III.5.1. Innerlichkeit und Obrigkeit
Innerlichkeit und Religiösität sind mit die wichtigsten Merkmale der neuromantischen historischen Romane. Hans Franck
vermischt in seinem Band "Der Regenbogen"(1927) mystische und märchenhafte Erzählungen mit
historischen Geschichten und Anekdoten(340). Obwohl die in einzelnen Hauptteilen zusammengefaßten Geschichten grob chronologisch
geordnet zu sein scheinen, verraten die Titel dieser Hauptteile - Mythe, Mittelalter, Lutherzeit, Fridericus - eher Francks selektives Interesse an der
deutschen Geschichte. Und so ergibt sich eine seltsame Mischung aus Heiligenlegenden, Schauermärchen und preußischem
Heroismus gepaart mit Obrigkeitskult. Ganz von dieser innerlich-protestantischen Frömmigkeit bestimmt ist Käthe Papkes Roman
"Das Forsthaus im Christianenthal"(1920). Die Liebesgeschichten des Romans bleiben alle unerfüllt, da die jeweiligen Partner zu früh
sterben; den Überlebenden bleibt der Trost auf eine Vereinigung im Jenseits.
An Friedrichs Furchtlosigkeit, seiner Härte gegen sich selbst, seinem unbeugsamen Sinn mag eine Jugend erstarken; sein Vermögen, unermeßliche Arbeit und kulturelles Bedürfnis zu verbinden, predigt den reifen Jahren; mit seiner phrasen losen Wahrhaftigkeit, seinem schauerlichen Klarblick, seiner großartigen Resignation ergreift er die wissenden Alten: als eine Einheit von Humanität, Geist und Stärke hat ihn jedes Volk zum Vorbild nötig, und sein eigenes heute am meis ten.(347)Frank verherrlicht allerdings nicht, wie zum Beispiel Walter von Molo, Friedrichs kriegerische Leistungen; er zeigt den müden, alten König und dessen humanitäre Bemühungen um eine Reform des Gerichts- und des Heeressanitätswesens. Trotz des Aufzeigens von Friedrichs Fehlern und Schwächen ist die "Tendenz zur Idealisierung des Königs nicht zu verkennen"(348). Was diese Erzählungen jedoch grundlegend von der konservativen Literatur abhebt, sind die Gedanken des jungen de Lafayette, der in Amerika für die neue Demokratie gekämpft hat und in Friedrich den letzten Großen der "alten Ära" sieht. De Lafayette reist dann von Preußen nach Polen in jenes Reich, "das vom Eigennutz der großen Mächte, ein Jahrzehnt war es her, zerschnitten und zerkleinert worden" war(349). Neben dieser Sympathieerklärung für Polen und der Andeutung eines möglichen historischen Fortschritts bezieht Franks Friedrich auch ausdrücklich Stellung gegen Nationalismus und Rassismus, wobei sich diese Stellungnahme mehr gegen die völkische Gegenwartspropaganda richtet als gegen die Territorialpolitik des 18.Jahrhunderts, der Begriffe wie Slawentum. Volk oder Nation noch fremd sind: Ja, hier in der Mark, hier in seiner Urprovinz saßen eigentlich keine Deutschen, da saßen Slawen, östliche Völker, Asiaten womöglich. Man sah`s an ihren Backenknochen, an den hinaufgeschobenen, zusammengepreßten Augen. <...> Aber da faselten sie nun von Nation, da wurde er, just er, zum nationalen Helden proklamiert! Oh, man konnte den Menschen vieles einreden. <...> Aber ein Volk war eben leichter zu leiten, wenn es sich für ein Ganzes und zumal für ein auserwähltes Ganzes hielt. Das taten alle. Seine wendisch-sorbischen Märker hielten sich sogar für ganz besonders auserwählte Deutsche, obgleich sie das traurigste Land von der Welt bewohnten.(350)Zur Dekoration romantisch-abenteuerlicher Schicksale benützen Juliana von Stockhhusen und Karl Hans Strobl den historischen Roman. Stockhausens "Die Soldaten der Kaiserin"(1924) ist die rührselige Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen dem Pandurenoberst Franz von der Trenck und einer Hofdame Maria Theresias. Die uneheliche Tochter der beiden dient verkleidet als Husar und begeht am Ende des Romans Selbstmord. Über dieser trivialen Handlung steht die innere Wandlung Maria Theresias von der pflichtbesessenen, harten Herrscherin zur milden Mutter ihrer Landeskinder und Soldaten. Der Roman "Die Fackel des Hus"(1929) von Strobl schildert die Abenteuer eines deutschen Studenten in Prag zu Beginn der Hussitenkriege. Ein junger Nürnberger Kaufmannssohn verfällt dem wilden Prager Studentenleben, säuft, verpraßt sein Geld, begeht Eid- und Ehebruch und hat ein Liebesverhältnis mit einer Dirne. Dieses bunte Leben wird erst durch die Vertreibung der deutschen Universität aus Prag unterbrochen. Er kämpft tapfer im ersten Feldzug gegen die Hussiten, an denen Strobl vor allem das böhmisch-nationale, antideutsche und die daraus resultierenden Greueltaten an der deutschen Bevölkerung hervorhebt. Häufen sich bei Stockhausen die idealisierten Beschreibungen des Hof- und Soldatenlebens, einschließlich des Gustav-Adolfs-Page-Motivs, so macht Strobl, ein bekannter Autor phantastischer Geschichten dasselbe mit dem Studentenleben und dem geheimnisvollen, mittelalterlichen Prag, das er dazu benützt, einige schaurig-makabre Szenen einzuflechten(351), mitsamt einer Golem-Geschichte. Obwohl beide Erzeugnisse reine Unterhaltungsromane sind, fließt doch nationalistisches Gedankengut in sie ein. In Stockhausens Roman wird fragend festgestellt, daß hinter Polen "Asien liegt, ein gefräßiges Tier, das eines Tages aufwachen wird, um Europa zu überschwemmen"(352), und auch Strobls Beschreibung der böhmischen Nationalbewegung enthält revanchistische Anspielungen im Zusammenhang mit der Loslösung Böhmens von Österreich 1918 und dem Verlust des Sudetenlandes. Die Mischung aus romantischer Idylle und ständischem Ordnungsdenken findet ihre extreme Ausprägung in Paul Ernsts 1933 erschienenen Krisenmärchen "Das Glück von Lautenthal". Ende des 17. Jahrhunderts sind große Teile des Harzes vom Elend der Arbeitslosigkeit betroffen(353). Die Laute ist versiegt, dadurch steht die Mühle still, und in der Silbergrube ist der Erzgang zu Ende. In dieser Situation treffen drei Paare zusammen, an denen Ernst gleichzeitig Ordnung und Harmonie der Stände aufzeigt: der Müllerbursche Franz Bacher und die Müllerstochter Käthe, der Bürgermeistersohn und Bergmann Kurt Pfeffer und Marie Wiedenhöfer sowie der Junker Thilo von Uslar mit der Gutsbesitzerin Eva Koch. Während Franz und Kurt von der Arbeitslosigkeit direkt betroffen sind, droht der von Thilo geliebten Eva die Enteignung, da sie den Kaufbrief ihres Gutes nicht mehr findet. Da betritt das Fräulein von Glück die Bühne, und da sie erkennt, daß alle dringend etwas Glück brauchen, bringt sie nach und nach alles in Ordnung. Sie findet mit der Wünschelrute einen neuen Erzgang. Bei den beginnenden Bergarbeiten wird zwar ein Stollen überschwemmt, aber das Wasser fließt in die Laute, und die Mühle kann wieder arbeiten. Schließlich entdeckt Fräulein von Glück noch in einem Geheimfach den verschollenen Kaufbrief. Am Ende des Romans können alle drei Paare glücklich heiraten. Ernst bedient sich des historischen Romans, um ein Märchen zu schreiben(354). Die sozialen Probleme werden nicht analysiert, sie gelten als göttliche Prüfung: "Gott schickt uns die schweren Zeiten, damit wir klug werden, sonst bleiben wir dumm" (355). Dieses Klugwerden kann allerdings nach dem Muster des Romans nur im naiven Hoffen auf ein Wunder und dem Festhalten an der ständischen Ordnung bestehen. Angesichts der sozialen Probleme nach 1930 bleibt der völkische Literatur neben der totalen Mobilmachung anscheinend nur der Rückzug in die Idylle des Märchens. Vorgezeichnet ist dieser Weg schon bei Papcke, Scholz, Franck und Viesér, bei Ernst ist der Bruch zwischen der Realität, durch den direkten Bezug auf die Krise, und den mythischen Lösungsangeboten am offensichtlichsten. © Frank Westenfelder
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