II.5.1. Konservative historische Romane

Nach Ludwig Ganghofer, auf den an anderer Stelle noch ausführlich eingegangen werden soll(183), ist Paul Schreckenbach der erfolgreichste von den Autoren, deren historische Romane die herrschenden preußisch-konservativen Wertvorstellungen wiedergeben. Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, soll hier nur auf seinen mit Abstand erfolgreichsten Roman "Der König von Rothenburg"(1910) eingegangen werden. Die anderen Romane dienen zur Ergänzung.

Der Roman beschreibt den Konflikt der freien Reichsstadt Rothenburg unter ihrem Bürgermeister Heinrich Topler mit dem Burggrafen von Nürnberg, Friedrich von Hohenzollern. Rothenburg wird vor allem durch innere Klassenkämpfe an einer starken Expansionspolitik gehindert. Die alten Geschlechter beherrschen die Stadt und verweigern den aufstrebenden Kaufleuten und Handwerkern die Beteiligung an der politischen Macht. Topler sieht, daß der wirtschaftliche und soziale Umwandlungsprozeß nicht aufzuhalten ist und will die unruhigen Zünfte integrieren:

"Warum? Blick auf andere Städte hin, sieh Köln an, Ulm, Soest und wie sie alle heißen. Da sind die Zünfte im Rat, aber wie sind sie hineingekommen? Durch Streit und Aufruhr, mit Mord, Totschlag und aller Gewalttat. <...> Sie sollen nicht herrschen in der Stadt, die Zünfte und Gilden, dazu haben sie kein Recht. <...> Aber das ist ihr Recht, daß sie wissen und mitreden, wie der Stadt Säckel verwaltet wird, und daß sie die Männer mit küren helfen, denen sie Leib und Leben in die Hand befehlen."(184)
Durch den Ausgleich im Innern soll die Stärke nach außen gewonnen werden. Topler strebt keine Demokratisierung an; er ist ein vernünftiger Machtmensch nach dem Vorbild Bismarcks. Die versprochene Machtbeteiligung des Volkes entpuppt sich als bloße Propagandaphrase:
Die Macht, die ihm seine Stadt übertragen hatte, wollte und mußte er von nun an festhalten um jeden Preis, und das bedeutete nichts anderes, als daß er seine Feinde aus der Stadt vertreiben und schließlich aus dem Gewählten des Volkes zu einem Herren des Volkes werden mußte.(185)
Das Volk wird von Topler lediglich dazu gebraucht, die alten Geschlechter zu übergehen, indem er sich plebiszitär zum Diktator wählen läßt. Es wird als besondere Klugheit der Rothenburger gelobt, sich in einer Krisenzeit, wie die alten Römer, einen Diktator zu küren(186), denn das Volk gilt als "Hammelherde, die dahin rennt, wohin die Leithammel rennen"(187).

Nachdem er die Macht übernommen hat, mobilisiert Topler das Volk zum Krieg mit einer demagogischen Rede, die den heutigen Leser an Goebbels "Sportpalastrede" erinnert:
"Gebet ihr also unsere Burgen dahin mit freiem Willen, so habt ihr guten Frieden und könnt geruhsam hinter dem Ofen hocken fortan. Und ich frage Euch, liebe Gesellen: Wollet ihr das?"
"Nein, nein!" schrie und brüllte es von allen Seiten.
"Dann habet Ihr Krieg und Fehde. Wollet ihr sie als mannliche Bürger durchfechten bis zum Ende?"
"Ja, ja! Heil Heinz Topler! Nieder mit dem Burggrafen und dem Würzburger Pfaffen! Krieg! Krieg!" wogte es durcheinander(188).
Auch der Inhalt des Romans läßt keinen Zweifel daran, daß hier ein unmündiges Volk zu seinem angeblich besten manipuliert wird. Nachdem an Toplers Tatkraft der Angriff auf die Stadt gescheitert ist, wird das Volk von seinen Gegnern benützt, um ihn zu stürzen. Für Geld verraten die Zunftmeister kurzsichtig ihren großen Bürgermeister. Mit Toplers Sturz und Tod beginnt sich Rothenburgs Niedergang abzuzeichnen.

Seine Vorliebe für die Obrigkeit und große Männer und seine Ablehnung demokratischer Volksbewegungen ist auch für die anderen Romane Schreckenbachs kennzeichnend, in denen er soziale Konflikte schildert(189). Wenn Schreckenbach den Nürnberger Burggrafen als "geborenen Fürsten" bezeichnet und ihn zum ebenbürtigen, wenn nicht überlegenen Gegner Toplers hochstilisiert, hofiert er das gegenwärtige Herrscherhaus. In seinem Roman "Der getreue Kleist"(1909) macht er aus seiner Preußenverehrung keinen Hehl, indem er das Heilige Römische Reich deutscher Nation als einen "lächerliche(n) Popanz aus alter Zeit" bezeichnet, das Preußen Friedrichs des Großen dagegen als das einzig wahre Vaterland, für das zu "fechten und zu sterben" das Höchste sei(190).

Dieser preußische Konservatismus bedingt auch seine kulturkämpferische Einstellung Religion und Kirche gegenüber. Toplers Sohn ist wegen der Korruptheit der Kirche ein heimlicher Anhänger von Jan Hus, ein im Kulturkampf beliebtes Motiv(191); aber da Schreckenbach 1910 bereits mit slawischen Unabhängigkeitsbestrebungen konfrontiert wird, läßt er Topler feststellen, daß das "dumme, schmutzige, viehische Volk der Czechen" zu einer Reformation nicht imstande ist: "dies Werk muß von einem Deutschen getan werden, und es wird getan"(192). In seinem Kleistroman greift Schreckenbach besonders stark die Jesuiten in Polen an(193). Vor allem an den Attacken gegen die katholische Kirche wird ein neues, zeittypisches Charakteristikum des konservativen historischen Romans erkennbar: Die konservativen Protagonisten geben sich aufgeklärt-fortschrittlich. Der Stauferenkel in dem Roman "Um die Wartburg"(1913) ist "fast ganz frei von dem Glauben an Wunder und übernatürliche Dinge", die Prophezeiung einer Heiligen ist für ihn "das blöde Gefasel einer alten Nonne", einer Närrin, "die sich mit Geiseln und Fasten um den Verstand gebracht hat"(194). Derartige Formulierungen sind in neuromantischen oder in völkischen Romanen(195) undenkbar. Beliebt zur Demonstration der eigenen bürgerlichen Fortschrittlichkeit gegenüber dem finsteren Aberglauben ist auch die Beschreibung von Hexenprozessen und Judenverfolgungen(196).

Das beste Beispiel für Schreckenbachs konservativ-freigeistigen Fortschrittsglauben ist sein Roman "Die letzten Rudelsburger" (1914), der mit seiner Darstellung von gesellschaftlichem Aufstieg und Obrigkeit auch deutlich den Unterschied zu Storms Vorstellungen erkennen läßt. Der Arzt Nikolaus Kyburg, ein deutschitalienischer Mischling, hat in Italien studiert. Wegen seines Aussehens - er wird für einen Juden gehalten - und seiner naturwissenschaftlichen Experimente soll ihm ein Hexenprozeß gemacht werden. Da ihn der nahezu atheistische Bischof, der seine Fähigkeiten erkennt, rettet, tritt er in dessen Dienste, stellt Geschütze und Pulver her und zerstört die feindliche Raubritterburg. Danach heiratet er eine Adlige und hat im Dienst des Landesgrafen eine vielversprechende Karriere vor sich.

Wenn die Beschreibung Kyburgs und die Verurteilung des Antisemitismus zu zeigen scheint, daß Schreckenbach frei von völkisch-rassistischen Vorstellungen ist, so verwendet er doch rassistische Argumente zur Hetze gegen die slawischen Völker. Neben der Abwertung der Tschechen spricht er vom "Blut unterworfener wendischer Knechte" und dem sarmatischen Blut der Polen, denen - im Gegensatz zu den germanischen Deutschen -,"ehrliche Geradheit und schlichte Treue" fehlen(197). In der imperialistischen Haltung, besonders gegenüber Polen, verbinden sich preußisch-konservative und völkische Interessen. Ein wesentlicher Unterschied zur völkischen Literatur ist in Schreckenbachs Bevorzugung eines bürgerlich-städtischen - nicht bäuerlichen - Milieus zu sehen und ganz besonders darin, daß die Ereignisse immer von überragenden Individuen bestimmt werden, während das Volk keinerlei eigene Kraft entfalten kann.

Ähnlich obrigkeitsorientiert und kirchenfeindlich ist der 1915 erschienene Roman "Äbtissin Verena" von Rudolf Greinz. Er schildert die Auseinandersetzungen der Äbtissin des Stiftes Sonnenburg, Verena von Stuben, mit dem Kardinal Nikolaus von Kues. An Verenas Führergestalt und ihrem "bewußten Fürstentum"(198) scheitert die Macht des Kardinals. Sie wird in ihrem Kampf von zwei treuen Paladinen unterstützt, dem Ritter Jobst Rautenkranz und dem sonnenburgischen Richter. Der Adel hat in diesem Roman seine Führungsrolle völlig zurecht inne und wird ihr auch gerecht. Dementsprechend gibt es "gute" Bauern, die treu zum Kloster stehen, während sich die "schlechten" Enneberger Bauern als Lehensleute des Klosters mit dem Kardinal verbünden, um sich vom Kloster zu befreien. Gegen diese aufsässigen Bauern gibt es nur ein Mittel:"was sie nicht freiwillig einsahen", das wollte man ihnen "schon in den Schädel dreschen"(199). Im allgemeinen aber zeichnet sich das Volk durch seine Treue den Fürsten gegenüber aus: "Keine Tücke Roms vermochte die Treue des Tiroler Volkes gegen seinen Herzog wankend zu machen"(200). Daß dieser Herzog um seine verschwenderische Hofhaltung zu finanzieren, halb Tirol verpfändet und ruiniert hat, wird salopp mit seiner jugendlichen Lebenslust entschuldigt. In der Stunde der Not setzt er sich darüber hinweg und erweist sich als guter Kriegsherr.

Die Fehde weitet sich immer mehr aus und wird schließlich zu einem Kampf zwischen dem Papst und dem Fürsten von Tirol. Dieser Kampf erscheint als eine nationale Aufgabe: "Gegen die mittelalterliche Machtfülle des Papsttums reckte und regte sich der Fürstenstolz überall in deutschen Landen", denn "die Glatzen der
Pfaffen recken sich wieder mächtig und wollen über den Kronen der Fürsten sein"(201). Nachdem das einfache Volk unter dem Bannfluch des Papstes zu leiden hat, empfiehlt Jobst Rautenkranz in vorreformatorischer Weise den direkten Weg zu Gott: "So ihr in eurer Herzen Zerknirschung zum allbarmherzigen Gott um Erbarmnis schreit, wird er sich erbarmen. Denn den lebendigen Gott kann auch kein Fluch und kein Bann rauben"(202). Bei dieser kulturkämpferischen Einstellung ist klar, daß Verena nicht im Kloster bleiben kann; sie verläßt es und heiratet Jobst Rautenkranz.

Greinz erkennt Herrschaft als Geburtsrecht an: Nur der Adel ist fähig, den historischen Kampf gegen den Papst aufzunehmen. Auf charismatische Führerfiguren verzichtet er im Gegensatz zu Schreckenbach. Der bürgerliche Aufsteiger Nikolaus von Kues vollbringt zwar bedeutende intellektuelle Leistungen, zum richtigen Herrscher fehlt ihm aber einfach das Format, denn ein "beträchtlicher Teil seiner Seele" besteht aus Furcht(203). Dem entspricht auch sein Aussehen: Er ist dürr und gebeugt, seine adligen Gegenspieler dagegen sind hohe, sehnige Gestalten oder stiernackige Abbilder der Kraft(204). Anscheinend kann Greinz ohne Abstriche an den preußisch-konservativen Werten festhalten: Ein fähiger Adel meistert den Kampf mit der Kirche, kann sich über Wirtschafts- und Finanzprobleme hinwegsetzen und hat, bis auf ein paar verhetzte Bauern, das Volk geschlossen hinter sich. Ebenso problemlos mündet die Liebesgeschichte, trotz Verenas Gelübde, ins Happy-End.

Daß soviel Zuversicht recht antiquiert ist, zeigt die Erzählung "Der Kanzler Klaus von Bismarck" (1915) von Walter Flex. Sie steht für die Entwicklung der idealistischen Jugendbewegung, die, indem sie Volk und Vaterland zur Ersatzreligion macht, den Nihilismus zu überwinden versucht. Dabei übernimmt Flex zwar weitgehend dieselben Wertvorstellungen wie Greinz, aber sie haben doch eine ganz andere Funktion.

Klaus von Bismarck, ein Angehöriger des alten Stadtadels einer brandenburgischen Stadt, wird zum Kanzler und Freund des ersten Wittelsbacher Kurfürsten der Mark Brandenburg, Ludwig. Im Streit zwischen Zünften, Stadtadel, Rittern, Kirche und Landesherr ist die Mark in politische Ohnmacht versunken, die sich zu allem Unglück noch der Kaiser zunutze machen will. Klaus entscheidet sich gegen den Willen des sterbenden Vaters für den Fürsten und nimmt den Kampf um die Einheit des Landes auf. Seine stärksten Gegner sind seine alten Standesgenossen des Schwertadels, die, da sie stolz und selbstgerecht an ihren Privilegien festhalten, ständig die Klassenkonflikte fördern und sich dem "Ansturm der neuen Zeit"(205) entgegenstemmen. Längst ist die militärische Bedeutung der Ritter auf die bürgerlichen Fußwehren übergegangen. "Die Fußwehren der Bürger hatten ihr Erbe an Pflichten übernommen, so wollten sie auch ihre Rechte erben"(206). Der Kampf um die Mark und das Werben um das Vertrauen des Volkes werden für Klaus zur sinnstiftenden Lebensaufgabe:
Riesengroß und gewaltig wuchs etwas neues vor ihm auf und türmte sich wie ein Sühnedenkmal über den Leichnam des Bruders. Die Idee des Volkes, dessen Recht über allen Rechten ist, verkörperte sich ihm leibhaftig in der Gestalt Ludwig Wittelbachs und stand vor ihm wie ein opferheischender Gott. Ihm brachte er sich zum Opfer, sich selbst, sein Leben, seine Rechte und seine Rache.(207)
Ludwig stirbt jedoch auf dem Höhepunkt des Kampfes, und sein Bruder Otto erweist sich als ein genußsüchtiger Schwächling.

Im Endkampf um die Mark , gegen den Luxemburger Kaiser, hofft Klaus, daß der Krieg, "die Männerschmiede"(208), Ottos Herrscherqualitäten doch noch erweckt. Kurz vor der entscheidenden Schlacht zeitigt die aufopfernde Politik des Kanzlers den verdienten Erfolg; ihm folgen zur Unterstützung die Bürgerwehren. Für Klaus ist dies Offenbarung und Erfüllung zugleich: "Das Herz des Volkes hatte zu ihm gesprochen. Sinn und Rätsel seines Lebens
und Leidens waren erhellt und verklärt"(209). Doch der Markgraf hat hinter seinem Rücken die Mark längst an den Kaiser verkauft. Klaus, in dem das Volk "mit abergläubischer Scheu" den steinernen und gerechten Richter verehrt, spricht über seinen Fürsten, stellvertretend für die Mark, das Urteil: "Du hast Dein Volk verschachert. Wie ein Priester, der das Sakrament Gottes verkauft hat, bist du des Todes"(210). Aber voll von Ekel und Verachtung läßt er ihn ziehen. Allein und ohne Hoffnung verweigert er sich den Werbungen des Luxemburgers. Vom Volk wie ein Heiliger verehrt, wird er wie ein Märtyrer beim Kirchgang ermordet.

Die Stellung des Adels erscheint sehr fragwürdig. Klaus gehört zwar selbst zum alten Adel, verläßt aber seinen Stand, um sich im Dienst für Volk und Vaterland aufzuopfern, wodurch er auch die Legitimation zu seiner sakral überhöhten Machtstellung erhält. Zu diesem Dienst - zur Leistung - ist vor allem der Landesherr verpflichtet; versagt er, stellt er sich, wie der erzkonservative Adel, den Interessen des Landes entgegen und verliert sein Recht zu herrschen. Hier gibt es nicht wie bei Greinz das selbstsichere Eindreschen auf unbotmäßige Untertanen. Der Adel bei Flex wäre zwar durch sein Blut zur Führungsrolle prädestiniert(211), hemmt aber kurzsichtig und egoistisch den notwendigen Fortschritt und schreckt auch vor Landesverrat nicht zurück(212). Man darf hier nicht übersehen, daß Flex, hätte er den vorbildlichen Adel beschreiben wollen, eine Erzählung aus der Zeit des Soldatenkönigs oder Friedrichs des Großen hätte schreiben können.

Die Verherrlichung eines Vorfahren Bismarcks, der für die Stärke und Einheit Brandenburgs kämpft, kulturkämpferische Anspielungen und die Darstellung des Heroismus lassen keinen Zweifel an der preußisch-konservativen Einstellung des Autors. Flex betont allerdings die Notwendigkeit eines Klassenausgleichs, um die notwendige Stärke nach außen zu gewinnen und verrät in seinem Dienst- und Opfergedanken durchaus bürgerliche Leistungsethik. Volk und Opfer sind Gottesersatz bzw. sinnstiftendes Ritual. Die Erzählung orientiert sich deshalb weniger am Liebes- oder am Entwicklungsroman, sie wirkt eher wie eine Passionsgeschichte. Klaus von Bismarck tritt in den Dienst einer höheren Sache - des Volkes - , durch sein Selbstopfer wird er der Welt immer mehr entrückt, zum Symbol, zum Heiligen, um als Märtyrer zu sterben. In einigen seiner folgenden Erzählungen hat Flex die rituell sakrale Überhöhung des Volkes noch verstärkt(213). Seine Verbindung von jugendbewegtem Aufbruchspathos mit den herrschenden preußisch-konservativen Vorstellungen dokumentiert den Übergang von der Literatur der Jugendbewegung zu der sogenannten Konservativen Revolution während der Weimarer Republik.

© Frank Westenfelder

Historienkitsch in der Malerei; die Briten Edmund Blair-Leighton und John Collier und ihre Bilder.

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