IV.7. "Innere Emigration",Kritik und Widerstand

Bei der Behandlung der nichtnationalsozialistischen Literatur und der Frage nach ihrer Nähe oder Ferne zur offiziellen Ideologie, stößt man auf den Bereich der sogenannten Inneren Emigration. Die Bemühungen, sich dem NS-Literaturbetrieb zu entziehen oder ihm gar Widerstand entgegenzusetzen, kommen aus nationalkonservativen Kreisen, dem Umfeld der Konservativen Revolution und - hier ist die Gegnerschaft am ehesten auszumachen - von christlichen Schriftstellern(454). Einerseits kann Widerstand eigentlich nur von diesen Gruppen geleistet werden, da bürgerlich-liberale und sozialistische Autoren nicht mehr die Möglichkeit haben zu publizieren, andererseits kann man von ihnen kaum eine fundamental demokratische Kritik am Regime erwarten. Was man jedoch von dieser Literatur erwarten sollte, ist ein Festhalten an einer humanistischen Tradition, die dem herrschenden Heroismus entgegensteht. Unter diesem Gesichtspunkt können vor allem katholische Schriftsteller die konsequenteste Kritik am Nationalsozialismus üben, da sie noch über ein relativ geschlossenes Wertesystem verfügen, das mit der herrschenden Weltanschauung nicht im selben Maße Berührungspunkte hat wie das des norddeutschen Protestantismus.

Der historische Roman bietet, wie zeitlose mythologische Themen, die Möglichkeit, sich der Realität zu entziehen oder eventuelle sogar versteckte Kritik zu üben. Auf die Bevorzugung griechisch-mythologischer Themen von den Schriftstellern der "Jungen Generation" als Reaktion auf die als abstoßend empfundene Gegenwart hat Hans-Dieter Schäfer verwiesen(455). Für die Schriftsteller, die im allgemeinen der "Inneren Emigration" zugerechnet werden oder, wie Molo, diese Bezeichnung einfach für sich beanspruchen, ist der historische Roman das bevorzugte Genre. Es geht allerdings nicht an, Staatsschriftstellern wie Schäfer, Blunck und Kolbenheyer eine "Emigration in die Historie" zu bescheinigen(456).

Klieneberger stellt in einer Untersuchung zur "Inneren Emigration" fest, daß alle von ihm untersuchten Autoren während des Dritten Reichs Bestseller-Autoren waren; dies ist, seiner Ansicht nach, nur möglich, da sie mit dem Nationalsozialismus gewisse ideologische Gemeinsamkeiten aufweisen, "certain interests and ideas which were generally in vogue"(457). Die Gemeinsamkeiten, die für dieses "Dickicht der Inneren Emigration" charakteristisch sind, versucht besonders Reinhold Grimm hervorzuheben, anstatt diese Autoren zu rehabilitieren(458).

Da es hier nicht um das Verhalten einzelner Autoren geht, sondern Romane im weltanschaulichen Kontext des Genres betrachtet werden sollen, ist als Ausgangspunkt der Definitionsversuch von Wolfgang Brekle am sinnvollsten. Brekle möchte die Klassifizierung der Literatur nur an der Haltung im Werk festmachen und dabei zwischen nichtfaschistischer Literatur - Literatur, die keine faschistischen Einflüsse zeigt, sich aber auch nicht gegen den Faschismus wendet - und antifaschistischer Literatur - Literatur, die sich mit dem Faschismus und seiner Ideologie auseinandersetzt - unterscheiden. Er muß dabei allerdings zugeben, daß diese Grenzen nicht immer eindeutig sind(459).

Der Begriff "Innere Emigration" ist für eine Einteilung der nichtnationalsozialistischen Literatur wenig brauchbar und außerdem schon zu abgenützt. Man kann weder Molos "Eugenio" noch Papkes "Widukind" als nichtnationalsozialistisch bezeichnen, dazu bewegen sich beide viel zu sehr innerhalb der gängigen Klischees und Wertvorstellungen. Es soll deshalb unterschieden werden zwischen verwendbarer Literatur - das heißt Romanen, die aus einer anderen Position heraus geschrieben werden, aber aufgrund starker ideologischer Übereinstimmung vom Nationalsozialismus propagandistisch benützt werden können -, kritischer Literatur, die zwar auch Gemeinsamkeiten enthält, aber doch Kritik formuliert, und Literatur, die nationalsozialistische Weltanschauung und Realität so weit als möglich kritisiert; erst, wenn letzteres der Fall ist kann man von antifaschistischer Literatur sprechen.

© Frank Westenfelder


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