III.4. Alter und "neuer" Konservatismus

Da die genauere Bestimmung der Literatur zuerst inhaltlich geschehen muß, um sie dann auf formale Besonderheiten zu untersuchen, ist es notwendig, kurz auf die Spaltung des Konservatismus nach dem Kapp-Putsch einzugehen und auf die sich daraus ergebenden politischen Vorstellungen. Da ein Großteil dieser neuen Ideologeme - Reich, Orden, Mystik oder preußischer Sozialismus - historisch motiviert ist, liegt die Vermutung nahe, daß der historische Roman von nun an auch davon bestimmt wird. Nach dem kläglichen Scheitern des Kapp-Putsches zerfällt die konservative Fronde in Monarchisten und in die sogenannte Konservative Revolution(99). Diese zweite Gruppe spaltet sich ab aus der Einsicht heraus, daß eine reine Restauration nicht mehr machbar ist. Man versucht, eigene revolutionäre Wege zu finden, die sich allerdings meist nicht sehr weit von den üblichen konservativen Wertvorstellungen entfernen. Hinzu kommt, daß man sich auf Seiten der Putschisten von der opportunistischen Realpolitik der Reichswehr im Stich gelassen fühlt. Die Konservative Revolution bildet aber weder eine politische noch eine ideologische Einheit, sondern zerfällt in zahlreiche Gruppen und Zirkel. Den wichtigsten und homogensten Block auf der Rechten bilden die Deutschnationalen, deren wichtigstes politisches Ziel eine umfassende Restauration der Vorkriegszustände ist. Wegen der starken Verbindung zum Protestantismus sieht man die eigene historische Tradition im Aufstieg Preußens aus den Wurzeln der Reformation(100). Der Höhepunkt dieser Entwicklung ist das kleindeutsche Kaiserreich der Hohenzollern unter Bismarcks Führung. Statt Demokratie wird eine ständische Klassengesellschaft gefordert, in der Adel und Besitzbürgertum die Führungsrolle übernehmen sollen. Auf die Schwierigkeiten, die den Deutschnationa- len der Verlust ihrer Privilegien bereitet, auf die sie mit einer Flucht in den Mythos reagieren, hat Anneliese Thimme ausführlich hingewiesen(101).

Da die Deutschnationalen bewußt die Tradition des Kaiserreiches fortführen, wäre es an sich zu erwarten, daß sie das alte Geschichtsbild mit übernehmen. Da sie aber nicht mehr die politische Macht ausüben und auch die Legitimation des Herrscherhauses entfällt, ziehen sie wieder in echt preußisch-kleindeutscher Tradition die - unter Bismarck verfemten - Welfen den Hohenstauferkaisern vor(102). Die Mittelalterbegeisterung des Kaiserreiches ist vergessen, man hält politischen Gegnern sogar vor, daß sie "zurück zum Mittelalter und zur Geschlossenheit seiner Einheitskultur"(103) wollten; selbst will man ja nur bis ins Hohenzollernreich zurück.

Einen wichtigen Beitrag zum antidemokratischen Denken liefert der konservative Katholizismus(104). Seit dem Beginn der Weimarer Republik findet beim Zentrum eine Hinwendung der Katholiken nach rechts statt, jedoch erst ab 1924 in größerem Maße(105). Viele Katholiken lehnen Demokratie und Liberalismus ab. Der wirksamste katholische Gegenentwurf zum Staat von Weimar ist "der Rückgriff auf das mittelalterliche Reich"(106). Breuning bezeichnet den Rückgriff auf das Sacrum Imperium als ein "Leitmotiv der gesamten katholischen Reichsideologie"(107). Vor allem ab 1929, als der Konkurs der Republik immer offensichtlicher wird, gewinnt diese Reichsideologie eine enorme politische Zugkraft.

Das Reich gilt als Einheit aus Politik und Religion. Der "Gleichmacherei" der Demokratie und dem Konkurrenzkampf des Liberalismus wird die hierarchische Ordnung des Ständestaates entgegengestellt:

Nirgends hat sich die Idee der Ordnung aber so sehr verwirklicht, als in der Gesellschaft des Mittelalters <...>. Tatsächlich baut sich ja die mittelalterliche Gesellschaft auf in ewiger, weil von Gott gewollter, Dreiteilung der Stände. <...> Jedenfalls gab ihre Ständeordnung der Gesellschaft des Mittelalters eine Statik, den Menschen eine gesellschaftliche Zufriedenheit, die wir nur sehnsüchtig erahnen können.
(108)
Reichsideologie und Ständestaatsideen wirken vor allem über die Jungkonservativen auf die gesamte Konservative Revolution. Das Reich ist nicht nur Garant von mittelalterlichem Ordo und Religiosität, sondern es legitimiert auch in einer Zeit der politischen Ohnmacht die deutsche Führungsrolle in Europa(109), den Anspruch auf ehemalige Reichslande und dient als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen den heidnischen Osten, "gegen den Antichrist"(110). Die Republik gilt vielen als Interregnum, als kaiserlose Zeit, dem ein neues Reich folgen soll: "Eine neue Ottonen-, eine neue Stauferzeit sehe ich kommen", schreibt der Jungkonservative Othmar Spann enthusiastisch(111). Die Zugkraft der Reichsidee ist groß:
Die Reichsidee ist ein Topos deutschen antidemokratischen Denkens, der bei fast allen politischen Publizisten der Zeit in der einen oder anderen Variante erscheint. Sie war so unverzichtbar, weil sich mit ihr am leuchtendsten die Vision einer besseren deutschen Zukunft vor Augen stellen ließ, und weil sie gleichzeitig dem starken Bedürfnis nach Anknüpfung an große historische Tradition entsprach. Die Idee des Reiches ließ sich außerdem zu einem politischen Mythos stilisieren, dessen magische Leuchtkraft die armselige Wirklichkeit des bestehenden deutschen Reiches umso elender erscheinen ließ.(112)
Es darf allerdings nicht übersehen werden, daß das Reich aufgrund seines imperialen Charakters eine "übervölkische Ordnung"(113) darstellt. Der Reichsbegriff setzt das förderalistische Zusammenleben mehrer Völker und Nationalitäten voraus, ist also - solange er nicht zu einer bloßen Chiffre für Größe und Macht verkommt - vom rassistischen Volksbegriff und von der preußischzentralistisch organisierten Nation zu unterscheiden(114).

Die jungkonservativen Ständestaatsideen beeinflussen ganz besonders den von Wirtschaftskrisen akut bedrohten Mittelstand (115). Im Bereich des Großkapitals stoßen diese Gedanken dagegen auf wenig Gegenliebe, da sie die Beweglichkeit der Industrie ein- engen müßten. Staatskapitalistische Vorstellungen, von Spengler unter dem Schlagwort des "preußischen Sozialismus" populär gemacht, werdem vor allen von den Nichtselbstständigen - besonders Angestellten - rezipiert(116). Dieses Modell ist den konservativen Katholiken immer noch zu dynamisch, sie setzen die zeitlose christliche Ordnung dagegen(117). Das ständische Modell
schließt Konkurrenz und soziale Mobilität aus. Selbst die Schulausbildung soll ständisch geregelt werden(118). Die Realitätsferne dieser Gedanken in einer Industrienation ist offensichtlich, sie gelten als typisch für Nationen mit einer verzögerten historischen Entwicklung(119).

Ein bedeutender Ideenlieferant der Konservativen Revolution ist die "Bündische Bewegung". Sie ist politisch kaum näher zu bestimmen, da sich die meisten antidemokratischen Gruppen als Bünde bezeichnen(120). Man kann deshalb leichter typisch bündische Vorstellungen ausmachen, als sie als ideologisch geschlossene Gruppe zu definieren. Die Bünde der Weimarer Republik setzen zwar die Tradition der Jugendbewegung fort; diese erfährt jedoch durch das Kriegserlebnis entscheidende Veränderungen. Ernst Blühers Theorie des vom Eros zusammengehaltenen Männerbundes aus Führer und Gefolgschaft wird grundlegend für die innere Struktur der Bünde(121). Die Bünde werden jedoch nicht nur von Theoretikern geprägt, sondern vor allem vom Fronterlebnis. Während des Krieges waren viele ehemalige Mitglieder der Jugendbewegung Frontoffiziere geworden. Diese rangniedrigen Offizieren standen oft mit den Mannschaften in recht engem Verhältnis und mußten sich durch eigene Leistung als Führer bewähren. Für sie schien in der Kameradschaft des Schützengrabens der Bund verwirklicht. Die Freikorps der Nachkriegszeit setzen diese Verhältnisse noch extremer fort. Führer werden in der Regel nur berühmte, oft hochdekorierte, Weltkriegsteilnehmer, während sich die Mannschaften - sie bestehen ebenfalls zum Teil aus Offizieren - frei- willig unterordnen. Der Freikorpsapologet Dominique Venner sieht diese Bindung schon in den Eliteeinheiten des Weltkriegs verwirklicht:
Der alte Kadavergehorsam den Vorgesetzten gegenüber war hier durch eine mit Blut besiegelte Kameradschaft ersetzt <...> . Oft sagten die Offiziere, die Unteroffiziere und die Mannschaften du zueinander. <...> Für sie war er kein Offizier, der ihnen Befehle erteilte, sondern ihr Führer und sie waren seine Kameraden, die ihm blind vertrauten und mit ihm auch in die Hölle gegangen wären.(122)
Das Kriegserlebnis erklärt auch die starken Unterschiede der Bünde zum Wandervogel. War der Wandervogel stark individualistisch mit romantisch-anarchistischen Tendenzen, so stellen die Bünde die Gemeinschaft über das Individuum und zeigen ihre aristokratischen Vorstellungen schon durch die strenge Hierarchie innerhalb des Bundes(123), Gleichzeitig findet eine starke Politisierung statt, die Bünde reagieren nicht mehr mit romantischen Fluchtversuchen, sondern mit vehementen Attacken gegen das bestehende System.

Der wichtigste Begriff, den die Bünde zum antidemokratischen Denken beitragen, ist der des charismatischen Führers. Der Führer wird nicht vom Volk gewählt, sonderm diesem bestenfalls in glücklicher Stunde gesandt: "Das Volk wählt seinen Führer nicht, er entsteht ihm durch die Gunst der Geschichte."(124). Ein Führer ist also nicht auf seine Gefolgschaft angewiesen; es wird sogar die Meinung vertreten, daß ein richtiger Führer der Gefolgschaft gar nicht bedarf, diese hingegen froh sein muß, wenn sie einen findet(125). Für die Weimarer Republik ist kennzeichnend, daß die Repräsentanten der parlamentarischen Demokratie keine besonderen Führerfiguren abgeben. Die Sehnsucht nach Autorität, nach einem Vaterbild, findet sich selbst bei den Sozialdemokraten(126). Der Ruf nach dem Führer wird ein herausragendes Leitmotiv der öffentlichen Meinung(127).

Die Bünde selbst fühlen sich als Elite, als neuer Adel. Eine beliebte bündische Organisationsform, bei der sich sakrale Motive mit Elitedenken und Ostimperialismus verbinden, ist der Orden. Dabei dient fast immer der deutsche Ritterorden als historisches Vorbild(128). Das Elitegefühl führt bei manchen Bünden und Orden - besonders beim Jungdeutschen Orden- zu einer Ablehnung der NSDAP, die man als Massenpartei verachtet, und zu Differenzen mit der HJ, die eine wesentlich proletarischere Zusammensetzung hat. (129).

Diese neue Elite kürt sich selbst nach der altbewährten Methode des Bildungsbügertums, Bildung mit seelischen Qualitäten gleichzusetzen. Hinzu kommt die während des Krieges demonstrierte Opferbereitschaft. Es sind also durchaus Leistungskategorien, die jedoch als Anzeichen einer schicksalshaften Bestimmung gelten. Zur Illustration dieser Vorstellungen greift man gerne auf die Figur des Gottsuchers zurück, die allerdings - den neuen Verhält- nissen entsprechend - dem sich sinnlos opfernden Frontsoldaten angepaßt wird:
Aber das Höchste bleibt der Dienst am Gral. <...> So wächst auch heute aus denen, die zur Ritterschaft erkoren sind, und ihre Sendung auch im Sturm der Zeiten treu bewährt haben, das Bild des Menschen reiner und höher empor. Und dies inwendige Sein, das alleine Adel verleiht <...>. Edle Leiber und todgetreue Seelen;den schmutzigsten Winkel mit Schönheit erleuchtend und gebildet genug, um jeden Platz auszufüllen; in Kameradschaft verwachsen mit dem Volk, und zugleich hinreißende Führergestalten; Stolz im Schmucke des Sturmhelms, und demütig mit Helm ab zum Gebet.(130)
Bei dieser Schwärmerei für Gralsritter, Lehenstreue, Ritterorden, deutsche Mystik und das Reich wird das Mittelalter zum historistischen Hauptausstatter der bündischen Jugendbewegung(131). Diese Mittelaltervorstellung ist genauso ahistorisch wie die Beschwörung des Glaubens im Mythos areligiös, oder nach Walter Laquer:"es hat wenig Zweck dort nach einem Sinn zu suchen, wo es keinen Sinn gibt, sondern nur den Rausch der Phrasen und Symbole" (132).

Zur Untersuchung der der "Konservativen Revolution" zuzurechnenden Literatur ist das komplexe Spektrum der einzelnen politischen Gruppen und Vereinigungen wenig geeignet, es sollen deshalb die zwei Hauptströmungen betrachtet werden, in denen die extremsten Positionen formuliert werden - die Völkischen und die Nationalrevolutionäre(133). Trotz starker gegenseitiger Einflüsse liegen hier zwei unterschiedliche Lösungsansätze vor, die auch noch als Spannungselement in der nationalsozialistischen Weltan- schauung weiterwirken. Dieser Widerspruch entsteht im wesentlichen daraus, daß die völkische Weltanschauung von den Interessen des bedrohten Mittelstandes und konservativ-agrarischer Kreise geprägt ist. Die dabei angestrebten, historisch antiquierten Ständestaatsmodelle versuchen, die soziale Dynamik der modernen Industriegesellschaft auszuschalten, was in der Regel zu einer Verdammung der Moderne führt.

Die nationalrevolutionäre Weltanschauung geht dagegen eher auf die dynamischen Momente der Jugendbewegung zurück, erhält aber ihre wesentliche Ausprägung durch das Kriegserlebnis. Sie fordert einen starken zentralistischen Staat und sogar staatssozialistische Maßnahmen. Die Frontgemeinschaft mit ihren charismatischen Führern und die totale Mobilmachung des modernen Industriestaates stehen in krassem Gegensatz zu den ständischen und dezentralen Mittelstandsmodellen der Völkischen.

Der Unterschied zeigt sich auch in den jeweils bevorzugten literarischen Genres, dem Bauernroman der Völkischen und dem Weltkriegs- und Freikorpsroman der Nationalrevolutionäre. Der historische Roman bietet die Gelegenheit, beiden Richtungen gerecht zu werden. Für die Völkischen ist dies einfacher, da sich zwei ihrer wichtigsten Themen - das deutsche Bauerntum und die Eroberung von Lebensraum im Osten - zur Bearbeitung im historischen Roman geradezu anbieten. Da die nationalrevolutio- näre Kriegs- und Nachkriegsliteratur hier nicht behandelt werden kann, konzentriert sich diese Arbeit zum Nachweis nationalrevolutionärer Gedanken auf historische Romane, die charismatische Führer, Soldatentum oder zentralistische Staaten thematisieren.

© Frank Westenfelder


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