II.2. Bürgerliches Selbstbewußtsein und Fortschrittsglaube

Die Verbindung von bürgerlichem Selbstbewußtsein und historischem Fortschrittsdenken kennzeichnet die klassische, von der Aufklärung geprägte, geschichtstheoretische Position, auf die das Bürgertum durch sein Bündnis mit den alten herrschenden Schichten nach und nach verzichten muß. Andererseits müssen diese Ideen, bedingt durch einen schnellen technischen und wirtschaftlichen Fortschritt, doch noch zum Ausdruck kommen.

Dieses klassische Fortschrittsdenken ist charakteristisch für die Romane von Willibald Alexis(39); am deutlichsten davon geprägt sind jedoch die historischen Novellen von Theodor Storm. Ingrid Schuster hat sehr deutlich herausgearbeitet, daß Storm ein aufklärerisches Geschichtsverständnis beibehält und der Meinung war:

Adel und Kirche seien die zwei wesentlichsten Hemmnisse einer durchgreifenden sittlichen Entwicklung unserer sowie anderer Völker.(40)
So weit wie Storm gehen die Autoren historischer Romane nicht, sie versuchen, ihr Selbstbewußtsein und ihre Forderungen dezenter auszudrücken. Zwei der beliebtesten Bücher, in denen diese Forderungen mit typischen Kompromissen verbunden sind, sind Gustav Freytags "Die Ahnen" und Ernst Wicherts "Heinrich von Plauen"(41). In seinem sechsbändigen Romanzyklus - wovon der erste Band aus zwei nahezu unabhängigen Teilen besteht - schildert Freytag die Geschichte einer deutschen Familie von der Zeit der Völkerwanderung bis zur Zeit nach den napoleonischen Kriegen. Ingo, der erste des Geschlechts, von dem berichtet wird, ist ein vandalischer Königssohn, muß aber wegen Erbfolgestreitigkeiten sein Volk verlassen. Er bewährt sich in Kämpfen mit den Römern, in denen er ein Feldzeichen erbeutet, aus dessen Tuch er sich ein Amulett anfertigen läßt. Auf der Flucht vor den Römern kommt er nach Thüringen, wo er bei einer sich aus Liebe und Eifersucht ergebenden Stammesfehde erschlagen wird. Sein Nachkomme Ingraban lebt zur Zeit der Christianisierung in Thüringen. Ingraban trägt das heidnische Amulett Ingos und verehrt noch die alten germanischen Götter; im Laufe des Romans verliert er diesen Glauben und erkennt den höheren Wert der christlichen Ethik, symbolisch läßt seine Frau das Amulett verbrennen. Der ehemals unbeherrschte germanische Krieger stirbt als Märtyrer.

Die späteren Nachkommen beweisen als alteingesessener Adel Treue und Tapferkeit und siedeln Ende des 13.Jahrhunderts unter dem deutschen Ritterorden in Preußen. Dort verbürgerlicht die Familie zu einem reichen Patriziergeschlecht. Nach vergeblichen Bemühungen, Preußen aus der polnischen Lehensabhängigkeit zu lösen, kehrt die Familie nach Thüringen zurück. Im Dreißigjährigen Krieg und danach stehen die meisten Familienmitglieder in Kriegsdiensten, wobei auch die brutalen Werbemethoden Friedrich Wilhelms I. beschrieben werden. Die Familiengeschichte endet mit dem Arzt Ernst König, der an den Befreiungskriegen als Feldarzt bei den Bürgerwehren teilnimmt.

Freytag beschreibt eine eindeutige historische Entwicklung von der Völkerwanderung bis hin zum "bürgerlich-patriarchalischen Idyll"(42). Für ihn ist es nur konsequent, wenn die Handlung vor der Revolution von 1848 endet. Der Bürger im wilhelminischen Deutschland ist zufrieden. Man darf allerdings nicht die Rolle dieses Bürgers dem Adel gegenüber unterschätzen. Selbstbewußt und fast gleichgestellt verhandelt der Kaufmann Markus König mit dem Hochmeister des deutschen Ritterordens, Albrecht von Brandenburg. Und gerade mit den "Ahnen" erstellt Freytag seinen bürgerlichen Helden des 19.Jahrhunderts einen Stammbaum bis hin zum vandalischen Königshaus; auf eine derartig lange und noble Ahnenreihe können weder Hohenzollern noch Habsburg zurückblicken(43).

Der historische Fortschritt beginnt in Freytags Roman mit dem Sieg der christlichen Religion über den heidnischen Aberglauben der noch unzivilisierten und unbeherrschten Germanen(44). Damit steht Freytag in deutlichem Gegensatz zu seinen späteren völkischen Kollegen; schon bei Felix Dahn erscheint die Christianisierung als Dekadenz. Des öfteren kritisiert Freytag als aufgeklärter Bürger des 19.Jahrhunderts religiösen Fanatismus und Hexenverfolgungen, für ihn ist die Reformation die notwendige Weiterentwicklung der christlichen Religion. Indem jedoch in den Romanen auf den Pfarrer des 18.Jahrhunderts der naturwissenchaft- lich gebildete Arzt folgt, findet eine Verlagerung von protestantischer Glaubensgewißheit zu rationaler Weltdurchdringung statt.

Die Stellung zur Obrigkeit ist durchaus positiv: Die meisten Protagonisten bewähren sich als treue, tapfere Untertanen. Als besonders vorbildlich erscheinen der Hohenstauferkaiser Friedrich II. und der deutsche Ritterorden, an dem jedoch in der Spätphase seine Verdorbenheit und seine Tyrannei gegenüber den Bürger kritisiert wird(45). Freytag kritisiert ebenfalls die Brutalität und Unterdrückung in der preußischen Armee: Einer der Königs wechselt deshalb in kursächsische Dienste(46). Freytags militärisches Ideal sind die bürgerlichen Einwohnerwehren der Befreiungskriege. Typisch für die dezente Adelskritik ist auch, wie der Vertreter alter Freibauerngeschlechter auf die unfreie Herkunft des neuen Dienstadels hinweist und somit auch die Adelsprivilegien des 19. Jahrhunderts relativiert. Der dem alten Adel entstammende Ritter Ivo, wählt schließlich nicht die, von ihm lang verehrte Gräfin Hedwig von Meran, sondern die Tochter des Freibauern. Hier wird allerdings eher das Wunschdenken des Autors als die historische Wirklichkeit sichtbar.

Derartige Episoden wie auch die ganze Entwicklung im Roman belegen Freytags Interesse an der Geschichte, obwohl er als Erzähler Distanz zu seinen historischen Figuren zu wahren versucht. Er will die einzelnen Bücher allein schon in der Sprache den einzelnen Epochen anpassen und spickt sie immer wieder mit kulturhistorischen Erläuterungen, in denen er sich als Historiker direkt an den Leser wendet, so zum Beispiel, wenn er mittelalterliche Turnierbräuche beschreibt:
Die wilden Kampfspiele zu Pferde, durch viele Jahrhunderte Stolz und Leidenschaft der Deutschen, waren in der Zeit des Herrn Ivo sehr ungleich dem Speerkampf späterer Zeiten, wo dicke Eisenschienen den ganzen Leib des Reiters schützten und wo das ganze gepanzerte Roß manchen Stoß der feindlichen Speere auszuhalten hatte.(47)
Ein Ergebnis dieser versuchten Objektivierung ist, daß Freytag fast ganz auf die übliche Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet; die Feinde, ob es sich um arabische Moslems während der Kreuzzüge oder um einen napoleonischen Offizier handelt, werden mit viel Verständnis und auch Sympathie beschrieben. Dem Roman fehlt völlig die Aggressivität die spätere völkisch-konservative Romane auszeichnet. Die Kehrseite davon ist, daß, wenn Freytag wertet - zum Beispiel von "polnischer Unordnung"(48) spricht - dieses Urteil vom Lser eigentlich kritiklos übernommen werden muß, weil es nicht der subjektiven Befangenheit der Protagonisten entspringt, sondern als objektive Wahrheit vom Erzähler behauptet wird.

Freytags "Ahnen" übernehmen im wesentlichen die Vorstellungen des konservativ-nationalen wilhelminischen Bürgertums, vor allem durch das Vorführen einer großen Vergangenheit, das Herausstellen der protestantisch-kleindeutschen Tradition, die Abwehr gegenüber Frankreich und Polen und dem Mangel an demokratischen Forderungen. Was Freytags Roman jedoch im Vergleich mit den nach der Reichsgründung erschienenen historischen Romanen eine Sonderstellung einräumt, ist sein erkennbares aufklärerisch-humanistisches Geschichtsverständnis, aus dem heraus er ein Bürgertum beschreibt, das sich selbstbewußt neben den Adel stellt(49).

Wesentlich deutlicher als Freytag thematisiert Ernst Wichert in seinem "Heinrich von Plauen" den Konflikt zwischen Adel und Bür- gertum. Ausgangssituation ist, daß vor der Schlacht bei Tannenberg das ganze Ordensgebiet in drei Parteien zerspalten ist: Den deutschen Ritterorden, der seine Macht zu erhalten versucht, den Landadel des Eidechsenbundes, der wegen erhoffter Privilegien mit dem polnischen König konspiriert und dem Bürgertum der Hansestädte, das nach größerer Machtbeteiligung strebt.

Nach der vernichtenden Niederlage bei Tannenberg rettet Heinrich von Plauens umsichtige Verteidigung der Marienburg noch einmal die Herrschaft des Ordens. Eine erneute Machtkonsolidierung wird jedoch durch eine besonders engstirnige Politik dem Bürgertum gegenüber verhindert. Zum Mahner in der Not wird der Danziger Bürgermeister Konrad Letzkau, der immer wieder die dringend notwendigen Reformen fordert. Seiner Ansicht nach herrscht der Orden immer noch "wie über ein erobertes Land" und ist zur Versorgungsanstalt der überschüssigen Söhne des deutschen Adels verkommen; er müsse deshalb in ein weltliches Fürstentum umgewandelt werden, das mit Hilfe eines Landrates regiert werden soll(50). Statt dieser Reformen versucht der Bruder Heinrichs von Plauen, der die Ordensmacht im Danziger Schloß vertritt, das Bürgertum immer stärker zu unterdrücken. Schließlich läßt er sogar Letzkau und die führenden Ratsmitglieder im Kerker ermorden. Nach dem Sturz Heinrich von Plauens verstärkt der Orden erneut seine Konfrontationspolitik und treibt damit die Städte und die Ritter des Eidechsenbundes zum Bündnis mit dem polnischen König. Dies führt zum endgültigen Zerfall der Ordensmacht, die dann nach längerem Kleinkrieg in polnische Abhängigkeit gerät.

Wicherts Ordensroman glorifiziert also nicht wie die späteren völkischen Ordensromane(51) die Ostkolonisation unter antislawischen Gesichtspunkten - die Polen werden zumeist sympathisch beschrieben -, ihm geht es viel mehr um ein Staatssystem, das seine Untertanen unterdrückt und deshalb dem äußeren Feind unterliegen muß. Dem entspricht auch, daß Wichert trotz großer kulturhistorischer Genauigkeit die Motive der am Konflikt beteiligten historischen Figuren etwas korrigiert - den Danziger Komtur zu negativ zeichnet und Letzkaus Interessenpolitik beschönigt(52)-, um dem Leser die Schuld des Ordensregimes noch klarer zu zeigen.

Die Politik liefert jedoch nur den Hintergrund der Liebesgeschichte zweier Geschwisterpaare, bei der Wichert von der "Rüstkammer der Romantik" reichlich Gebrauch macht(53). Allerdings spiegeln auch diese privaten Schicksale die politische Situation. Heinz von Waldstein, ein Junker aus dem Reich, sucht Dienst im Orden, heiratet dann jedoch eine Danziger Kaufmannstochter und wird nach vielen Anstrengungen Kaufherr und Ratsmitglied in Danzig. Hans von der Buche gehört zum preußischen Landadel, kämpft aber wie Heinz in der Schlacht tapfer für den Orden; am Ende zieht er sich mit Heinz' Schwester auf ein Landgut zurück. Er kann dort gut unter polnischer Herrschaft leben, da er, wie viele aus dem Landadel, verwandtschaftlich mit ihnen verbunden ist. Auch im privaten Bereich ist keine Polenfeindschaft spürbar; der schwerverletzte Heinz wird in polnischer Gefangenschaft gesundgepflegt. Gerade darin zeigt sich, daß Wichert die Konflikte zwischen den Ständen und nicht zwischen den Völkern sieht. Daß die Romanhelden dem Orden selbst nach verfehlter Politik die Treue halten, versteht sich bei dieser Art von Literatur von selbst, kennzeichnend dagegen ist, daß beide ihr privates Glück in Bürgertum und Landadel, ohne den historisch überholten Orden, verwirklichen.

Weder Freytag noch Wichert kritisieren die Realität des wilhelminischen Deutschlands, ihre Romane dokumentieren jedoch ein bürgerliches Selbstbewußtsein, das die historische Antiquiertheit der Aristokratie erkannt hat. Die gesellschaftlich bedeutenden Kräfte kommen in beiden Romanen aus dem Bürgertum, was noch dadurch unterstrichen wird, daß die adligen Protagonisten zu Bürgern werden; Heinz von Waldstein ist ein unehelicher Sohn Heinrich von Plauens. Dieses Selbstbewußtsein ist verbunden mit einem fortschrittsorientierten Geschichtsverständnis. Daß dies trotz allem Patriotismus und aller Trivialität keineswegs selbstverständlich ist, werden die folgenden Beispiele zeigen.

© Frank Westenfelder


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