IV.8.3. Möglichkeiten der Kritik

Am deutlichsten wird die Ablehnung von Heroismus und Imperialismus in dem bisher von der Forschung nicht beachteten Roman "Königin der Meere" (1940) von Marianne Langewiesche formuliert. Die Autorin beläßt es nicht nur bei inhaltlichen Anspielungen, sondern geht auch formal und sprachlich weiter als die zeitgenössischen in Deutschland geschriebenen historischen Romane.

Langewiesche schreibt den "Roman einer Stadt", die Geschichte Venedigs. Schon durch diese Themenwahl hebt sie sich vom gesamten Bereich der völkisch-nationalen Literatur ab. Die Venezianer sind nüchterne Kaufleute, machen vernünftige Politik und Geschäfte, auf deren materieller Basis sich die Größe Venedigs entfaltet. Der Gegensatz zwischen dem rationalen, schaffenden Kaufmann und dem idealistischen, zerstörerischen Krieger wird in dem Kapitel besonders augenscheinlich, in dem Venedig die Kreuzfahrer für seinen wirtschaftlichen Kampf benützt. Langewiesche wird ironisch, wenn sie die Kreuzfahrer schildert: "ohne Sinn für Realitäten, voller Nomadengeist, Abenteuerlust und Fanatismus für eine Idee - und, da es Mittelalter war -, für die religiöse Idee des Christentums." Venedig steht diesem Idealismus gleichgültig gegenüber, macht statt dessen "das beste Transportgeschäft, das die Weltgeschichte kennt" und beseitigt seine wirtschaftliche Konkurrenz (629). Die Ritter, die aus den nebligen Sümpfen und Wäldern des Nordens kommen, sind so lustfeindlich wie ihre Heimat.

Wenn Langewiesche schreibt, daß unter dem Tritt der Kreuzfahrer die Pfähle des Markusdoms bei Tag und Nacht zittern, so dürfte dies kaum historisch sein, denn dazu gehört schon der Gleichschritt marschierender Kolonnen. Menschlichkeit ist diesen Kriegern mit den steinernen Herzen fremd, sie sind reine Kampfmaschinen:

Aber die vierzigtausend Kreuzfahrer tragen eiserne Rüstungen, und sie haben keine Gesichter, keine Arme, keine Beine, keine Stimmen, sondern nur Eisen, an sich und in sich - ihrer Mutter Schoß war der Amboß.- (630)
Während die Kreuzfahrer ihren Fahnenkult pflegen, Lieder von "Kampf und Tod" singen und idealistische Phrasen dreschen, gehen die Venezianer zur Arbeit. "Und im übrigen schien es ihnen absurd, daß man etwas befreien möchte, was einem nie gehört hatte"(631). Aber auch der Idealismus der "ritterlichen Räuber" wird auf seine realen Grundlagen reduziert. Byzanz ist sehr reich, und so siegt die reine Beutegier, die Ritter plündern und vergewaltigen(632).

Langewiesche entlarvt nicht nur den Idealismus der nordischen Krieger als Raub- und Eroberungslust, sondern kritisiert auch die Eroberungen der deutschen Kaiser und Alexanders des Großen (633). Im Gegensatz dazu sorgen die Venezianer - sicher stark idealisiert - in ihrem Städtebund für Frieden und Wohlstand (634). Ganz kühl und ausführlich wird dann auch Bilanz gezogen über Vermögen und Handelsbilanz Venedigs (635). Ausführliche Beschreibungen werden vermieden, vor allem Kampfbeschreibungen werden bis zu einem Telegrammstil verkürzt:
auf die Mauer steigt
Marcantonio Bragadin,
steht ihm gegenüber, aufgepflanzt,
Dandolos Haupt,
abgeschlagen,
ausgestopft,
und hat doch einst einem Lebenden gehört: dem
Proveditore Nikosias,
der es verlor,
im Dienste Venedigs.(636)
Genauso knapp und ohne Pathos beschreibt Langewiesche, unter Verwendung eines Zitats von Friedrich dem Großen, das Ende eines Volksaufstandes:
Das Ende ist immer einfacher als der Anfang. Das Ende heißt: Militär rückt heran und schießt. Gott ist immer bei den stärkeren Bataillonen. Und die Waage der Gerechtigkeit ist immer schief. Der Priester krallt seine Zähne in den Leib des Erlösers. Dann schießt man ihn nieder. Man erschießt noch mehr Menschen. (637)
Ein wichtiger Unterschied zur zeitgenössischen Literatur ist, daß keine Personengeschichte betrieben wird. Es werden zwar auch große Heerführer und Künstler beschrieben, aber sie sind stets ein Symbol ihrer Zeit, meist der Renaissance. Die Dogen und der Adel, die Venedig undemokratisch regieren, sind oft namenlos, Repräsentanten der Stadt und nicht vom Schicksal gesandte Führer:
Die Träger des Staates sind Ausdruck des Staates. Als der Staat groß und kräftig gewesen war, war auch die Aristokratie groß und kräftig gewesen.(638)
Mit dem Verfall des Handels kommen auch Korruption und Dekadenz der Führungsschicht. Daran wird zumindest teilweise eine materialistische Geschichtsvorstellung erkennbar. Der Grund für Venedigs Niedergang liegt in der Herausbildung von Nationalstaaten, denen der Stadtstaat auf die Dauer nicht gewachsen ist(639).

Die Geschichte der Stadt beschreibt Langewiesche in einzelnen facettenhaften Bildern. Jedes Kapitel wird von zwei kurzen Abschnitten umschlossen, in denen die Autorin kurz auf die historische Zeit verweist, um sich dann recht subjektiv den einzelnen Kapiteln zuzuwenden. Die von Geppert geforderte Trennung von Fiktion und Historie ist deutlich zu erkennen(640). Die Subjektivität und Begrenzheit der fiktiven Geschichte wird dadurch betont, daß oft Briefe, Tagebuchauszüge, lange Monologe oder Dialoge wiedergegeben werden. Auf diese Weise spricht die Geschichte Venedigs für sich selbst, ihre Größe muß nicht momunental oder pathetisch beschworen werden. Dies erscheint auch nicht möglich; die Autorin kann nur Ausschnitte vermitteln, keine Totalität. Da außerdem eine historische Entwicklung gezeigt wird, kann diese nicht an einzelnen Höhepunkten oder Helden festgemacht werden.

Allerdings verrät die formale Gliederung des Romans Langewiesches Geschichtspessimismus und damit eine gewisse Nähe zu konservativem Gedankengut. Die Geschichte Venedigs wird organisch in fünf Teile - Kindheit, Jugend, Reife, Alter, Der Tod - geordnet. Auch im Text finden sich Stellen, die vom überreifen Byzanz, das den Tod herbeisehnt, sprechen, oder von Venedig, das alt wie ein Mensch geworden und am Ende seines Weges angekommen ist (641). Wodurch Venedig sich auszeichnet, ist der Stil, mit dem es untergeht, ohne zu hassen, ohne sich selbst untreu zu werden und voller Würde(642). Dieser Untergang scheint zwar schicksalhaft, aber die sozialen Ursachen werden nicht übersehen. Man muß dabei bedenken, daß 1940 einer bürgerlichen Autorin, die im zivilisierten und rationalen Kaufmannsstaat ein Ideal sieht, Verfall und Niedergang schicksalhaft erscheinen können.

© Frank Westenfelder


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