II.1. DER HISTORISCHE ROMAN IM KAISERREICH
Obwohl oder gerade weil die Sekundärliteratur die Anfänge der völkisch-nationalen Literatur in
die neunziger Jahre des 19.Jahrhunderts legt (1), sollte man auch dem Vorfeld, das heißt der Zeit nach der
Reichsgründung von 1871, eine gewisse Beachtung schenken. Nur so läßt sich feststellen, ob
lediglich alte Traditionen fortgesetzt werden, oder ob bedeutende Veränderungen stattgefunden haben.
Um die Wirkung von Literatur in einer bestimmten Zeit deutlich zu machen, ist es notwendig, zuerst kurz deren
populäre geistige Bewegungen darzustellen. Walter Kühnel verweist darauf, daß die
Wirkungsgeschichte eines Werks nur in bezug auf den "jeweiligen historischen Kommunikationszusammenhang"
zu begreifen ist (2).Die dem zeitgenössischen Leser erkennbaren Metaphern und Chiffren der
Texte müssen für den heutigen Leser gedeutet werden. Der historische Roman kann Gegenwartsprobleme
einfach in ein historisches Gewand kleiden und wilhelminische Bürger z.B. als mittelalterliche Bauern oder Ritter auftreten
lassen. Das Verhältnis zur Geschichte ist aber auch immer, über die bloße Projektion hinaus,
geprägt vom Verständnis der Gegenwart, vom Verhältnis zur Moderne. Ein starkes politisches
Selbstbewußtsein wird meistens nach historischer Legitimation verlangen und Geschichte als Vorgeschichte der
Gegenwart interpretieren. In Krisenzeiten wird man eher dazu neigen, in der Geschichte positive Gegenbilder zur
Gegenwart zu suchen.
Selbst ein Autor, der versucht, seine Romane von Gegenwartsproblematik freizuhalten und statt dessen objektiv
beschreiben möchte, "wie es war", wird schon durch die Wahl seines Stoffes Gegenwartsbezug verraten;
ganz abgesehen davon, daß sich die im Roman notwendige Handlungsmotivation zumeist
nicht aus den historischen Quellen erschließen läßt und der Spekulation überlassen bleibt.
Für den Käufer eines historischen Romans ist sein Geschichtsinteresse immer mit ausschlaggebend. Er
hat die Wahl zwischen Romanen über den Dreißigjährigen Krieg,
das Mittelalter,
Friedrich den Großen oder
den Bauernkrieg. Die Bibliographie zum historischen Roman von Arthur Luther belegt mit tausenden von Titeln das
riesige Spektrum der zur Verfügung stehenden Stoffe. Obwohl die historisch-thematische
Gliederung verrät, daß Luther von der Erzählbarkeit historischer Ereignisse in Romanform ausgeht, läßt
sich leicht mit den Erscheinungsdaten die "Konjunktur" bestimmter Themen nachweisen. Zum besseren
Verständnis populärer historischer Romane reicht es also nicht, nur die im historischen Kostüm versteckten
Gegenwartsprobleme aufzuzeigen, sondern man muß auch nach dem Geschichtsbild, dem Selbstverständnis und
den Krisen des Lesers fragen. Mit der Reichsgründung unter der Vorherrschaft Preußens k”nnen zwar
viele gesellschaftliche Konflikte überspielt werden, sie sind jedoch weiterhin vorhanden. So ist die
politisch-weltanschauliche Situation des beginnenden Kaiserreichs vor allem durch ihre Widersprüche und Gegensätze
geprägt(3). Trotz des Scheiterns des ersten deutschen Parlaments gibt es im Bürgertum immer noch
starke liberal-demokratische Str”mungen, die besonders im Westen und im Südwesten des Reiches mit der autoritären
preußischen Monarchie nicht einverstanden sind. Die kleindeutsche L”sung, die eigentlich schon im preußisch-
österreichischen Krieg von 1866 entschieden worden war, wird nun endgültig festgeschrieben, was
ebenfalls den Vorstellungen vieler Deutscher nicht entspricht. Ein Konflikt, den Preußen sozusagen ins Reich einbringt,
ist der Kulturkampf. Hierin wird Preußen zwar von den Protestanten des ganzen Reiches unterstützt, vor allem von
den Liberalen, andererseits haben die Katholiken in Preußen selbst starke Bastionen - vorwiegend im Rheinland und in Polen -,
woraus sich Spannungen mit den süddeutschen, vorwiegend katholischen Staaten ergeben(4).
Preußen hatte die Einheit der Nation herbeigeführt, aber gerade der Nationalismus war, von der Tradition her, mehr
bürgerlich-liberales Gedankengut, dem der preußische Konservatismus eher ablehnend gegenüberstand. Man befürchtet von
dieser Seite, daß mit einem Aufgehen des preußischen Staates im Reich die eigenen Interessen nicht mehr gewahrt werden können.
Man kann also festhalten, daß mit dem neuen deutschen Nationalstaat eine Reihe von politischen Gruppierungen unzufrieden sind:
Die preußischen Konservativen, die Liberalen, die Großdeutschen, die Katholiken und nicht zuletzt die nationalen Minderheiten -
Dänen, Polen, Elsässer und Lothringer-, die sich überwiegend nicht als Bestandteil der deutschen Nation fühlen.
Ein bewährtes Mittel der Konfliktl”sung zeichnet sich bereits mit der Reichsgründung ab, die nach drei siegreichen
preußischen Kriegen erfolgt ist. Im letzten hatte die Nation im Kampf gegen den "äußeren Feind" die eigenen
Differenzen überwunden und zusammengefunden. Die Wirkung dieser Erfahrung kann sicher nicht hoch genug eingeschätzt
werden. Hinzu kommt noch der undemokratische, autoritäre Vorgang der Reichsgründung. Nachdem das Parlament der
Paulskirche kläglich versagt hatte, erfolgt die ersehnte Einigung von "oben"; dies f”rdert in weiten Kreisen eine Geringschätzung
des Parlamentarismus und eine Vorliebe für autoritäre Lösungen. Neurohr spricht von einer "fast religi”sen Verehrung
der Macht"(5).
Die Dominanz Preußens im Reich erleichtert die Integration vieler Protestanten und der preußischen Konservativen,
obwohl sich Bismarck in den ersten Regierungsjahren immer noch auf die Liberalen stützen muß. Hinzu kommt seit
den fünfziger Jahren ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung, der durch die französischen Reparationen noch einmal
verstärkt wird. Die Gründerzeiteuphorie ermöglicht vor allem die Integration des liberalen Großbürgertums.
Große Teile des Bürgertums verzichten auf ihre demokratischen Forderungen und versuchen, durch Leistung und Anpassung
in die alte herrschende Klasse aufzusteigen, wobei oft deren Wertmaßstäbe kopiert und übernommen werden. Auch dem
Bildungsbürgertum bietet der neue Staat gute Aufstiegschancen in Industrie und Verwaltung.
Nicht integrierbar bleiben vorerst die nationalen Minderheiten, die sich einer Germanisierung widersetzen(6), diejenigen, die
an demokratisch-republikanischen Ideen festhalten - Linksliberale und Sozialisten -, und die Katholiken; man erklärt
sie kurzerhand zu "Reichsfeinden". Auch hier sollte sich die Integration über ein Feindbild bewähren: Wer das System nicht
unterstützt, wird einfach zum Feind erklärt.
Von besonderem Interesse für unser Thema ist das Geschichtsbild, das sich aus der neuen Situation nach der
Reichsgründung ergibt. Wollte man in Deutschland nicht nur eine Erweiterung Preußens sehen - was von
borussischen Historikern teilweise getan wurde -, so zeigte sich ein enormer Mangel an Tradition und Kontinuität. Die
Vorstellungen von Kaiser und Reich sind eher mit der Habsburgermonarchie verknüpft als mit dem
preußischen Staat und den Hohenzollern. Das Bürgertum muß notwendiger Weise auf seine liberale
fortschrittsorientierte Geschichtsauffassung verzichten, wenn es nicht die bestehende Ordnung gefährden und damit auf
den gesellschaftlichen Aufstieg verzichten will. Das neue Geschichtsbild muß also vor allem eine gemeinsame verbindliche
Tradition erstellen, die das neuentstandene Gebilde des deutschen Reichs historisch legitimiert, dessen Größe
unterstreicht und eine Integration der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ermöglicht.
Während sich in Westeuropa, im Gefolge der Industrialisierung und der Naturwissenschaften, Positivismus
und Materialismus und ein damit verbundenes - oft schon mechanistisches - evolutionäres Geschichtsbild
entwickelt, wendet man sich im Deutschen Reich von dieser Tradition immer mehr ab(7). Man kann jedoch nicht einfach
von einer Verzögerung sprechen, denn die Idee vom historischen Fortschritt ist als typisches Produkt der Aufklärung
mit der preußischen Tradition verbunden und ist auch noch charakteristisch für die liberalen Historiker des Vormärz
wie Nebenius. Neben der spezifischen Anpassungssituation des Bürgertums wirkt hier auch der junge deutsche
Nationalismus, der nach den napoleonischen Kriegen die Gedanken der Franz”sischen Revolution und damit auch der
Aufklärung durch deutschen Idealismus und deutsche Romantik ersetzt hat(8). Aus dieser Abwehrhaltung ergibt sich die
"unheilige Allianz" zwischen Romantik und Nationalismus(9).
Die Romantiker mit ihrer Ablehnung einer rationalen Welterklärung sowie der Ideen der Franz”sischen Revolution
und ihrer Verherrlichung von Tradition, Ordnung und Volksindividualität haben sicherlich einen entscheidenden
Einfluß auf die Entstehung des Historismus(10). Es scheint mir allerdings übertrieben, eine einfache
Kausalkette zwischen romantischem und völkischem Denken zu konstruieren(11). Die Historiker des Vormärz
stehen durchaus mehr unter dem Einfluß des aufklärerischen als des romantischen Geschichtsdenkens(12).
Erst nach 1848 verzichtet das deutsche Bürgertum nach und nach auf seine Fortschrittsideologie, um nach
1871 dem konservativ-preussischen Historismus völlig das Feld zu überlassen.
Kennzeichnend für den Historismus ist, daß einzelne historische Epochen nicht mehr innerhalb einer
historischen Entwicklung gesehen werden, sondern als völlig gleichwertig und unabhängig gelten.
Betont wird das Individuelle bei Personen, aber auch bei Völkern und Nationen. Daraus ergibt sich eine starke Betonung der
Herrschergeschichte und die Verherrlichung des stetigen Aufstiegs von Brandenburg-Preußen(13). Die Herrschergeschichte
wird in erster Linie dazu benutzt, die Dynastie der Hohenzollern als deutsch zu legitimieren und entsprechend zu glorifizieren(14).
Aber das Interesse gilt auch anderen "großen" Männern der deutschen Geschichte, die sich in einer Ahnengalerie
unterbringen lassen. Solche Geschichtsauffassungen werden dann auch durch den Geschichtsunterricht verbreitet: "Genealogien
der deutschen Führer, von Armin über Karl den Großen, Luther, Friedrich den Großen
bis hin zu Kaiser Wilhelm, werden reichlich dargeboten"(15). Mit besonderen Feiertagen versucht man, durch einen "rein
dynastischen Hohenzollernkult" bei der Schuljugend eine "heilige Begeisterung für Kaiser und Reich zu wecken"(16).
Eine ebenfalls sehr zentrale Stellung erhält die Kriegsgeschichte(17), die ja für den Aufstieg Preußens
und die Reichseinigung von einiger Bedeutung ist. Die "großen" Männer werden nach dem Erfolg ihrer
Feldzüge beurteilt. Die Bedeutung der Kriegsgeschichte wird dadurch verstärkt, daß der
Fortschrittsgedanke in einer neuen primitiven Variante rezipiert wird: als Sozialdarwinismus(18). Die Lehre vom Kampf ums Dasein
und der Auslese der Stärksten und Tüchtigsten bietet sich geradezu an, um die Konkurrenzkämpfe und den
wachsenden Reichtum der Gründerzeit zu verbrämen. Die Verherrlichung des Machtmenschen,
die preussisch-militaristische Tradition und romantisch-idealistische Ideen ergänzen sich zu einem trivialen Heroismus.
Zwar führt der Sozialdarwinismus eine pervertierte Form des Fortschrittsdenkens der Aufklärung fort, aber er verzichtet
nicht nur auf deren Ziele - Freiheit und Humanität - , sondern bezieht eine extreme Gegenposition. Da Schwäche zum Zeichen der
Lebensunwertigkeit wird, ergibt sich für den Stärkeren die Verpflichtung zur Ausbreitung und zur damit verbundenen
Unterdrückung der Schwachen und "Lebensunwerten".
Im Bestreben, das junge Kaiserreich mit einer historischen Tradition auszustatten, greift man zu deren konkreter
Ausschmükkung gerne auf die brandenburgisch-preußische Geschichte oder die Reformation - dies
vor allem mit kulturkämpferischen Absichten - zurück. Als die Epoche schlechthin aber, die Tradition,
Größe und Integration verspricht, erweist sich das Mittelalter.
Die Verherrlichung des Mittelalters entspricht am ehesten, so merkwürdig es klingen mag, bürgerlichen und
großdeutsch gesinnten Kreisen; die preußischen Konservativen stehen ihr eher ablehnend gegenüber.
Die Vorliebe für das Mittelalter ist eindeutig ein Produkt der Romantik, die in diese Epoche die gewünschte
Einheit von Reich und Glauben und die Harmonie einer ständischen Ordnung projiziert hat(19). Die Reformation und
Preußen galten ihr eher als die Kräfte, die diese Einheit und Harmonie zerst”rten. Nicht das protestantische
Preußen, sondern das katholische Österreich ist die "Wahlheimat der konservativen Romantik"(20). Die
Beurteilung des Mittelalters zeigt sich am deutlichsten in der Interpretation der mittelalterlichen Kaiserpolitik. Den
deutschen Nationalisten der Befreiungskriege galt Karl der Große als Vorbild des verhaßten französischen
Imperiums, sie beriefen sich lieber auf seinen Widersacher, den Sachsenherzog Widukind(21). Mit der beginnenden
Diskussion um eine groß- oder kleindeutsche Form des zukünftigen Deutschlands wird vor allem die
Italienpolitik der deutschen Kaiser unter diesem Gesichtspunkt interpretiert und beurteilt. Während die großdeutsche
Fraktion, vor allem der Historiker Julius Ficker, die Notwendigkeit und Größe der Kaiserpolitik verteidigt,
wird sie von borussischen Historikern unter der Führung von Heinrich von Sybel kritisiert. Während die
großdeutschen Historiker mit der Kaiserpolitik den habsburgischen Vielvölkerstaat und damit dessen
Italienpolitik zu rechtfertigen suchen, kritisieren die kleindeutschen gerade die universalistische, nicht nationale
Politik des Habsburgerreiches, die Abhängigkeit des deutschen Kaisers vom Papst und die Vernachlässigung
der Ostkolonisation(22). Das mächtige Herzogtum Heinrichs des Löwen, seine zielstrebige Ostkolonisation
und sein Konflikt mit der nach Süden orientierten staufischen Kaisermacht erscheint ihnen als die Vorform Preußens.
Heinrich I., der sein Machtzentrum ebenfalls im Norden hatte, auf Kaisertitel und Salbung durch die Kirche verzichtete und
statt dessen erfolgreich die Ungarn abwehrte, wird zum "kleindeutschen Musterkönig"(23).
In Anlehnung an den Sybel-Ficker-Streit stößt die Kaiseridee in Preußen zunächst auf wenig
Gegenliebe(24). Nach dem Sieg über Österreich beginnt man sich allerdings auch in Preußen
langsam für die Vorstellungen von Kaiser und Reich zu erwärmen, versucht diesen jedoch eine betont
nationalistische Note zu geben(25).Hinzu kommt noch, daß 1866 nach der Annektion von Hannover die
Braunschweiger Welfen zu Reichsfeinden erklärt werden, die gegen das Reich mit England konspirieren(26). Damit
verbunden ist eine Abwertung Heinrichs des Löwen. Im Kulturkampf knüpft man deshalb an den Kampf der
Hohenstauferkaiser mit dem Papst an. "Das borussische Kaisertum erschien auf diesem Umweg doch noch
als Erbe staufischer Macht in der Tradition der ghibellinischen Kaiseridee"(27).
Das gewichtigste Argument für die Bemühungen um die mittelalterliche Kaisergeschichte ist jedoch die Zugkraft
der Begriffe "Kaiser" und "Reich", besonders in nichtpreußischen Gebieten(28). Im Bestreben, das neugegründete
Reich mit einer glorreichen Tradition zu versorgen, versucht man sogar, den Kyffhäusermythos neu zu beleben. Felix
Dahn bezeichnet in Analogie zu Barbarossa Wilhelm I. als "Barbablanca"(29) Zu diesen krampfhaften Kontinuitätsbestrebungen
stellt Elisabeth Fehrenbach fest:
Da wo das Verlangen nach Kontinuität die Vergangenheit überwältigt, verwandelt sich aber Geschichte
in Mythos.(30)
Auch beim Nationaldenkmal wird vorwiegend das Mittelalter bemüht und nach den Staufern sogar, unter etwas größeren
Schwierigkeiten, auf Karl den Großen zurückgegriffen(31). Wie willkommen diese an sich völlig ahistorische Mittelalterrezeption
dem nach historischer Tradition und Legitimation suchenden Bürgertum ist, verrät auch die Architektur. Plessner bescheinigt
diesem "Verlegenheitshistorismus" die "Kraftlosigkeit und Unsicherheit des Butzenscheibenstils", die seine Ersatzfunktion nur
zu deutlich verraten(32). Für das Bürgertum bieten sich die mittelalterlichen Reichsstädte und die Hanse als historische Vorbilder
geradezu an; nie mehr danach hatte das deutsche Bürgertum eine derartig starke politische Stellung erreicht. So kann das Mittelalter
sehr leicht als "große" Zeit erscheinen(33).
Der historische Roman als ein Medium bürgerlicher Weltanschauung wird nicht nur die tagespolitischen Ereignisse zum
Ausdruck bringen, sondern auch Anzeichen für das bürgerliche Selbstbewußtsein und das damit
verbundene Geschichtsverständnis enthalten. Das Festhalten an einem historischen Prozeßdenken muß
eigentlich auch zu Konflikten mit den Werten des wilhelminischen Obrigkeitsstaates führen. Der bürgerliche Realismus
kann einerseits als Ausdruck einer von naturwissenschaftlichem Fortschritt und vom Positivismus geprägten Zeit gelten, kann aber
auch auf sehr idealistische Ansätze zurückgreifen. Man wird in diesem Zusammenhang besonders darauf achten
müssen, ob die Protagonisten sozialhistorisch erklärt oder ob völlig ahistorische Helden und
Ewigmenschliches beschrieben werden. Dieser Gegensatz wurde bereits sehr deutlich an den historischen Novellen von Raabe
und Fontane herausgearbeitet:
Der Individualität, Selbstständigkeit und Unveränderlichkeit des historischen Menschen bei Raabe
steht bei Fontane zeitliche und gesellschaftliche Typik, Zeitgebundenheit und soziale Beeinflussung gegenüber.
<...> Raabe ist also der Geschichte gegenüber Idealist, Fontane Realist(34).
Fontane vertritt auch mehr ein teleologisches Geschichtsbild, während bei Raabe ein starker Pessimismus gegenüber
historischen Veränderungen vorherrscht(35).
Die eigentliche Gegenposition zur schon in sich problematischen bürgerlich-realistischen Literatur wäre die Legitimation
und Verherrlichung des wilhelminischen Systems. Diese muß sich aber mit einer idealistisch-historistischen Position verbinden.
Die angestrebte Integration und der erhoffte gesellschaftliche Aufstieg können nur durch Dienst und Anpassung und oft durch
gemeinsame Feindbilder erreicht werden. Bei den Beschreibungen politischer Gegner - zum Beispiel Polen, Franzosen, Katholiken
und Revolutionäre - zeigt es sich, wie oft ehemals bürgerlich-humanistische Positionen zugunsten einer vereinfachenden
Schwarzweißmalerei aufgegeben werden, und ob schon sozialdarwinistisches Gedankengut auftritt.
Wie stark der historische Roman vom aktuellen politischen Geschehen beeinflußt wird, wurde schon am Beispiel
des Kultur-kampfes demonstriert(36), und auch, daß nach der Reichsgründung in der Thematik ein stärkerer
Rückgriff als vorher auf weiter zurückliegende Epochen stattfindet(37). Dies offenbart eine Okkupation der
Geschichte, die das neue Deutsche Reich mit vergangener Größe untermauern soll. Nach der Reichseinigung
geht das Interesse an den Zeiten der deutschen Religionskriege und der politischen Schwäche zugunsten
repräsentativerer Epochen,
wie dem Mittelalter, zurück. Selbst Preußen kann auf diese Weise mit einer Tradition versorgt werden:
So treffen sich Idealisierung und Historisierung auf neue Weise und vielfach wird die alte Realitätsforderung
in der Kunst dadurch abgelöst.(38)
© Frank Westenfelder
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