IV.8. Die Literatur im Krieg

Beginn und Verlauf des Zweiten Weltkrieges beeinflussen massiv das kulturelle Klima in Deutschland, so daß hier eine Zäsur innerhalb der NS-Literatur zu vermuten ist. Die Erfolge der Blitzkriege und die anfänglichen Siege mit relativ geringen Menschenverlusten bewirken die Zustimmung breiter Bevölkerungsschichten und verstärken das Vertrauen in die Führung (557). Diesem Rückhalt in der Bevölkerung wird von den Nationalsozialisten, besonders von Hitler, eine hohe Bedeutung beigemessen. So verzichtet man darauf - im Gegensatz zu England - die Produktion von Konsumgütern zugunsten der Rüstungsindustrie stark einzuschränken(558), und ist auch sonst darauf bedacht, trotz der Propagierung des totalen Krieges, dem Volk zum Ausgleich eine "staatsfreie Sphäre" zu garantieren. Dies führt in den Bereichen Unterhaltung und Erotik zu großen Zugeständnissen. Hans-Dieter Schäfer hat in diesem Zusammenhang auf das bisher unbeachtete Weiterwirken des offiziell diffamierten Amerikanismus hingewiesen (559).

Gleichzeitig verstärkt der Krieg noch einmal den von völkisch-konservativer Seite verdammten Modernisierungsprozeß. Der Trend zum Großkonzern zu Lasten des gewerblichen Mittelstandes beschleunigt sich weiter, ebenso die Bevölkerungsbewegung vom Land in die verhaßte Großstadt; selbst die Frauen müssen wieder zur Fabrikarbeit herangezogen werden. Rüstungsproduktion, Kriegsmaschinerie und die perfekt organisierte Judenvernichtung geben dem Dritten Reich den Anschein einer pervertierten, aber logischen Konsequenz des modernen rationalen Staates. Aber gerade an den Auswirkungen während des Krieges offenbart sich die Radikalität und Unverzichtbarkeit der irrationalen und ahistorischen nationalsozialistischen Weltanschauung.

Daß es innerhalb dieser von Lebensraum- und Rassegedanken geprägten Weltanschauung immer noch starke Abstufungen gibt, zeigen die Bemühungen, jüdische Arbeitskräfte der Rüstungsindustrie zu erhalten, sowie die Differenzen Hitlers mit Himmler über die Verwendung der Ostgebiete. Himmler - ganz völkischer Ideologe - will im Osten germanische Wehrbauern ansiedeln, Hitler dagegen verlangt die Planung riesiger Industriekomplexe(560).

Nachdem, nach der Annektion Österreichs und des Sudetenlandes, die für den Nationalsozialismus der Weimarer Republik noch typischen kleindeutschen Vorstellungen aufgegeben worden waren, rückt man nach den Anfangserfolgen des Krieges auch immer mehr vom Nationalstaatsgedanken ab, fordert eine "Neuordnung Europas" und spricht bevorzugt von einem "großgermanischen Reich" (561). Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß zu Anfang der vierziger Jahre die Frakturschrift ganz aufgegeben wird(562). Nach den ersten Rückschlägen im Krieg gegen die Sowjetunion greift man vor allem jungkonservative und katholische Ideen auf und propagiert die Verteidigung der christlich-abendländischen Kultur (563). Mit dem Reichsbegriff wirbt die Waffen-SS in katholischen Ländern Freiwillige. Volksdeutsche werden in der Division "Prinz Eugen" zusammengefaßt und französische Freiwillige in der Division "Charlemagne", vom "Sachsenschlächter" ist nun nicht mehr die Rede, man wählt sogar opportun den französischen Namen Karls des Großen.

Die Geschichtsschreibung stellt der Propangada beliebig uminterpretierbare Namen und Begriffe zur Verfügung. Aus diesem Grund gewinnt auch die preußische Geschichte ab 1942 wieder größere Bedeutung; der Siebenjährige Krieg wird zum Durchhaltebeispiel. Mirow bemerkt zu diesem Wechsel, daß die einzelen historischen Bezüge der NS-Propaganda lediglich "taktisch begründet" sind und nicht echter Ausdruck der Weltanschauung(564). Gleichzeitig kommt jedoch an den im Osten gegen jede politische Vernunft praktizierten Lebensraumideen und der gegen Kriegsende immer hektischer werdenden Judenvernichtung die grundlegende Bedeutung des NS-Geschichtsbildes immer deutlicher zum Ausdruck. Durch die Interpretation von Geschichte als ewiger Kampf ethnologischer Gruppen bekommen der Rußlandkrieg und die Judenvernichtung eschatologische Züge. Hitler stellt schon 1940 fest: Wenn das deutsche Volk seinen "Lebensanspruch" nicht durchsetzen könne, "dann wird dieses Volk vergehen, dann wird es zurücksinken, und es wird nicht mehr lohnend sein, in diesem Volk dann zu leben" (565). Während die Vernichtung der Juden weitgehend im Stillen geschieht, da man mit der Ablehnung der Bevölkerung rechnet (566), wird der Kampf gegen die Sowjetunion zur schicksalshaften Bestimmung Europas und der nordischen Rasse hochstilisiert.

Der Literaturbetrieb wird während des Krieges von zwei wichtigen Erscheinungen beeinflußt. Wegen der Papierknappheit bietet die Methode der Papierzuteilung eine neue Form der Zensur, die es ermöglicht, auch das Erscheinen nicht verbotener, lediglich unerwünschter Bücher zu verhindern (567). Andererseits sieht man sich gezwungen, dem durch die Kriegssituation verstärkten Verlangen nach Unterhaltungsliteratur nachzukommen. Hatte man vorher versucht, das Erscheinen von Western, Kriminal- und Frauenromanen durch Verbote zu beschränken, so verlangt jetzt vor allem die Front nach leichter Lektüre, die statt politischer Inhalte mehr Erotik und Spannung bietet (568).

Dieses Problem wird symptomatisch von vier 1944 in der Bücherkunde erschienenen Aufsätzen behandelt(569). Es wird dabei unter anderem beklagt, daß das "Seelenleben breiter Volksschichten durch diese unechte und falsche Lektüre vergiftet und zugleich verstädtert und amerikanisiert" wird( 570). Statt dieser Fluchtliteratur lobt man die Darstellung von echten Werten. Nur dem "Unterhaltungsschrifttum für die Frau" wird eine gewisse Bedeutung zugemessen. In Form einer "mittelbaren Beeinflussung" sollen Arbeit, Pflichterfüllung und Erziehungsprobleme zur Sprache kommen(571).

Der Bedarf an Unterhaltungsliteratur, die über das Niveau von Krimis und Western hinausgehen soll, eröffnet dem historischen Roman wieder neue Möglichkeiten. So werden zum Beispiel ältere völkische Machwerke wie Barthels "Dithmarscher" oder Löns "Werwolf" im Gegensatz zur Unterhaltungsliteratur als "anspruchsvolle Werke" angepriesen, die durchaus gerne von Soldaten gelesen würden (572). Seine gutbürgerliche Tradition ermöglicht es dem historischen Roman, trotz oft überwältigender Trivialität, einen gewissen Status zu wahren und auf der neuen Unterhaltungswelle mitzuschwimmen.

In der NS-Literaturkritik verstärkt sich allerdings der für die Literaturgeschichtsschreibung schon aufgezeigte Trend, literarische Qualität zu verlangen. Nachdem an die Literatur jahrelang fast nur inhaltliche Forderungen gestellt worden sind, rücken jetzt formale Kriterien in den Vordergrund. "Die seuchenartige Verbreitung der sogenannten historischen Romane" wird zwar immer noch angegriffen (573), und man kritisiert, daß vielen jungen NS-Dichtern noch das technische Können fehle, sie ihre Bücher zu rasch zusammengeschrieben haben, "oder in aufdringlicher Weise Parallelen zwischen einer Epoche der Vergangenheit und unserer Zeit herzustellen bemüht waren" (574).

Man stellt ein Ende der "historischen Konjunktur" fest und versucht, das durch seine propagandistische Verwendung diskreditierte Genre zu retten (575). Staat oberflächlicher zeitgeschichtlicher Parallelen wird mehr historische Genauigkeit und "Gehalt des Kunstwerks" verlangt: "Zuerst gilt der Gehalt, dann die künstlerische Form und zuletzt erst die Zeitzugehörigkeit des Inhalts" (576). Dieser Gehalt des Kunstwerks meint allerdings die bekannten "ewigen Werte", die ohne Anspielungen auf die Gegenwart in der entsprechenden Form darzustellen sind(577). Als entsprechende Form, diesen "Gehalt" zum Ausdruck zu bringen, wird der historische Roman, als antiquierte Form des 19.Jahrhunderts, abgelehnt:

Er entsprang dem spezifisch "modernen Bewußtsein" des Neunzehnten Jahrhunderts, dem "historischen Bewußtsein"; und ist eine Erscheinungsform überhaupt. Den Roman aber wird man ansprechen können als eine Form, in der eine Welt zur Darstellung kommt, der die Götter gestorben sind. Er zeigt den Menschen auf seinem Weg ins Unendliche, auf der Suche nach dem entschwundenen Gott. (578)
Bei diesen erstaunlich materialistisch beeinflußten Analysen wird neben dem Verlust der Transzendenz das für den Entwicklungsroman typische Innenleben des Protagonisten, das den Bezug zur Welt verliert, kritisiert(579). Damit entfernt sich die NS-Literatur von einem ihrer wesentlichen Vorläufer, dem völkischen Gottsucherroman. Romantische Sehnsucht nach einer heilen Welt, Thematisierung des Gottesverlustes und Entwicklung des Individuums werden als der neuen Zeit nicht angemessen abgelehnt und damit auch die dafür als typisch erkannte Form des Romans. Geschichte soll zum "realistischen Mythos" des deutschen Volkes werden (580), das Individuum durch den "Typus" ersetzt oder, mit Hilfe der Episodentechnik, das Volk zum eigentlichen Handlungsträger werden (581). Aufgrund dieser Forderungen soll der bürgerliche historische Roman von der "geschichtlichen Dichtung" abgelöst werden, die ihre angemessene Form im Epos findet(582).

Zur Untersuchung der nach Kriegsausbruch erschienenen historischen Romane bietet sich die Kategorie des Individualismus geradezu an. Es kann davon ausgegangen werden, daß die eigentliche NS-Literatur das Individuum völlig durch den Typus des Helden und Führers ersetzt, wobei dem Volk nur noch die Statistenrolle bleibt. Die eher als völkisch zu bezeichnende Literatur muß sich dagegen mehr durch ein Fortwirken der bürgerlich-antimodernistischen Strömungen auszeichnen. Das heißt, sofern es sich beim Volk um eine Chiffre für den Mittelstand handelt, kann es positiv dargestellt werden, und die Protagonisten müssen individuelle Züge erkennen lassen. Beide Punkte - Individualismus und mittelständisches Volk - lassen vermuten, daß sich der Modernisierungsprozeß in der Literatur auf andere Weise widerspiegelt als in den geniun nationalsozialistischen Romanen, die in ihm hauptsächlich einen erfolgreichen Militarisierungsprozeß sehen.

© Frank Westenfelder


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