III.4.1.b. Ostkolonisation

Im Gegensatz zum Bauerntum war die deutsche Ostkolonisation kein Thema, das bis 1918 im historischen Roman größere Beachtung gefunden hat. Wicherts "Heinrich von Plauen"(1881) ist der einzige bekanntere, im Kaiserreich erschienene Ordensroman. Aber Wichert ging es mehr um die innenpolitischen Spannungen einer Klassengesellschaft als um Eroberungen. In den Zwanziger Jahren erfreuen sich historische Romane, die die deutsche Ostexpansion verherrlichen zunehmender Beliebtheit. Diese Umorientierung des deutschen Imperialismus ist ein Resultat des Weltkrieges, in dem die Expansion nach Westen und der Erwerb von Kolonien noch Vorrang hatten. Doch "die Träume von großer Landnahme jenseits der Meere und einer wirtschaftlichen Vorherrschaft in der Welt schienen mit der Flotte bei Scapa Flow untergegangen zu sein" (167). Hinzu kommt, daß der Krieg an der Ostfront sehr erfolgreich verlaufen ist. Mit dem Frieden von Brest-Litowsk versucht sich Deutschland eine Reihe östlicher Satellitenstaaten zu schaffen (Finnland, Baltikum, Polen, Ukraine).

Die starke Aggression in Richtung Osten entpuppt sich weniger als historische Kontinuität denn als Notlösung(168); da die Industriegebiete und Häfen im Westen nicht zu haben sind, beschränkt man sich auf den Lebensraum im Osten, der unter den Kriegszielforderungen noch zweitrangig gewesen ist. Die großen Gebietsverluste an Polen und die Nachkriegskämpfe der deutschen Freikorps im Baltikum und in Schlesien halten das Interesse an einer Revision der Ostgrenzen zusätzlich wach.

Neben der fragwürdigen Erkenntnis, daß Deutschland eine expansive Ostpolitik an Stelle der Kolonialpolitik hätte betreiben müssen, rückt durch den Weltkrieg ein neuer Aspekt in den Vordergrund: das Selbstbestimmungsrecht der Völker. So atavistisch die propagierte Siedlungspolitik auch klingt, sie ist unter anderem die logische Konsequenz der Auflösung der Donaumonarchie. Will man Gebiete erfolgreich annektieren, so geht das nicht mehr wie zur Zeit der polnischen Teilungen; man muß die einheimische Bevölkerung vertreiben und durch Menschen der eigenen Nationalität ersetzen. Die Romantiker sind einem eigenständigen Slawentum noch positiv gegenübergestanden. Der antislawische Rassismus ist erst als Reaktion auf die Autonomiebestrebungen der slawischen Völker entstanden. Rasse bedeutet hier zunächst Nationalität, wie "Germanisierung" eigentlich "Eindeutschung" bedeutet. Die zahlreichen slawischen Namen im Ruhrgebiet oder im preußischen Offizierskorps stören ja offensichtlich niemanden, wichtig sind nur Sprache, Religion und Nationalgefühl. Die nationale, eventuell rassisch legitimierte Siedlungspolitik ist also - trotz ihres Irrationalismus - ein Ergebnis moderner Staatsräson.

Während der Weimarer Republik verstärkt sich die Landflucht, und die Landwirtschaft muß immer stärker auf polnische Wanderarbeiter zurückgreifen. Dagegen propagieren völkische Kreise immer wieder die Notwendigkeit einer Siedlung im Osten. Als historisches Vorbild wird dabei auf den deutschen Ritterorden verwiesen, der einerseits die gewaltsame Landnahme legitimiert, andererseits die Funktions eines Bollwerks gegen die "Flut" aus dem Osten gehabt haben soll(169). Am deutlichsten kommt dies in der Artamannenbewegung zum Ausdruck, in der beide Ideen zusammenfallen. Man definiert sich selbst als "ritterliche Kampfgemeinschaft auf deutscher Erde", der Kampfplatz soll der deutsche Osten sein (170). Ganz in der Tradition der mittelalterlichen Ostkolonisation bereitet man sich auf die Rolle als Wehrbauern vor(171):

Es konnte nicht ausbleiben und war bei der Befangenheit in einem fiktiven deutschen Mittelalter nur konsequent, daß die Artamanen bei den Aufrufen für eine "Ostlandzukunft" des deutschen Volkes immer wieder auf die mittelalterlichen Kolonisationszüge nach Osten hinwiesen.(172)
Der Pole, der Slawe, wird im historischen Roman zum Feindbild, dem nur Negativeigenschaften angehängt werden. Polen werden als dunkle, feige, sinnliche und zigeunerhafte Typen beschrieben (173). Daß die polnische Bevölkerung im Durchschnitt wesentlich heller und blaublonder ist als zum Beispiel die süddeutsche, weiß zwar die völkische Rassenkunde, die Literatur verzichtet jedoch auf diese Einsicht, damit das Feindbild stimmig bleibt(174).

Durch die Bedeutung einer expansiven Ostpolitik und die vehemente Ablehnung westlich-römischer Zivilisation bekommt das sybelsche kleindeutsche Geschichtsbild für die Völkischen zentrale Bedeutung. Karl der Große - als "Sachsenschlächter" diffamiert - unterdrückt im Namen der katholischen Kirche die heidnischen Niedersachsen. Die Niedersachsen sind für die Völkischen der germanische Stamm par excellence.

Eine typisch völkische Geschichtsinterpretation zu diesem Thema ist Hermann Löns' Erzählung "Die rote Beeke"(1912). Löns beschreibt die Hinrichtung der 4500 gefangenen Niedersachsen durch die Henker Karls des Großen:
Viertausendfünfhundert blonde Köpfe sind fällig. Viertausendfünfhundert Hälse sind in Gefahr. Viertausendfünfhundert Männerherzen stehen still. Neuntausend blaue Augen brechen. (175)
Die stete Wiederholung der großen Zahl im Zusammenhang mit blauen Augen und blondem Haar soll Karls ungeheures Verbrechen an der germanischen Rasse hervorheben. Karl, der "aiske Schlächter" (176), ist für Löns längst kein Germane mehr. Er gleicht einem orientalischen Herrscher und umgibt sich mit "Knaben mit geschminkten Gesichtern", "gallischen Metzen" und Mohren; im Gegensatz zu den gesunden Niedersachsen ist er bereits total degeneriert. Er ist ein "fetter Mann" mit einem "blassen dicken Gesicht", und "Südlands Wein und Südlands Weiber machten seine Glieder lahm"( 177). Ähnliche Positionen zu Karls Sachsenkriegen findet man in den allerdings weniger erfolgreichen Romanen von Blunck und Jansen(178).

Den Konflikt zwischen Heinrich dem Löwen und Barbarossa beschreibt aus extrem völkischer Sicht Werner Jansen in seinem Roman "Heinrich der Löwe"(1923). Barbarossa ist hier zwar ein großer Mensch, aber jede Realpolitik scheint ihm fremd zu sein. Einmal setzt er sich sogar - der mittelalterliche Kaiser als Humanist - für das "Recht der Vielen" ein, worauf Heinrich die völkisch-antidemokratische Position vertritt:
"Welche Vielen meinst du? Die Fürsten? Die Kirche? Den Adel? Bauern oder Unfreie? Die Klugen, die Dummen? Die Guten, die Schlechten? Willst du ihre Stimmen zählen? Dann würden die Schafe den Hirten hüten! Und Hirt und Herde stürben Hungers. Nein, Friedrich, der Stärkste hat Recht, und nur der einzelne ist stark."( 179)
Während die anderen Reichsfürsten - Adel und Klerus - nur egoistisch ihre eigenen Interessen verfolgen und das Bündnis zwischen Friedrich und Heinrich zum Schaden des Reiches zerstören, ist Heinrich ein "Bauernherzog", der sich nur für die Aufzucht germanischer Menschen interessiert:
"Ich will nichts als ein mächtiges Stammland, einen deutschen Norden,einig vom Rhein bis zur Weichsel, einen gesunden Boden voll drängenden Blutes, eine Quelle deiner Heere, wenn du welche brauchst, einen Wall für deine Feinde, wenn sie dich allzu stark pressen. Soll ich nach den Welschen schauen,indes mir oben die slawischen Horden das deutsche Edelblut erdrücken? Ich habe genug an meinen eigenen dunklen Haaren und will meine Völker rein und licht."(180)
Die Slawen sind alle "ekle Schwarzköpfe"(181) bis auf Heinrichs slawischen Schwiegersohn; der Renegat ist blond und tapfer. An der Italienpolitik Barbarossas ist der Kampf gegen den Papst das einzig positive(182).

Jansens Religionsvorstellungen, die er in Heinrich hineinprojiziert, sind offensichtlich vom Fronterlebnis des Weltkrieges geprägt. Heinrich bewundert eine geschnitzte Christusfigur als Sinnbild nordischen Glaubens: "dieser tapfere Heiland aus den Eichenwäldern Niedersachsens" ist kein Gott der Gnade, "der aus offenem Munde in seiner Stummheit gellend und laut Triumph lacht über die Welt und ihre aller Opfer spottende Torheit"(183).

Zur Beschreibung der Ostkolonisation werden jedoch Romane über den deutschen Ritterorden bevorzugt; dabei verbinden sich Expansionsforderungen mit Elitevorstellungen, preußische Geschichtstraditionen mit aktuellen politischen Ereignissen. Die beiden bekanntesten Ordensromane - Werner Jansens "Geier um Marienburg" (1925) und Wilhelm Kotzdes "Die Burg im Osten"(1925) - behandeln ungefähr denselben Zeitraum wie Wicherts "Heinrich von Plauen", der beiden wohl als Vorlage gedient hat, was in Jansens Roman bis zur Gestaltung einzelner Figuren nachzuweisen ist(184).

Bei Jansen deutet schon der Titel auf die bedrohte Situation des Ordens, der von der Gier des Polenkönigs und dem Egoismus der Stände bedroht ist. Der deutsche Ritterorden ist zwar auf dem Höhepunkt seiner Macht, denn das Ordensziel ist erreicht, aber gerade durch den Mangel an Aufgaben breiten sich Dekadenz und Zuchtlosigkeit unter den Rittern aus, worin die Haupturache für ihr Scheitern liegt. Der Roman beginnt bezeichnenderweise mit dem Satz: "Das Fest ward Trunkenheit"(185) und der Beschreibung eines Gelages auf der Marienburg. Dieser Sittenverfall verhindert die Retttung des Ordens durch Heinrich von Plauen: "Aber nun müssen Jahrhunderte an diesen stinkenden Schlemmern scheitern" (186).

Der zweite große Fehler des Ordens ist sein Festhalten am Zölibat, durch das wertvolles Blut vergeudet wird: "Zweihundert Jahre lang habt ihr die Blüte des deutschen Adels entmannt, und jetzt wundert ihr euch über die Früchte"(187). Aus diesem Grund hält Heinrich von Plauen seinen Vetter davon ab, Ordensmitglied zu werden. Der einzige Ausweg wird in der Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum - Preußen - gesehen: "-säße ich an euerer Stelle, ich tauschte das Mönchskleid mit dem Herzogsmantel. Tuts, und Preußen ist Euer!"(188).

Diejenigen, die laufend diese guten Ratschläge verteilen, sind das positive Gegenbeispiel zu den Ordensrittern, die bäuerlichen Blut- und Bodenritter von Tepper: "Von den dürren Gelenken hingen die schaufelförmigen Hände schwer und bäuerlich wie bei dem Sohn"(189). Die Hoffnung des Romans ist der unehelich im Gefängnis gezeugte Sohn von Heinrich von Plauen und Swolke von Tepper. Swolke - die reine, junge, blonde Frau( 190)- erkauft sich einen Gefängnisaufenthalt bei Heinrich von Plauen, um seinen Erben zu empfangen: "Aber ich will sein Blut in meinem Blute fühlen, ich will - ja Vater, ich will ein Kind von seinem Fleisch und Blut!" (191).Zum Zwecke der Fortpflanzung ist die körperliche Liebe das einzige Mal positiv besetzt, sonst tritt sie nur in der Negativgestalt der schwarzhaarigen Frau in Erscheinung. Die Polin Jascha wird als Gegenbild zu Swolke dargestellt: "Er dachte kaum an Orden und Gelübde, doch daß er die Süße und Reine, daß er Swolke in den Armen einer polnischen Dirne in den Staub gezogen hatte, das war seine Qual und Marter"(192). Der Verführte ist nicht Heinrich von Plauen, sondern der Hochmeister Ulrich von Jungingen. Das zweite Mal verführt ihn Leonore von Renys - auch sie ist dunkel und hat "große, leidenschaftliche, saugende Augen"(193)-, die Tochter des Führers des Eidechsenbundes Nikolaus von Renys. So wird die Libido mit zur Ursache des Verrats der Eidechsenritter während der Schlacht von Tannenberg; Ulrich von Jungingen erlangt seine Reinheit erst durch den Heldentod wieder.

Auch mit anderen Topoi geht Jansen nicht kleinlich um. Der Hinweis auf das Reich entfällt zugunsten Preußens und Deutschlands: "Es geht nicht mehr um den Orden, nicht mehr um das gegenwärtige Geschlecht - es geht um Preußen, um mehr, um Deutschland"(194). Heinrich von Plauen ist der übermenschliche Führer, an dessen eisernem Willen der polnische Sturm auf die Marienburg scheitert: "Der eine Mann ist mehr als ein Heer"( 195). Das Volk, die Bürger und Bauern, ist gesund, nimmt aber im Roman keinen großen Raum ein..Es geht mehr um die Ursachen der Niederlage, und die liegen beim Orden, der durch sein schlechtes Beispiel die Selbstsucht der Untertanen provoziert hat:
"Wir, wir selbst geben das schlechte Beispiel. Nichts ist trauriger als eine Herrschaft, die nicht dienen kann und will. <...> Herrschaft muß sein, aber sie muß dem gemeinen Wohl dienen - ja, sie muß dienen."(196)
Heinrich von Plauen propagiert hier Spenglers "preußischen Sozialismus".

Heroismus und Kriegsverherrlichung sind ebenfalls ein wesentliches Element des Romans. Seitenlang wird pathetisch die Schlacht von Tannenberg beschrieben. Der naive, sich an Heldensagen orientierende Stil offenbart den reaktionären, anti-modernistischen Charakter des Romans.
Rings um ihn sanken die Freunde, er aber focht mit leuchtenden Augen, und mit jedem Schlage dünkte ihn seine Seele heller. Mit einem Male fuhr ein feurige Lohe mitten in seine Brust, er fühlte sich pfeilschnell emporgehoben, und lächelnd trat er vor Gott.(197)
Obwohl es auch unter den Polen ritterliche Helden gibt, ist die Botschaft des Romans rassistisch. Der deutsche Ritterorden wird nicht als mittelalterliches Fürstentum gesehen, er hat nur die Aufgabe, das deutsche Volk "gegen die mordgierige Welle der Slawen"(198) zu verteidigen. Bei der Beschreibung eines Verräters am eigenen Volk - bezeichnenderweise ein Bischof - verfällt Jansen völlig in rassistische Trivialwertungen:
Inzwischen stand vor dem Statthalter der Bischof Johannes von Kujavien, schwarzhaarig, mausäugig, die breiten gelben Backenknochen vom fetten Leben vertalgt,mit Spangen und Ringen behangen wie eine Dirne.(199)
An der Charakterisierung der Bischöfe, die fast alle mit den Polen paktieren, erkennt man die kirchenfeindliche Haltung. Im Gegensatz zu ihrem verlogenen Katholizismus steht die tiefe - völkische - Frömmigkeit Heinrichs, der "ohne die Krücken des geschriebenen Wortes"(200) Gott in seinen tausend Gestalten sieht.

Jansen häuft Ideologeme aus dem Umfeld der gesamten Konservativen Revolution: Führerprinzip, preußische Dienstauffassung, Innerlichkeit, Heroismus und Rassismus. Das und die unerträgliche Schwarzweißmalerei machen die Trivialität des Romans aus. Wegen der Dominanz der Blut- und Boden-Ideologie kann man ihn als völkisch bezeichnen, obwohl mit der Propagierung des preußischen Dienst- und Staatsgedankens bereits Übergänge zum nationalsozialistischen Roman erkennbar sind.

Noch eindringlicher für die völkischen "Anliegen" der Gegenwart wirbt Wilhelm Kotzde mit seinem Roman "Die Burg im Osten". Eine Widmung läßt keinen Zweifel, welchen Ideen und Zielen der Roman dienen soll. Kotzde huldigt jenen Männern,
welche den deutschen Osten vor der Vernichtung durch asiatische Horden mit dem Schwert bewahrten, Paul von Hindenburg und Erich von Ludendorff, danke ich den vielhunderttausend Toten aus unserm Blut, die des weiten Ostens Erde deckt, grüße ich jenen Kommenden, der verlorenen deutschen Volks- und Kulturboden zurückgewinnen und uns das Tor nach dem Osten aufschlagen wird - ein Land gehört jenem, der ihm die höchste Kultur gibt.
Der Ritterorden hat nicht nur die Funktion eines Bollwerks, sondern dient auch der expansiven Landnahme, die von Kotzde mit der angeblichen Überlegenheit der deutschen Kultur legitimiert wird. Die Hinweise auf die eigene Überlegenheit sind fast immer mit einer haßerfüllten rassistischen Abwertung der Polen verbunden:
Das Land wäre lange zugrunde gegangen, wenn die deutschen Bürger nicht hereingekommen ären. Denn dieses Volk (=Polen,d.Verf.) hat mitten in seiner Seele eine Kraft, die nicht aufbaut, sondern zerstört, die Siege feiert und danach alles zersprengt: das ist der Haß. Dieses Volk lebt vom Haß und wird an ihm sterben.(201)
So wie diese Attacken vom Ende des Weltkrieges geprägt sind, weiß der Hochmeister auch schon um die zukünftigen Gegenmaßnahmen - die polnischen Teilungen(202). Unter dem Eindruck der Nachkriegskämpfe deutscher Freikorps im Baltikum steht die positive Bewertung der Litauer. Sie kämpfen eigentlich nur wegen der verfehlten Politik ihrer Fürsten gegen die Deutschen, denn ihre historische Bestimmung - ihr "Heil" - liegt im Anschluß an das deutsche Reich(203). Daß es sich bei dem Krieg zwischen Polen und dem deutschen Ritterorden eigentlich um einen Rassenkampf handelt, verdeutlicht Kotzde damit, daß der Polenkönig seine Männer auffordert, deutsche Frauen zu vergewaltigen, um das deutsche Volk zu verderben(204).

Eine Kritik an der Politik des Ordens oder an seinen überholten sozialen Strukturen findet nicht statt. Der Orden erliegt heroisch dem feindlichen Verrat und einer erdrückenden Übermacht. Die schweren sozialen Spannungen, die letztendlich zum Bündnis des Landadels und der Städte mit Polen führen, werden von Kotzde ausgeklammert - der Roman endet mit der erfolgreichen Verteidigung der Marienburg. Was an inneren Konflikten nicht zu unterschlagen ist, entrückt Kotzde in den Bereich des Mythos. In dem Kapitel"Die Töchter des Trugs"(2O5) beschreibt er zwei dunkle, sinnliche Frauen - offensichtlich Polinnen -, die wie apokalyptische Reiter das Land durchstreifen und Zwietracht säen. Unbeirrt kann sich der Hochmeister über die Ansprüche der Stände hinwegsetzen, das Klasseninteresse wird im völkischen Mythos zum Sündenfall:
Es gehen zwei Dirnen durch die Welt, sie heißen Lüge und Verrat. Sie buhlen mit trügerischer Schönheit <...>.Die Dirnen fanden den Weg in unser Land, ich weiß es wohl. Nichts hat mein Herz also erschüttert, denn daß auch Deutsche mit ihnen buhlten. Solange die beiden nicht aus der Welt geschafft sind, wird es keinen wahrhaften Frieden geben.(206)
Mit dem Hinweis auf Wicherts "Heinrich von Plauen"(207) läßt sich am besten die neue politische Zielsetzung des Ordensromans der zwanziger Jahre belegen. Für Wichert liegt die Ursache für die Niederlage des Ordens im Versäumen von innenpolitischen Reformen; der positive Mahner des Romans ist deshalb der Danziger Bürgermeister Konrad Letzkau, den Jansen als Verräter vorführt. Der Roman fordert als Konsequenz der Ordensgeschichte die Machtbeteiligung des Bürgertums. Auch Jansen zeigt "Fehler" des Ordens, in der Dekadenz der Elite, dem krankhaften Festhalten am Zölibat und der damit verbundenen Vernachlässigung des völkischen Zuchtgedankens. Sein Heinrich von Plauen überwindet das Gelübde und hat, nach seiner Niederlage, zumindest sein "Blut" weitergegeben. Für Kotzde gibt es keinerlei Zweifel an der Struktur und den Zielen des Ordens, er wird nur von den teuflischen Trieben Selbstsucht und Verrat aufgehalten, hinterläßt aber den gegenwärtigen Deutschen die Verpflichtung seine Politik wieder aufzunehmen. Kotzdes Roman enthält auch die stärksten rassistischen Angriffe gegen die Polen und die "asiatischen Horden". Bei Jansen äußert sich der Rassismus eher im Zuchtgedanken, während Wicherts Roman noch frei davon ist.

© Frank Westenfelder


MAIN & INHALT