I. HISTORISCHER ROMAN UND NATIONALSOZIALISTISCHE LITERATUR

Verwendet man zur Kategorisierung von Literatur politische oder historische Termini, so wird der Untersuchungsgegenstand in erster Linie in seiner gesellschaftlichen Funktion betrachtet. Im Falle des Nationalsozialismus muß diesem Ansatz ganz besondere Bedeutung zukommen, da hier vehement versucht wurde, Kunst und Literatur als Medien in den Dienst der Politik zustellen: "Die Kunstanschauung ist getragen von der Weltanschauung", erklärt apodiktisch eine Untersuchung zur Kunstkritik des Völkischen Beobachters(1). Das heißt als nationalsozialistisch wäre solche Literatur zu bezeichnen, die sich für die Wertvorstellungen und politischen Ziele des Nationalsozialismus einsetzt.

Die Anwendung dieser Definition ist recht einfach bei Romanen, die direkt zum Nationalsozialismus Stellung beziehen, wie bei den Freikorpsromanen von Edwin Erich Dwinger oder den SA-Romanen von Hans Zöberlein. Neben der Kriegs- und Nachkriegsdichtung stützt sich die NS-Literatur in ihrem Selbstverständnis und in ihrer Produktion noch auf zwei weitere Genres, den Bauernroman und den historischen Roman(2), traditionelle literarische Formen, die nun als Medium für zeitgemäße politische Botschaften fungieren sollen. Der Bauernroman eignet sich ideal zur Darstellung von Blut- und Boden- und Rassenideologie.

Schwieriger ist der Nachweis nationalsozialistischer Ideologie in den historischen Romanen. Der historische Roman verfügt über eine lange literarische Tradition, in deren Verlauf er schon des öfteren als Mittel in der aktuellen politischen Auseinandersetzung benützt wurde(3). Das Spektrum seiner populären Autoren reicht von Monarchisten wie Paul Schreckenbach und Ludwig Ganghofer bis zu Lion Feuchtwanger, von dem engagierten Nationalsozialisten Hans-Friedrich Blunck bis zu den konservativ-christlichen Kritikern des Nationalsozialismus. Vor allem bei der Abgrenzung zu Romanen mit konservativ-nationalistischen Inhalten muß sich eine Bestimmung der nationalsozialistischen Literatur bewähren.

Bei dieser genaueren Bestimmung sind die Ergebnisse der Zeitgeschichtsforschung zur Ideologiegeschichte hilfreich. Als weiteres wichtiges Kriterium ist die NS-Rezeption zu beachten: Rezensionen in den offiziellen Literaturzeitschriften und die Kanonisierung in den wichtigsten Literaturgeschichten. Dabei ergeben sich auch schon die ersten Probleme: Bluncks "Wolter von Plettenberg"(1938), ein Ordensritterroman, enthält neben Führerverherrlichung und Rassenideologie auch deutliche Anspielungen auf die Gegenwart. Er wird überschwenglich rezensiert und ausführlich in den Literaturgeschichten gewürdigt. Der Bauernkriegsroman "Florian Geyer"(1935) von Heinrich Bauer strotzt zwar noch mehr vor NS-Ideologie, wird aber schlecht rezensiert und von der Literaturgeschichte ignoriert. Werner Bergengruen beabsichtigte, mit seinem Roman über einen Fürsten der italienischen Renaissance Kritik am Dritten Reich zu üben und erntete für "Der Großtyrann und das Gericht" viel Lob als "Führerroman"(4). Zwar kann die NS-Literaturkritik auch Fehleinschätzungen erliegen, aber ein Autor kann auch größere Affinitäten zum Nationalsozialismus haben, als er selbst glaubt.

Da NS-Literatur primär über ihre Funktion als Ideologieträger definiert wird, bietet sich der Leser als die entscheidende Instanz an. Stellt man aber die Wirkung von Literatur in den Vordergrund, muß man die Intentionen des Autors insoweit vernachlässigen, wie sie für den Leser nicht deutlich erkennbar sind. Die Darstellung zeitgeschichtlicher Ereignisse und populärer Ideologien dient also weniger dazu, ihre literarische Verarbeitung aufzuzeigen, als der Rekonstruktion des Erwartungshorizonts der Leser(5). Die Zuordnung einzelner historischer Romane muß sich danach richten, von welchen Fraktionen im politisch-ideologischen Spektrum sie am einfachsten zu rezipieren sind. Dabei ist auch der Frage nachzugehen, ob sich in den noch zu bestimmenden nationalsozialistischen Fraktionen keine Differenzen und Widersprüche ergeben, da sowohl die politische wie auch die ideologische Geschlossenheit des Nationalsozialismus von der neueren Historiographie in Zweifel gezogen wird.

Neben der genaueren Bestimmung nationalsozialistischer historischer Romane innerhalb gleichzeitiger und thematisch verwandter Literatur muß auch ihre Genese aus diesem Umfeld heraus untersucht werden. Da die ideologiegeschichtlichen Untersuchungen die Ursprünge des Nationalsozialismus im späten 19.Jahrhundert suchen, empfiehlt es sich auch zu diesem Zeitpunkt mit einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung einzusetzen(7).

Eine Untersuchung zum nationalsozialistischen historischen Roman muß diesen diachron und synchron innerhalb seines literarischen Umfeldes bestimmen, das heißt seine Genese innerhalb des Genres vom Ende des 19.Jahrhunderts bis nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches beschreiben, wobei vor allem die Bedeutung der historischen Zäsuren 1918, 1933 und 1945 zu beachten ist. Für die Zeit des Dritten Reiches kann man sich nicht auf die schematische Zweiteilung - nationalsozialistische Literatur und Literatur der Inneren Emigration - beschränken, sondern muß sowohl Gemeinsamkeiten wie auch Differenzen innerhalb dieser Gruppen herauszuarbeiten. Es ist dabei vor allem zu untersuchen, ob die Fraktionskämpfe innerhalb des Nationalsozialismus auch ihre Spuren in der Literatur hinterlassen haben. Hierbei könnte man sich zwar auf eine rein inhaltliche, ideologiekritische Analyse der Texte beschränken, es empfiehlt sich aber formale Kriterien mit hinzuziehen, da sich darin die Position eines Werks vielleicht deutlicher ausdrückt als in den wohlüberlegten politischen Aussagen der Autoren. Nur wenn es gelingt, formale Charakteristika nationalsozialistischer historischer Romane herauszuarbeiten, ist ihre Etikettierung gerechtfertigt.

Um die Entwicklung der NS-Literatur innerhalb des Genres des historischen Romans verfolgen zu können, stellt sich das Problem der Auswahl des zu untersuchenden Materials. Da sich ohne Schwierigkeiten mehrere tausend Titel bibliographieren lassen, besteht die Gefahr, bereits vorgefertigte Thesen durch eine entsprechende Auswahl zu bestätigen: Um zu einem möglichst objektiv ausgewählten Material zu kommen und wegen der zentralen Bedeutung der ideologischen Wirkung von Literatur soll sich die Untersuchung auf die erfolgreichsten historischen Romane stützen. Der Bestseller formuliert die bewußten und unbewußten Wünsche und Sehnsüchte seiner Leser, die ihr Einverständnis im Buchkauf zum Ausdruck bringen. Siegfried Kracauer bezeichnet deshalb den Bucherfolg als das "Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments"(8). Als Grundlage dieser Untersuchung dienen historische Romane, deren historischer Hintergrund die deutsche Geschichte von der Vorgeschichte bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts ist(9), die in der Zeit zwischen 1890 und 1945 erschienen sind und mindestens eine Auflagenhöhe von ca. 50 000 erreichten. Ausgehend von den Bibliographien von Arthur Luther und Donald Ray Richards(10) ist es möglich, eine Bibliographie historischer Bestseller bis 1942 zu erstellen, zusätzlich wurden die historischen Romane des Romanführers von W. Olbrich und J. Beers und der wichtigsten NS-Literaturgeschichten auf ihre Auflagenhöhe hin überprüft. Es erfolgte außerdem eine persönliche Einsichtnahme in Bibliotheken und Antiquariaten, bei der noch Titel ausfindig gemacht werden konnten, deren Auflagenhöhe nicht im Gesamtverzeichnis angegeben ist(11). Daraus ergibt sich eine relativ genaue Bibliographie der historischen Belletristik mit einer Auflagenhöhe von mindestens 50 000 bis zum Ende des Dritten Reiches. Danach ist dies nicht mehr möglich, da für den historischen Roman in dieser Zeit nur noch Auswahlbibliogaphien vorliegen(12). Das Material wurde noch durch Romane erweitert, denen eine starke literaturwissenschaftliche Bedeutung zukommt, die aber aus politischen Gründen,zum Beispiel durch Verbot oder auch durch das Ende des Dritten Reichs, die notwendige Auflagenhöhe nicht erreichten und durch die Romane der Inneren Emigration, die dem problematischen Gebiet der deutschen Geschichte gerne auswichen. Wegen ihrer starken wirkungsgeschichtlichen Bedeutung wurden auch einige Romane, die vor 1890 erschienen sind, wie Dahns "Kampf um Rom" und Freytags "Ahnen", berücksichtigt. Für die Kontinuitätsfrage sind nicht nur die Neuauflagen, sondern auch die Neuerscheinungen nach 1945 zu berücksichtigen. Da sich jedoch für diese Zeit keine höheren Auflagen feststellen lassen, stütze ich mich bei der Auswahl auf Literaturgeschichten und Romanführer. Diese Erweiterungen dienen jedoch nur der "Fehlerrechnung" an der Peripherie, der eigentliche Untersuchungsgegenstand ist der die deutsche Geschichte thematisierende historische Bestseller zwischen 1890 und 1945.

Um die erst näher zu bestimmenden formalen Besonderheiten nationalsozialistischer historischer Romane nicht durch eine Vorauswahl einzuengen, und da Bibliographien und die Sekundärliteratur die Bezeichnung "Roman" meist nur undifferenziert für fiktionale epische Literatur verwenden(13), soll sich diese Untersuchung auf den ganzen Bereich der historisierenden Epik stützen. Neben der ideologischen Position ist auch die formale Gestaltung eines als idealtypisch angenommenen nationalsozialistischen Romans erst durch Vergleich und Abgrenzung innerhalb seines Genres zu definieren. Anhand dieser Auswahlkriterien ergibt sich ein zu untersuchendes Material von ca. 170 Texten.

Wegen der Bedeutung der Auflagenhöhen und der möglichst vollständigen Auswertung des bibliographierten Materials liegt es nahe, die Wirkung des Mediums Literatur am Beispiel des Historischen Romans auch quantitativ genauer zu bestimmen. Bei Untersuchungen zum Geschichtsbild einer Zeit haben Historiker meistens auf Schul- und Fachbücher zurückgegriffen(14). Anhand von Schulbüchern und Lehrplänen lassen sich zwar Aussagen über das an den Schulen vermittelte Geschichtsbild machen, es stellt sich jedoch die Frage, wie strak der Unterricht nachwirkt. Ob die Versuche von "oben" Einfluß zu nehmen wirksam werden? Innerhalb Belletristik sind ideologische Aussagen zwar schwerer zu fassen, aber der Zeitgeist artikuliert sich doch eher in der Publikumsgunst als im staatlich organisierten Schulsystem. Der Bestseller verrät nicht nur mehr über die Wünsche und die politischen Vorstellungen des Bürgertums in der Weimarer Republik als die offiziellen Lehrpläne, sondern auch mehr über den Erfolg der NS-Propaganda und deren Literaturpolitik als die staatlichen Buchempfehlungslisten.

Nachdem seit Ende der sechziger Jahre die nationalsozialistische Literatur zum Untersuchungsgegenstand der Literaturwissenschaft geworden ist, rückt die Frage nach ihrer Tradition und ihren Zusammenhängen mit gleichzeitig erschienener Literatur in den Vordergrund(15). So untersuchen einzelne Arbeiten völkisch-nationalistische Strukturen der Literatur um die Jahrhundert-wende(16), andere betrachten die NS-Literatur als Zeiterscheinung, vor allem an den Beispielen von Kriegs- und Bauernroman(17). All diese Arbeiten belegen die Tendenzen hin zu einer nationalsozialistischen Literatur; was ihnen aber nicht gelingt, ist ihre genauere Bestimmung innerhalb des völkisch-konservativen Umfeldes.

Die Frage nach einer Definition nationalsozialistischer Literatur hat zuerst Klaus Vondung konkretisiert(18). Er weist auf die Schwierigkeit hin, einen Autor dem Nationalsozialismus zuzurechnen, da die NS-Literaturgeschichte einerseits bürgerliche Schriftsteller, andererseits willige Mitläufer als "Konjunkturliteraten" ablehnt. Vondung empfiehlt deshalb als "wenigstens vorläufig brauchbaren Begriff", eine Mischung aus offiziellem Selbstverständnis und individuellem Bekenntnis anzusetzen(19). Ferner stellt er fest, daß die NS-Ideologie ein Konglomerat disparater Elemente ist; daraus folgt, daß sich zur Analyse nur einzelne Ideologeme eignen. Er nennt drei Hauptideologeme, die oft eng miteinander verflochten sind: erstens Volkstum, zweitens Heldentum, drittens Kult und Glauben. Auch für Uwe-K. Ketelsen ist die "Frage der Abgrenzung" eines der wichtigsten Probleme, neben dem Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten(20).

Die Arbeiten, die sich nicht im Gefolge von Georg Lukacz auf die progressive Tradition des historischen Romans beschränken (21), stoßen ebenfalls zwangsläufig auf Gemeinsamkeiten zwischen bürgerlichen und nationalsozialistischen Romanen. Für Klaus Schröter steht der historische Roman der Weimarer Republik schon im Vorfeld des Faschismus(22). Typisch für den historischen Roman der Zwanziger und der Dreißiger Jahre ist seiner Ansicht nach eine irrationale Grundkonzeption, ein zyklisches Geschichtsbild und ein steter Gegenwartsbezug. Deutlich zeigt Schröter ideologische Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Autoren. Für ihn stellt das konservative Geschichtsbild eines Frank oder eines Neumann eine Vorstufe zu dem völkischer Autoren - Molo, Bloem, Blunck, Beumelburg und Kolbenheyer - dar. Selbst bei Emigranten, wie Bruno Frank und Joseph Roth, oder bei Autoren der Inneren Emigration, wie Reinhold Schneider und Bruno Frank, finden sich konservativ-völkische Tendenzen. Als wirklich progressive Autoren historischer Romane nennt Schröter nur Brecht, Feuchtwanger und Heinrich Mann. Obwohl die völkisch-konservative Literatur nicht im Mittelpunkt der Arbeit steht, lassen sich doch stark zeitgebundene Zusammenhänge mit ihr erkennen.

Diese Gemeinsamkeiten werden auch in den Arbeiten zum historischen Roman von Elke Nyssen und Hans Dahlke thematisiert(23). Nyssens Darstellung enthält einen Exkurs über den historischen Roman im Dritten Reich, der dazu dient die strenge Trennung von NS- und Emigrantenliteratur zu mildern. Ein wichtige Gemeinsamkeit sieht sie in der "Dualität von Flucht- und Aktualitätscharakter"(24). Am Beispiel von Bergengruens "Der Großtyrann und das Gericht" zeigt sie die Verwendbarkeit von Literatur der Inneren Emigration durch den Nationalsozialismus. Sie geht auch auf die Schwierigkeit ein, NS-Ideologie stringent nachzuweisen. Dahlke widmet ein Kapitel der enormen Bedeutung, die die historische Belletristik in den Zwanziger und Dreißiger Jahren hatte, wobei auch Zusammenhänge mit der NS-Literautr aufgezeigt werden. Allerdings scheinen mir die Bemühungen, Molos "Fridericus" von der offiziellen Parteiliteratur abzusetzen, eher fragwürdig(25).

Willy A. Haniman hebt in seinen "Studien zum historischen Roman (1930 - 1945)" die Verwendung von Geschichte im Sinne der politischen Ziele der Autoren als eines der Hauptmerkmale hervor. Dabei stützt er sich auf romantheoretische Schriften und historische Romane von Emigranten, Autoren der Inneren Emigration und von Nationalsozialisten(26). Während von dieser Seite auf die Beziehungen zwischen bürgerlicher und nationalsozialistischer Literatur hingewiesen wird, vermeiden die Arbeiten zum nationalsozialistischen historischen Roman weitgehend diese Problematik, indem man auf idealtypische Beispiele zurückgreift. So Wolfgang Wipppermann, der sich als erster speziell mit dem nationalsozialistischen historischen Roman beschäftigt(27). Wippermann geht kurz auf die Tradition dieser Romane ein und sieht auch im Jahr 1933 keine nennenswerte Zäsur. Wichtig ist sein Hinweis auf die ahistorische Geschichtsauffasssung der Nationalsozialisten. Der faschistische historische Roman ist für ihn durch die Kombination verschiedener Elemente der Ns-Weltanschauung definiert, wobei für ihn die Qualität und die Radikalität der einzelnen Ideologeme die entscheidende Rolle spielen(28). Als das wichtigste Element nennt er den Rassismus mit seinen Aspekten Rassenzüchtung und Rassenvernichtung. Dies führt dazu, daß Wippermann fast nur die billigen Propagandaromane, die weder erfolgreich waren noch von der NS-Literaturgeschichte beachtet wurden, als faschistisch bezeichnen kann(29). Die Romane von äußerst beliebten NS-Autoren - Emanuel Stickelberger und Hans-Friedrich Blunck - kann Wippermann nur bedingt dem Nationalsozialismus zurechnen.

Im Gegensatz dazu stützt sich Peter Werbick auf von der NS-Literaturgeschichte anerkannte historische Romane und versucht damit nicht, seine eigenen ideologischen Vorgaben zu bestätigen, sondern arbeitet das Charakteristische an ihnen heraus(30). Er stellt fest, daß die historischen Romane immer der Gegenwartsideologie dienen, indem sie eine Art Ahnengalerie des Nationalsozialismus erstellen: "In Wirklichkeit geht es immer nur um die Auseinandersetzung mit der faschistischen Gegenwart und die Propagierung von deren Ideologie"(31). Während er auf die politische Funktion des historischen Romans hinweist, unterläßt es Werbick, auf die Romane einzugehen,in denen diese Ideologie schon vor 1933 propagiert wurden.

Anders als Wippermann und Werbick, die im historischen Roman haupsächlich nationalsozialistische Ideologie nachweisen, versteht Helmut Vallery die "schöne Literatur" als ein Medium, "das nicht nur benutzt wurde, um eine feststehende Ideologie in besonderer Weise zu verpacken, sondern als Medium, indem sich diese Ideologie konstituierte"(32). Als Material zu dieser sehr breit angelegten Untersuchung wählt Vallery historische Romane, die von den zuständigen Stellen empfohlen worden waren und muß sich deshalb auch mit Werken der Inneren Emigration befassen. Hervorzuheben ist, daß Vallery sich nicht bemüht, bereits vorgegebene Thesen zu belegen, sondern sich sein Material vorgeben läßt. Er ordnet die Romane allerdings derart geschlossen den politischen Ereignissen zu, daß sich innerhalb des Genres keine Widersprüche mehr erkennen lassen. Durch das Auswahlverfahren wird der propagandistische Aspekt zu sehr hervorgehoben und die NS-Literaturgeschichte ganz übergangen(33). So kommt es, daß Vallery einige der prominentesten NS-Autoren - Blunck, Kolbenheyer, Berens-Totenohl, Vesper - nicht als typisch nationalsozialistisch bezeichnen kann(34).

Wippermann, Werbick und Vallery arbeiten zwar wesentliche Merkmale nationalsozialistischer historischer Romane heraus, vernachlässigen allerdings deren literarische Tradition sowie ihr konservativ-nationalistisches Umfeld, das heißt, sie überprüfen ihre Bestimmungen nicht durch eine Abgrenzung gegenüber ähnlicher Literatur. Außerdem entfällt die Problematisierung von Widersprüchen innerhalb des Genres zugunsten idealtypischer Romane. Durch den rein ideologiekritischen Ansatz verzichten alle auf die Darstellung formaler und stilistischer Besonderheiten nationalsozialistischer Literatur. Dies führt dazu, daß den zu Propagandazwecken empfohlenen Romanen mehr Beachtung geschenkt wird als den von der Ns-Literaturgeschichte kanonisierten. So ergibt sich zwangsläufig die Trivialität als wichtigstes Merkmal, was am deutlichsten von Wippermanns Forderung nach Quantität und Radikalität einzelner Ideologeme umschrieben wird. Ist NS-Literatur also letztendlich nur Trivialliteratur mit speziellen politischen Inhalten? Sind deshalb Blunck und Kolbenheyer durch ihre Aufnahme in Frenzels Literaturkanon vom "Faschismus-Verdacht" freizusprechen, ganz zu schweigen von Benn und Jünger? Hier wird sichtbar, daß sich eine Bestimmung nationalsozialistischer Literatur gerade an ihren Grenzbereichen bewähren muß.

© Frank Westenfelder


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