III.5.1. Innerlichkeit und Obrigkeit

Innerlichkeit und Religiösität sind mit die wichtigsten Merkmale der neuromantischen historischen Romane. Hans Franck vermischt in seinem Band "Der Regenbogen"(1927) mystische und märchenhafte Erzählungen mit historischen Geschichten und Anekdoten(340). Obwohl die in einzelnen Hauptteilen zusammengefaßten Geschichten grob chronologisch geordnet zu sein scheinen, verraten die Titel dieser Hauptteile - Mythe, Mittelalter, Lutherzeit, Fridericus - eher Francks selektives Interesse an der deutschen Geschichte. Und so ergibt sich eine seltsame Mischung aus Heiligenlegenden, Schauermärchen und preußischem Heroismus gepaart mit Obrigkeitskult. Ganz von dieser innerlich-protestantischen Frömmigkeit bestimmt ist Käthe Papkes Roman "Das Forsthaus im Christianenthal"(1920). Die Liebesgeschichten des Romans bleiben alle unerfüllt, da die jeweiligen Partner zu früh sterben; den Überlebenden bleibt der Trost auf eine Vereinigung im Jenseits.

Aus katholischer Gesinnung heraus entsagt Dolores Viesér mit ihrem Roman "Das Singerlein"(1928) dieser Welt. Der junge, elternlose Hansl wird Novize in einem Kloster. Die Außenwelt erscheint nur als bösartige, teuflische Versuchung in Gestalt einer verführerischen deutschen Adeligen und eines italienischen Gegenspielers. Hansl kann diese Anfechtungen überwinden, kommt aber nach einem Sturz tödlich verletzt ins Kloster. Dort überzeugt er auf dem Totenbett seinen Freund Georg, den Sohn eines preußischen Offiziers, Franziskaner zu werden. Wie in den Romanen der Handel-Mazetti tritt auch bei ViesÜr die Gestalt des sanften Märtyrers an die Stelle des heroischen Kriegers. Damit befindet sich der Roman in einem starken Gegensatz zur völkischen Literatur, mit der ihn allerdings seine Bevorzugung des Irrationalen verbindet. Das Singerlein kommt intuitiv zur Erkenntnis: "Seine Seele erfaßt, was sein Verstand nicht erdenken kann"(341).

Die Gesellschaftsvorstellungen aller drei Autoren sind undemokratisch und partriarchalisch. Völlig unproblematisch, noch ganz im Stil der wilhelminischen Zeit, schildert Papke diese Idylle. Graf und Förster haben ein freundschaftliches Verhältnis, und im Krieg bewährt sich die Treue des Volkes und die Fürsorge des Adels: "Fest und treu standen Herrschaft und Volk zusammen, füreinander und miteinander"(342). Franck und Viesér würden die sozialen Konflikte auch auf diese Weise lösen, können aber ein gewisses Mißtrauen dem Adel gegenüber nicht verleugnen. Beide greifen dabei auf die schon im Kaiserreich bewährten Muster der Adelskritik zurück, indem sie seinen Hochmut, sein "kaltes Herz" und seine moralische Dekadenz angreifen(343). ViesÜrs Ideal ist die christliche Ordnung des Klosters, während Franck den Staat Friedrichs des Großen verherrlicht, in dem der Adel seinen Pflichten noch nachgekommen sein soll.

Ebenfalls eine Rückwärtsbewegung zum mystisch-irrationalen vollzieht Wilhelm von Scholz mit seinem Roman "Perpetua"(1926). Ganz ohne politische Anspielungen erzählt Scholz die Geschichte eines Augsburger Zwillingsschwesternpaares, von denen die eine - Katharina - zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Hexe verbrannt wird, während die andere - Perpetua - als Äbtissin wie eine Heilige verehrt wird. Scholz wendet sich zwar gegen die Hexenprozesse, aber im Gegensatz zu den "Hexen" in Ricarda Huchs "Der große Krieg in Deutschland" sind seine Hexen wirklich der Zauberei fähig. Hier wird nicht der religiöse Fanatiker überzeugt, sondern der "Humanist" Veit muß seine Ablehnung des Aberglaubens revidieren(344). Die alte, ebenfalls mit übersinnlichen Kräften begabte Äbtissin Perpetua hat noch die völkische Vision von Luthers großer Mission. Er steht für sie in der Reihe der großen deutschen Mystiker "Meister Eckhart, Tauler, Seuse"(345).

Auch der Erzbischof von Mainz und Kanzler Rudolfs von Habsburg, Heinrich von Isny, in Emanuel Stickelbergers Roman "Der graue Bischof"(1930) verfügt über eine besondere Macht. Als Sohn einer Hexe, arm und verfolgt, lernt er schon früh die geheimnisvolle Macht seiner Augen zu benützen, mit der er anderen seinen Willen aufzwingen kann. Nach dem Ratschlag der Großmutter - "Laß nie ein Gefühl über den Verstand Herr werden. Opfere Empfindungen, opfere Menschenleben, opfere dein eigen Herz! <...> Kalt - rücksichtslos. Nur so kannst du herrschen über die, die dich und deine Mutter verachten"(346) - beginnt er früh mit seiner Karriere, die ihn, den Sohn eines Schmiedes, bis in die Position eines Kurfürsten und Reichskanzlers führt. Er stirbt von Zweifeln und von Ehrgeiz gepeinigt. Stickelberger enthält sich wie Scholz politischer Anspielungen, auch seine Schilderung des charismatischen Machtmenschen ist durchaus ambivalent. Heinrich dient dem Willen zur Macht und geht am Ende daran zugrunde, aber er ist wie Rudolf von Habsburg durch seine Begabung vom Schicksal auserwählt.

Daß die Verehrung großer Männer auch von demokratischer Seite aus möglich ist, zeigt Bruno Frank mit seinen Erzählungen über "Friedrich den Großen", "Tage des Königs"(1924). Schon im Vorwort betont Frank die Vorbildfunktion seiner Friedrich-Interpretation:

An Friedrichs Furchtlosigkeit, seiner Härte gegen sich selbst, seinem unbeugsamen Sinn mag eine Jugend erstarken; sein Vermögen, unermeßliche Arbeit und kulturelles Bedürfnis zu verbinden, predigt den reifen Jahren; mit seiner phrasen losen Wahrhaftigkeit, seinem schauerlichen Klarblick, seiner großartigen Resignation ergreift er die wissenden Alten: als eine Einheit von Humanität, Geist und Stärke hat ihn jedes Volk zum Vorbild nötig, und sein eigenes heute am meis ten.(347)
Frank verherrlicht allerdings nicht, wie zum Beispiel Walter von Molo, Friedrichs kriegerische Leistungen; er zeigt den müden, alten König und dessen humanitäre Bemühungen um eine Reform des Gerichts- und des Heeressanitätswesens. Trotz des Aufzeigens von Friedrichs Fehlern und Schwächen ist die "Tendenz zur Idealisierung des Königs nicht zu verkennen"(348). Was diese Erzählungen jedoch grundlegend von der konservativen Literatur abhebt, sind die Gedanken des jungen de Lafayette, der in Amerika für die neue Demokratie gekämpft hat und in Friedrich den letzten Großen der "alten Ära" sieht. De Lafayette reist dann von Preußen nach Polen in jenes Reich, "das vom Eigennutz der großen Mächte, ein Jahrzehnt war es her, zerschnitten und zerkleinert worden" war(349). Neben dieser Sympathieerklärung für Polen und der Andeutung eines möglichen historischen Fortschritts bezieht Franks Friedrich auch ausdrücklich Stellung gegen Nationalismus und Rassismus, wobei sich diese Stellungnahme mehr gegen die völkische Gegenwartspropaganda richtet als gegen die Territorialpolitik des 18.Jahrhunderts, der Begriffe wie Slawentum. Volk oder Nation noch fremd sind:
Ja, hier in der Mark, hier in seiner Urprovinz saßen eigentlich keine Deutschen, da saßen Slawen, östliche Völker, Asiaten womöglich. Man sah`s an ihren Backenknochen, an den hinaufgeschobenen, zusammengepreßten Augen. <...> Aber da faselten sie nun von Nation, da wurde er, just er, zum nationalen Helden proklamiert! Oh, man konnte den Menschen vieles einreden. <...> Aber ein Volk war eben leichter zu leiten, wenn es sich für ein Ganzes und zumal für ein auserwähltes Ganzes hielt. Das taten alle. Seine wendisch-sorbischen Märker hielten sich sogar für ganz besonders auserwählte Deutsche, obgleich sie das traurigste Land von der Welt bewohnten.(350)
Zur Dekoration romantisch-abenteuerlicher Schicksale benützen Juliana von Stockhhusen und Karl Hans Strobl den historischen Roman. Stockhausens "Die Soldaten der Kaiserin"(1924) ist die rührselige Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen dem Pandurenoberst Franz von der Trenck und einer Hofdame Maria Theresias. Die uneheliche Tochter der beiden dient verkleidet als Husar und begeht am Ende des Romans Selbstmord. Über dieser trivialen Handlung steht die innere Wandlung Maria Theresias von der pflichtbesessenen, harten Herrscherin zur milden Mutter ihrer Landeskinder und Soldaten. Der Roman "Die Fackel des Hus"(1929) von Strobl schildert die Abenteuer eines deutschen Studenten in Prag zu Beginn der Hussitenkriege. Ein junger Nürnberger Kaufmannssohn verfällt dem wilden Prager Studentenleben, säuft, verpraßt sein Geld, begeht Eid- und Ehebruch und hat ein Liebesverhältnis mit einer Dirne. Dieses bunte Leben wird erst durch die Vertreibung der deutschen Universität aus Prag unterbrochen. Er kämpft tapfer im ersten Feldzug gegen die Hussiten, an denen Strobl vor allem das böhmisch-nationale, antideutsche und die daraus resultierenden Greueltaten an der deutschen Bevölkerung hervorhebt. Häufen sich bei Stockhausen die idealisierten Beschreibungen des Hof- und Soldatenlebens, einschließlich des Gustav-Adolfs-Page-Motivs, so macht Strobl, ein bekannter Autor phantastischer Geschichten dasselbe mit dem Studentenleben und dem geheimnisvollen, mittelalterlichen Prag, das er dazu benützt, einige schaurig-makabre Szenen einzuflechten(351), mitsamt einer Golem-Geschichte. Obwohl beide Erzeugnisse reine Unterhaltungsromane sind, fließt doch nationalistisches Gedankengut in sie ein. In Stockhausens Roman wird fragend festgestellt, daß hinter Polen "Asien liegt, ein gefräßiges Tier, das eines Tages aufwachen wird, um Europa zu überschwemmen"(352), und auch Strobls Beschreibung der böhmischen Nationalbewegung enthält revanchistische Anspielungen im Zusammenhang mit der Loslösung Böhmens von Österreich 1918 und dem Verlust des Sudetenlandes.

Die Mischung aus romantischer Idylle und ständischem Ordnungsdenken findet ihre extreme Ausprägung in Paul Ernsts 1933 erschienenen Krisenmärchen "Das Glück von Lautenthal". Ende des 17. Jahrhunderts sind große Teile des Harzes vom Elend der Arbeitslosigkeit betroffen(353). Die Laute ist versiegt, dadurch steht die Mühle still, und in der Silbergrube ist der Erzgang zu Ende. In dieser Situation treffen drei Paare zusammen, an denen Ernst gleichzeitig Ordnung und Harmonie der Stände aufzeigt: der Müllerbursche Franz Bacher und die Müllerstochter Käthe, der Bürgermeistersohn und Bergmann Kurt Pfeffer und Marie Wiedenhöfer sowie der Junker Thilo von Uslar mit der Gutsbesitzerin Eva Koch. Während Franz und Kurt von der Arbeitslosigkeit direkt betroffen sind, droht der von Thilo geliebten Eva die Enteignung, da sie den Kaufbrief ihres Gutes nicht mehr findet. Da betritt das Fräulein von Glück die Bühne, und da sie erkennt, daß alle dringend etwas Glück brauchen, bringt sie nach und nach alles in Ordnung. Sie findet mit der Wünschelrute einen neuen Erzgang. Bei den beginnenden Bergarbeiten wird zwar ein Stollen überschwemmt, aber das Wasser fließt in die Laute, und die Mühle kann wieder arbeiten. Schließlich entdeckt Fräulein von Glück noch in einem Geheimfach den verschollenen Kaufbrief. Am Ende des Romans können alle drei Paare glücklich heiraten.

Ernst bedient sich des historischen Romans, um ein Märchen zu schreiben(354). Die sozialen Probleme werden nicht analysiert, sie gelten als göttliche Prüfung: "Gott schickt uns die schweren Zeiten, damit wir klug werden, sonst bleiben wir dumm" (355). Dieses Klugwerden kann allerdings nach dem Muster des Romans nur im naiven Hoffen auf ein Wunder und dem Festhalten an der ständischen Ordnung bestehen. Angesichts der sozialen Probleme nach 1930 bleibt der völkische Literatur neben der totalen Mobilmachung anscheinend nur der Rückzug in die Idylle des Märchens. Vorgezeichnet ist dieser Weg schon bei Papcke, Scholz, Franck und Viesér, bei Ernst ist der Bruch zwischen der Realität, durch den direkten Bezug auf die Krise, und den mythischen Lösungsangeboten am offensichtlichsten.

© Frank Westenfelder


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