III.5.2. Konstruktion und Destruktion des Mythos

Daß diese mythisch-innerlichen Reaktionen auf die Moderne zwar die Regel, aber nicht unbedingt zwangsläufig sind, läßt sich mit zwei der bekanntesten historischen Romane der Weimarer Republik, Hermann Hesses "Narziß und Goldmund"(1930) und Lion Feuchtwangers "Die häßliche Herzogin"(1923), belegen. Sie demonstrieren geradezu beispielhaft die Unterschiede zwischen Neuromantik und Neuer Sachlichkeit, mit ihrer Haltung zu Individuum, Gesellschaft und Geschichte.

Hesses "Narziß und Goldmund" thematisiert an den unterschiedlichen Charaktern und Lebensläufen zweier Klosterschüler den Zwiespalt von Geist und Seele, Verstand und Emotion. Während der Verstandesmensch Narziß diszipliniert die Klosterlaufbahn bis zum Abt durchläuft, verläßt Goldmund das Kloster, um sich dem Leben hinzugeben. Sein Leben wird zur Suche nach der großen Mutter, die er immer wieder in verschiedenen Frauen zu entdecken glaubt und als Holzbildhauer darzustellen versucht. Ins Kloster zurückgekehrt stirbt er verklärt in den Armen des Freundes; er weiß, daß ihn die große Mutter aufnimmt.

Es geht also ganz nach dem Muster des Bildungsromans um die Entwicklung eines Individuums, und zwar um die Entwicklung Goldmunds. Narziß ist nicht viel mehr als seine Kontrastfolie. Er entwickelt sich nicht, er steigt nur höher auf der Leiter der Klosterhierarchie und wird dabei etwas strenger und älter. Am Schluß des Romans bleibt er betroffen zurück, als ihm der glücklich sterbende Goldmund die Grenzen seiner Rationalität zeigt:

"Aber wie willst du denn einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben".(356)
Im Klappentext wird das Buch als "unzeitgemäße Poesie" gepriesen, da es der Mode der Nivellierung und Mittelmäßigkeit das Einmalige gegenüberstelle. Eben diese Behauptung läßt sich im Kontext des historischen Romans widerlegen. Viele Romane, die Nivellierendes oder Mittelmäßiges darstellen, findet man zur Zeit der Weimarer Republik nicht. Dagegen entpuppt sich Hesses Roman geradezu als Anhäufung trivialster Mythen. Die zeitgenössische Literatur wimmelt von faustisch-innerlichen Gottsuchern, der Gang zur großen Mutter ist eine Modeerscheinung. Der Geist als Widersacher der Seele ist eines der Hauptthemen der völkisch-konservativen Literatur. Hesse erklärt diesen vermeintlichen Gegensatz auch nicht, er legt ihn archetypisch in seinen Figuren an. Bei dieser Vereinfachung läßt er kaum ein gängiges Klischee aus. Der väterlich-männliche Luftgeist prädestiniert zum Denker, die mütterliche Erdseele dagegen zum Künstler( 357). Hesse hat im "Steppenwolf" noch versucht, die Spannung zwischen Bewußtem und Unbewußtem in einer Person aufzuzeigen und in dieser eine Synthese angestrebt. In "Narziß und Goldmund" bleibt nur noch die Möglichkeit sich seinen Gefühlen hinzugeben, denn Narziß ist zwar auch eine positive Figur, aber der Leser kann sich nur mit Goldmund identifizieren und in Narziß bestenfalls rudimentäre Teile seiner selbst erkennen.

Dadurch, daß Hesse jede soziologische Erklärung seiner Figuren ablehnt, bekommen sie - ebenfalls zeitgemäß - einen besonders elitären Charakter. Beide sind schon als Knaben "Auserwählte", die weit aus der Masse herausragen. Narziß ist zum Herrschen bestimmt, wäre er nicht im Kloster, müßte er "Richter oder Staatsmann" werden(358). Er ist der geborene Führer. Pflicht dieser "wertvollen und besonderen Menschen" ist es, sich selbst zu verwirklichen, dazu ist alles erlaubt: "Auch wenn du morgen unser ganzes hübsches Kloster niederbrennen würdest, irgendeine tolle Irrlehre in der Welt verkündigen, ich würde keinen Augenblick bereuen, dir auf den Weg geholfen zu haben"(359). Dieser bestimmenden Veranlagung entspricht auch Goldmunds Begabung zum Holzbildhauer, auch das ein beliebtes Klischee(360). Die Geschichte des entlaufenen Klosterschülers, der auf einer Burg Schreibarbeiten macht und sich dabei in die Tochter des Hausherren verliebt, ist eine Anleihe bei Steinhausens "Irmela".

Durch die Leugnug der Umwelteinflüsse wird die Welt zur Bühne, auf der der Protagonist seine höhere Bestimmung verwirklicht. Hesse hat diese Bühne enthistorisiert, das fiktive Mittelalter ist romantische Dekoration. Wenn zum Beispiel ein Vagabund von der "Paviaschlacht" singt, sollten eigentlich auch Bauernkrieg und Reformation eine gewisse Rolle spielen, aber alles, was nicht zu subjektiven Entwicklung Goldmunds beiträgt, wird ausgeklammert. Vor allem die Enthistorisierung zeigt, neben dem elitären Gottsuchermotiv, die Gemeinsamkeit des Romans mit der übrigen konservativ-völkischen Literatur. Hesse läßt sogar deutlich organische Geschichtsvorstellungen anklingen. Der Roman beginnt mit einer Metapher: An der jährlichen Veränderung eines Kastanienbaumes wird das ewige Werden und Vergehen im Ablauf der Klostergeschichte vorgeführt.

Auch Feuchtwangers Roman "Die häßliche Herzogin" benützt den historischen Hintergrund im wesentlichen als Kulisse eines gegenwärtigen Konfliktes(361). Im 14.Jahrhundert gerät das Herzogtum Tirol in die Auseinandersetzung der Großmächte Wittelsbach, Habsburg und Luxemburg. Die junge sensible Herzogin Margarete Maultasch ist bemüht, die Geschicke ihres Landes zum Besten zu lenken; zum größten Hindernis wird dabei ihre angeborene Häßlichkeit, die ihr wegen ihres äffischen Gesichts den Übernamen Maultasch eingebracht hat. Ihr ganzes Liebesbedürfnis widmet sie idealistisch der Pflege ihres Landes:
Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flüsse, Täler, Städte, Schlösser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die Flüsse ihre Adern. <...> Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein. Mußte das Land das nicht spüren, soviel Liebe zurückgeben, sie in sich hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! (362)
Zu ihrer politischen Gegenspielerin wird die schöne Agnes von Flavon, der aufgrund ihrer Schönheit, trotz ihres egoistischen Charakters und ihrer mittelmäßigen Intelligenz, alles zufällt, worum Margarete vergeblich kämpft. Margaretes Liebhaber, Konrad von Frauenberg, verkörpert mit seinem brutalen Materialismus den weltanschaulichen Gegenpol. Er, ebenfalls häßlich wie die Maultasch, hat sich auf die Gemeinheit der Welt eingestellt und strebt nur noch "sachlich" und rücksichtslos nach körperlichem Wohlbefinden:
Er wußte um seine Häßlichkeit, er hielt es für ganz in Ordnung, daß alle ihn stießen. Er hätte, wäre er nur weiter oben, auch die anderen getreten. Er glaubte an nichts auf der Welt. Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen, Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne Sinn.(363)
Politisch gescheitert, verzichtet Margarete auf Liebe und dealismus und lebt ganz nach der Devise des Frauenbergers. Alt und fett verkauft sie ihr Land an die Habsburger und lebt nur noch zur Befriedigung ihrer Lüste.

In der Auseinandersetzung zwischen romantischem Idealismus und sachlichem Materialismus liegt der Hauptunterschied des Romans zum ganzen Bereich der völkisch-konservativen Literatur. Die Ideale erweisen sich entweder als hohl und unzeitgemäß oder als verbale Tarnung handfester materieller Interessen(364).

Die Idealistin Margarete stößt auf eine Welt brutaler Sachlichkeit, an der ihre Liebesversuche kläglich abprallen und scheitern. Man liebt nicht ihre inneren Werte, sondern die schöne, falsche Fassade der Agnes von Flavon. Wie weltfremd das dealistische Pathos ist, zeigt Feuchtwanger am Heldentod des blinden Königs Johann. Romantik und Heroismus werden dabei voll Genugtuung demontiert. Auch an dieser Schlachtbeschreibung zeigt sich die einzigartige Position, die dieser Roman unter der behandelten Literatur einnimmt:
Er wurde umzingelt, herausgehauen, nochmals umzingelt. Vor allem zwei schottische Ritter, jüngere Söhne, Habenichtse, hatten es auf seinen Schmuck und den prachtvollen Brustpanzer abgesehen.<...> Da lag er still und jämmerlich im Staub, der beweglichste Mann und Fürst der Zeit, sein eleganter Bart war übel zerrauft und mit Blut verklebt, die schäbigen Ritter zerrten ihm den silbernen Panzer von der Brust, der Ring wollte nicht los von der steifen, im Staub verkrampften Hand, so hackten sie den ganzen Finger ab. Dann zog sich der Kampf weg, und die Franzosen, für die der Blinde ohne Sinn und ohne Zweck gekämpft hatte, wurden zersprengt und besiegt.
Der tote König lag allein. Große, glänzende Schmeißfliegen setzten sich auf sein Gesicht.(365)
Zwar ist auch in Feuchtwangers Roman das Volk keine geschichtsbestimmende Kraft - die historische Entwicklung wird von einzelnen vorangetrieben oder scheitert mit ihnen, wobei dem Volk im wesentlichen die Rolle von "Statisten" bleibt (366) -, aber diese einzelnen sind keine idealisierten Helden oder Führer. Feuchtwanger wendet sich mit diesem "Heldenmangel" direkt gegen den Personenkult des Historismus. "Statt großer Männer bedingen bei Feuchtwanger letzten Endes humanistische Ideen, Vernunft und Fortschritt den Geschichtsablauf und die ökonomischen Verhältnisse"(367). Margarete vertritt die historisch fortschrittliche Position, sie stützt das Bürgertum, insbesondere die jüdischen Händler, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu beschleunigen. Agnes von Flavon dagegen verkörpert die Welt des untergehenden Feudalismus. Der Roman zeigt zwar das persönliche Scheitern Margaretes, aber an der historischen Entwicklung zur bürgerlichen Gesellschaft aufgrund ökonomischer Veränderungen wird kein Zweifel gelassen:
Die alte Zeit war vorbei. Rittertum und Rittersitte waren wohlfeil geworden und Attrappe. Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen und drauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt, in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Es war vielleicht schöner gewesen früher, bunter, ehrlicher. Aber die Welt war verwickelter geworden. An Stelle der Burg trat die Stadt, an Stelle des kräftigen einzelnen die Organisation. Wenn der fahrende Ritter Herberge verlangte, Speis und Trank, forderte man von ihm - Gotts Marter! - Bezahlung. Nicht ihm gehörte die Zukunft, sondern dem Bürger, nicht der Waffe, sondern der Ware, dem Geld.(368)
Die Frage nach dem sinnvollen politischen Handeln des Individuums wird pessimistisch verneint. Auch hiermit nimmt Feuchtwanger eine Gegenposition zum heroisch wertsetzenden Nihilismus ein. Margarete scheitert und fügt sich in ihr Schicksal,was jedoch an der materialistischen historischen Entwicklung auf Dauer nichts ändert.

Noch deutlicher wird der Konflikt zwischen Handeln und Nichthandeln in Feuchtwangers Roman "Jud Süß"(1925) dargestellt. Am Hofleben des frühen 18.Jahrhunderts führt Feuchtwanger noch gnadenloser das auf die Moderne bezogene Streben nach Erfolg, Reichtum , Macht und Sex vor(369). Auch Süß endet beim Nichthandeln, er akzeptiert sein Schicksal und den Märtyrertod. Was den "Jud Süß" ebenfalls von der völkisch-konservativen Literatur abhebt, ist weniger der jüdische Protagonist, der sich auch dort finden läßt( 370), als die materialistische Bedingtheit der Charaktere. Süß ist von Geburt kein Jude - er lebt nur in diesem Glauben -, sondern der uneheliche Sohn eines christlichen Feldmarschalls. Er wird erst durch seine Situation, besonders durch die Haft, zum "Juden". In ihm verwirklichen sich nicht die Anlagen der Seele, des Blutes oder des Erbguts; die "inneren Werte" werden von der sozialen Umgebung gesetzt.

Weder Hesses noch Feuchtwangers Protagonisten können sich selbst in der Welt behaupten, das althergebrachte Wertesystem aus Familie, Beruf und Religion ist unwiederbringlich verloren. Beide Autoren bleiben jedoch, oberflächlich betrachtet, beim Muster des Bildungsromans, um die Entwicklung ihrer Individuen zu beschreiben. Goldmund kann sich zwar nicht mehr in der bürgerlichen Außenwelt verwirklichen - diese erscheint ihm leer und hohl -, aber ihm gelingt die Konstruktion eines eigenen Mythos und damit die Sinnstiftung im nachhinein. Die Suche nach der großen Mutter wird für ihn, den Auserwählten, zu Sinn und Erfüllung seines Lebens. Hesse benützt das auf völkisch-konservativer Seite so beliebte Muster des innerlichen Bildungsromans, den Gottsucherroman. Bei Feuchtwanger dagegen wird das begabte und sensible Individuum entweder wie Margarete von der brutalen Realität zerstört, oder es besteht wie Süß nur noch aus karriereund konsumbewußten Äußerlichkeiten, um letzten Endes eine falsche Identität zu akzeptieren. Feuchtwanger zerstört damit nicht nur den Glauben an das sich selbst bestimmende Individuum, sondern auch an dessen unabhängige seelische Werte. Damit fällt auch die Form des Bildungsromans. Am sichtbarsten wird dies im "Jud Süß", der, die Formbestrebungen der konservativen Neuklassiker aufnehmend, wie ein klassisches fünfaktiges Drama gegliedert ist. Doch der Aufstieg von Süß, seine Karriere, geht einher mit dem Verlust seiner Individualität, die er durch banale Statussymbole zu ersetzen versucht, während ihm sein selbstgewählter Fall und seine Passivität zumindest eine Art von Individualität und geistiger Heimat wiederzugeben scheinen.

Ein weiterer grundlegender Unterschied zwischen beiden Autoren ist die Sprache. Hesse verwendet, ähnlich wie die meisten völkischen Autoren, eine leicht pathetisch-religiöse Sprache, die keine kritische Distanz zuläßt, während Feuchtwanger mit seiner zwischen Ironie und Zynismus schwankenden Sprachgebung den Leser immer wieder auf Distanz bringt und so das falsche Pathos von Moral, Politik und Religion entlarvt. Der Unterschied zwischen Integration und Distanzierung des Lesers wird auch dadurch veranschaulicht, daß Goldmund - bezeichnenderweise wegen seiner angeblichen Einzigartigkeit - völlig auf die Identifikation des Lesers angelegt ist, während dies bei Feuchtwangers Protagonisten tunlichst vermieden wird.

© Frank Westenfelder


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