IV.7.1. "Innere Emigration" und Nationalsozialismus

Bei diesem kurzen Überblick über die historischen Romane der "Inneren Emigration" kam es vor allem drauf an, die Geschlossenheit dieses Begriffs aufzulockern und statt dessen ein Spektrum aufzuzeigen, das von den religiös untermauerten faschistoiden Vorstellungen Kleppers und Bergengruens über Andres' und Le Forts grundlegend humanistische Gesinnnung bis hin zu den dezidierten Absagen an Gewalt und Unterdrückung bei Wiechert, Schneider und Saile reicht. Gerade am Gegensatz Klepper - Schneider zeigt sich, wie stark Schneiders Roman entwertet werden muß, wollte man ihn Kleppers "Vater" oder gar Molos "Eugenio" gleichberechtigt zur Seiten stellen.

Man kann keinen Roman, der nur die Auswüchse einer Diktatur kritisiert, "antidiktatorisch" nennen, das tut schließlich auch die NS-Literatur. Nur in Sailes Roman wird die Diktatur in Frage gestellt, sonst geht es lediglich um "gute, gerechte" Herrschaft gegenüber der "schlechten" Willkürherrschaft. Da es nicht vorgesehen ist, daß sich die Beherrschten an der politischen Willensbildung beteiligen, muß der "gute" Herrscher von sich aus im Sinne des Volkes handeln; er wird somit zur Inkarnation eines abstrakten Volkswillens. Ralf Schnell bezeichnet deshalb das monarchische Prinzip bei Bergengruen und Schneider als eine "religiös motivierte Variante des Führerprinzips des deutschen Faschismus"(549).

Der Ausweg aus dem Dilemma, sowohl NS-Diktatur wie auch bürgerliche Demokratie abzulehnen, suchen alle Autoren bis auf Saile im Rückzug auf christliche und humanistische Ewigkeitswerte.Das Postulieren dieser Werte schließt allerdings ein progressives Geschichtsverständnis aus und kann sich historisch ändernden Klasseninteressen und Machtverhältnissen nicht gerecht werden. Durch diese Flucht in die Geschichtslosigkeit demonstriert das Bürgertum seinen Verzicht auf sein ehemals vorhandenes Selbstbewußtsein und den damit verbundenen Fortschrittsgedanken.

Das Ahistorische der historischen Romane der "Inneren Emigration" bringt sie in die Nähe der NS-Literatur. Der nationalsozialistische historische Roman benützt Geschichte ausnahmslos, um unter dem Vorwand des "Ewigen" Gegenwärtiges darzustellen. Ralf Schnell hat auf die Technik der "historischen Camouflage" in den historischen Romanen der "Inneren Emigration" verwiesen (550), ohne allerdings festzustellen, daß der nationalsozialistische historische Roman eine ähnliche Technik anwendet(551). Reinhold Grimm dagegen betont mehr diese Gemeinsamkeiten, da alle diese Romane die Gegenwart einfach in der Vergangenheit spiegeln(552). Fast sämtliche erzähltechnischen Mittel, die Schnell für die Romane der "Inneren Emigration" herausarbeitet, sind auch für die nationalsozialistische Literatur typisch; neben der historischen Camouflage, die Identifikation des Lesers mit dem Erzählerstandpunkt und die Verwendung eines Mottos, das erstens diese Gemeinschaft verstärken soll und zweitens zur Dechiffrierung aktueller Aussagen dient(553).

Ein wichtiges formales Kriterium der Annäherung an die NS-Literatur ist die Konzentration der Erzählperspektive auf den Helden oder Herrscher. Darin äußert sich die Geschichtsauffassung von den großen Männern, die Geschichte machen(554). Die historischen Romane der "Inneren Emigration", die der nationalsozialistischen Weltanschauung inhaltlich am nächsten kommen, stellen diese großen Männer bevorzugt in den Mittelpunkt. Bergengruens Fürsten kommen erst nach Irrwegen zu der höheren Einsicht, die den nationalsozialistischen Führern meist von Anfang an gegeben ist. Am geradlinigsten ist Kleppers "Vater", Friedrich Wilhelms Leiden ist vorbildhaftes Opfer und Legitimation. Durch die Erzählperspektive und die Ungebrochenheit des Protagonisten weist dieser Roman die größte Affinität zur NS-Literatur auf.

Am weitesten davon entfernt sich, oberflächlich betrachtet, Thiess, da er die Geschichte eines ganzen Kulturkreises schreibt. Doch, soweit es seine organischen Geschichtsvorstellungen zulassen, wird auch bei ihm Geschichte von den großen Herrschern und Geistesheroen bestimmt. Weismantel, Andres und Le Fort stellen den schwachen Helden dar, der der Geschichte hilflos gegenübersteht. Die Opfer werden dabei zwar beklagt, die Ursachen aber in mythische Bereiche entrückt. Nur Sailes Kepler macht die Interessen der Mächtigen für den Krieg verantwortlich. Reck-Malleczewen verzichtet zwar auf den positiven Helden, behandelt den Leser aber mit seinen moralischen Wertungen äußerst autoritär und bleibt dadurch sprachlich auf der Ebene der NS-Propaganda. Als einziger gibt Schneider zum Teil diese konventionelle Erzählhaltung auf. Er erschließt dem Leser das zwielichtige Vorleben Las Casas' aus Zeugenaussagen und zeig ihm die Hilflosigkeit des Humanismus vor den Argumenten der Staatsräson.

Die Schwäche und Fehlerhaftigkeit des Helden ist ein Zeichen des verbliebenen Individualismus dieser konservativen und christlichen Autoren. Während in der NS-Literatur fast nur noch Typen vorgeführt werden, die von Roman zu Roman ausstauschbar sind und auch innerhalb der Romanhandlung kaum eine Veränderung erleben, geben die Autoren der "Inneren Emigration" ihren Figuren meist sehr individualistische Züge. Man könnte behaupten, daß sich darin ein Ignorieren der modernen Massengesellschaft abzeichnet, der der NS-Typus besser gerecht wird; das Entscheidende ist aber, daß hier das Individuum zum Gegenpol der totalitären Massenbewegung. Das Scheitern eines guten Teils dieser Individuen ist ein sicheres Zeichen ihrer historischen Antiquiertheit. So wirkt Veit Stoß wie ein Fossil gegenüber den Praktiken des Kapitalismus. Tilly ist nicht in der Lage, seine eigene Soldateska zu kontrollieren, und Las Casas wird am Widerstand der spanischen Großgrundbesitzer scheitern. Nur Kepler weiß, daß die Geschichte seinen Ideen zum Sieg verhelfen wird.

Neben dem Individualismus bildet der Humanismus die wichtigste Gegenposition zur nationalsozialistischen Weltanschauung, er wird deshalb mit einer Vehemenz vertreten, wie sie in den historischen Romanen zuvor nicht nachzuweisen ist. Dem Katholizismus kommt dabei, offensichtlich wegen seiner größeren weltanschaulichen Geschlossenheit, eine besondere Bedeutung zu. Für Thiess und Wiechert, die aus dem Umfeld der "Konservativen Revolution" kommen, wird das Christentum zu einem zentralen Wert. Andres und Weismantel sind als katholische Schriftsteller bekannt, Le Fort konvertiert 1924 zum Katholizismus, Bergengruen 1936 und Schneider 1938. Trotz der oft leidvollen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus (555) und ihrer sicher beabsichtigten Kritik bleiben alle Autoren bis auf Saile einem undemokratischen Obrigkeitsdenken und einem irrationalen Geschichtsbild verhaftet (556).

© Frank Westenfelder


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