II.4.3. Jugendbewegung und Gottsucher

Ihren "radikalen Ausdruck" findet die Neuromantik in der Jugendbewegung(142). In ihr artikuliert sich nicht der ökonomisch bedrohte Mittelstand, sondern die aufstiegswilligen, idealistischen Söhne des Bürgertums(143), denen die konservative wilhelminische Gesellschaft kaum Gelegenheit zur Selbstverwirklichung und zum Engagement bietet. Die materialistische Industriegesellschaft, deren Regierungsform ein Kompromiß der spießigen Väter mit dem reaktionären Adel ist, wird nicht als Gemeinschaft empfunden, nach deren Wärme man sich sehnt und der sich zu opfern, man erzogen worden ist(144). Doch auch die Gesellschaftskritik der Jugendbewegung bleibt in irrationalen Ansätzen stecken:

Ganz allgemein standen ihnen zwei Möglichkeiten offen: Sie konnten ihre radikale Kritik an der Gesellschaft fortsetzen, was sie nach einer gewissen Zeit in das Lager der sozialen Revolution geführt hätte. Aber die Sozialdemokraten waren wenig attraktiv für die Söhne und Töchter deutscher Bürgerhäuser.<...> Die Wandervögel wählten die andere Form des Protestes gegen die Gesellschaft - Romantik. (145).

Trotz oder gerade wegen dieser romantischen Ablehnung des Wilhelminismus "hatten sie, jeder Diskussion und Überprüfung entzogen, viele Grundsätze der offiziellen Ideologie als Glaubenssätze akzeptiert"(146).

Das große historische Ideal ist auch hier ein romantisiertes Mittelalter, allerdings nicht das der Butzscheibenromantik, sondern ein abenteuerlich-anarchistisches mit Rittern, Landsknechten, Vaganten und Piraten(147). Da eine geschlossene theoretische Basis fehlt, werden viele völkische Gedanken verarbeitet, wie die Sehnsucht nach einer organischen Volksgemeinschaft und die Verherrlichung der gesunden Natur gegenüber "grauer Städte Mauern". Die Blut-und Boden-Ideologie spielt dabei keine große Rolle.

Was Jugendbewegung, Neuromantik und völkische Gruppen verbindet, ist ihr Hang zum Irrationalismus und zur deutschen "Seelentiefe". Dies ist bei den Völkischen zumeist mit einer stark nationalen oder rassistischen Komponente vesehen, während die Neuromantiker zur reinen Innerlichkeit neigen. Die Jugendbewegung dagegen bevorzugt - typisch für ihr dynamisches Moment - den rastlosen Gottsucher, den Gralsritter. Nihilistische Vorstellungen vermischen sich mit Interpretationen von Goethes "Faust" und Nietzsches "Zarathustra". Damit werden intellektuelle Leistungen zum Wertmaßstab erhoben. Im Bild des Gottsuchers erhebt sich der "Adel des Geistes" über den des Blutes und des Geldes(148). Die religiösen Erneuerungsversuche um die Jahrhundertwende sind gerade durch das Vermischen der verschiedensten Traditionen und Ansätze gekennzeichnet:

Weltanschaulich gesehen bahnt sich dabei eine deutliche Vermischung humanistisch-idealistischer,national-religiöser und lebensphilosophisch-theosophischer Gedankengänge an, die zu einem absoluten Glaubenschaos führte.(149)
Die Jugendbewegung unterscheidet sich von Neuromantik und Heimatkunst im wesentlichen durch ihre utopisch-dynamischen Züge. Dabei kommt ein Aspekt der Romantik zum Vorschein, den Reiss gegen "Konservative und Traditionalisten" absetzt:
So sind sie hauptsächlich oft nicht konservativ, sondern revolutionär, obwohl sie es sich selbst nicht eingestehen. Der revolutionäre Aspekt ihres Denkens erklärt, warum sie sich leicht mit dem Nationalismus verbündeten,einer wahrhaft revolutionären Bewegung; denn der Nationalismus veränderte die traditionelle Gesellschaftsordnung völlig.(150)
Die bündische Bewegung mit ihren selbsternannten Führern, die sich nachträglich durch Leistung legitimieren mußten, trägt utopische Züge, die man weder mit Konservatismus noch mit Antimodernismus umschreiben kann(151). Im Unterschied zur rein traditionellen Literatur von Neuromantik und Heimatkunst ergeben sich Beziehungen zu Futurismus, Expressionismus und modernem Ästhetizismus(152).

Geprägt von dieser schwärmerischen Aufbruchsstimmung und irrationaler Opferbereitschaft ist Rainer Maria Rilkes Novelle "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke"(1899). Der "Cornet" gilt als Kultbuch der Jugendbewegung und wird zum "Wesensausdruck" einer Jugend, "die zwischen Zupfgeigenhansel und Walter Flex aufwuchs und in rauschhaftem Aufbruch den Weg vom hohen Meißner nach Langemarck ging"(153). Der Cornet, ein blutjunger Fähnrich, zieht voll Begeisterung in den Türkenkrieg. Zwischen den endlosen Ritten schreibt er seiner Mutter und träumt von der Liebe. Die Schlacht am Schluß wird zum rauschhaften Fest und der Tod zur Ekstase:
Und da kommt auch die Fahne wieder zu sich und niemals war sie so königlich; und jetzt sehn sie alle, fern voran, und erkennen den helmlosen Mann und erkennen die Fahne ...
Aber da fängt sie zu scheinen an, wirft sich hinaus und wird groß und rot ...
<...>
Aber, als es jetzt hinter ihm zusammenschlägt, sind es doch wieder Gärten, und die sechszehn runden Säbel, die auf ihn zuspringen, Strahl um Strahl, sind ein Fest. Eine lachende Wasserkunst. (154)
Rilke beschreibt den Kampf nicht, wie die konservativen Autoren von Heimatkunst und Neuromantik, mit Stilmitteln, die vorwiegend dem bürgerlichen Realismus entlehnt sind, sondern erfasst das subjektive, ekstatische Erlebnis impressionistisch. Die ganze Novelle ist in einer rhythmischen Sprache gehalten, um dadurch das Vorwärtsstreben des jungen Reiters, seine Sehnsucht nach starken Erlebnissen, nach Liebe und Tod, auszudrücken. Wie im Traum erlebt er seine erste Liebe, um sich danach - noch nackt - in die Schlacht zu stürzen. Der Heldentod ist die orgiastische Steigerung des Liebeserlebnisses. Da weder der historische Ort und die Zeit noch der Sinn und Ausgang des Feldzuges genauer bestimmt werden, erscheint die äußere Realität als vernachlässigbare Größe. Rilke feiert lediglich die Vollendung des Individuums in Rausch und Opfertod. Über die kriegsverherrlichende Wirkung dieser Botschaft - und als solche wird der "Cornet" aufgenommen(155) - klagt Rilke später selbst, doch eine Kritik der Leser erfolgt erst nach der kriegsentscheidenden Niederlage von Stalingrad(156).

Auf wesentlich konventionellere Weise verherrlicht Will Vesper in seinen Neubearbeitungen der mittelalterlichen Epen "Tristan und Isolde" und "Parzival"(1911) jugendbewegtes Schwärmertum. Allein schon die Wahl des Stoffes kennzeichnet den Verzicht auf historische Realität. Vesper geht es nicht um die Beschreibung großer historischer Helden und Ereignisse, sondern um die angemessene Wiedergabe vermeintlich ewigmenschlicher Gefühls- und Geisteshaltungen, die in diesen Sagen "wie in einem edlen Behälter zusammengefaßt" sind(157). Die Geschichte wird zum Mythos, der gegenwärtige Problemstellungen verklären soll. Am deutlichsten wird dies im "Parzival", dessen "ewigen" Charakter Vesper, den Erfordernissen der Gegenwart entsprechend, wesentlich verändert. Muß der mittelalterliche Parzival nach Kundries Fluch noch jahrelange Irrfahrten durchleiden und kann erst nach aufrichtiger Reue Gottes Gnade und den Gral finden, so zeigt Vespers Parzival weder Reue noch Verzweiflung, er beharrt statt dessen trotzig auf seinem Standpunkt und bekennt sich lediglich zu Gott, worauf er fröhlich in die Gralsburg einzieht. Dort muß Amfortas die Überlegenheit dieser Position anerkennen:"Freund, du hast Gott besser erkannt als wir. Nun sehe ich, einen Mann kann nichts aufhalten auf seinem Wege, wenn er nur seine eigene Torheit zu überwinden weiß"(158). Nachdem die mittelalterliche Sage so den Bedürfnissen der wilhelminischen Gottsucher angepaßt wurde, weist Vesper im Nachwort noch explizit auf ihre aktuelle Bedeutung hin:
Manchen sah ich, der noch heute, mitten unter uns nach den goldenen Türmen von Montsalvasch suchte.<...>aber auch heute kann ein Mann zeigen, was er wert ist, und wir wissen wohl wer den Gral verdient.(159)
Hier wird ganz offenbar die bildungsbürgerliche Jugend angesprochen, der es nicht um Gottes Gnade, sonderm um gesellschaftliche Anerkennung und sozialen Aufstieg geht, was sie - wie dieser modernisierte Parzival - mit der Leistung zu verwirklichen hofft und nicht mit Reue und Verzicht.

Wieder mehr der bürgerlichen und somit auch der historischen Realität wendet sich Kolbenheyers Gottsucherroman "Meister Joachim Pausewang"(1910) zu. Kolbenheyer gibt diesen fiktiven Aufzeichnungen den Anschein von Authenzität, indem er sie sprachlich der Sprache der erzählten Zeit angleicht. Was ihn von ähnlichen Romanen, besonders von Kolbenheyers Paracelsusroman, abhebt, ist die Mittelmäßigkeit des Protagonisten. Während der Belagerung Breslaus im Dreißigjährigen Krieg schreibt der Schuster Joachim Pausewang für seine Nachkommen sein Leben nieder.

Die zentrale Figur der Geschichte ist der übermächtige, rastlose Vater(160), der gezielt seinen Besitz, die Wolfshufe, vertrinkt, um sich endlich im ungestümen Landknechtsleben verzehren zu können. Da ihm der weichliche Sohn dabei nur lästig ist, läßt er ihn eine Schusterlehre machen. Joachim wird ein braver Schuster und Bürger und lebt ein ruhiges, beschauliches Dasein. Die großen Gottsucher, den Vater und Jakob Böhme, bewundert er aus der Ferne; während sie aufbrechen, ist er ein "Philister, zufrieden und behaglich"(161).

Auffällig ist die nahezu masochistische Unterordnung unter die Bedürfnisse des Vater, die der Roman beschreibt. Ausführlich schildert Joachim die väterlichen Züchtigungen, zu denen er selbst die Haselstöcke schneiden muß(162). Die Schläge erscheinen gar als Beweise der Liebe des Vaters und dessen ungestümen Charakters(163). Das wilde Blut des Vaters fließt, wenn auch verdünnt, im Sohn weiter. Er ist nur ein weiteres Glied in einer endlosen Ahnenkette(164). Hierin liegt auch der Grund, warum der alte Joachim Pausewang seine Erinnerungen niederschreibt; er möchte seine Nachkommen an das Blut der Väter, das in ihnen weiterfließt, erinnern:
So, du mein Basil, und ihr alle, meine Nachfahren, euren kühnen Ahn ehret, so wird euch der gleiche Segen treffen. Denn das ist die Macht und Pflicht des Blutes, daß wir der Tugend unserer Väter wert leben und ihre Menschlichkeiten durchschauen und überwinden. So pflegen wir das Blut, das uns von den Väter überkommen ist.(165)
Ein Blut- und Naturmythos wird so zu völkischen Religion, die an die Stelle des Christentums tritt. Pausewang bekennt sich zwar zum lutherischen Glauben, "weil darinnen die meist Freiheit lieget.<...> Aber Gott liegt in keim Bekenntnis, da sein der Wort zuviel"(166). Gott manifestiert sich für ihn in der Natur(167). Das pantheistische "Es" wird zur Gottheit, wobei die Menschen "die zeitlichen Träger und Weiterträger sind"(168).

Mit dieser Frömmigkeit begründet Pausewang auch seine politische Enthaltsamkeit. Als abschreckendes Beispiel dienen ihm "die alten Romani, so doch Erz-Politici gewest sein", denn:
sie haben das heimlich Wachsen nit erlauschen können vor lauter Waffenlärm und öffentlicher Rednerei und sind daran zugrund gangen, indem ihre Ohren nit bereit waren, dasselb heimlich Werden zu vernehmen.(169).
Daß die Entpolitisierung der Römer mit der Kaiserzeit fortschreitet und am Niedergang des römischen Reiches nicht ganz unschuldig ist, wird salopp ins Gegenteil verkehrt. Kolbenheyer verrät seine durch und durch konservative Grundhaltung, indem er den innerlich-unpolitischen Bürger darstellt,der nur noch seinen Pflichten zur Verteidigung der Stadt nachkommt. Sein Vaterbild offenbart zudem eine manische Sehnsucht nach Autorität.

Kolbenheyers schriftstellerische Qualitäten zeigen sich vor allem darin, daß er, im Gegensatz zu anderen konservativen Autoren eine gewisse Distanz zu seinen Figuren wahrt. Die Ich-Form des Romans und das altertümelnde Deutsch deuten auf seine Zeitbedingtheit. Pausewang erzählt oft ein wenig naiv und manchmal mit sanfter Selbstironie. Die große Figur des Vaters, die normalerweise zur Identifikation einladen müßte, erhält der Leser sozusagen aus zweiter Hand. Kolbenheyer hat es nicht nötig, den großen Helden herauzustellen; er bietet dem Normalbürger eine Identifikationsfigur, die seinen schleichenden Atheismus, seine politische Bedeutungslosigkeit und seine Sehnsucht nach Autorität ins rechte Licht stellt, indem als Universallösung der Glaube an die große und ewige Volksseele erscheint. Daß Kolbenheyer bei diesem relativ gemäßigten Konservatismus nicht stehenbleibt, zeigt dann sein Paracelsusroman(170).

Den sogenannten Gottsuchern geht es weniger um religiöse Probleme als um den Gottesersatz in weltlicher Ekstase oder durch faustische Selbstverwirklichung. Dabei praktizieren sie oft einen sehr diesseitigen Aktionismus und die Wertsetzung mittels des eigenen Willens. Daß diese willkürliche Wertsetzung nicht die einzige Reaktion auf den Wertezerfall ist, belegt der Roman "Tycho Brahes Weg zu Gott"(1915) von Max Brod, dessen Titelheld an den alten Werten festzuhalten versucht, indem er die neuesten naturwissenschaftlichen Kenntnisse leugnet.

Der Hofastronom Kaiser Rudolf II., Tycho Brahe, sucht im Lauf der Gestirne die Erkenntnis göttlicher Ordnung, wird aber bei seiner Arbeit ständig von Schicksalsschlägen und seinem eigenen impulsiven Temperament behindert. Er reibt sich auf in wissenschaftlichen Fehden, Bemühungen um Mäzene und Familienzwisten, gleichzeitig führt er einen großen Haushalt, versucht sich als Architekt und Gärtner, pflegt eine ausgedehnte Korrespondenz und liebt Geselligkeiten. Von Selbstzweifeln gepeinigt, erscheint ihm sein ganzes Leben als eine endlose Kette von Prüfungen, die ihn dazu bestimmen, sich von Hochmut und Egoismus freizumachen und sich ganz der göttlichen Gnade zu unterwerfen. Als ein zutiefst konservativer Mensch erlebt und erleidet er den Zerfall der alten Wert- und Ordnungssysteme. Die unaufhaltsame Veränderung kommt auf seinem ureigensten Gebiet mit dem kopernikanischen Weltbild, dem Tycho, ein heimlicher Anhänger des Ptolemäus, sein eigenes tychonisches, das die Erde weiterhin im Mittelpunkt des Weltalls beläßt, entgegenstellt. Der persönliche Bereich, der im Roman den größten Raum einnimmt, ist gekennzeichnet vom "Verfall seiner Familie"(171), Doch auch Gott und der Kaiser, von denen er Hilfe erhofft, sind wie er selbst schwache Väter:
Ja Gott ist krank, Gott ist abgeplagt, er kann nicht mehr weiter.
Und der Herbst ringsum - das Vergehen, das Fallenlassen - eine Krankheit Gottes, nicht sein böser Wille ist es.
Oh Gott selbst war ein Greis, dachte Tycho jetzt, Gott ist hier in diesem öden Schloß Hradschin wie in seinen letzten Zufluchtsorten eingeschlossen und wartet auf sein Ende.(172)
Die Einsicht, von Gott nicht zu fordern, sondern die eigene Schwäche anzuerkennen, kommt Tycho bei einem Gespräch mit dem Rabbi Löw. Das Volk der Juden erscheint ihm dabei, "heimatlos und flüchtig wie er, stets angefeindet wie er, in seiner Lehre miß- verstanden wie er und dennoch an ihr festhaltend, ausgeraubt und verwundet wie er, dieses Volk der Mißerfolge, förmlich als ein Symbol seines eigenen Lebenswandels"(173). Sein eigenes Unglück, die Schwäche des Kaisers, die Abwesenheit Gottes, der Säkularisations- und Modernisierungsprozeß kulminieren in dem Ausruf: "Weh dem Vater, den seine Kinder verlassen haben"(174). Tycho weiß um die wissenschaftliche Unhaltbarkeit seiner Lehre, aber auch darin sieht er nur eine weitere Prüfung. Nachdem er sein Schicksal akzeptiert hat, offenbart ihm eine Vision, was ihm durch wissenschaftliche Beobachtung verschlossen blieb, die göttliche Ordnung des Weltalls, "die unsterbliche Vollendung seines Systems"(175). Er hört noch Gottes Stimme und verliert das Bewußtsein; nach einigen Tagen heftigen Fiebers stirbt er im Wissen um die wahre Erkenntnis.

Tycho Brahes extremen menschlichen wie auch wissenschaftlichen Gegensatz stellt sein Assistent Johannes Kepler dar. Für Kepler ist die ganze Astrologie "lauter Lug und Trug"(176), ihn plagen weder Zweifel noch Leidenschaften. Während Tycho versucht, seine Erkenntnisse mit seiner Weltanschauung in Übereinstimmung zu bringen, hat Kepler sein Herz an keine Theorie gehängt, zittert für nichts und sehnt nichts herbei. Seine ganze Energie ist "nur auf ein Ziel gerichtet, auf die wissenschaftliche Bewältigung der Welt"(177). Tycho ist von Keplers Genius fasziniert, gleichzeitig graust ihm aber vor dessen Gleichgültigkeit und Gefühlskälte. Kepler repräsentiert den neuen Menschen, er handelt nüchtern und rational und ist weitgehend frei von Gefühlen und überkommenen Vorstellungen; er wird, unter Zuhilfenahme von Tychos Messungen, dem kopernikanischen System zum endgültigen Durchbruch verhelfen. Lange ringt Tycho mit Neid und Eifersucht, doch am Ende siegt seine Liebe zu Kepler. Er erkennt dessen Reinheit und Schuldlosigkeit und bestimmt ihn zu seinem Nachfolger.

Brod hat zwar das für die Gottsucherromane typische Muster des Entwicklungsromans aufgenommen; er begnügt sich allerdings nicht mit der Behauptung des Individuums in der Gesellschaft, sondern schildert einen Leidensweg und eine innere Entwicklung , die von der naturwissenschaftlichen Realität weg zur Metaphysik führt. Tychos Zweifeln und Ringen verfolgt Brod sehr genau, während Keplers Innenleben hauptsächlich durch Tychos Gedanken über ihn dargestellt wird. Der Realist und Neuerer Kepler wird als statischer Charakter zur Kontrastfolie der seelischen Entwicklung des konservativen Idealisten Tycho.

Sein Wertkonservatimus, sein Irrationalismus und das Gottsuchermotiv bringen den Roman zwar in die Nähe der völkisch-neuromantischen Literatur um und nach der Jahrhundertwende, er hat aber nichts von der Brutalität von Roseggers Gottsucher oder Kolbenheyers Pausewang, auch nichts von dem nihilistischen Heroismus von Rilkes Cornet oder Vespers Parzival . Er zeigt deutlicher und redlicher als sie den Zerfall der alten Werte und enthält sich neuer Wertsetzungen, indem er trotz dieser Zerfallenheit am Althergebrachten festhält. Kampf und Heldentum, in allen anderen Gottsucherromanen positive Bewährungsprobe bzw. Leitbild, erscheinen bei Brod als sinnlose, häßliche und zerstörerische Akte(178). Indem Brod nicht Werte setzt, sondern die Selbstüberwindung seines Helden darstellt und dessen Ringen um Liebe und um Verständnis für die Fehler und Schwächen seiner Mitmenschen, erhält der Roman eine christlich-humanistische Tendenz, die in unverkennbarem Gegensatz zum völkischen Heroismus steht. Brod beweist mehr bürgerliches Traditionsbewußtsein als die vom Sozialdarwinismus und Nietzsche geprägten konservativ-völkischen Autoren.

© Frank Westenfelder

Nationalistische Themen in der Kunst am Beispiel der Historienmalerei.

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