II.4. Krisen und Kulturpessimismus

Kurz vor der Jahrhundertwende (78) läßt sich an den Gegenbewegungen zum Naturalismus - Neuromantik, Jugendstil, Heimatkunst - absehen,daß die literarischen Identifikationsmuster des Bürgertums sich einem fortschreitenden Wandel der Wertvorstellungen angepaßt haben. Das Bürgertum hatte durch sein Arrangement mit Bismarcks Obrigkeitsstaat die herrschenden preußisch-konservativen Vorstellungen weitgehend verinnerlicht, aber der rasend technische und wirtschaftliche Fortschritt mußte Veränderungen erzwingen. Grundlegend ist also die Frage, warum das Bürgertum in die "falsche Moderne" aufbricht(79).

Die sozialen Veränderungen des Kaiserreichs werden vor allem bestimmt durch ein sprunghaftes Ansteigen der Industrieproduktion sowie der Bevölkerungszahl und eine zunehmende Verstädterung(80). Infolge dieser Entwicklung nimmt die Bedeutung der Naturwissenschaften enorm zu. Positivismus und Materialismus werden immer bestimmender für das Denken und ersetzen unterschwellig das übernommene konservative und fortschrittsfeindliche Weltbild. "Fortschrittsglaube und Zukunftshoffnung" werden zu einer fast schon religiösen Grundstimmung der Zeit(81). Im Bestreben der Sekundärliteratur eindeutige Kontinuitäten der völkisch-kulturpessimistischen Tradition aufzuzeigen, wird die Bedeutung dieses Wandels oft unterschlagen(82). Diese "Tradition" ist um die Jahrhundertwende lediglich eine Protesthaltung gegen die allgemein verbreitete Überzeugung von einer besseren Zukunft. Das betrifft nicht nur Liberale und Sozialisten, sondern auch Katholiken und Nationalisten; letztere rezipieren den Fortschrittsgedanken als vereinfachten Sozialdarwinismus(83).

Wendet man sich der Kritik an der allgemein gepriesenen Moderne zu, so ist kurz auf die problematische Situation des Mittelstandes einzugehen, aus dessen Reihen die Kritiker vor allem kommen (84). Auf den Optimismus der Gründerzeit folgt ab 1873 die "große Depression", die bis in die neunziger Jahre nachwirkt. Da überzogene Finanzspekulationen die Krise hauptsächlich mitverursachten, erwacht beim Mittelstand ein tiefes Mißtrauen gegenüber Banken und Großkapital. Gleichzeitig verschärft die Krise den ohnehin starken Trend zu Großbetrieben, Kartellen und Warenhäusern. Kleinhändler, Handwerker und Angestellte sehen sich durch diese Monopolbildung ständig davon bedroht,ins Proletariat abzusteigen. Damit beginnt im Mittelstand die Kritik an der "goldenen Internationale", den Erscheinungsformen des Wirtschaftsliberalismus: Banken, Warenhäuser und Großindustrie.

Da jedoch an den Eigentumsverhältnissen nichts geändert werden soll, man möchte ja den Status quo und die noch verbliebenen Privilegien behalten, ist für den Mittelstand eine rationale Analyse der Situation unmöglich. Hier bietet sich der Ansatzpunkt für antisemitische Agitation(85). Winkler bezeichnet den Antisemitismus der Depressionszeit als den "ersten Versuch einer mittelständischen Integrationsideologie. <...> Das Judentum galt weiten Teilen dieser Schichten (selbstständiger Mittelstand und Bauern) fortan als extremes Manchestertum und der politische Liberalismus als sein verlängerter Arm"(86). Dieser Antisemitismus läßt erst wieder mit dem Ende der Krise um 1896 nach(87), er ist somit geradezu "ein Symptom der politischen Beunruhigung der alten Mittelschichten"(88).

Neben dem immer mächtiger werdenden Großkapital formiert sich mit der Sozialdemokratie ein neuer Gegner des Mittelstandes, der ebenfalls bedrohliche Zuwachsraten vorzuweisen hat(89). Bei den besonders in der Schutzzollpolitik zerstrittenen Konservativen und Nationalliberalen führt diese Entwicklung zum sogenannten "Bündnis zwischen Rittergut und Hochofen". Der Mittelstand, dessen Ende die Sozialdemokratie ständig prophezeit, kann und will sich nicht nach "unten" orientieren. Vor allem die Frontstellung gegen die Arbeiterbewegung verhindert Forderungen nach Reformen und Machtbeteiligung, man dient sich statt dessen dem Staat als vaterländisches Bollwerk gegen "rote" und "goldene" Internationale an(90).

Die einflußreichste Vertretung des konservativen Mittelstandes ist der 1893 gegründete Bund der Landwirte (BdL), der im Gegensatz zu den gewerblichen Mittelstandsverbänden ein starke und langfristige Wirkung hat. Der BdL wendet sich vor allem gegen die Macht- und Bevölkerungsverschiebungen vom Land zur Stadt und von Ost nach West. Der Landwirtschaft machen zwei Probleme zu schaffen: Die durch den Bevölkerungszuwachs notwendigen Getreideimporte führen zu einem Sturz der Getreidepreise, und die Lohnkonkurrenz mit der Industrie veranlaßt ein ständiges Abwandern der Landarbeiter. Als nach der Entlassung Bismarcks von seinem Nachfolger Caprivi die Schutzzölle gesenkt werden, gilt die Landwirtschaft von nun als "die empfindlichste und krisenanfälligste Stelle in der deutschen Volkswirtschaft"(91).

Aufgrund der landwirtschaftlichen Dauerkrise und dem Einsatz moderner Propagandamittel wird der BdL "neben der SPD die mächtigste politische Massenorganisation in Deutschland"(92), die allerdings in ihren Führungsgremien völlig von den Großgrundbesitzern dominiert wird. Die Gemeinschaftsideologie des BdL zielt darauf ab, "eine de facto nicht existierende Interessengemeinschaft der gesamten Landwirtschaft - vom Landarbeiter und Kleinbauern bis zum Rittergutsbesitzer vorzutäuschen"; neben Antisozialismus und Antiliberalismus propagiert man eine berufsständisch-monarchistische Staatsauffassung(93). Die politische Agitation des BdL läßt sich größtenteils unter dem Schlagwort "Großstadtfeindschaft" zusammenfassen(94); die Großstadt wird zum Zentrum aller ablehnenswerten Erscheinungsformen der modernen Industriegesellschaft.

Die Propaganda des BdL übt über die Landwirtschaft hinaus auch auf das konservative Bürgertum einen starken Einfluß aus. Gerade die Großstadtkritik trifft beim Bürgertum auf eine romantische Sehnsucht nach idyllischen Zuständen. Mietskasernen, sichtbare Armut, dreckige Industriebezirke, die Auflösung der Großfamilie und vor allem der Wechsel ehemals konservativer Landarbeiter zur SPD, deren Hochburgen die Städte sind, gelten als Negativerscheinungen der Verstädterung. Das flache Land wird deshalb zum "Gegenideal" der Großstadt hochstilisiert, in dem alles zu finden ist, was man in der Großstadt vermißt(95). Hinzu kommen die biologistischen Theorien von Georg Hansen und Otto Amon(96), die davon ausgehen, daß das Stadtleben zur Unfruchtbarkeit führt und die Städte deshalb einen ständigen Zustrom biologisch gesunder Landmenschen benötigen. Diese Theorien gewinnen kurz vor dem Weltkrieg an Bedeutung, als man einen verstärkten Geburtenrückgang in den Städten feststellt, und das zu einer Zeit, in der man die militärische Potenz noch weitgehend mit der Bevölkerungszahl in Beziehung setzt. "Die Großstädte galten nunmehr endgültig als `Verbrauchsstätten des Menschenmaterials'"(97).

Man kann festhalten, daß der Grund für die Radikalisierung des Mittelstandes in seiner durch fortschreitende Industrialisierung und Monopolbildung bedrohten Situation liegt. Da der bürgerliche Mittelstand keine eigenen Lösungsmöglichkeiten entwickeln kann, übernimmt er vor allem die von großagrarischen Interessen geprägte Ideologie des BdL. Dabei geht es weniger um das konkrete Landleben, das Bauerntum wird vielmehr zur Chiffre einer harmonischen Mittelstandsgesellschaft(98), des Familienbetriebs, in den das Gesinde integriert ist und der jenseits von Sozialismus und Kapitalismus selbstständig zu existieren vermag. Angestrebt wird eine autoritäre Volksgemeinschaft mit möglichst geringer sozialer und politischer Dynamik, die aufgrund ihrer patriarchalischen Strukturen soziale Konflikte erst gar nicht aufkommen läßt.

Neben diesen großagrarischen und mittelständischen Ängsten und Wunschvorstellungen wirkt noch ein ideologisches Gemisch aus bildungsbürgerlichen Kreisen, das man u.a. mit Kulturpessimismus, Lebensreform, Kulturreform, Konservative Revolution, Neuromantik und Neuidealismus umschreiben kann(99). Diese Geisteshaltungen sind zwar nicht eindeutig aus materiellen Interessen abzuleiten, man muß aber, gerade wegen des hervorgehobenen Idealismus, auf ihre Abhängigkeit von den sozial-politischen Veränderungen der zweiten Jahrhunderthälfte hinweisen.

Das Bildungsbürgertum fühlte sich schon lange vor der Industrialisierung und Reichseinigung den gebildeten Schichten der fortschrittlicheren westlichen Nationen gleichwertig.Nach der Reichsgründung bleibt ihm dann allerdings nicht nur politische und wirtschaftliche Bedeutung versagt, von Kapitalismus und Positivismus werden auch die alten idealistischen Bildungswerte relativiert oder zerstört. Aber auch hier bleibt die Kapitalismuskritik in einem unreflektierten Unbehagen stecken; man stellt die eigene "hohe", idealistische Gesinnung dem "niederen" Materialismus der Industriegesellschaft gegenüber:

So blieb nur eine ressentimentgeladene Verachtung der Neureichs und eine `anti-kapitalistische Sehnsucht', ferner eine von Bildungshochmut erfüllte Verurteilung des platten Materialismus der neuen Zeit übrig, zu der das Erbe der idealistischen Bildung genug Argumente liefern konnte. Diese Einstellung konnte sich nur behaupten, wenn sie unklar blieb, das heißt, wenn sie sich nicht zu einer Analyse der eigenen Klassensituation, der allgemeinen Gesellschaftsstruktur und der politischen Machtverhältnisse destillierte.(100)
Die Negativerscheinungen der modernen Gesellschaft faßt man unter dem Begriff "Zivilisation" zusammen, gegen den man den Bildungsbegriff der "Kultur" stellt. Während die Zivilisation als etwas typisch westlich-materialistisches gilt, verbürgt die Kultur genuin deutsche Geistestiefe(101).

Einen starken Einfluß übt auch der Säkularisierungsprozeß der christlichen Religionen aus, von dem der Katholizismus allerdings wesentlich weniger betroffen ist. Schon für die oftmals protestantischen Romantiker bot die katholische Kirche mit ihrer langen Tradition und ihren religiösen Riten die einzige Alternative zum Atheismus. Die isolierte Stellung des Katholizismus während des Kulturkampfes verstärkt die Bedeutung der Religion als geistigen Zufluchtsort. Die Protestanten dagegen versuchen eher, die Leere, die der Glaubensverlust hinterläßt, mit pantheistischen Vorstellungen zu füllen:
Die fortschreitende Entchristlichung Deutschlands im 19. Jahrhundert führte dazu, daß der naturalistische Pantheismus aus der gehobenen Sphäre der Literatur und Dichtung, von den Lehrstühlen der Philosophie herunterstieg in das Bewußtsein der gebildeten akademische Kreise, dann in die Mittelklassen und schließlich bis ins Volk.(102)
Vor allem bei den gebildeten Schichten kommt es zu einem langsamen Abgleiten in die Glaubenslosigkeit; es entsteht der neue kulturelle Typ "des entfremdeten Intellektuellen in der modernen Welt"(103).

Für diese Kreise ist oft der "Haß auf die Modernität"(104) typisch; anstelle des individualistischen und materialistischen Staates sehnt man sich nach einer harmonischen Volksgemeinschaft, wobei die Vergötzung des Volkes gelegentlich religiöse Züge annimmt. Man kann hierin die eigentliche Grundlage der "völkischen Ideologie"(105) sehen, die sich gerade dadurch von früheren völkischen Ideen unterscheidet, daß die im Umfeld des BdL entwickelten biologistischen und oftmals rassistischen Theorien in sie eingehen.

Bei den Versuchen, dem Säkularisationsprozeß mit religiösen Erneuerungsversuchen entgegenzuwirken, wird alles betont, was für die vermeintliche deutsche Geistestiefe zu stehen scheint, in der man "den entscheidenden Gegenpol zur `westlichen' Wissenschaftsgläubigkeit sieht"(106). Dies führt zu einer Vorliebe für die germanische Religion und für die mittelalterlichen Mystiker wie Meister Eckehart, Johannes Tauler, Heinrich Seuse und Jakob Böhme. Die germanischen Götter interpretiert man auf pantheistische Weise als Natursymbole und als Ausdruck der germanischen Volksseele. Hinzu kommt noch ein starker kulturkämpferischer und nationalistischer Aspekt, indem man das Germanisch-Deutsche dem romanischen Katholizismus entgegenstellt(107). Das starke Bedürfnis nach einer religiösen Neuorientierung äußert sich um die Jahrhundertwende auch in zahlreichen spiritistischen und okkultistischen Zirkeln und in der theosophischen Bewegung(108). Neben der modernen Industriegesellschaft wird auch oft das wilhelminische Deutschland als unerträglich empfunden; es gilt als spießig, verknöchert und leblos. Vielen jungen Akademikern scheinen die ihrem Idealismus angemessenen Aufstiegschancen versperrt zu sein(109):
Nur relativ wenige konnten damit rechnen, schließlich Berufe auszuüben, in denen sie Kaiser und Reich unmittelbar dienen konnten. Sie mußten sich mit der Tatsache abfinden, daß ihnen die führenden Positionen verschlossen waren, und zwar nicht nur im Heer.(110)
Mit dem Vorwurf der "Leblosigkeit" wird auch die mangelnde soziale Dynamik des Systems kritisiert, das seine Jugend nach idealistisch-nationalistischen Werten erzieht, ihr aber kaum Gelegenheit gibt, sich im Sinne dieser Werte zu engagieren.

Gegen den allgemein verbreiteten Fortschrittsglauben formiert und radikalisiert sich während der neunziger Jahre in den verschiedensten gesellschaftlichen Grupppen (Bauern, gewerblicher Mittelstand, Bildungsbürgertum und Teile der akademischen Jugend) die Kritik an den Erscheinungsformen der modernen Gesellschaft. Im Bereich der Literatur dominiert dieser Kulturpessimismus bereits um die Jahrhundertwende in den Gegenströmungen zum Naturalismus, der Neuromantik und der Heimatkunst.

In der Neuromantik(111) äußert sich die Ablehnung der Moderne meistens als Flucht in die Innerlichkeit oder in idyllische Räume, fern von der Realität der Großstadt oder der Gegenwart, deshalb erfreuen sich hier Heimat- und Geschichtsromane einer besonderen Beliebtheit. Die der Neuromantik sehr nahestehende Neuklassik reagiert auf die "häßliche" Moderne und den Naturalismus mit klassischen Formbestrebungen als Demonstration der ewig unwandelbaren Werte der Kunst. Der Höhepunkt dieser Entwicklung, die mit ihren Gleichungen, gesund=schön und krank=häßlich, schon den Einfluß biologistischer Theorien verrät, bildet der Ästhetizismus des George-Kreises(112).

Die Heimatkunst dagegen bietet nicht nur Flucht und Rückzug, sie hat den Gegner ausgemacht und bietet die entsprechenden Alternativen(113). Mit ihrem Kampf gegen die Großstadt und ihren Bemühungen um eine ständisch gegliederte Volksgemeinschaft tritt sie "in aller Schärfe für eine durchgreifende Restaurierung der vorindustriellen Zustände ein"(114). Ihre Eigendefinition ist bewußt unklar gehalten; sie zeichnet sich durch ihre Frontstellung gegen Sozialismus und Liberalismus aus und bekämpft deren literarische Ausdrucksformen, Naturalismus und "Dekadenzliteratur". Sie wird um die Jahrhundertwende zu einem der "verbreitesten Schlagworte" in der deutschen und österreichischen Literatur und zur"ersten großen literarischen Sammlungsbewegung von rechts"(115).

Wegen der gemeinsamen Verherrlichung des gesunden, überschaubaren Landlebens, der deutschen Vergangenheit, des grundlegenden Irrationalismus und ihrer konservativen bis reaktionären Gesellschaftsvorstellungen sind Heimatkunst und Neuromantik oft nicht zu unterscheiden. Dies ist gelegentlich möglich aufgrund der aggressiven Komponente der Heimatkunst, die eine ganz andere Stellung zu Christentum und Humanismus bezieht(116). Während für die Neuromantik das Mittelalter mit seinen idyllischen Städten, der katholischen Religiösität und seinem unverkennbar bürgerlich beschriebenen Adel die Lieblingsepoche bleibt, bevorzugt die Heimatkunst den deutsch-germanischen Bauern, der sich sowohl gegen das Christentum wie auch gegen den Adel zur Wehr setzt. Der historische Roman bietet das ganze Spektrum von völkischen Gegenentwürfen, über die Flucht in die Idylle bis hin zu den Beschreibungen bürgerlich-individualistischer Gottsucher.

© Frank Westenfelder


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