IV.2. Nationalsozialistische Literaturpolitik
Der Prozeß der Machtübernahme läßt sich in bezug auf die Literatur am besten an der Preußischen Akademie der
Künste der Künste verfolgen(54). Jüdische Autoren und solche, die sich für Sozialismus und Pazifismus eingesetzt
haben, werden entfernt. Andererseits versucht man konservative bürgerliche Autoren zur Mitarbeit zu bewegen, um so dem NS-Kulturbetrieb einen
würdigen Anstrich zu geben. Goebbels' Bemühungen um Thomas Mann und Stefan George sind bekannt(55). Die preußische
Akademie der Künste verliert ungefähr die hälfte ihrer alten Mitglieder, den Höhepunkt markiert dabei der Ausschluß des ehemaligen
Vorsitzenden Heinrich Mann.
Alles kleinliche Grünzeug auf dem Platz selbst ist verschwunden und einer großzügigen steinernen Plattenfläche gewichen. Dem neuen Raum ist damit jedes Natürlich-Zufällige genommen und ihm eine strenge steinerne Form gegeben.(79)Das hat nichts mehr mit romantisch-organischem Denken zu tun. Ferner fällt auf, daß der Neoklassizismus Schinkels nicht nur an Größe übertroffen, sondern auch vereinfacht - funktionalisiert - wird. Der ungegliederte, schmucklose Vierkantpfeiler findet nicht bei Industriebauten Verwendung(80), sondern auch auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg. Wie bei den typisierten Heroen Brekers läßt sich die Auswirkung der modernen Industrie erkennen. Der Rückgriff auf die Klassik ist notwendig, da eine modernistische Architektur ihre Zeitbedingtheit und ihre Vergänglichkeit verraten würde. Nur in der klassischen Form läßt sich der Ewigkeitsanspruch ausdrücken, dessen latenter Nihilismus jedoch deutlich wird, wenn Speer Hitler gegenüber den "Ruinenwert" seiner Bauten preist; sie sollen noch nach Jahrhunderten des Verfalls ihren römischen Vorbildern gleichen. Für die Literatur des "Dritten Reichs" wurden klassizistische Stiltendenzen nur bei einigen nicht eindeutig nationalsozialistischen Autoren - zum Beispiel Bennn und Jünger - festgestellt, sonst lehnt gerade die völkische Literaturwissenschaft den Klassiszimus als liberal-bürgerlich ab(82). Ein merklicher Unterschied bei der Bewertung ästhetischer Kriterien besteht jedoch zwischen den Rezensionen in Zeitschriften und der NS-Literaturgeschichtsschreibung. Die wichtigsten Literaturgeschichten zur zeitgenössischen Literatur sind Helmut Langenbuchers "Volkhafte Dichtung der Zeit"(1933) und Arno Mulots "Die deutsche Dichtung unserer Zeit"(1938). Charakteristisch für beide ist die thematische Gliederung - Soldat, Bauer, Gottschau, Geschichte -, die weder Gattungen noch literarische Strömungen oder verschiedene Epochen berücksichtigt. Dies bestätigt die zentrale Bedeutung des Inhalts und die Nebensächlichkeit der Form(83). Beide widmen bekannten völkischen Autoren der Weimarer Republik - besonders Scholz, Ernst, Schäfer, Kolbenheyer, Strauß und Torney, Blunck und Beumelburg - größte Aufmerksamkeit, während junge NS-Autoren kaum erwähnt werden. Darus wurde schon der Schluß gezogen, daß ein Großteil der NS-Literatur vor 1933 geschrieben worden ist(84), was sich aber mit inhaltlichen Kriterien nicht bestätigen läßt. Die Ursache ist aber vielmehr darin zu sehen, daß die neue, genuin nationalsozialistische Literatur eben den oft negierten ästhetischen Forderungen nicht gerecht wird. Im Bestreben, deutsche Kunst aufzulisten, bleibt der NS-Literaturwissenschaft fast nur die Möglichkeit, konservative und völkisch-nationale Literatur, die auch schon in den Literaturgeschichten der Weimarer Republik ihren festen Platz hat(85). Langenbucher kanonisiert noch im Anhang in Form von Kurzbiographien die volkhaften dichter, während bei Mulot auch christliche und konservative Autoren - Federer, Molo, Klepper - erwähnt werden. Die 1936 erschienene "Deutsche Dichtung der Gegenwart" von Christian Jenssen setzt sich schon ablehnend mit Expressionismus und Reportageliteratur auseinander, um dann sogar Neuromantiker wie Handel-Mazetti, Hesse und Huch als "Meister der volkhaften Dichtung" anzuführen(86). Ähnlich verhält es sich mit den Literaturgeschichten von Kindermann, Linden und Langer(87). Die biographischen Lexika "Die Dichter unserer Zeit"(1938) und "Deutsche Literatur der Gegenwart"(1942) enthalten bis auf die die Emigranten, sämtliche gutbügerlichen Autoren, auch die der "Inneren Emigration"(88), wobei deren Beurteilungen oft wesentlich besser ausfallen als die bewährter NS-Autoren. Die meisten Autoren, die von Strothmann aufgrund negativer Buchbesprechungen in NS-Zeitschriften als unerwünscht bezeichnet, werden Ende der Dreißiger Jahre in den Literaturgeschichten kanonisiert, während die Autoren von angepriesenen Büchern oft nicht erwähnt werden. Für die NS-Literaturgeschichte läßt sich bei der Auswahl der Autoren folgender Trend ausmachen: Die größte Aufmerksamkeit wird den schon in der Weimarer Republik bekannten völkischen Autoren gewidmet, die fast alle Mitglieder der preussischen Akademie der Künste sind; diejenigen, die sich schon vor 1933 am vehementesten für die Blut- und Boden-Ideologie einsetzten - zum Beispiel Jansen und Kotzde - werden eher aus Dankbarkeit kurz erwähnt. So heißt es in einem Aufsatz zum historischen Roman von 1934: Die kraftvolle Schlichtheit Gmelinscher Geschichtsdarstellung ist gleichfalls weit entfernt von jener deutschen Treuherzigkeit und biederen Reckenhaftigkeit der Werner Jansenscher Romane.(89)Autoren, die noch nach 1933 direkt nationalsozialistisches Gedankengut propagieren, werden nur selten aufgenommen. Dieser Trend verstärkt sich im Laufe der Jahre, als immer offensichtlicher wird, daß die Weltanschauungsromane auf einem künstlerisch sehr niedrigen Niveau stehen(90). Selbst ein inhaltlich einwandfrei als nationalsozialistisch zu bezeichnender Roman wird von Rosenbergs Zeitschriften als zu trivial abgelehnt(91). Trotz einer vorwiegend inhaltlich arbeitenden Literaturkritik gibt es ästhetisch-formale Kriterien, denen die einfache Propagandaliteratur nicht genügt. Diese Kriterien werden weitgehend von den literarischen Strömungen übernommen, die als Vorläufer anerkannt werden. Es handelt sich dabei um die Gegenströmungen zum Naturalismus: Neuromantik, Heimatkunst und Neuklassik. Der Expressionismus wird erst nach längerer Diskussion abgelehnt, da er nicht den gutbürgerlichen Vorstellungen mancher NS-Führer vom Gesunden und Schönen der Kunst entspricht(92). Die Neuromantik wird zwar akzeptiert, wobei man den Autoren jedoch oft Weltfremdheit und Schwärmerei vorwirft, was nur bedeutet. daß sie sich den tagespolitischen Fragen zu sehr entziehen. Ferner entwickeln sich aus der Art des nationalsozialistischen Denkens gewisse formale Kriterien, die die Literatur einfach prägen müssen. Aus Heroismus und Führerkult ergibt sich die Forderung nach dem positiven, vorbildlichen Helden,der nicht von seiner Umwelt geprägt, sondern aufgrund seines höheren Bewußtseins dazu bestimmt ist, diese zu formen oder heroisch daran zu scheitern. Immer wieder wird Seelenschau anstelle von Psychologisierung verlangt; man will Archetypen statt Analyse. Zur Darstellung dieses nicht in momentanen subjektiven Vorstellungen befangenen Helden eignet sich am besten ein auktorialer Erzählstil. Da diese Führer sozusagen ahistorische Konstanten sind, entfernt man sich vom bürgerlichen Bidungsroman und zeigt Typen, freilich keine modernen, sondern deutsch-germanische Archetypen - Führer, Krieger, Bauer, Mutter oder Gottsucher. Für Helmut Vallery ist dies eine unbewußte Reaktion auf die Moderne: So spiegeln die Romane unfreiwillig die Atomisierung der bürgerlichen Gesellschaft des 20.Jahrhunderts und die damit einhergehende Entpersönlichung des Individuums.(93)Ebenso verbietet sich von selbst die Darstellung negativer und schwacher Protagonisten(94). Die Gemeinschaft, die ja nicht bloßer Selbstzweck ist, sondern die militante Gefolgschaft des Führers, wird durch dessen vorbildliches Verhalten auf ihn eingeschworen(95). NS-Literatur ist also keineswegs, wie zum Teil die völkischen Bauernromane, Wunschliteratur(96), sie hat Erziehungsfunktion, soll zu Einsatz und Opfer mobilisieren. Da eine Entwicklung des Helden nicht stattfindet oder auf ein einzelnes Erweckungserlebnis beschränkt wird, nähert sich der NS-Roman - wie schon an Schmückles "Engel Hiltensperger" demonstriert - dem Epos an. In einer idealen Welt wird vorbildliches Verhalten demonstriert. Autor, Protagonist und Leser werden zu einer "Kommunikationsgemeinschaft"(97), in der es keine Differenzen geben darf, das heißt, sämtliche literarischen Stilmittel, die Distanz schaffen könnten, wie Satire, Ironie, Verfremdung dürfen nicht verwendet werden(98). Die auktoriale Erzählhaltung und eine oft pathetische und moralisierende Sprache sorgen für die Einbindung des Lesers in die höheren Wahrheiten des Autors. An der NS-Literatur fällt unter anderem ihre abgrundtiefe Humorlosigkeit auf; es wird zwar des öfteren von heiteren oder lustigen Situationen geschrieben, aber zu lachen hat der Leser eigentlich nichts. Grundlegend ist eine Ästhetik, die nicht abstößt. Diese kann sehr einfach und trivial sein, muß aber immer noch den Anforderungen von Schönheit entsprechen, denn schockie- rende Darstellungen und starke Enttäuschungen der Leseerwartungen schaffen ebenfalls Distanz. Da nur die grob schematische Unterscheidung zwischen Freund und Feind möglich ist, verbietet sich jede dialektische Darstellung von Problemen (99). Der Feind kann nicht verstanden werden, er bleibt im Bereich des Bösen, was zu einer starken Vereinfachung der jeweiligen Problematik führt. Ferner muß auf die Beschreibung komplexer oder widersprüchlicher Persönlichkeiten verzichtet werden. Die pseudoreligiöse Botschaft der Romane bedingt zumeist einen pathetischen Stil, der auch auf christliches Vokabular zurückgreift. In der mehr völkischen Literatur bezieht man sich gerne auf die Edda, was aber mit derselben Absicht geschieht. Ganz in diesem Sinne urteilt die Literaturkritik: "das Buch ist kein historischer Roman, es ist ein Bekenntnis"(100). Neben dem Hang zum Pathos zeigt sich als zweite Tendenz die Verknappung der Sprache. Das "ewig Soldatische" versucht man in einer Art Sagastil zu fassen, der karg und holzschnittartig wirkt. Sowohl pseudoreligiöses Pathos wie auch die grob vereinfachende Sprache bedeuten Verzicht auf die Darstellung von Realität zugunsten von höheren Wahrheiten und Einsichten, die keiner näheren Erklärung bedürfen oder gar hinterfragt werden können(101). Dem entsprechen die bevorzugten literarischen Formen von Epos und Saga. Es kann in diesem Zusammenhang eigentlich nicht mehr von nationalsozialistischen "Romanen" gesprochen werden, da mit dem Verzicht auf die realistische Darstellung der Welt und ihrer Probleme wichtige inhaltliche Kriterien des Romans aufgegeben werden. Der Nationalsozialismus muß in der Literatur wie in der Architektur auf klassische Formen zurückgreifen, da er eben nicht Modernes, sondern Ewiges symbolisieren will. Im Epos dokumentiert sich der Wille zum Momumentalen, die Seitenzahl scheint die künstlerische Leistung beweisen zu müssen. Beliebt ist die Trilogie zur Darstellung von zyklischen Geschichtsvorstellungen (102). Wenn Blunck seine "Saga vom Reich" dreibändig in Verse packt, kann er das Nibelungenlied an Umfang übertreffen(103). Neben dem Epos scheint die Saga die Form zu sein, die sich zur Darstellung des nordischen heroischen Menschen am besten eignet. Es werden Typen dargestellt, die vom Schicksal getrieben kämpfen und dabei siegen oder heroisch untergehen. Diese Sagas haben außer ihrem Interesse an vergangenen Zeiten mit romantischer Geschichtsflucht wenig gemein. Der historische Roman um die Jahrhundertwende hatte in der Vergangenheit die harmonische ständische Gesellschaft gesucht, in der sich das individuelle bürgerliche Glück - meist dargestellt an einer Liebesgeschichte - verwirklichen konnte. Die NS-Saga dagegen reduziert die komplexe Welt auf klare Freund-Feind-Verhältnisse und sakralisiert heroischen Kampf und Opfertod; auf den persönlichen Glücksanspruch wird verzichtet. Eine ähnliche Funktion wie die Saga erfüllt die Novelle, die mit ihrer strengen, knappen Form das Preußisch-Soldatische ausdrücken soll. Daß sich diese Formbestrebungen nicht nur auf die NS-Literatur beschränken, sondern in der deutschen Literatur seit 1930 eine Reaktion auf die zerrütteten Zustände der Weimarer Republik darstellen, hat bereits Hans-Dieter Schäfer herausgearbeitet (104). Dieses Krisenbewußtsein äußert sich unter anderem in einer Bevorzugung historischer und mythischer Themen - auch bei den Emigranten -, einem Wiederaufleben von vormodernen Stilen und einem Vordringen klassizistischer Stilnormen(105). Der Klassizismus ist prägend für die NS-Kunstauffassung; er wird gegen das Chaos der Republik gestellt, gegen die "Aufsplitterung der expressionistischen Moderne"(106). Was nach Schäfer die typischen Stilmerkmale der bildenden Kunst sind, läßt sich durchaus auch auf die Literatur übertragen: "Klassizismus", "sakrale Kunst" und "trivialer Naturalismus"(107). © Frank Westenfelder
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