Entstehung, Entwicklung und Wirkung der nationalsozialistischen Ideologie zwischen 1890 und 1950
am Beispiel des "Massenmediums" historischer Roman.

Die Ideologie des Nationalsozialismus oder die "Weltanschauung", wie sie oft genannt wurde - war nicht die Kreation einiger weniger Theoretiker oder gar die Umsetzung von Hitlers "Mein Kampf". Viel mehr entstand sie aus einem Konglomerat konservativer, völkischer und nationalistischer Ideologien, die im 19. Jahrhundert entwickelt worden waren und dann während der ersten Wirtschaftskrise nach der Reichsgründung 1870 an Schärfe gewonnen hatten. Später trugen dann vor allem die Katastrophe des Ersten Weltkrieges und die Revolutionen in Russland und Deutschland ihre Weiterentwicklung.

Diese Ideologie war aber auch kein reines Werkzeug zur Verführung und Beherrschung der Massen. Wer zum Beispiel die verquasten Tischgespräche Hitlers oder die Aufzeichnungen Himmlers liest, stellt sehr schnell fest, dass zumindest einige "Führer" auch Opfer ihrer eigenen "Weltanschauung" geworden waren; von den fatalen Auswirkungen der Rassenideologie auf die Kriegsführung ganz zu schweigen. Der Historiker Robert Koehl schreibt: "But onely rarely were Nacional Socialists able to escape from their own romanticism and wihful thinking" (Koehl: Feudal Aspects; S.36).

Zudem zeichnete sich der Nationalsozialismus unter anderem dadurch aus, die krassesten Gegensätze scheinbar auszugleichen. So fand er Unterstützung bei revolutionären Arbeitern wie auch bei Monarchisten und Großkapitalisten, bei konservativen Kleinbauern und Handwerkern wie bei technikbegeisterten Studenten und Technokraten. Diese Widersprüche, die sichtbar im sogenannten "Röhmputsch" oder der Fritsch-Blomberg-Krise ausgetragen wurden, mussten auch zu Spannungen innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie führen.

Es gab nie eine in sich geschlossene nationalistische Ideologie, sondern ein Konglomerat aus verschiedenen, oft widersprüchlichen Teilideologien. Der Historiker Wolfgang Michalka bezeichnet das NS-Herrschaftssystem als "autoritäre Anarchie" (Michalka: Utopie) und Robert Koehl betont dessen "feudale Aspekte". Die Entstehung und Entwicklung der einzelnen Ideologeme wurde vor allem von Kurt Sontheimer (Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik), Armin Mohler (Die konservative Revolution in Deutschland), Klemens von Klemperer (Konservative Bewegungen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus) und Joachim Petzold (Wegbereiter des deutschen Faschismus) untersucht.

Die Basis dieses antidemokratischen Denkens liegt in den nationalistischen Ideologien des 19. Jahrhunderts, die dann nach der Reichsgründung 1871 nach und nach weiter entwickelt und radikalisiert werden. Im Kampf gegen Sozialdemokratie und Katholizismus wurden Militarismus, Nationalismus, Obrigkeitsstaatlichkeit und schließlich Imperialismus zu "preußischen Tugenden" stilisiert. Neben dieser eher traditionellen konservativ-monarchistischen Ideologie formiert sich mit den Wirtschaftskrisen gegen Ende des Jahrhunderts in der Heimatkunstbewegung als Ausdruck des bedrohten Mittelstandes erstmals die "völkische Weltanschauung", in der die rassistischen und antimodernen Fundamente der Blut-und-Boden-Ideologie gelegt werden.

Durch die katastrophale Niederlage im Ersten Weltkrieg erfuhren die bereits vorhanden antidemokratischen Idelogien eine enorme Radikalisierung. Ehemals konservative Monarchisten wurden nun zu Reaktionären, da sie aktiv gegen das bestehende demokratische System agierten, um zu einer vergangenen Regierungsform zurückzukehren. Der bereits bestehende Rassismus der Völkischen steigerte sich geradezu zur Hysterie, indem man Juden als die Verantwortlichen sowohl für den russischen Bolschewismus wie auch für den westlichen Kapitalismus bezeichnete. Gleichzeitig wurde immer lauter ein neuer Eroberungskrieg im Osten gefordert, um dort den notwendigen "Lebensraum" zu gewinnen, nachdem die Kolonien verloren waren.

Allerdings blieb es nicht bei der Radikalisierung bereits bestehender Ideologien. Unter dem Eindruck des mit modernen Massenvernichtungswaffen mit ungeahnter Brutalität geführten Weltkrieges kamen nicht wenige konservative Denker zu der Einsicht, dass ein nostalgisches Zurück zu Monarchie und glücklichen Blut-und-Boden Bauern einfach unmöglich war. Fasziniert von der Dynamik der Oktoberrevolution schrieb Ernst Jünger: "Es sind hier Aktionen von einer Brutalität erforderlich, wie sie nur 'im Namen des Volkes', niemals aber im Namen eines Königs auszuführen sind".

Obwohl diese nationalrevolutionäre Weltanschauung zwar auch auf einige ältere Ideologeme wie Nationalismus oder Militarismus zurückgriff, war doch ganz entscheidend durch den Ersten Weltkrieg geprägt und ohne diesen absolut nicht vorstellbar. Von den vom Fronterlebnis und den Nachkriegskämpfen der paramilitärischen Freikorps geprägten Nationalrevolutionären waren viele auch literarisch aktiv und hatten einen starken Einfluss auf die Entwicklung nationalistischer und faschistischer Ideologien. Viele hatten als Offiziere an vorderster Front gekämpft und verherrlichten deshalb ein durch Leistung legitimiertes charismatisches Führertum ganz im Gegensatz zu konservativen Monarchisten. Ihre Utopie war ein starker zentralistischer Industriestaat, teilweise gar mit sozialistischen Zügen. Damit standen sie in krassem Gegensatz zu den ständischen, dezentralen Mittelstandsmodellen der Völkischen.

Diese verschiedenen, oft widersprüchlichen Strömungen verschmolzen nicht und formten dadurch die nationalsozialistische Ideologie, sondern liefen vorwiegend konkurrierend nebeneinander her. Selbst als die Nationalsozialisten schließlich die Macht an sich gerissen hatten, gingen die ideologischen Grabenkämpfe unvermindert weiter. So lässt sich zum Beispiel belegen, dass Alfred Rosenberg, der wichtigste Blut-und-Boden-Ideologe, sein Machwerk "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" mehrmals an entscheidender Stelle umschreiben musste. Auf der anderen Seite mussten hohe Repräsentanten der Nationalrevolutionäre ins Exil fliehen oder zogen sich in die "Innere Emigration" zurück.

Das Anliegen der folgen Seiten, die 1989 als Dissertation veröffentlicht wurden, ist es die Entstehung, Entwicklung und inneren Spannungen dieser verschiedenen Strömungen, aus denen sich die nationalsozialistische Ideologie zusammensetzte, an einem konkret fassbaren Untersuchungsgegenstand aufzuzeigen. Als Material dient dabei der historische Roman, der in der fraglichen Zeit das beliebteste Genre der Belletristik war. Dabei beschränken wir uns nicht auf Romane einer bestimmten politischen Richtung, sondern untersuchen alle Romane, die eine Auflagenhöhe von mindestens 50.000 erreicht haben. Der historische Bestseller liefert sozusagen einen Hintergrund, vor dem sich die Entwicklung der nationalsozialistischen Ideologie abzeichnen soll. Der Bestseller formuliert die bewussten und unbewussten Wünsche und Sehnsüchte seiner Leser, die ihr Einverständnis im Buchkauf zum Ausdruck bringen. Siegfried Kracauer bezeichnet deshalb den Bucherfolg als das "Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments"(Kracauer: Ornament der Masse).

Durch die Einbeziehung der Auflagenhöhen ergibt sich außerdem die Möglichkeit, Aussagen über die Popularität einzelner Ideologeme und Teilströmungen zu machen: wie demokratisch waren die Autoren und Leser der Weimarer Republik, wie populär war Antisemitismus, was waren die Feindbilder, wie erfolgreich waren Gleichschaltung und NS-Literaturpolitik, wie äußerten sich verschiedene Positionen, wie antifaschistisch war die sogenannte "Innere Emigration", gab es dezidierte Kritik am Nationalsozialismus.

Es geht also gerade nicht darum, möglichst früh genuin nationalsozialistische Romane zu entdecken und auf ihren Erfolg zu verweisen. Ganz im Gegenteil sollen die Bestseller des gesamten Genres unter die Lupe genommen werden, um dann zu beurteilen, wann und wie stark die einzelnen Ideologeme auftraten. Der Publikumsgeschmack ist oft eine zähe Geschichte, auf den auch die nationalsozialistischen Propagandisten als gute Populisten durchaus Rücksicht nahmen. So wurde bereits festgestellt, dass in der nationalsozialistischen Filmproduktion heitere Unterhaltungsfilme weit vor heroischen Kriegs- und Propagandafilmen lagen.

Untersucht man nach der Erstveröffentlichung auch den Verkaufserfolg eines Buches, sozusagen seine Nachwirkung, rücken automatisch die großen historischen Zäsuren 1918, 1933 und 1945 ins Blickfeld. Natürlich wurden in den Zwanzigerjahren andere historische Romane geschrieben als in der guten alten Zeit des Kaiserreichs, aber wurden diese "neuen" Romane auch gekauft? Auch die Auswirkungen der "Machtübernahme" sind hier sicher sehr interessant. Denn trotz der spektakulären Bücherverbrennungen wurden gebau betrachtet nur relativ wenige Romane verboten. Vor allem wenn die Autoren weder Juden noch dezidiert engagierte Gegner des Regimes waren. In der "Inneren Emigration" war relativ viel Raum. Historische Romane von Bergengruen oder Klepper, die heute dem Widerstand zugerechnet werden, wurden damals von der nationalsozialistischen Literaturkritik gefeiert und waren als offizielle Geschenke beliebt.

Interessant ist auch ein genauer Blick auf den Neuanfang nach 1945, die sogenannte "Stunde Null". Inzwischen ist klar, dass es mit der oft beschworenen Entnazifizierung nicht so weit her war. Von einigen hochkarätigen Nazis abgesehen blieben die meisten Entscheidungsträger in ihren Positionen, vor allem als man sie bei der Wiederaufrüstung dann dringend benötigte. Andererseits lässt sich leicht feststellen, dass die deutsche Bevölkerung von heroischen Durchhalteparolen wirklich genug hatte.

Nicht sollte auch beantwortet werden, was einen nationalsozialistischen Roman ausmacht. Es wird also auch um Form- und Stilfragen gehen, die in der Architektur und der bildenden Kunst für jeden auf der Hand liegen, in der Literaturgeschichte jedoch leider meistens ignoriert werden, da sich hier die Definitionen ganz einfach aus den Inhalten ableiten lassen. Allerdings reichte die pure Anhäufung einzelner Ideologeme nicht immer aus, um sich das Wohlwollen der NS-Literaturkritik zu verdienen. Es sei jedoch vorweggenommen, dass schwache oder gar negative Protagonisten, Ironie, kurz alle Distanz schaffenden Techniken, der Verbreitung und dem Konsum totalitärer Ideologien nicht gerade dienlich sind.



Frank Westenfelder
Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur
am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945
Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989



Die einzelnen Kapitel zum Download:

INHALTSVERZEICHNIS

I. HISTORISCHER ROMAN UND NATIONALSOZIALISTISCHE LITERATUR
II. DER HISTORISCHE ROMAN IM KAISERREICH
III. DER HISTORISCHE ROMAN ZUR ZEIT DER WEIMARER REPUBLIK
IV. DER HISTORISCHE ROMAN IM DRITTEN REICH
V. WIRKUNG IN DER BUNDESREPUBLIK






Neoklassizismus - Typisierung und Entindividualisierung



Stahlgewitter - soldatischer Nationalismus



Führerkult - Projektionen in die Geschichte.




"Alles kleinliche Grünzeug auf dem Platz selbst ist verschwunden und einer großzügigen steinernen Plattenfläche gewichen. Dem neuen Raum ist damit jedes Natürlich-Zufällige genommen und ihm eine strenge steinerne Form gegeben."



Aufgriff traditioneller religiöser Formen. Mythisch-irrationale Verklärung



Gigantomanie und Neoklassizismus.
Speer preist gegenüber Hitler den "Ruinenwert" seiner Bauten.