III.4.2. Themen nationalrevolutionärer Romane
Der revolutionäre Nationalismus ist in erster Linie eine literarische Bewegung, als deren herausragendster Vertreter Ernst
Jünger gilt. Von ihm werden die wichtigsten theoretischen Positionen formuliert(221). Im Gegensatz zu den Völkischen
und den Deutschnationalen versuchen die Nationalrevolutionäre nicht die Veränderungen des 20. Jahrhunderts zu ignorieren
oder gar rückgängig zu machen, sondern wollen die ihrer Meinung nach entsprechenden Konsequenzen ziehen. Dies führt
literarisch zu anderen Ausdrucksformen als in der oft antiquierten völkischen oder konservativen Literatur(222). Ketelsen hat diesen
Ansatz bei Benn und Jünger nachgewiesen, bei denen sich der "Sprung in die neue Epoche" auch literarisch auswirkt, wofür Ketelsen
die Bezeichnung "regressiver Modernismus" einführt. Zurecht bemerkt Ketelsen, daß es eine "Verniedlichung des deutschen Faschismus"
wäre, seine Literatur nur mit der kleinbürgerlichen, antimodernistischen Opposition zu erklären(223).
Sind die Zusammenhänge zwischen Expressionismus und Faschismus schon seit der Expressionismusdebatte ein vieldiskutiertes Thema,
so wendet sich die neuere Forschung auch der Neuen Sachlichkeit zu. Für Lethen steckt hinter dem Kampf der Faschisten gegen die
sogenannte Asphaltliteratur die Absicht, ihre technokratischen Pläne vor dem Mittelstand zu verschleiern(224). Schon 1939 wird
der Einfluß der Neuen Sachlichkeit auf den Stil der Jugendbewegung der Weimarer Republik - im Gegensatz zum Wandervogel - festgestellt,
wobei man im Schlichten, Soldatischen, Sachlichen - gegenüber dem individuell Expressionistischen - eine "Wendung vom
Ich zum Wir" sieht(225). Sachlichkeit bedeutet in diesem Falle allerdings nicht Rationalismus, sondern eine Beschränkung auf das
knapp-soldatische, das preußisch-spartanische.
Obwohl keiner der bedeutenderen Vertreter des revolutionären Nationalismus historische Romane geschrieben hat, ist doch
anzunehmen, daß das von ihnen vertretene Gedankengut in historischen Romanen verarbeitet wird. Dieses Gedankengut
ist deshalb besonders unter dem Gesichtspunkt seiner Stellung zur Moderne - das heißt selbstverständlich auch seiner
Stellung zur Geschichte - zu beleuchten.
Grundsätzlich gehen auch die Nationalrevolutionäre von einem zyklischen
Geschichtsbild aus, durch den Weltkrieg und die
Revolution kommen sie jedoch - im Gegensatz zu den Jungkonservativen, Deutschnationalen und Völkischen - zu der Einsicht,
daß viele Veränderungen nicht aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen sind. Man hat das Moderne des Krieges
erlebt; Begeisterung und Idealismus waren an dem "unwiderlegbaren Gegenstand eines Maschinengewehrs" gescheitert(226). Auch auf das
Versagen der alten Oberschicht wird hingewiesen: "Daher ist es eines der wichtigsten Ergebnisse des Krieges, daß diese, nicht einmal
den Wertungen des Fortschritts gewachsene, Führerschicht in der Versenkung verschwand"( 227). Bei den Nationalrevolutionären handelt
es sich im wesentlichen um jene Bürgersöhne, denen der Krieg die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg gegeben hat. Durch Leistung
und Tapferkeit sind sie Frontoffiziere geworden und verherrlichen daher eher einen neuen Leistungsadel als das starre, alte wilhelminische System(228).
Aber auch dieser revolutionäre oder dynamische Konservatismus ist eigentlich fortschrittsfeindlich. Er versucht durch ein
radikales Bekenntnis zur Moderne, diese zum Abschluß zu bringen; er möchte sich sozusagen nach vorne aus dem ebenfalls, als
verhängnisvoll empfundenen, historischen Prozeß retten. Schüddekopf spricht von einer vom Nihilismus ausgelösten
"Verzweiflung, die die Entwicklung vorantreiben wollte, um nach vorne durchbrechen zu können"(229). Auch Jüngers nach vorne
gerichtete Utopie strebt ein Ende der Geschichte an(230). Ebenso läßt sich die Vorliebe mancher neuerer Konservativer für die
Technokratie nur mit der Idee von der "Kristallisation" des historischen Prozesses erklären(231). Mit anderen Gruppen der konservativen
Revolution verbindet die Nationalrevolutionäre deshalb eher eine gewisse Prozeßfeindlichkeit als ein einfacher "Antimodernismus"(232).
Das Bekenntnis zur Moderne greift auf die dynamische Tradition der Jugendbewegung und Teile des Expressionismus zurück(233).
So setzt zum Beispiel Moeller van den Bruck schon 1916 den sachlichen "preußischen Stil" gegen Mythe und Romantik ab: "Das
Preussentum war der Geist, der in Deutschland die Schwärmerei durch den Willen, den Schein durch die Sache und Sachlichkeit
ablöste"(234).
Der Nihilismus soll durch einen "heroischen Existentialismus" (235) überwunden werden, den der Willensakt einer Elite
ermöglicht. Darin zeigt sich der idealistische Ansatz dieser Gedanken. Trotz der häufigen Verwendung sozialistischer Begriffe
und Parolen verwirft man die materialistische Methode. "Letztlich ging es ihnen nicht um die nur politische, sondern um die religiöse,
geistige und moralische Erneuerung des deutschen Volkes"(236), auf der dann das neue politische System aufbauen sollte. So sehr
sich manchmal die Unterscheidung zwischen rechts und links aufzulösen scheint, so empfiehlt es sich doch an dem grundsätzlichen
Gegensatz von Materialismus, Rationalismus und einem fortschrittsorientierten Geschichtsbild einerseits und Idealismus, Irrationalismus und
einem eschatologischen oder zyklischen Geschichtsbild andererseits festzuhalten. Die Nationalrevolutionäre kritisieren mit dem Begriff
Romantik unpolitische Schwärmerei. Die Berufung auf den Irrationalismus, besonders die deutsche Mystik, ist dagegen eine
Grundbedingung ihrer Ideologie (237).
Neben dem Kriegserlebnis sind die Revolutionen in Rußland und Deutschland von entscheidendem Einfluß auf das Denken der
Nationalrevolutionäre. Man bewundert die Macht und die Dynamik der Massenbewegungen, den Widerstand der Sowjetunion gegen den Westen
und sieht in der Kaderpartei die ideale Herrschaft einer Elite. Die bolschewistische Revolution scheint ein Weg zu neuer nationaler Größe
Rußlands zu sein; man fordert deshalb einen eigenen nationalen Sozialismus.In erster Linie versucht man jedoch, sich dabei die Zugkraft
sozialistischer Parolen zunutze zu machen. Das populärste Beispiel ist Spenglers 1920 erschienenes Buch "Preußentum und Sozialismus". Für ihn
ist preußischer Sozialismus der Dienst am Ganzen: "Friedrich Wilhelm I. und nicht Marx ist in diesem Sinne der erste bewußte Sozialist gewesen"(238).
Es wird auch keine klassenlose, pazifistische Gesellschaft, die dem Glück des Einzelnen dient, angestrebt: "Jeder erhält seinen
Platz. Es wird befohlen und gehorcht", denn "Krieg ist die ewige Form höheren menschlichen Daseins und Staaten sind um des Krieges
willen da"(239). Ein so verstandener Sozialismus dient einzig der totalen Militarisierung, vor der selbst die Altkonservativen zurückschrecken.
Den Nationalrevolutionären ist klar, daß die Revision des Versailler Vertrages nur mit einer totalen Mobilmachung der
Gesamtbevölkerung erfolgen kann, die über die allgemeine Wehrpflicht weit hinaus geht(240). Die russische Revolution wird
zum Vorbild, von dem man sich die notwendige Resonanz in der Bevölkerung erhofft: "Es sind hier Aktionen von einer Brutalität
erforderlich, wie sie nur 'im Namen des Volkes`, niemals aber im Namen eines Königs auszuführen sind"(241). Auch Jünger
ist nicht für eine klassenlose Gesellschaft: "das Muster jeder Gliederung ist die Heeresgliederung, nicht aber der Gesellschaftsvertrag"(242)
Historische Vorbilder sind für ihn der
Militärstaat Sparta, der deutsche Ritterorden, die preußische Armee und die Societas
Jesu(243). Freilich führen diese Gedanken oft in die Nähe staatssozialistischer Ideen. Um 1932 formiert sich in der technischen
Intelligenz eine starke Technokratiebewegung, die sich, besonders durch die Erfahrungen des Weltkrieges, für eine Lenkung der
Wirtschaft stark macht und auch Beziehungen zur "Konservativen Revolution" unterhält(244). Prümm verweist
darauf, daß diese Sozialismuskonzepte mehr in die Richtung "staatlicher Dirigismus und Etatismus" gehen(245). Trotzdem werden dabei
die Unterschiede zu den rein mittelständischen Abwehrideologien deutlich. Man fordert kein föderalistisches Reich und auch
keine bäuerliche Mittelstandsgesellschaft, sondern den zentralistischen, totalen Staat, der sich moderner Techniken und Strukturen bedienen
muß. Ernst Jünger zum Beispiel lehnt, mit dem Hinweis auf die moderne technisierte Landwirtschaft, die Unterscheidung zwischen
Stadt und Land ab(246).
Ähnlich verhält es sich mit dem Rassebegriff. Rasse ist für den Nationalrevolutionär eher ein
Qualitätsurteil als ein biologischer Begriff. Jünger spricht von den Söhnen französischer
Emigranten und märkischer Junker, die erst in den Kadettenanstalten - den "Priesterschulen" - zur Elite werden(247). Moeller
van den Bruck verweist auf den starken slawischen Einschlag; für ihn prägt die kulturelle Einheit und nicht die Rassenmischung
das Volkstum: "Wir werden deshalb nicht das Wendische im Preußischen bestreiten brauchen"(248).
Das Bekenntnis zur Moderne ist ein schmerzhafter Willensakt, der unter dem Druck der Tatsachen äußerst unfreiwillig
vollzogen wird, dann allerdings mit aller Radikalität(249). Daß es durch die Ablehnung von Prozeßdenken und Rationalismus,
die die Moderne im wesentlichen bestimmen, unmöglich ist, diese adäquat zu erfassen, ist wohl offensichtlich. Die Technik wird
nicht nüchtern im Rahmen ihrer Möglichkeiten gesehen, sondern mystifiziert.
Prozeßfeindlichkeit kennzeichnet auch das nationalrevolutionäre Geschichtsbild. Geschichte wird immer zyklisch
gesehen, oft erscheint sie als sinn- und gesetzloses Chaos, aus dem sich aber immer wieder eine große Idee, ein Prinzip oder ein
übermenschlicher Führer herausheben. Konkret wird auf ein kleindeutsch-preußisches Geschichtsbild zurückgegriffen,
wobei das Preußen des 18. Jahrhunderts das zentrale Vorbild ist: "Preußen wird zu einem überzeitlichen Prinzip, einem zeitlosen
Erbe"(250). Mohler stellt dazu fest: "Was für die Völkischen die germanische Vorzeit und für die Jungkonservativen das mittelalterliche
Reich, das ist für sie das Preußen des Soldatenkönigs und Friedrichs des Großen" (251). Neben der Vorliebe für
totalitäre Militärstaaten - Preussen und Sparta - verherrlichen die Nationalrevolutionäre gerne den Typus des "ewigen" Kriegers.
Dominique Venner beschreibt "diese ewigen Landsknechte" mit unverhohlener Begeisterung:
Denn sie waren geborene Soldaten, der Krieg hatte sie aus der Herde der Krämer, Fabriksarbeiter
und Buchhalter in Uniform ausgesucht, aus denen die Masse der nationalen Armeen besteht. In ihnen brannte
das heiße Blut der Reiterei Karls V.,der Landsknechte des Dreißigjährigen Kriegs und der
Piraten Störtebekers.(252)
Jünger vergleicht die Freikorps mit der "wunderlichen Auferstehung der alten Landsknechte"(253). Ernst von Salomon bezeichnet
sie als "verlorenen Haufen", und sein populärer Freikorpsroman "Die Geächteten" bezieht sich mit dem Titel auf die
Geächteten der isländischen Sagas(254). An der Verherrlichung des Kriegers kann man die stark nihilistische Komponente der
Freikorps erkennen. Diese nihilistischen Krieger stehen in einem unübersehbaren Gegensatz zur völkischen Lieblingsfigur
des bewahrenden Bauern. Man muß sich vergegenwärtigen, mit welchem Genuß ein konservativ-völkischer Autor
wie Hermann Löns seine Protagonisten Landsknechte abschlachten läßt. Bei ihm kämpft eben der wilhelminische
Bürger um Besitz und Familie und nicht der nihilistische Freikorpsmann, für den Frieden nur das Ende seiner Karriere bedeutet.
Die Darstellung von Kampf und Familie ist neben dem Auflösen sozialer Konflikte ein wichtiges Indiz bei der Untersuchung
nationalrevolutionärer Literatur. Hier verraten Autoren und Rezipienten unbewußt oft mehr über ihr Verständnis
der Moderne als in aufgesetzten Bekenntnissen, Die ekstatische Verherrlichung des Kampfes findet sich schon in Rilkes "Cornet" und
in Molos "Fridericus". Beide lassen sich auch formal von der üblichen wilheminischen Kriegsliteratur unterscheiden und können
als Vorläufer einer regressiv modernistischen Literatur bezeichnet werden. An die Stelle der bäuerlichen Mittelstandsideologie
rücken sie ein existentialistisches Aufbruchspathos.
© Frank Westenfelder
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