II.4.2. Flucht in die Idylle

Der historische Roman reagiert allerdings nicht nur mit völkischen Blut-und-Boden-Alternativen auf die Moderne; die eher neuromantischen Autoren versuchen, den Problemen der Gegenwart auszuweichen oder sie zu harmonisieren. Zur Darstellung dieser Idyllen bevorzugt man ein romantisiertes Mittelalter, ganz im Gegensatz zum völkischen Bauernroman. "Es lag ganz auf dieser Linie, wenn die mittelalterliche Stadt oft als eine `in sich geschlossene, konfliktlose Gemeinschaft' dargestellt wurde"(132). In den Schulgeschichtsbüchern der Zeit wurden die Probleme der mittelalterlichen Stadt, die mit der Emanzipation des Bürgertums zusammenhingen, wie Loslösung von Stadtherren oder Ständekämpfe, kaum oder nur harmonisierend behandelt. Oft offenbart sich eine regelrechte"Revolutionsfurcht" und eine "ausgesprochen negative Haltung gegenüber den `demokratisch' regierten Städten"(133). Das Mittelalter erscheint als Idealbild des wilhelminischen Deutschlands; es scheint nichts grundlegend anders gewesen zu, nur eben alles besser, größer und schöner: Kaiser und Reich, die deutsche Mystik, das Rittertum, die deutsche Gotik, die romantischen Städte und zufriedene Bürger und Bauern, regiert von guten Patriarchen. So banal dies klingen mag, diese "Butzenscheibenromantik" beeinflußt einen Großteil der wilhelminischen Unterhaltungsliteratur und wirkt fort bis ans Ende der Weimarer Republik.

Vor allem Wolffs Romane und zumindest teilweise Wicherts "Heinrich von Plauen" sind von diesem Mittelalterbild geprägt. Da sie jedoch noch einiges an sozialer Problematik enthalten , sind die folgenden vier Romane noch kennzeichnender für die Flucht in ein idyllisches Mittelalter: Heinrich Steinhausens "Irmela"(1882), Julius Wolffs "Hohkönigsburg"(1902), Käthe Papkes "Die letzten von Rötteln"(1910) und Franz Karl Ginzkeys "Der von der Vogelweide"(1912).

"Irmela" ist die Geschichte des Klosterschülers Diether, der nach verschiedenen dramatischen Verwicklungen als fahrender Sänger auf eine Burg kommt. Dort verliebt er sich in die Tochter des Burgherren, Irmela. Es kommt zum Konflikt mit dem Kloster, das Diether nicht freigeben will, und Irmela muß, um ihn zu retten, einen anderen heiraten. Diether kehrt ins Kloster zurück und findet dort seinen inneren Frieden. Eingeschoben ist die Erzählung von Diethers Vater, der früher als Ritter schwer gesündigt hat und nun als Einsiedler dafür büßt. In diesem Roman geht es nicht um Geschichte; sie dient nur als Hintergrund für den Konflikt zwischen sinnlicher Welt und religiöser Innerlichkeit. Die Entscheidung fällt dabei eindeutig aus: Die Welt ist für Diether und seinen Vater gefährlich und verführerisch, Ruhe und Zufriedenheit finden sie nur im Kloster oder in der Einsiedelei.

Wolff schildert in "Hohkönigsburg" eine Fehde im Elsaß zwischen zwei adligen Sippen. Es kommt dabei zu einer Schlacht, die eher einem bunten Turnier gleicht. Von den adligen Teilnehmern fallen nur zwei Randfiguren, ansonsten dominiert auf beiden Seiten die Ritterlichkeit. Nachdem der Störenfried gefangengenommen worden ist, endet die Fehde mit einer Hochzeit der jungen Generation. Ebenfalls eine Fehde - zwischen Rudolf von Habsburg und dem Bischof von Basel - behandelt Papkes Roman "Die letzten von Rötteln." Hier wird zwar etwas ausführlicher, aber auch sehr ritterlich und ehrenhaft gekämpft.

Einen Einblick in das kulturhistorische Leben des Hochmittelalters will Ginzkey mit seinem Roman "Der von der Vogelweide" vermitteln. Walther von der Vogelweide beobachtet den Kinderkreuzzug, hält sich an verschiedenen Höfen Südtirols auf und begegnet Franz von Assisi und Friedrich II. Die Handlung ist eigentlich völlig unbedeutend; sie dient nur dazu, ein idyllisches Ritterleben mit Minne, lustigem Volk und aufrechten deutschen Männern vorzuführen.

Bezeichnend für alle vier Romane ist eine stark romantisierende - völlig ahistorische - Beziehung zur Geschichte, die auch schon in den Gattungsbezeichnungen zum Ausdruck kommt(134). Formal ist dies bei Steinhausen am glücklichsten gelöst. Die Geschichte Diethers wird von ihm selbst erzählt und ist deshalb von einer Rahmenhandlung umschlossen, in der der alte Mönch Diether jungen Klosterschülern seine Geschichte vorträgt und ihnen am Schluß Irmelas Grabstein zeigt, den man, wie der Verfasser dem Leser im Schlußsatz erklärt, in Maulbronn noch am heutigen Tage findet.Im Nachwort zur 44.Auflage geht Steinhausen auf den unerwarteten Erfolg ein, den "ein so weltfremdes Burgfräulein wie Irmela"(135) in einer von politischen und sozialen Unruhen geprägten Zeit gehabt hat und bekennt darin den Fluchtcharakter des Romans:
Vielleicht ist diese unserer Geschichte aus alter Zeit so ungeschwächt treu gebliebene Teilnahme darin begründet, daß sie dem Leser die laute Gegenwart mit ihren vielen schweren
Fragen und Zweifeln weit aus dem Gesicht rückt und ihn in eine längst entschwundene und doch dem Gemüt vertraute Welt führt, aus der das alte Lied von Lust und Leid, die unser Teil sind, nur in gedämpften Tönen zu uns herübertönt.(136)
Wie das Kloster Maulbronn die romantische Vergangenheit verbürgt, so tut dies in Wolffs Roman die Hohkönigsburg. Sie ist zwar Schauplatz der Handlung, wurde aber von Wilhelm II., um im Elsaß Größe und Kontinuität des Reiches zu demonstrieren, stark romantisiert neu errichtet.

Papke umschließt ihre Geschichte mit einem fiktiven Spaziergang über die gegenwärtige Ruine der Burg Rötteln, "den Trümmern und traurigen Überresten versunkener Pracht und Größe". Auch sie wendet sich am Schluß direkt an den Leser: Schaue hin zur Ruine und denke noch einmal mit Wehmut der "Letzten von Rötteln""(137). Von Ginzkey wird die Beziehung zur Vergangenheit immer wieder mit den Texten Walthers belegt, die um 1912 zum allgemeinen Bildungsgut gehören.

Der Roman "Die Geschichte der Anna Waser"(1913) von Maria Waser unterscheidet sich durch die historische Zeit - das späte 17.Jahrhundert - nur oberflächlich von den Mittelalterromanen. Das 17. Jahrhundert wird weder durch seine politischen Ereignisse noch durch seine soziale Problematik relevant, es dient nur als Kolorit der Lebensgeschichte einer Patriziertochter und ihrer seelischen Konflikte zwischen ihrer Familie, der Selbstverwirk lichung als Künstlerin und der Liebe. Die keusche und strebsame Protagonistin kann somit, ganz ahistorisch und unproblematisch, zur Identifikationsfigur für wilhelminische Bürgerstöchter werden.

Keiner der Romane thematisiert soziale Konflikte. Die beschriebenen Fehden gehören lediglich zum Lokalkolorit des Mittelalters. So ist "Hohkönigsburg" der am spätesten erschienene und unpolitischste von Wolffs Romanen. Nationalistische Tendenzen nehmen allerdings zu, wie auch die weitere Entwicklung des historischen Romans bestätigen wird. Steinhausens und Wolffs Romane sind davon noch völlig frei, aber schon bei Papke finden sich kulturkämpferische Anspielungen gegen die weltliche Macht der Kirche (138). Ginzkeys Walther ist ein erklärter Gegner des Papstes, und die Beschreibung des Kinderkreuzzuges ist ein unverblümter Angriff auf die katholische Kirche:
O Kinder, liebe Kinder, o zarteste Blüten, o rosigste Hoffnungen des armen deutschen Reiches! So zieht ihr nun dahin und sollt im Wahn verbluten für eurer Väter Trägheit und eurer Mütter Unverstand. Da seht nun euer Werk,Herr Papst! (139)
Ein Feind Walthers ist der französische Minnesänger Rupert Clusa, lüstern und heimtückisch vertritt er das französische Volk, um feige auf der Flucht den Tod zu finden.

Der Unterschied zum völkischen Bauernroman wird in der Schilderung des Volkes am deutlichsten. Das eigentliche "Volk" sind die als Ritter kostümierten wilhelminischen Bürger, von deren Sehnsüchten und Problemen die Romane handeln. Im Roman "Hohkönigsburg" wird die Fehde von den dickköpfigen Vätern ausgelöst, die verständigen Mütter vermitteln, und da sich die Kinder ja lieben, fügen sich, noch etwas brummig, auch die Väter. Das einfache Volk, die Bauern, sind bloße Statisten und führt zumeist unter seinen guten Herren ein glückliches Leben. Die von den Völkischen beschworene Volkskraft existiert allenfalls als Bedrohung. So schreibt Papke im Nachwort zum weiteren Schicksal der Burg: "1525 wurde die Burg von den rohen Scharen der Bauern genommen"(140). Man lobt statt dessen Kaiser und Reich oder den Ahnherren der Habsburger(141).

© Frank Westenfelder


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