II.5. Imperialismus und Weltkrieg

Mit der Ablösung Bismarcks beginnt für das deutsche Reich 1890 die Phase des Imperialismus, die nach 1900 zu einer allmählichen Isolierung Deutschlands führt. Der durch eine verfehlte Politik herbeigeführten militärischen Einkreisung begegnet man mit Heeresvermehrungen und dem Ausbau der Flotte, was die Isolation verstärkt und ab 1912 zu einem allgemeinen Wettrüsten führt. Diese Entwicklung wird unterstützt durch die Publizistik und Agitation des radikal chauvinistischen "Alldeutschen Verbands"(gegr. 1891; 40 000 Mitglieder) und des "Flottenvereins"(gegr.1891; über 1 Million Mitglieder). Konservative Historiker, die als einzige historische Entwicklung den Weg Preußens zur europäischen Großmacht anerkennen, sehen in einer Auseinandersetzung mit Großbritannien nur die logische Konsequenz der Geschichte. Das enorme Wirtschaftswachstum führt in der Verbindung mit der imperialistischen Politik zu einem mechanistischen sozialdarwinistischen Fortschrittsdenken. Der Kampf ums Dasein wird zum Movens der Geschichte erklärt; im Extremfall heißt das: Weltmacht oder Niedergang. Die völkischen Kreise legen langsam ihren Kulturpessimismus ab und liefern dem deutschen Imperialismus mit dem Rassegedanken eine seiner wesentlichen ideologischen Grundlagen (179).

Neben der außenpolitischen Konfrontation verschärfen sich die innenpolitischen Spannungen. Trotz ungünstiger Verteilung der Wahlkreise gewinnt die SPD ständig an Einfluß und wird 1912 zur stärksten Partei. Dagegen schließen sich die zuvor in der Schutzzollpolitik zerstrittenen Konservativen und die Nationalliberalen 1906 im sogenannten "Bülow-Block" zusammen. Die Opposition besteht neben der SPD vorwiegend aus dem Zentrum und aus den polnischen, elsässischen und welfischen Minderheiten. Im Reichstag verstärkt sich, besonders nach der Daily-Telegraph-Affäre, die Tendenz zu einer Reform des überholten politischen Systems.

Diese doppelte Konfrontation nach innen und außen führt bei den konservativ-nationalen Kräften zu einem starren Freund-Feind-Denken. Da man sich von lauter Feinden umgeben fühlt, ist Internationalismus der schlimmste Vorwurf, den man den innenpolitischen Gegner macht. Er trifft vor allem Sozialdemokraten und Katholiken, aber auch die Polen und Elsässer und die Welfen, denen man Konspiration mit England unterstellt. Gegen die äußeren Feinde wird immer wieder die innere Einheit beschworen.

Neben dem Kampf gegen die Sozialdemokratie unternimmt man von konservativer Seite starke Anstrengungen, um die polnische Minderheit zu germanisieren. Zur Unterdrückung polnischer Autonomiebestrebungen wird die Ansiedlung deutscher Bauern in den Ostgebieten, teilweise enteignetem polnischem Grundbesitz, unternommen. Damit soll auch dem als verhängnisvoll empfundenen Urbanisierungsprozeß entgegengewirkt und das Reservoir an zuverlässigem und gesundem "Menschenmaterial" für die Heeresvermehrungen vergrößert werden. Den ideologischen Überbau liefern dabei hauptsächlich völkische Kreise, die ständig die Überlegenheit der germanisch-deutschen Kultur gegenüber slawisch-polnischer Primitivität betonen. Die Rassenideologie , die zuerst dazu gedient hat, den kulturell-politischen Rückstand Deutschlands gegenüber Frankreich zu kompensieren, argumentiert nun mit den eigenen Kulturleistungen. Einen weiteren Ansatzpunkt finden Rassegedanken als Integrationsideologie zur Hebung des Selbstbewußtseins des bedrängten Mittelstandes, "Vulgärgermanen, meist kleinbürgerlicher Provenienz, die ihre eigene Machtlosigkeit mit rassistischen Überlegenheitsgefühlen zu kompensieren versuchen"(180). Der Kriegsausbruch schafft endlich die immer wieder herbeigeredete Volksgemeinschaft und verspricht die Erfüllung aller Großmachtträume. Er wird allgemein als ein Aufbruch ins Neue gefeiert und führt zu einer "gewaltigen Steigerung der Zukunftshoffnung" (181). Wenn im Krieg zwar die Bedeutung der Bauern als "erstklassiges Menschenmaterial für hartes Kriegsvolk"(182) betont und so die Ostkolonisation herausgestellt wird, so darf dies jedoch nicht - nur um eine Kontinuität zum Nationalsozialismus herzustellen - dazu führen, den Einfluß der Blut- und Bodenideologie beim Kriegsausbruch überzubewerten. Der Krieg verstärkt die Bedeutung von Technik und Industrie und gibt der Westfront immer den Vorzug.

Die geistesgeschichtliche Entwicklung nach der Jahrhundertwende ist von der Überwindung des Kulturpessimismus gekennzeichnet, der durch Wachstums- und Expansionsforderungen ersetzt wird. Das Ausbleiben längst überfälliger Reformen, außenpolitische Konfrontation und sozialdarwinistisches Fortschrittsdenken radikalisieren das konservativ-völkische Denken. Gegenströmungen werden sich deshalb in erster Linie durch eine humanistisch-pazifistische Haltung unterscheiden lassen.

© Frank Westenfelder


MAIN & INHALT