IV.3. Der nationalsozialistische historische Roman

Der historische Roman wird nach der Machtübernahme zu einer der beliebtesten literarischen Gattungen in Deutschland(108). Die von den Nationalsozialisten ständig wiederholten Beschwörungen der deutschen Geschichte liefern den Autoren massenhaft Stoff zu immer neuen Darstellungen von deutscher Größe und deutschem Heldentum. Schriftsteller, denen aktuelle Gegenwartsromane zu problematisch erscheinen, flüchten in die Geschichte oder üben wie die Autoren der "Inneren Emigration" in versteckten historischen Gleichnissen Kritik an der Realität des Dritten Reichs(109). Meistens bietet sich der historische Roman jedoch an, nach längst eingeübten Mustern opportunistische Unterhaltungsliteratur abzuliefern. Dies führt zu einer derartigen Flut von historischen Romanen, daß sich die NS-Literaturkritik bald gegen das "Konjunkturliteratentum" zur Wehr zu setzen versucht (110) und sogar noch 1940 von einer "seuchenartigen Verbreitung der sogenannten historischen Romane" spricht(111).

Die Abwehr geht zum Teil auch darauf zurück, daß der historische Roman neben seiner Unterhaltungsfunktion als wichtiges Medium zum Transport von NS-Ideologie - insbesondere ihres Geschichtsbildes - gilt(112). Durch die Darstellung vorbildlicher Taten und Ereignisse der deutschen Geschichte soll dem Leser die Größe seiner Vergangenheit vorgeführt werden, allerdings nicht zur Erbauung, sondern als mahnende Verpflichtung:

Hier ist die Wunschbildfabrikation in vollem Gange; einem Volk mit einer sehr unerquicklichen politischen Gegenwart werden Bilder einer vorgeblich heroischen Vergangenheit gezeigt, und zwar in der Absicht, daß es sich mit dieser Vergangenheit identifiziert und den gegenwärtigen Problemen im Sinne dieser heroischen Vergangenheit begegnet.(113)
Der Leser erscheint als Glied einer endlosen Ahnenkette, die für ihn zur historischen Verpflichtung wird(114). Da jedoch die Führer der Gegenwart Ziel und Streben der Ahnen bestimmen, findet eine Enthistorisierung der Geschichte im Sinne des gegenwärtigen politischen Interesses statt. Langenbucher will von "geschichtlicher Dichtung" nur dort sprechen, "wo eine einzelne Gestalt oder ein bestimmter Zeitraum durch den Dichter so zum Symbol, zum Gleichnis geworden sind, daß wir beim Lesen des Geschichtlichen als einer Äußerlichkeit vergessen und des darin lebenden Gegenwärtigen nur um so stärker und zwingender bewußt werden." Geschichtliche Dichtung muß für ihn "Vorbild und Gegenwart" sein(115).

Wenn die Bezeichnung "Roman" für einen Großteil der NS-Literatur schon fragwürdig erscheint, so ist die Bezeichnung "historisch" völlig unrichtig. Wollte man die Begriffe korrekt anwenden, so hätte es keinen einzigen nationalsozialistischen historischen Roman gegeben. Treffender wäre es, von einer Epik zu sprechen, die sich historisierender Fabeln bedient. Da sich die Bezeichnung "historischer Roman" jedoch in der Forschung eingebürgert hat und außerdem auf die Traditionslinien der NS-Literatur verweist, soll diese Bezeichnung trotz ihrer Fragwürdigkeit beibehalten werden.

Die NS-Literaturkritik warnt davor, "allzu eilfertig <...> äußere Parallelen zwischen Gegenwart und Vergangenheit" herzustellen; Modernisierungen sollen unterbleiben, statt dessen soll die "ewige deutsche Gegenwart" dargestellt werden(116). Das kann eigentlich nur bedeuten, daß der Autor nicht zu plump vorgehen, den Anschein des Historischen wahren und dabei verdeckt die Gegenwartsideologie unterbringen soll:
Die weltanschaulichen Fragen dürfen nicht erklärt oder diskutiert werden, nein, die Repräsentanten der Weltanschauung, die Kämpfer der Ideen müssen durch ihr Leben aussprechen, was die Haltung beinhaltet.(117)
Der historische Stoff soll demnach seine Differenz zur Gegenwart "unmerklich" verlieren(118).

Der historische Roman dient also nicht der Ausbildung eines historischen Bewußtseins, sondern der Manipulation der Leser für die politischen Ziele der Gegenwart. Hierzu wird er mit Vorliebe auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten. Eine Dissertation von 1937 weist zwar auf die Gefahren hin, die durch "einseitige Parteinahme", "Situationsinteresse" und die "naive Einstellung des Kindes zur historischen Wahrheit" bei der Lektüre solcher Romane auftreten können, plädiert dann aber doch für deren Verwendung(119). Da an den Schulen das Fach Geschichte "den Hauptteil an politischer Indoktrination" übernimmt, gerät es dabei, nach Kurt-Ingo Flessau, zum "säkularisierten Religionsunterricht"(120), in dem der historische Roman gezielt verwendet wird(121). Auch bei Aufbau von NS-Büchereien nehmen historische Romane im relativ kleinen Bereich der schönen Literatur mit einem guten Drittel wohl den bedeutendsten Raum ein(122).

Aufgrund dieser Funktionalisierung und Politisierung setzt sich der nationalsozialistische historische Roman gegen zwei seiner konservativen Vorgänger ab, den Professorenroman und den neuromantischen Roman(123). Der historische Roman soll sich nicht romantisch der Vergangenheit zuwenden, sondern diese zum "Symbol des Gegenwärtigen und zeitlos Gültigen" hochstilisieren(124). Den Professorenromanen Dahns und Freytags wird die Verbürgerlichung der großen Heroen vorgeworfen. Außerdem zerstöre Freytags Positivismus den erwünschten Geschichtsmythos, Freytag und Dahn fühlten sich der Vergangenheit überlegen. Als Vorläufer der eigenen Literatur gilt deshalb eher Stifters "Witiko", da er wie diese einen Mythos beschreibe(125). Obwohl im Dritten Reich diese Romane weiterhin beliebt bleiben, wird mit dieser Kritik die neue Literatur aufgefordert, auf Realismus und Historismus zu verzichten, Geschichte nicht romantisch zu verklären, sondern sie zum ahistorischen Mythos der politischen Gegenwartsprobleme zu
erheben.

Die bedeutendsten NS-Autoren historischer Romane, denen auch die Literaturgeschichten jener Zeit die größten Abschnitte widmen, sind Erwin Guido Kolbenheyer, Hans-Friedrich Blunck und Werner Beumelburg. Von ihnen sind die Vorzeigestücke des historischen Romans zu erwarten(126). Auch die älteren völkischen Autoren - Strauß und Torney, Miegel, Löns, Schäfer, Ernst - werden immer wieder als vorbildlich herausgestellt, für die Neuproduktion historischer Romane nach 1933 bleiben sie jeodch unbedeutend(127).

Der historische Roman bietet wie der Kriegsroman den Vorteil, sich auf reale Ereignisse stützen zu können. Durch das Zitieren der Geschichte soll den ideologischen Mythen des Dritten Reichs Realität verliehen werden. Der von Hans V. Geppert für den historischen Roman als grundlegend beschriebene "Hiatus zwischen Fiktion und Historie"(128), die unaufhebbare Differenz zwischen der Schilderung des Autors und dem "was war", muß überspielt werden: "Wir haben es hier mit dem Bemühen zu tun, diesen Hiatus selbst zu leugnen, eine Identität von Fiktion und Historie zu behaupten"(129). Helmut Vallery analysiert gründlich die Methoden, deren sich der historische NS-Roman bedient, um seinen Realitätsanspruch zu unterstreichen(130). Die wichtigsten sind die Hinweise auf historische Daten und Chroniken, ein ausführliches Lokalkolorit, eventuell eine altertümliche Sprache - besonders bei Kolbenheyer und Schmückle - zur Demonstration der historischen Kenntnisse des Autors und des öfteren eine "wissenschaftliche" Einleitung.

Vallery nennt zwei Hauptmethoden zur Aktualisierung der Geschichte: die Enthistorisierung und den direkten Bezug auf die Gegenwart(131). Obwohl die NS-Literaturkritik die zweite als die plumpere weitgehend ablehnt, finden sich auch dafür einige Beispiele(132). Viel wichtiger ist aber die Enthistorisierung, indem man die Geschichte zur rational nicht zugänglichen Heilsgeschichte macht, vor allem durch die "Heiligsprechung des Dichters", der als Prophet die höheren Wahrheiten verkündet(133). So schreibt die NS-Literaturgeschichte: "Allzeit stiegen die großen Dichter hinab zu den Müttern, um diesen das Geheimnis des menschlichen Daseins abzuringen"(134).

Aus dem nationalsozialistischen Literatur- und Geschichtsverständnis lassen sich demnach einige formale Voraussetzungen für den historischen Roman ableiten. Am idealsten erscheinen klassische "zeitlose" Formen wie Epos und Saga, beispielhafte Ereignisse können auch in Novellen beschrieben werden. Das Epos findet seine höchste Steigerung in der Trilogie, die allerdings nie historische Entwicklung darstellt, sondern einzelne heroische Höhepunkte. Der historische Roman verzichtet damit auf den ihm früher eigenen Entwicklungsgedanken, der für die bürgerlichen Romane Freytags und Wicherts noch charakteristisch war(135). Die historische Handlung wird auf den positiven und heroischen Protagonisten konzentriert, der als Führertypus und Werkzeug des Schicksals ebenfalls keine Wandlung durchläuft. Ein auktorialer Erzählstil, oft durchsetzt mit Kommentierungen, soll die Handlungen des Helden jeder Kritik entheben und gleichzeitig dem Erzähler den Anschein des objektiven Historikers geben. Der vorgetäuschte Realitätsanspruch führt in der Regel zu ausführlichen naturalistischen Schilderungen. Die Sprache selbst ist meistens pathetisch bis pseudoreligiös, um die besondere Bedeutung der Botschaften zu unterstreichen. Das Historische wird zum Ewigkeitswert stilisiert, wobei direkte Propaganda und aufdringliche Aktualisierung vermieden wird. Verzichtet wird auf romantypische Charakteristika, wie Entwicklung und Individualismus. Zurücktreten vor der Verwirklichung der höheren Aufgaben muß auch das private Glück , das im Roman meistens durch eine Liebesgeschichte dargestellt wird.

Die vorliegenden nationalsozialistischen historischen Romane sind auf diese formalen Kriterien hin zu überprüfen. Der wichtigste Punkt bei ihrer Beurteilung bleibt immer noch ihre šbereinstimmung mit der nationalsozialistischen Weltanschauung, deren wesentliche und unveränderbare Elemente die Vorstellung einer hierarchisch gegliederten Gemeinschaft, Heroismus und Irrationalismus sind.

© Frank Westenfelder


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