III.2. Revolution und Verlust der Ordnung

Für die Konservativen aller Couleur liegen die Ursachen der militärischen Niederlage nicht in Fehlern der alten Führungsschicht, sondern im erneuten Aufbrechen der alten Klassen- und Parteiengegensätze. Erst dieser Egoismus der einzelnen Interessengruppen führte angeblich zur Revolution und damit zur Niederlage im Krieg. Uneinigkeit und Revolutionsangst sind dann auch zentrale Themen der in den ersten Jahren der Weimarer Republik erscheinenden historischen Romane. Paul Schreckenbach beschreibt in direkter Analogie zur Weltkriegssituation diese ewige Drama der deutschen Uneinigkeit in seinem Roman "Das Recht des Kaisers"(1922). Der Sohn Heinrich des Löwen belauscht ein Gespräch, das die Schwester des dänischen Königs mit ihrem Liebhaber führt:

"Die Deutschen sind das dümmste aller Völker, und die deutschen Fürsten sind eigentlich allesamt ehrlose Gesellen. <...> Denn sie sind allzumal Rebellen gegen ihren Herrn, den Kaiser, heute der eine, morgen der andere."
"Das sind sie ohne Zweifel", bestätigte die Königstochter. "Aber ist es nicht gut für uns, daß sie es sind? Wären sie es nicht, so müßten wir den Deutschen dienen und gehorchen, und wir nicht allein, sondern alle Völker. Wenn die Könige von Frankreich und England zu Freunden würden und ihre Heere zusammen ausziehen ließen, sie könnten nichts ausrichten gegen die Deutschen und ebenso die ungeheuren Schwärme der Slawen und Sarazenen."(28)
Der schweizer Autor Heinrich Federer schreibt vornehmlich christliche Legenden um Heilige, den Knaben Jesus und Mutter Maria, nur in seinem "Fürchtemacher"(1919) zeigt er die Lösung einer revolutionären Situation, allerdings auch in der altertümlichen Form der Heiligenlegende. Im Konflikt zwischen schweizer Bauern und städtischem Patriziat schürt der Teufel, der Fürchtemacher, höchst persönlich die Klassengegensätze, aber der heilige Nikolaus von Flüe vermittelt zwischen der "weißen Herrenpartei" und den "Roten oder Bäuerischen"(29). Einer der Bauernführer wird nach ehrlicher Reue enthauptet; sein in den Schnee vergossenes Blut erweicht die Herzen der Herren, und sie beschließen daraufhin mildere Gesetze(30). Zum Schluß bereut auch der Haupträdels- führer: Er wollte "nach dem Herrentöter selber Herr werden"(31). Im Gegensatz zu den nationalistischen oder völkischen Autoren verzichtet der Katholik Federer auf aggressiven Heroismus. Die ständische Ordnung ist allerdings für ihn gottgewollt und jeder Aufruhr ein Werk des Teufels, vorkommende Ungerechtigkeiten können nur durch ein mitleiderregendes Opfer oder die Vermittlung einer kirchlichen Instanz beseitigt werden.

Die revolutionären Unruhen der ersten Jahre der Weimarer Republik und die Erfolge der Roten Armee halten die Furcht des Bürgertums vor Umstürzen wach. Zur Darstellung der Revolutionsproblematik im historischen Roman erweist sich der deutsche Bauernkrieg als besonders geeignet. Für die Zeit nach 1918 ist ein flutartiges Anschwellen der Bauernkriegsliteratur festzustellen(32). Da es im historischen Roman nach wie vor üblich ist, auch Massenbewegungen auf große Führer zu reduzieren, werden zwei historische Figuren zu Gegensätzen des politischen Gegenwartsinteresses hochstilisiert: Thomas Münzer und Florian Geyer(33). Florian Geyer gilt seit Hauptmanns gleichnamigen Drama von 1896 als idealistischer Führer der geknechteten Bauern. Seine adlige Herkunft und die Tatsache, daß er mit seiner schwarzen Schar über die einzige disziplinierte und militärisch tüchtige Truppe der Bauern verfügt hat, erleichtern in bürgerlichen Kreisen seine Anerkennung als tragischer Held. In der Literatur der Weimarer Republik wird er zum Kämpfer gegen die Selbstsucht der Fürsten und für ein einiges, ständisches Reich(34). Doch direkt nach 1918 dominiert noch die Angst vor der Revolution, das Interesse sie ideologisch selbst zu benutzen entsteht auf konservativer Seite erst nach dem gescheiterten Kapp-Putsch; danach erscheinen auch wieder historische Romane um Florian Geyer(35), der zunächst zum Vorbild der Nationalrevolutionäre wird, um dann im Zweiten Weltkrieg zum Namenspatron einer SS-Division aufzusteigen. Dagegen sind "Münzer" und "Mühlhäuser Schwarmgeister" Schlagworte, mit denen schon im Kaiserreich Arbeiterbewegung und Streiks als "revolutionäre Entartung" kritisiert wurden. Nach der Novemberrevolution macht man sie zu Vertretern von Rätesystem und radikalem Sozialismus(36).

Die konservativen Autoren suchen die Schuld an den Unruhen nicht nur beim Volk oder den Aufrührern, sondern auch bei der Herrschaft. Eine Erzählung von 1924 bringt dies zum Ausdruck:
Es wird hohe Zeit, höchste Zeit, daß wir alle, die wir doch des Volkes Haupt und Hirn sein wollen,ein Einsehen haben und und es also führen, daß es gerecht und verständig bleiben mag - sonst ist allzu gewiß, daß einmal andere kommen, die nicht so sanft die Flöte blasen wie das Pfeiferlein tat, und es wird ein übles Tanzen werden, niemand zu Nutze und allen zum Verderben(37).
Als Lösung wird nicht eine demokratische Machtbeteiligung des Volkes gefordert, sondern eine "gute", patriarchalische Herrschaft nach dem Muster von Bismarcks Sozialgesetzgebung. Trotzdem klingt Kritik am Adel an, der in seiner Führungsfunktion versagt habe. Die Hilflosigkeit des konservativen Bürgers verrät sich vor allem dadurch, daß der Adelsherrschaft nichts Eigenständiges entgegengesetzt werden kann und man sich deshalb auf die Forderung nach moralischer Besserung beschränken muß.

Die Flucht des Kaisers und der totale Rückzug der Fürsten in der Krise lassen in konservativen Kreisen das Gefühl aufkommen, im Stich gelassen worden zu sein. Hans Franck stellt die Frage nach dem echten Adel der Fürsten:
Wieviele aber von diesen Hunderten und Aberhunderten haben solchen Gottesgnadenglauben durch das Siegel eindeutiger Taten bekräftigt? Haben, wenn der Sturm des Aufruhrs ihren morschen Thron umstieß, wenn die Brandfackel des Krieges sie aus ihrem Schloß, ihrer Hauptstadt, ihrem Land vertrieb, angeborenes, von ihnen untrennbares Übermenschentum nicht abgelegt wie einen aus der Mode geratenen Mantel, einen verschlissenen Rock, ein Nessusgewand, das ihr bißchen allermenschlichstes Leben gefährdete?(38)
Franck hält diesen Fürsten das Beispiel von Friedrich August von Anhalt-Zerbst entgegen, der im Siebenjährigen Krieg sein Land verläßt, weil er sich gegen die Großmacht Preußen nicht durchsetzen kann, und nach der Enthauptung Ludwigs XVI. bis zum Tod die Nahrungsaufnahme verweigert. Er beweist so "sein wahrhaftes, sein blutgeborenes Herrschertum"(39).

Die Thematisierung sozialer Konflikte im historischen Roman ist zu Anfang der Weimarer Republik noch eine Domäne älterer wilhelminischer Autoren, die immer wieder auf die bekannten autoritär patriarchalischen Lösungen zurückgreifen. Die erfolgreichsten Romane sind Ludwig Diehls "Suso"(1921), Paul Schreckenbachs "Michael Meyenburg" und "Wildefüer"(beide 1919) und, eine Sonderstellung einnehmend, Walter Bloems "Gottesferne"(1920).

Diehls Roman um den Mystiker Heinrich von Seuse handelt zwar in erster Linie von deutscher Seelentiefe und Innerlichkeit(40), beschreibt aber auch eine Revolte der Konstanzer Bürger gegen das städtische Patriziat. Den Aufstand führt der Stadthauptmann Burgtor; aus "armer, niedriger Familie" hat er sich emporgearbeitet und möchte nun noch höher steigen: "wie viele Strebsame und Tüchtige gibt's aber, die ihr ganzes Leben lang in ihrer Niedrigkeit bleiben müssen, der Hohen wegen"(41). Die Patrizier werden vertrieben, aber der neue Stadtrat, mit Burgtor als Bürgermeister, scheitert an der Selbstsucht und Unfähigkeit der Bürger. So muß man am Ende den Adel reumütig zur Rückkehr bewegen.

Schreckenbach beschreibt in "Michael Meyenburg" und "Wildefüer" zwei Machtmenschen, die die Politik ihrer Stadt maßgeblich beinflussen. Der katholische Ratsherr Michael Meyenburg wird durch Luthers Standhaftigkeit in Worms zum Protestantismus bekehrt. Unter seinem Einfluß verbreitet sich die neue Lehre schnell in seiner Heimatstadt Nordhausen. Meyenburg kämpft gegen die "Mühlhäuser Schwarmgeister"(42) im Innern und verteidigt den Protestantismus gegen den Kaiser nach außen und bestimmt so als autoritärer Patriarch maßgeblich das Geschick von Nordhausen. Ein ähnlicher Patriarch ist Wildefüer, der Bürgermeister von Hildesheim. Er hält gegen den Willen der Bevölkerung am katholischen Glauben fest. Er stemmt sich gegen die neue Religion und unterdrückt dabei Stadt und Familie. Erst dem Lutheraner Christof von Hagen gelingt es, Wildefüer durch einen Volksaufstand zu entmachten. Doch auch er beabsichtigt nicht eine Machtbeteiligung des Volkes: "Jetzt, schon wenige Wochen nach dem Aufstande, machte er die bittere Erfahrung, daß jeder, der seine Macht dem Volke verdankt, bald nach der Pfeife des Volkes tanzen muß"(43). Bei Schreckenbach ist das Volk immer egoistisch und kurzsichtig; zur Regierung bedarf es deshalb des vorausschauenden und selbstlosen Führers, den Schreckenbach schon 1911 mit seinem "König von Rothenburg" beschrieben hat. Selbst der reaktionäre Katholik Wildefüer steht noch hoch über dem kleinlich-egoistischen Hildesheimer Bürgertum, von dem "mancher weniger das Evangelium als die Besserung seiner äußerlichen Lage im Auge hatte"(44).

Weniger diese Ideale als eben dieses Eigeninteresse ist in Bloems Roman " Gottesferne" das wesentliche Handlungsmotiv. Die Würzburger Bürger erheben sich gegen die Herrschaft des Bischofs. Der Kampf überdeckt aber nicht wie gewohnt die Klassengegensätze, sondern bringt sie erst richtig zum Ausbruch. So steht der erste Teil des Romans unter dem Motto "alle Menschen haben recht", was besagt, alle Menschen urteilen aus ihrer Situation heraus. Der zweite Teil des Romans steht unter dem Motto "alle Menschen haben Unrecht"; das spielt auf den Schluß des Romans an, wo die nackte Gewalt siegt und nach Recht nicht mehr gefragt wird.

Der Roman weist des öfteren auf die materiellen Grundlagen hin, die zu den Klassengegensätzen führen. Der eigentliche Streit entsteht wegen einer neuen Steuer, die der Bischof einführen will, und gegen die sich das selbstbewußte Bürgertum wehrt: "Wir arbeiten und die anderen vertun bloß"(45).Aber gleichzeitig fürchten die Patrizier, ihre eigenen Privilegien mit dem niederen Volk teilen zu müssen: "Aber immer noch besser des Bischofs Hand als die Faust der Gasse!"(46) Diese Meinung setzt sich jedoch nicht durch; die Patrizier Fritz Schad und Jacob vom Löwen werden zu den Führern des Volkes im Kampf gegen den Bischof. Der Kampf des Bürgertums wird durchaus als etwas Progressives dargestellt, auch der Anspruch auf Machtbeteiligung scheint berechtigt, während die Ritter schon "verstaubte Vergangenheit" sind(47). Die eigentlichen Verräter sind die alten Patrizier, die fast alle zum Feind überlaufen, während ihre Söhne im Kampf für die Stadt fallen(48). Die Rache der Sieger ist grausam: Die Blüte des Bürgertums liegt erschlagen, viele werden hingerichtet oder zu Tode gefoltert, die Hoffnung auf eine positive Entwicklung scheint für Jahrhunderte erstickt.

Während der Adel nur noch seine eigenen Ziele verfolgt, halten die aufstrebenden Städte "in Treue zu Reich und Kaiser"(49). Im Bürgertum, "Trägerin der Reichsmacht" gegen den Partikularismus der Fürsten, artikuliert sich das Selbstbewußtsein des liberalen Bürgertums der wilhelminischen Ära, wie schon Buhr mit Bezug auf die Hanseliteratur dieser Zeit festgestellt hat(50). Auffallend ist auch, daß die Bürger unter einer schwarz-rot-goldenen Fahne kämpfen, womit sich Bloem von der üblichen nationalistischen Position entfernt(51).

Was Bloems Roman vor allem von anderen konservativ-nationalen Romanen abhebt, ist sein, zumindest teilweise noch vorhandenes, geschichtliches Fortschrittsdenken, das Bekenntnis zu gesellschaftlichem Wandel sowie die relativ wertfreie Beschreibung der Klasseninteressen. Die Herrschaft der Zünfte nach dem Umsturz hat zwar auch verheerende Auswirkungen, aber die Protagonisten bemühen sich weiterhin um eine Verbesserung der Lage, während der verräterische Stadtadel mit dem Bischof konspiriert. Die Führer der Würzburger sind auch keine Schreckenbachschen Übermenschen; erst in der Krise nehmen sie ihre Position ein. Der Weinhändler Fritz Schad wird in der Schlacht zum richtigen Führer: "und er fühlte, wie irgend etwas in ihm emporstieg, das er nie gekannt, von dem er nie gewußt, daß es in ihm schlief"(52). Er ist aber damit nur ein Exponent seines Volkes, denn fast alle Bürger kämpfen heroisch.

Aber gerade in Schilderung von Volk, Führer und deren blutsmäßiger Verankerung verrät Bloem seine Nähe zu völkischem Gedankengut. Alle Würzburger sind "ein Stamm trotziger, der Barbarei ihrer Ahnen noch immer nicht ganz entwachsener Germanen, die sich die Franken, die Freien, nannten, unbändig nur dem eigenen Drange gehorchend"(53). Im Gegensatz zu den germanischen Franken werden die Tschechen rassistisch abgewertet; der kaiserliche geheime Rat Borziwoi ist ein besonders verkommenes Exemplar(54).

Während Federer, Diehl und Schreckenbach jeden Umsturz zugunsten der alten Obrigkeit ablehnen, scheint Bloem doch zumindest eine Art ständisch-bürgerlicher Herrschaft anzustreben. Der konservative Katholik Federer wählt zur Darstellung seines religiös begründeten Welt- und Herrschaftsmodells die Heiligenlegende, in der das persönliche Mitwirken des Teufels die Fragen nach Recht und Unrecht erübrigt. Diehl und Schreckenbach halten völlig am Muster des Entwicklungsromans fest, konzentrieren die Handlung um ein herausragendes Individuum, das sich dann innerhalb seines Wertesystems verwirklicht. Sie demonstrieren damit eine Weltsicht, die bemüht ist, die Folgen des Weltkrieges zu ignorieren, obwohl die Sturheit, mit der Schreckenbachs Helden an ihrer Überzeugung festhalten, gewisse Auflösungserscheinungen dokumentiert. Im Vergleich dazu beschreibt Bloems Roman eine Katastrophe. Bloem verzichtet auf einen zentralen Helden, die Liebesgeschichte endet, wie auch der bürgerliche Befreiungsversuch, in Unglück und Tod. Das Wissen um Recht und Unrecht hält den materiellen Interessen nicht stand und wird zuletzt mit Gewalt geregelt, wobei sogar der Bischof zur Erkenntnis kommt, daß auch ihm dieses Wissen verlorengegangen ist. Die besonnenen Führer zeichnen sich über weite Strecken durch ihre Hilflosigkeit aus und werden mehr von den Verhältnissen getrieben, als daß sie diese bestimmen. Gerade durch die Darstellung dieser Hilflosigkeit ist Bloems Roman der einzige der untersuchten, der auf den Zusammenbruch von 1918 wirklich reagiert.

© Frank Westenfelder


MAIN & INHALT