IV.2. Nationalsozialistische Literaturpolitik

Der Prozeß der Machtübernahme läßt sich in bezug auf die Literatur am besten an der Preußischen Akademie der Künste der Künste verfolgen(54). Jüdische Autoren und solche, die sich für Sozialismus und Pazifismus eingesetzt haben, werden entfernt. Andererseits versucht man konservative bürgerliche Autoren zur Mitarbeit zu bewegen, um so dem NS-Kulturbetrieb einen würdigen Anstrich zu geben. Goebbels' Bemühungen um Thomas Mann und Stefan George sind bekannt(55). Die preußische Akademie der Künste verliert ungefähr die hälfte ihrer alten Mitglieder, den Höhepunkt markiert dabei der Ausschluß des ehemaligen Vorsitzenden Heinrich Mann.

Von der alten Besetzung sind als Autoren historischer Romane im Rahmen dieser Arbeit wichtig: Hermann Hesse, Ricarda Huch, Erwin Guido Kolbenheyer, Walter von Molo, Wilhelm Schäfer, Wilhelm von Scholz und Ina Seidel. Hesse hat die Akademie 1930 verlassen, Kolbenheyer und Schäfer sind 1931 aus Protest gegen die demokratischen Tendenzen der Akademie ausgetreten. Es verweist auf die ideologische position des historischen Romans, daß die Nationalsozialisten niemanden von den Autoren dieses Genres auszuschließen brauchen. Ihr demokratisches Engagement beweist Ricarda Huch, die 1933 aus Protest gegen den Ausschluß Heinrich Manns die Akademie verläßt. Im März 1933 wird die Akademie mit völkisch-nationalen Autoren ergänzt, von denen folgende historische Romane geschrieben haben: Werner Beumelburg, Hans-Friedrich Blunck, Paul Ernst, Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel, Wilhelm Schäfer und Will Vesper. Im Oktober folgt noch die der katholischen Neuromantik zuzurechnende Enrica von HandelMazetti. Damit bedanken sich die Nationalsozialisten für geleistete Dienste und verhelfen ihren Parteigängern zu Lasten von Juden und Demokraten zu Erfolg und Karriere. Neben der Umbesetzung werden die Kompetenzen der Akademie eingeschränkt und weitgehend vom Propangandaministerium wahrgenommen, ihr selbst bleiben fast nur noch Repräsentationsaufgaben.

Von den Autoren historischer Romane sind allerdings drei Nichtmitglieder der Akademie betroffen: Max Brod, Lion Feuchtwanger und Bruno Frank. Alle drei sind Juden und müssen deshalb das Land verlassen. Für Frank und Brod kann man die Ansicht vertreten, daß sie allein aus Rassegründen abgelehnt werden, denn ihre historischen Romane wären für die Naitonalsozialisten inhaltlich mindestens ebenso rezipierbar gewesen wie die von Hesse, Seidel und Handel-Mazetti. Einzig Feuchtwanger hätte wohl auch als "Arier" das Land verlassen müssen.

Konkrete Auswirkungen auf die Literatur hat ihr sofort einsetzende Funktionalisierung als Propagandainstrument. Den ersten spektakulären Bücherverbrennungen vom 10.Mai folgt bald die gezielte Säuberung von Bibliotheken, in deren Verlauf manche fast die Hälfte ihres Bestandes verlieren(56). Der Säuberung folgt die Lenkung des Literaturbetriebs. Dietrich Strothmann, der die NS-Literaturpolitik ausführlich beschrieben hat, nennt vier Hauptkontrollmittel: die šberwachung der Autoren, die Verlagslenkung, die Steuerung des Buchhandels und die Lenkung des Büchereiwesens(57). Die zahlreichen Einfluß- und Zensurmaßnahmen führen dazu, daß der Buchmarkt bis 1938 fast völlig von linientreuer Literatur beherrscht wird(58). Strothmann erwähnt noch eine Gruppe sogenannter unerwünschter Autoren, denen es möglich gewesen ist, im "Dritten Reich" zu veröffentlichen. Unter ihnen findet man eine ganze Reihe von Autoren historischer Romane, auf die im Einzelfall noch eingegangen wird(59).

Ein weiteres Mittel, Literaturbetrieb einzuschränken und zu kontrollieren, ist das "Kritikverbot" vom 27.11.1936, das nur noch Buchbesprechungen in Form einer inhaltsangabe mit einer anschließenden Empfehlung zuläßt(60). Die Literaturkritik, die damit fast völlig auf ästhetische Wertungen verzichten muß und nur den weltanschaulichen Gehalt zu beurteilen hat, verkommt zu einem "Zeitungsbericht" über die Taten des Romanhelden(61). Andererseits wird versucht, die Produktion und den Verkauf erwünschter Literatur durch Werbung, Ausstellungen, Preise und Empfehlungslisten für Büchereien zu fördern. Diese Art der Literaturpolitik führt bald zu einer Flut von historischen sowie Heimat- und Bauernromanen(62), gegen die sich offiziellen Stellen mit dem Schlagwort vom Konjunkturliteratentum zu wehren versuchen. Es wird beklagt, daß die Autoren vor den Gegenwartsproblemen in die Geschichte ausweichen, und versucht, die Flut von historischen Romanen - allein 1938 über 100 - einzudämmen, aber die Versuche, Autoren in größerem Maße für Zeitromane zu gewinnen, bleiben erfolglos(63).

Auch in seinen Bemühungen die Literatur zu kontrollieren zeigt der NS-Staat keine einheitliche Linie, sondern stütz sich auf mehrere gegeneinander arbeitende Institutionen(64). Es lassen zwei Konkurrenten ausmachen: das Propagandaministerium unter Goebbels, mit der Reichskulturkammer(RKK) mit Indizierungsvollmacht und der Jahresschau des deutschen Schrifttums, sowie die Rosenberg-Dienststelle mit einem enormen Stab an Lektoren und den Organen "Völkischer Beobachter", "Nationalsozialistische Monatshefte", "Nationalsozialistische Bücherkunde" mit dem Jahresgutachtenanzeiger, allerdings ohne die Berechtigung, Verbote auszusprechen(65).

Im wesentlichen dreht sich der Streit darum, daß Rosenberg, der dem extrem völkischen Flügel der NSDAP zuzurechnen ist, die Literatur zu einem Transportmittel und Schulungsmedium völkischnationaler Weltanschauung machen will. Goebbels dagegen schätzt den Propagandawert der Literatur nicht besonders hoch ein - er hat andere Mittel zur Verfügung - und möchte sie mehr zur Unterhaltung und als Repräsentationskunst einsetzen. Gerade deshalb bemüht er sich um die Integration prominenter Künstler; "sein Maßstab waren nicht deren weltanschauliche Orientierung, sondern ihre künstlerische Wirksamkeit, vor allem ihre Popularität"(66). Rosenberg klagt in seinem tagebuch über Leute, die, statt Weltanschaung zu verbreiten, wieder zurück zu "Brot und Spielen des alten Roms" wollen(67). Bezeichnend ist die Auseinandersetzung um den Expressionismus, den Goebbels und Teile des NS-Studentenbundes zur arteigenen Kunst erklären wollen. Dieser Streit wird im September 1934 von Hitler gegen den Expressionismus entschieden(68), was aber wohl eher an Hitlers kleinbürgerlichem Kunstverständnis liegt als an dem Verhältnis Faschismus-Expressionismus(69). In diesem Fall hat sich noch einmal der völkische Teil der NSDAP durchgesetzt.

Da die NS-Literatur ihrem Selbstverständnis nach rein inhaltlich bestimmt ist(70), ist es angebracht, zuerst die wesentlichen inhaltlichen Kriterien herauszustellen. Aus der Entstehung dieser Literatur aus völkischem Blut- und Boden-Schrifttum und nationalistischem Kriegsroman ergibt sich die Verpflichtung zur Darstellung von "gesundem Volkstum" und von einem Heroismus, der teilweise zu einem regelrechten Totenkult übersteigert wird, bis zur "Perversion der Nekrophilie"(71). Die Darstellung heroischer Führerfiguren gilt als absolutes Muß. Schmückles "Engel Hiltensperger" und Bluncks "König Geiserich" gelten als vorbildhaft(72). Es spricht für die Bedeutung des Führerprinzips, wenn in einem Roman über Hannibal sogar ein nichtarischer semitischer Führer verherrlicht werden kann, der an den mangelnden rassischen Qualitäten seines Volkes scheitert, während sie bei ihm selbst anscheinend keine Rolle spielen(73). Da diesen Inhalten religiöser Charakter zukommt, muß eine irrationale Grundhaltung immer gegeben sein. die inhaltlichen Anforderungen, denen die NS-Literatur genügen soll, lassen sich analog zur NS-Weltanschauung aufstellen: Heroismus, Gemeinschaft und Irrationalismus(74).

Die Literaturwissenschaft lehnt es in der Regel ab, die NS-Literatur unter formalen und stilistischen Gesichtspunkten zu sehen. Vondung empfiehlt, neben den drei inhaltlichen Kriterien lediglich noch die Kombination aus "offiziellem Selbstverständnis" und "individuellem Bekenntnis"(75). Es stellt sich die Frage, ob man es sich damit nicht zu einfach macht. Niemand, der NS-Architektur betrachtet, bei der der ideologische Gehalt nur über die Form vermittelt werden, würde behaupten, es gäbe keinen nationalsozialistischen Baustil. Es dominiert ein gigantomanischer, versachlichter Neoklassizismus, in dem sich Größe und Allmacht des Staates manifestieren sollen. Das Gigantische - eigentliche Unklassische - degradiert den Menschen vor diesen Gebäuden zum Liliputaner, zum Nichts(76). Mit dem Rückgriff auf die klassizistische Form soll zweifelsohne ein ahistorischer Ewigkeitsanspruch symbolisiert werden(77).

Bei diesem Streben nach Ewigkeits- und Endzeitwerten handelt es sich allerdings nicht um einen völkisch-romantischen Antimodernismus. Der hatte im Historismus der Gründerzeit mit Rückgriffen auf die mittelalterliche Gotik und Romanik seinen Höhepunkt. Das neuschwanstein eines weltfremden Fürsten und die neogotischen Fassaden neureicher Unternehmer sind symptomatisch für das Geschichtsbild dieser Zeit. Zwar läßt sich Himmler, ganz in dieser Tradition, eine alte Burg zur Gralsburg mit Tafelrune und Gruft ausbauen, kennzeichnet damit aber eher seine Position als völkisch-esoterischer Außenseiter(78). Der NS-Neoklassizismus greift dagegen mehr Moeller van den Brucks preußischen Stil auf, der sich durch kühle soldatische Sachlichkeit gegen die Romantik absetzt. Die Neugestaltung des königlichen Platzes in München wird wie folgt beschrieben:

Alles kleinliche Grünzeug auf dem Platz selbst ist verschwunden und einer großzügigen steinernen Plattenfläche gewichen. Dem neuen Raum ist damit jedes Natürlich-Zufällige genommen und ihm eine strenge steinerne Form gegeben.(79)
Das hat nichts mehr mit romantisch-organischem Denken zu tun. Ferner fällt auf, daß der Neoklassizismus Schinkels nicht nur an Größe übertroffen, sondern auch vereinfacht - funktionalisiert - wird. Der ungegliederte, schmucklose Vierkantpfeiler findet nicht bei Industriebauten Verwendung(80), sondern auch auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg. Wie bei den typisierten Heroen Brekers läßt sich die Auswirkung der modernen Industrie erkennen.

Der Rückgriff auf die Klassik ist notwendig, da eine modernistische Architektur ihre Zeitbedingtheit und ihre Vergänglichkeit verraten würde. Nur in der klassischen Form läßt sich der Ewigkeitsanspruch ausdrücken, dessen latenter Nihilismus jedoch deutlich wird, wenn Speer Hitler gegenüber den "Ruinenwert" seiner Bauten preist; sie sollen noch nach Jahrhunderten des Verfalls ihren römischen Vorbildern gleichen.

Für die Literatur des "Dritten Reichs" wurden klassizistische Stiltendenzen nur bei einigen nicht eindeutig nationalsozialistischen Autoren - zum Beispiel Bennn und Jünger - festgestellt, sonst lehnt gerade die völkische Literaturwissenschaft den Klassiszimus als liberal-bürgerlich ab(82). Ein merklicher Unterschied bei der Bewertung ästhetischer Kriterien besteht jedoch zwischen den Rezensionen in Zeitschriften und der NS-Literaturgeschichtsschreibung. Die wichtigsten Literaturgeschichten zur zeitgenössischen Literatur sind Helmut Langenbuchers "Volkhafte Dichtung der Zeit"(1933) und Arno Mulots "Die deutsche Dichtung unserer Zeit"(1938). Charakteristisch für beide ist die thematische Gliederung - Soldat, Bauer, Gottschau, Geschichte -, die weder Gattungen noch literarische Strömungen oder verschiedene Epochen berücksichtigt. Dies bestätigt die zentrale Bedeutung des Inhalts und die Nebensächlichkeit der Form(83). Beide widmen bekannten völkischen Autoren der Weimarer Republik - besonders Scholz, Ernst, Schäfer, Kolbenheyer, Strauß und Torney, Blunck und Beumelburg - größte Aufmerksamkeit, während junge NS-Autoren kaum erwähnt werden. Darus wurde schon der Schluß gezogen, daß ein Großteil der NS-Literatur vor 1933 geschrieben worden ist(84), was sich aber mit inhaltlichen Kriterien nicht bestätigen läßt.

Die Ursache ist aber vielmehr darin zu sehen, daß die neue, genuin nationalsozialistische Literatur eben den oft negierten ästhetischen Forderungen nicht gerecht wird. Im Bestreben, deutsche Kunst aufzulisten, bleibt der NS-Literaturwissenschaft fast nur die Möglichkeit, konservative und völkisch-nationale Literatur, die auch schon in den Literaturgeschichten der Weimarer Republik ihren festen Platz hat(85). Langenbucher kanonisiert noch im Anhang in Form von Kurzbiographien die volkhaften dichter, während bei Mulot auch christliche und konservative Autoren - Federer, Molo, Klepper - erwähnt werden. Die 1936 erschienene "Deutsche Dichtung der Gegenwart" von Christian Jenssen setzt sich schon ablehnend mit Expressionismus und Reportageliteratur auseinander, um dann sogar Neuromantiker wie Handel-Mazetti, Hesse und Huch als "Meister der volkhaften Dichtung" anzuführen(86). Ähnlich verhält es sich mit den Literaturgeschichten von Kindermann, Linden und Langer(87). Die biographischen Lexika "Die Dichter unserer Zeit"(1938) und "Deutsche Literatur der Gegenwart"(1942) enthalten bis auf die die Emigranten, sämtliche gutbügerlichen Autoren, auch die der "Inneren Emigration"(88), wobei deren Beurteilungen oft wesentlich besser ausfallen als die bewährter NS-Autoren.

Die meisten Autoren, die von Strothmann aufgrund negativer Buchbesprechungen in NS-Zeitschriften als unerwünscht bezeichnet, werden Ende der Dreißiger Jahre in den Literaturgeschichten kanonisiert, während die Autoren von angepriesenen Büchern oft nicht erwähnt werden. Für die NS-Literaturgeschichte läßt sich bei der Auswahl der Autoren folgender Trend ausmachen: Die größte Aufmerksamkeit wird den schon in der Weimarer Republik bekannten völkischen Autoren gewidmet, die fast alle Mitglieder der preussischen Akademie der Künste sind; diejenigen, die sich schon vor 1933 am vehementesten für die Blut- und Boden-Ideologie einsetzten - zum Beispiel Jansen und Kotzde - werden eher aus Dankbarkeit kurz erwähnt. So heißt es in einem Aufsatz zum historischen Roman von 1934:
Die kraftvolle Schlichtheit Gmelinscher Geschichtsdarstellung ist gleichfalls weit entfernt von jener deutschen Treuherzigkeit und biederen Reckenhaftigkeit der Werner Jansenscher Romane.(89)
Autoren, die noch nach 1933 direkt nationalsozialistisches Gedankengut propagieren, werden nur selten aufgenommen. Dieser Trend verstärkt sich im Laufe der Jahre, als immer offensichtlicher wird, daß die Weltanschauungsromane auf einem künstlerisch sehr niedrigen Niveau stehen(90). Selbst ein inhaltlich einwandfrei als nationalsozialistisch zu bezeichnender Roman wird von Rosenbergs Zeitschriften als zu trivial abgelehnt(91).

Trotz einer vorwiegend inhaltlich arbeitenden Literaturkritik gibt es ästhetisch-formale Kriterien, denen die einfache Propagandaliteratur nicht genügt. Diese Kriterien werden weitgehend von den literarischen Strömungen übernommen, die als Vorläufer anerkannt werden. Es handelt sich dabei um die Gegenströmungen zum Naturalismus: Neuromantik, Heimatkunst und Neuklassik. Der Expressionismus wird erst nach längerer Diskussion abgelehnt, da er nicht den gutbürgerlichen Vorstellungen mancher NS-Führer vom Gesunden und Schönen der Kunst entspricht(92). Die Neuromantik wird zwar akzeptiert, wobei man den Autoren jedoch oft Weltfremdheit und Schwärmerei vorwirft, was nur bedeutet. daß sie sich den tagespolitischen Fragen zu sehr entziehen.

Ferner entwickeln sich aus der Art des nationalsozialistischen Denkens gewisse formale Kriterien, die die Literatur einfach prägen müssen. Aus Heroismus und Führerkult ergibt sich die Forderung nach dem positiven, vorbildlichen Helden,der nicht von seiner Umwelt geprägt, sondern aufgrund seines höheren Bewußtseins dazu bestimmt ist, diese zu formen oder heroisch daran zu scheitern. Immer wieder wird Seelenschau anstelle von Psychologisierung verlangt; man will Archetypen statt Analyse. Zur Darstellung dieses nicht in momentanen subjektiven Vorstellungen befangenen Helden eignet sich am besten ein auktorialer Erzählstil. Da diese Führer sozusagen ahistorische Konstanten sind, entfernt man sich vom bürgerlichen Bidungsroman und zeigt Typen, freilich keine modernen, sondern deutsch-germanische Archetypen - Führer, Krieger, Bauer, Mutter oder Gottsucher. Für Helmut Vallery ist dies eine unbewußte Reaktion auf die Moderne:
So spiegeln die Romane unfreiwillig die Atomisierung der bürgerlichen Gesellschaft des 20.Jahrhunderts und die damit einhergehende Entpersönlichung des Individuums.(93)
Ebenso verbietet sich von selbst die Darstellung negativer und schwacher Protagonisten(94).

Die Gemeinschaft, die ja nicht bloßer Selbstzweck ist, sondern die militante Gefolgschaft des Führers, wird durch dessen vorbildliches Verhalten auf ihn eingeschworen(95). NS-Literatur ist also keineswegs, wie zum Teil die völkischen Bauernromane, Wunschliteratur(96), sie hat Erziehungsfunktion, soll zu Einsatz und Opfer mobilisieren. Da eine Entwicklung des Helden nicht stattfindet oder auf ein einzelnes Erweckungserlebnis beschränkt wird, nähert sich der NS-Roman - wie schon an Schmückles "Engel Hiltensperger" demonstriert - dem Epos an. In einer idealen Welt wird vorbildliches Verhalten demonstriert. Autor, Protagonist und Leser werden zu einer "Kommunikationsgemeinschaft"(97), in der es keine Differenzen geben darf, das heißt, sämtliche literarischen Stilmittel, die Distanz schaffen könnten, wie Satire, Ironie, Verfremdung dürfen nicht verwendet werden(98). Die auktoriale Erzählhaltung und eine oft pathetische und moralisierende Sprache sorgen für die Einbindung des Lesers in die höheren Wahrheiten des Autors. An der NS-Literatur fällt unter anderem ihre abgrundtiefe Humorlosigkeit auf; es wird zwar des öfteren von heiteren oder lustigen Situationen geschrieben, aber zu lachen hat der Leser eigentlich nichts. Grundlegend ist eine Ästhetik, die nicht abstößt. Diese kann sehr einfach und trivial sein, muß aber immer noch den Anforderungen von Schönheit entsprechen, denn schockie- rende Darstellungen und starke Enttäuschungen der Leseerwartungen schaffen ebenfalls Distanz.

Da nur die grob schematische Unterscheidung zwischen Freund und Feind möglich ist, verbietet sich jede dialektische Darstellung von Problemen (99). Der Feind kann nicht verstanden werden, er bleibt im Bereich des Bösen, was zu einer starken Vereinfachung der jeweiligen Problematik führt. Ferner muß auf die Beschreibung komplexer oder widersprüchlicher Persönlichkeiten verzichtet werden. Die pseudoreligiöse Botschaft der Romane bedingt zumeist einen pathetischen Stil, der auch auf christliches Vokabular zurückgreift. In der mehr völkischen Literatur bezieht man sich gerne auf die Edda, was aber mit derselben Absicht geschieht. Ganz in diesem Sinne urteilt die Literaturkritik: "das Buch ist kein historischer Roman, es ist ein Bekenntnis"(100). Neben dem Hang zum Pathos zeigt sich als zweite Tendenz die Verknappung der Sprache. Das "ewig Soldatische" versucht man in einer Art Sagastil zu fassen, der karg und holzschnittartig wirkt.

Sowohl pseudoreligiöses Pathos wie auch die grob vereinfachende Sprache bedeuten Verzicht auf die Darstellung von Realität zugunsten von höheren Wahrheiten und Einsichten, die keiner näheren Erklärung bedürfen oder gar hinterfragt werden können(101). Dem entsprechen die bevorzugten literarischen Formen von Epos und Saga. Es kann in diesem Zusammenhang eigentlich nicht mehr von nationalsozialistischen "Romanen" gesprochen werden, da mit dem Verzicht auf die realistische Darstellung der Welt und ihrer Probleme wichtige inhaltliche Kriterien des Romans aufgegeben werden.

Der Nationalsozialismus muß in der Literatur wie in der Architektur auf klassische Formen zurückgreifen, da er eben nicht Modernes, sondern Ewiges symbolisieren will. Im Epos dokumentiert sich der Wille zum Momumentalen, die Seitenzahl scheint die künstlerische Leistung beweisen zu müssen. Beliebt ist die Trilogie zur Darstellung von zyklischen Geschichtsvorstellungen (102). Wenn Blunck seine "Saga vom Reich" dreibändig in Verse packt, kann er das Nibelungenlied an Umfang übertreffen(103).

Neben dem Epos scheint die Saga die Form zu sein, die sich zur Darstellung des nordischen heroischen Menschen am besten eignet. Es werden Typen dargestellt, die vom Schicksal getrieben kämpfen und dabei siegen oder heroisch untergehen. Diese Sagas haben außer ihrem Interesse an vergangenen Zeiten mit romantischer Geschichtsflucht wenig gemein. Der historische Roman um die Jahrhundertwende hatte in der Vergangenheit die harmonische ständische Gesellschaft gesucht, in der sich das individuelle bürgerliche Glück - meist dargestellt an einer Liebesgeschichte - verwirklichen konnte. Die NS-Saga dagegen reduziert die komplexe Welt auf klare Freund-Feind-Verhältnisse und sakralisiert heroischen Kampf und Opfertod; auf den persönlichen Glücksanspruch wird verzichtet. Eine ähnliche Funktion wie die Saga erfüllt die Novelle, die mit ihrer strengen, knappen Form das Preußisch-Soldatische ausdrücken soll.

Daß sich diese Formbestrebungen nicht nur auf die NS-Literatur beschränken, sondern in der deutschen Literatur seit 1930 eine Reaktion auf die zerrütteten Zustände der Weimarer Republik darstellen, hat bereits Hans-Dieter Schäfer herausgearbeitet (104). Dieses Krisenbewußtsein äußert sich unter anderem in einer Bevorzugung historischer und mythischer Themen - auch bei den Emigranten -, einem Wiederaufleben von vormodernen Stilen und einem Vordringen klassizistischer Stilnormen(105). Der Klassizismus ist prägend für die NS-Kunstauffassung; er wird gegen das Chaos der Republik gestellt, gegen die "Aufsplitterung der expressionistischen Moderne"(106). Was nach Schäfer die typischen Stilmerkmale der bildenden Kunst sind, läßt sich durchaus auch auf die Literatur übertragen: "Klassizismus", "sakrale Kunst" und "trivialer Naturalismus"(107).

© Frank Westenfelder


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