt zum Verzicht auf den typisch bürgerlichen Protagonisten.

Ein anderer, in vielem konsequenterer Hanseroman ist Hans Leips "Godekes Knecht". Der ehemalige Magister Wikbold ist der Schreiber des Piratenführers Godeke Michels und erzählt vom Leben und Untergang der letzten Vitalienbrüder. Die Piraten sind "Likedeeler"(Gleichteiler); "Mein ist auch dein" lautet ihr Motto, ihr Ziel ist es, "arm und reich gleichzumachen", "denn es gäbe dann weder Besitz noch Armut"(269). Ihr Gegner ist der frühkapitalistische Kaufmann, von dem weltliche und geistige Autorität längst abhängig sind: "Richtschwert und Hochaltar bauen sich vor seinem Schmalznapf, dem Ansatz seines Doppelkinns Gewähr zu leisten: denn sie fressen beide aus des Krämers Hand"(270).

Leip selbst bezeichnet die Piraten im Nachwort als "Kommunisten", als "Aufrührer, Umstürzler, Schwärmer und Sektierer"(271). Sie scheitern an diesem "großen Mein und Dein", für das die Zeit noch nicht reif ist(272). Aber gerade diese schwärmerisch-anarchistischen Forderungen führen zu einem antibürgerlichen Leben, dessen Darstellung das eigentliche Anliegen des Romans ist. Der ehemalige Magister - der verkrachte Intellektuelle - verliebt sich in die entlaufene Regine Hilgesill, die ihm, als Mann verkleidet, zu den Seeräubern folgt.

Die Gliederung des Romans ist der Thematik angepaßt. Die drei Hauptkapitel - "Der Wind", "Triebsand", "Die See" - kennzeichnen das jeweilige Verhältnis des Protagonisten zur bürgerlichen Gesellschaft. "Der Wind" beschreibt die unruhige, aber tatenlose Zeit im Piratennest Helgoland. In "Triebsand" wird der Versuch beschrieben, eine eigene Familie zu gründen. Im Kapitel "Die See" sind beide zu den Vitaliern zurückgekehrt, erleben deren letzte Ausfahrt, während der Hilgesill ertrinkt. Es endet mit der Hinrichtung der letzten Seeräuber in Hamburg.

Religiösität oder der Glaube an "höhere" Werte scheinen Leip fern zu liegen; der Roman ist ein Aufruf zum rauschhaften diesseitigen Leben. Es scheint zwar so, als ob im einführenden Kapitel "Erweckung" der längst verstorbene Wikbold erwacht und sich erinnert, aber an der durchaus ästhetischen Beschreibung des modernen, industrialisierten Hamburg wird deutlich, daß Leip den Leser nur auffordert, sich mit seiner Phantasie in die Vergangenheit zu versetzen(273). Wikbolds Erinnerung wird von einem seltsam modernistischen Bild eingeleitet und abgeschlossen: "Klirr, Kette Hirn"(274). Ebenfalls umschlossen wird der Roman von der Botschaft: "Gering ist der Mensch, ein Spott sind die Jahre, doch unendlich ist die Süße des Lebens"(275).

Die Erzählhaltung ist zwar manchmal von einer leicht ironischen Distanz geprägt, verleitet aber andererseits durch die "Ich-Form" zum Mitfühlen mit dem Protagonisten. Durch die vorherrschende erlebte Rede ist es für den Leser einfach, die Erlebnisse dieses Schwärmers zu verfolgen, der nie zum faustischen Gottsucher wird und oft nicht in der Lage ist, seinen hohen Idealen gerecht zu werden, der auch gelegentlich egoistisch handelt und sich dann seinem schlechten Gewissen hingibt. Der "Held" des Romans ist nicht Godeke Michels, sondern nur dessen Knecht, der sich vorkommt als "eine elende Windel vor seinen Füßen"(276).

Die stark expressionistische Sprache dient nicht der Überhöhung eines pseudoreligiösen Pathos, sie ist Ausdruck von Wikbolds Gefühlsschwankungen und der starken äußeren Eindrücke. Besonders das chaotisch geschäftige Hamburg hat es Leip angetan. Die spätmittelalterliche Stadt "brummte von Lastwagen". Ein Geißlerprozession wird zum überwältigenden Erlebnis(277).

Widmet sich der historische Roman normalerweise mit Vorliebe Schlachtenschilderungen,so erlebt Wikbold die einzige Seeschlacht krank und elend unter Deck, wo er aus Angst und Verzweiflung Hilgesill vergewaltigt. Die Liebesgeschichte zwischen Wikbold und Hilgesill nimmt einen breiten Raum ein, sie wird dabei ständig von der "ehelichen Kohlsuppe"(278) bedroht und bewährt sich, als Hilgesill Wikbold ohne Zögern zurück zur See folgt. Dort wo Pathos obligat wäre - bei Hilgesills Tod -, berichtet Wikbold
knapp wie ein Buchhalter:
<...> alles andere hatte die See geholt, und es waren das 18 Mann, und sowohl der Zimmermann als auch der Segelmacher, dazu zwei Kanarenweiber, drei Leichname, und der Schreibknecht Hilgesill.(279)
Es folgen ausführliche Angaben über den Zustand des Proviants. Schmerz über den Verlust des geliebten Menschen klingt erst auf den nächsten Seiten an.

Für Leip ist die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert von wesentlichen historischen Veränderungen bestimmt, die unaufhaltsam das Ende des feudalistischen Mittelalters herbeiführen(28O). Leip lehnt die moderne Stadt nicht ab, er ist von ihrem pulsierenden Leben fasziniert und sieht in ihr die Fortsetzung der aus menschlicher Not und Sehnsucht geborenen revolutionären Bewegungen:
Da waren viele Hände von Weinen und Streit so gierig als milde und langten nach Brot und schlugen die Reichen und verschwemmten in den Städten und wurden wieder still.(281)
Leips Roman ist nicht nur ein Gegenbeispiel zur wertsetzenden Literatur des revolutionären Nationalismus, sondern auch zur gutbürgerlichen, meist neuromantischen Literatur. Was ihn davon abhebt, ist seine vollkommene Diesseitigkeit, die - nicht nur verbale - Verneinung ewiger Werte und der schwache und deshalb menschliche Held. Pathos und Innerlichkeit werden durch lakonische und ironische Sätze zerstört. Der Roman verfolgt nicht mehr die Entwicklung und Selbstverwirklichung eines Individuums, sondern zeigt dessen Geworfensein in eine sinnlose, brutale Welt, in der es, durch sein Verlangen nach Glück, zugrunde gehen muß. Man denke im Vergleich zu Wikbolds mühsam versuchter Antibürgerlichkeit an Hein Hoyers Eheglück oder an die Weinerlichkeit und Selbstbeweihräucherung von Hesses "Steppenwolf". Was den Roman trotzdem von konservativer Seite lesbar macht, ist seine Landsknechtthematik, die Ablehnung der Bürgerlichkeit, die Forderung nach ekstatischen Erlebnissen, die Lust am Kampf und vor allem die im Nachwort getroffene Feststellung, die Hanse hätte die Tatkraft der Vitalienbrüder zu einer eigenen Kolonialpolitik benützen sollen(282). Man kann aus dem Roman auch folgern, daß die Geschichte im Grunde sinnlos ist, und nur das ewige Aufbegehren gegen die äußeren Umstände bleibt.

© Frank Westenfelder


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