III.4.1.c. Literarische Bearbeitung
Verdienen die eben behandelten Romane auf Grund ihrer starken Wirkung Beachtung, so darf man aus ihnen nicht den Schluß ziehen,
daß die völkische Literatur sich immer derartig direkt der aktuellen Politik zuwendet; dies ist im Grunde eher verpönt. Denn
Kotzde und Jansen erhalten in den nationalsozialistischen Literaturgeschichten zwar ihren Platz, die bedeutenden Ehrungen - z.B. Aufnahme
in die preußische Akademie der Dichtkunst - erfahren sie aber nicht. Dies gelingt zwei anderen völkischen Autoren, Paul Ernst und
Agnes Miegel, die ihre Literatur eben nicht zu politischen Propagandaschriften machen und für die literaturwissenschaftliche Rezeption
von größerer Bedeutung sind.
Liest man Ernsts Roman "Der Schatz im Morgenbrotstal"(1926) oder Miegels "Geschichten aus Altpreußen"(1926) nur unter dem
Gesichtspunkt, völkische Gegenwartsideologeme anzutreffen, so wird man sie nur schwer zuordnen können; man muß
sich statt dessen mehr auf die unterschwellig vorhandene Weltanschaung und die damit verbundene Form stützen.
Ernsts Roman erzählt die Geschichte eines ehemaligen Soldaten - Herman Wied -, der kurz nach dem Dreißigjährigen
Krieg bei einer alten Frau auf einem abgebrannten Bauernhof bleibt und mit dessen Wiederaufbau beginnt. Die Folgen des Krieges
sind noch überall als Zerstörung und Elend gegenwärtig. Mit dem Auftauchen von fünf ehemaligen Soldaten scheint
der Krieg wiederzukehren. Diese Marodeure ermorden aus alter Gewohnheit einen Bauern und dessen Knecht und brennen den Hof nieder. Auf der
Suche nach einem im Krieg versteckten Schatz ermorden sie sich auf viehische Weise gegenseitig. Den Schatz findet Hermann Wied,
der ihn zum Wiederaufbau verwendet.
Das Grundthema des Romans ist der Gegensatz zwischen Soldaten und Bauern, zwischen Zerstörenden und Schaffenden. Es wird
gleichnishaft an zwei ungefähr gleichaltrigen Soldaten - Wied und Sommer - festgemacht. Sommer hetzt seine eigenen Kameraden
zum Kampf gegeneinander, ermordet zwei mit eigener Hand und erhängt sich am Ende selbst; er ist somit der zerstörerische
Gegensatz zum aufbauenden Hermann Wied. Der Roman endet mit der Beschreibung der toten Soldaten, von denen drei von den Wölfen gefressen
werden, so daß im Frühjahr nur "einige stinkende Knochen"(208) übrigbleiben. Ebenfalls im Frühjahr krönt
eine Doppelhochzeit symbolträchtig den Erfolg der Schaffenden.
Ein Zeichen von Ernsts humanistischer Bildung ist, daß die Roheit der Soldaten nicht, wie in Löns' "Werwolf", zum Vorwand
genommen wird, die eigene Mordlust zu legitimieren. Die Soldaten sind bei Ernst ebenfalls Opfer des Krieges; unfähig zur
Umstellung bleiben sie auch im Frieden brutale Mörder. Wied tötet seine Gegner nicht, er zeigt sogar Verständnis: "die
Soldaten haben mich einmal mitgenommen, wie ich vier Jahre alt war. Was kann da aus einem Menschen werden? Wenn ich einmal
Kinder habe, die werden besser erzogen"(209).
Obwohl das Schatzmotiv eher "novellistischer Natur"(210) ist, kann man von einem Roman sprechen. Ernst erzählt in karger,
einfacher Sprache und orientiert sich am Aufbau des klassischen Dramas(211). Dadurch soll das Leben auf seine wesentlichen
Aussagen reduziert werden. Das Chaos und die Zerstörung des Krieges werden von der einfachen und klaren Ordnung abgelöst. Die
bäuerliche Familie wird zur Idylle, in die das problematische Individuum integriert wird(212). Der Schatz ist eigentlich Nebensache, er
fördert nur noch einmal die Konflikte. Der Wiederaufbau hängt mehr von der Kraft des einzelnen ab als vom Geld des Schatzes.
Vor allem die Utopie des bäuerlichen Idylls und die idealisierte Beschreibung des blaublonden Paares(213) verraten die völkischen
Tendenz des Romans.
Agnes Miegels "Geschichten aus Altpreußen" bestehen aus vier Novellen, von denen die bekannteste - "Die Fahrt der sieben
Ordensbrüder" - hier kurz behandelt werden soll. Ihr historischer Hintergrund ist die frühe Ordenszeit. Sieben Ordensritter,
der Hauskomtur und zwei ausländischen Gäste des Ordens - ein Englän- der und ein Franzose - haben sich im Samland verirrt und
müssen auf dem Hof eines einheimischen Fürsten, der im Sterben liegt, übernachten. Miegel beschreibt diese eine Nacht,
die Gespräche der Ritter und das Totenopfer. Sie legt dabei großen Wert auf die genaue Schilderung der einheimischen Preußen.
Diese Preußen gleichen nicht Jansens oder Kotzdes Finsterlingen, sie sind - historisch korrekt - weißblond und blauäugig
und durchweg- stark idealisiert - edle, vornehme Menschen(214). Die Ordensritter werden nicht ideologisch überhöht: Sie haben
Probleme mit dem Klosterleben und dem Zölibat. Der Orden wird als Versorgungsan- stalt für die überzähligen Söhne des
Adels beschrieben(215).
Während des Totenopfers werden die Enkel des Fürsten getötet. Miegel symbolisiert damit den Untergang eines tapferen
Volkes. Die Frage nach dem Recht der Eroberung wird nicht gestellt. Sieger und Verlierer sind mystisch durch das Land verbunden,
dessen Besitzrecht mit Blut erworben werden muß (216). Für Miegel zählt weniger die rein arische Rasse als die Rassenmischung,
die das Land hervorgebracht hat(217). Die Ordensritter entstammen sämtlichen Gebieten des Reiches, die Mutter des Hauskomturs
ist Sarazenin und die eines anderen Ritters Wendin. Nach der tragischen Nacht begegnen die Ordensritter bezeichnenderweise einigen
schönen, stolzen Mischlingskindern, die einem Lehrbuch für Rassenfragen entstammen könnten: "Es war ein gutes, helles,
blondes Gesicht, langgezogen mit schmalem Kopf"(218).
Miegel zeigt an den Ereignissen der Nacht den Untergang der pruzzischen Kultur, aber auch ihr Verschmelzen mit den Eroberern
zum ostpreußischen Volk. Diese Verbundenheit wird stark idealisiert. Pruzzen und Ordensritter begegnen sich mit Hochachtung,
während die beiden Ausländer niedrige Menschentypen darstellen. Der Franzose giert nur nach den Frauen. "Ich hätte
nie gedacht, daß diese Tiere so hübsch sind"(219). Der Engländer ist ein dumpfer Materialist; als die Ordensritter
erschüttert am Bett des toten Fürsten stehen, befingert er nur den Stoff des Vorhangs und schneidet ein Stück ab: "Gutes
Tuch, hä? <...> Tolle Webart! Aber sehr gut, sehr reell". Als ihn daraufhin einer der pruzzischen Knechte niederstechen will,
hält ihn ein Ordensritter zurück und sagt nur: "Laß ein Fremder!" Der Knecht verschont den Engländer, "dann neigte
er das fahlhaarige Haupt. Und plötzlich bückte er sich und küßte den Ärmel des deutschen Herrn"(220).
Miegels Sympathie für das pruzzische Volkstum ist, im Kontext der völkischen Literatur, durchaus hoch zu bewerten, sie
ist das konsequente Ergebnis historisch-ethnologischer Erkenntnisse, die sie - im Gegensatz zu den meisten ihrer völkischen
Schriftstellerkollegen - micht ignoriert. Das charakteristischen Freund-Feind-Denken kommt allerdings in der klischeehaften Abwertung der
beiden westlichen Ritter zum Ausdruck.
Der Gedanke, daß Volkstum durch Rassenmischung entsteht, kommt auch in der dritten Geschichte - "Engelkes Buße"
- vor. Eine blonde, niedersächsische Magd heiratet einen preußischen Jäger mit dunklem, krausen Haar und braunen
Augen, den sie zärtlich "Polack" nennt.
In der ersten Geschichte - "Landsleute" - treffen sich in einem byzantinischen Gefängnis eine zum Tode verurteilte germanische
Frau und ein germanischer Söldner. Beide fliehen aus der verkommenen Großstadt in die reine nordische Heimat. Miegel
stellt geschickt der morbiden Großstadt,mit Zirkusspielen, Huren, Korruption, weibischen Männern und einer falschen
Kirche, die gesunden germanischen Menschen gegenüber. Aufgelockert wird diese Darstellug von den positiven Figuren einer
alten, mütter-lichen Hure und eines Judenmädchens im Kerker.
Wie Ernst bemüht sich Miegel um eine strenge neuklassische Form. In ihren ersten drei Novellen werden sogar weitgehend die
drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung gewahrt. Daß mit einer derartigen Beschränkung bewußt eine Idealität
und keine Realität beschrieben werden soll, ist wohl offensichtlich.
Für die Qualität der Bücher von Ernst und Miegel - im Vergleich mit der anderen völkischen Literatur - spricht, daß
die Gegenwartsideologie nicht so direkt angesprochen werden muß und auf die übliche billige Freund-Feind-Unterscheidung weitgehend
verzichtet wird. Ebenfalls nicht vorhanden sind die sonst so beliebten heroischen Kampfbeschreibungen. Ernst und Miegel gestalten einfache, an
sich durchschnittliche Menschen. Ihre Hinwendung zum Volk ist glaubhafter als zum Beispiel in Kolbenheyers "Paracelsus" oder in Bluncks
"Urvätersaga", wo nur das große, heroische Genie zum Repräsentanten des Volkstums taugt. Beide aber zeigen keine wirklichen Probleme;
in gleichnishaften Beispielen werden eindeutige Lösungen vorgeführt. Das krampfhafte Festhalten an den Überschaubaren Werten von Land
und Volkstum äußert sich in den Bemühungen um eine strenge, geschlossene Form und einen gewollt einfachen Sprachstil. Hier
wird nicht in epischer Breite das Aufbruchspathos der Gottsucher dargestellt, sondern der Rückzug in eine geordnete Welt. Beide schildern
eine Nachkriegszeit, und beide wünschen den Frieden, aber die vergangenen Kriege werden nicht analysiert; sie haben den Charakter von
Naturkatastrophen.
© Frank Westenfelder
Artikel zu Fischereiökologie:
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Thunfisch Überfischung und Artenschutz.
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