III.4.3. Reaktion auf die Moderne

Die Haltung zur Moderne und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen ist die interessanteste, aber auch schwierigste Frage bei der Beurteilung der Literatur der "Konservativen Revolution". Im Gegensatz zur "altkonservativen" oder wilhelminischen Literatur ist sie bereit, aus den Erfahrungen des Weltkrieges, dem Zusammenbruch der alten Ordnung und den neuen revolutionären Massenbewegungen gewisse Konsequenzen zu ziehen. Bei einem Großteil führt dies lediglich zu einer noch vehementeren Ablehnung des Modernisierungsprozesses und seiner Auswirkungen, während der geringere Teil dessen Unabwendbarkeit einsieht und von den Möglichkeiten der Industriegesellschaft teilweise fasziniert ist.

Den reaktionärsten Teil der konservativ-revolutionären Literatur bildet ohne Zweifel ihre völkische Ausprägung. Hier werden die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten, antimodernistischen Mittelstandsutopien weiter radikalisiert. Für Ernst und Miegel fungiert das einfache, heimatgebundene Landleben als Gegenutopie zur komplexen, wandelbaren, modernen Gesellschaft; Miegel führt mit dem spätantiken Byzanz, sogar das Schreckensbild einer Großstadt vor. Bei beiden Autoren ist die Sehnsucht nach überschaubaren, traditionellen Verhältnissen mit einer absichtlich vereinfachenden Sprache und dem Rückgriff auf "klassische", historisch überholte Formen verbunden.

Die Ordensromane von Jansen und Kotzde gehen in ihren außenpolitischen Forderungen nicht über die des Alldeutschen Verbandes hinaus. Bei der Beurteilung der Ursachen für die Niederlage des Ordens bleibt Kotzde bei der Dolchstoßlegende - für ihn handelt es sich dabei nur um materialistischen Egoismus und Verrat -, während Jansen zumindest noch die Dekadenz des Ordens kritisiert. Beide erreichen jedoch bei der Analyse der innenpolitischen Situation, die ja immer auf 1918 bezogen wird, nicht annähernd die Klarheit von Wicherts 1881 erschienenen Ordensroman, der unterlassene innenpolitische Reformen für die Niederlage verantwortlich macht. Klassenkonflikte und revolutionäre Bewegungen werden zwar in Bauernromanen von Stratz und Hinrichs beschrieben, aber es geht in beiden um die Erhaltung einer autoritären, ständischen Gesellschaftsordnung - um das "alte Recht".

Eben diese statisch-konservative Ordnung wird in den nationalrevolutionären Romanen zugunsten eines dynamisch-kriegerischen Systems aufgegeben. Hein Hoyer bekämpft die alten Adelsprivilegien, da sie eine zeitgemäße Mobilisierung der Massen verhindern. Wikbold, Friedrich II., Konradin und Seydlitz verzehren sich in einem ekstatischen, antibürgerlichen Leben. Ihr Selbstopfer ist die einzige sinnstiftende Tat in einer Welt ohne Götter und höhere, ewige Werte. Kennzeichnend dabei ist, daß bei dreien dieser Romane - "Godekes Knecht", "Konradin reitet", "Seydlitz" - der Bezug zur Gegenwart hergestellt wird, wobei Geschichte sich als aus den Interessen der Gegenwart ergebende Fiktion des Autors zu erkennen gibt. Es verrät Bluncks reaktionäre literarische Auffassung und seine Übergangsposition zur völkischen Literatur, daß er wie diese dem Leser die Echtheit seiner Geschichtsinterpretation vorgaukelt. Ebenso endet sein Held, im Gegensatz zu den anderen nationalrevolutionären historischen Romanen, als bürgerlich-völkischer Ehemann. Ein charakteristischer Unterschied ist auch an den Kampf- und Schlachtenbeschreibungen zu erkennen. Die naivsten finden sich bei den völkischen Autoren Stratz, Kotzde und Jansen, während die nationalrevolutionären Autoren Leip, Gmelin und Naso den Kampf zumindest nicht mehr als fröhlich-heroisches Gemetzel beschreiben können.

Die verräterischsten, weil unreflektiertesten Reaktionen auf die Moderne lassen jedoch die Darstellungen von Frauen und Sexualität erkennen. Die Veränderung der Geschlechterbeziehungen, vor allem die Auflösung der bürgerlich-patriarchalischen Familie, ist eine der wesentlichen, für jedermann unübersehbaren Auswirkungen des Modernisierungsprozesses. Auf den Umsturz der Frauenbilder in der Unterhaltungsliteratur und den dafür hauptverantwortlichen "Wandel des gesellschaftlich akzeptierten Sexualverhaltens" wurde schon hingewiesen(315). Diese Entwicklung wird von konservativer Seite vehement bekämpft, wobei sich die Völkischen besonders hervortun. Zerfall der Familie, Geburtenrückgang, Abtreibungen, Emanzipation und freizügige Sexualität sind für sie Anzeichen von Dekadenz und Niedergang der biologischen Volkssubstanz(316). Typisch dafür sind Himmlers haßerfüllte Angriffe gegen Homosexualität und Abtreibung, die für ihn die Hauptursachen des Geburtenrückgangs sind(317). Dabei deutet sich jedoch als unübersehbare Auswirkung der gesellschaftlichen Veränderungen, trotz aller rührseligen Beschwörung der Familie, eine Versachlichung der Sexualität an(318). Wenn sich die völkische Zielsetzung und die nationalrevolutionäre Radikalität verbinden, wie dies im Nationalsozialismus der Fall ist, dient die Verbindung zwischen Mann und Frau weniger der bürgerlich-konservativen Familie als dem rein praktischen Zweck der Fortpflanzung und Menschenproduktion. Die Mutter wird zur "Gebärerin des Menschenmaterials" reduziert (319). Ganz pragmatisch erwägt später Hitler, zur "Blutauffrischung" in rassisch stark durchmischten Gebieten Deutschlands SS-Einheiten zu stationieren oder für verdiente Kämpfer die Doppelehe einzuführen(320).

Daß die Liebe der Fortpflanzung dienen kann, oder daß mit ihr überhaupt biologische Vorgänge verbunden sind, wird von der wilhelminischen Literatur weitgehend negiert. Koch stellt zu Ganghofers zeittypischen Romanen fest. "Die Liebe existiert ausschließlich als sakrale Institution. <...> der Beischlaf wird ignoriert"(321). Im Roman "Die Trutze von Trutzberg" sagt Hilde ihrem drängenden Liebhaber, was in allen Ganghoferschen und wilhelminischen Romanen von Sexualität zu halten ist: "So tun die Knecht' mit den Mägden." Und an seinem gierig verzerrten Gesicht erkennt sie instinktiv seinen niedrigen Charakter: "Solche Gesichter müssen böse Menschen haben, wenn sie morden wollen. Ein Grauen rieselte durch ihre Seele"(322).

Die völkische Literatur übernimmt diese prüden und äußerst trivialen Wertungen fast vollständig; man denke dabei an die sauberen, drallen Frauen in Löns'"Werwolf" oder an Jansens Neubearbeitung der Gudrunsage. Die ganze Schwülstigkeit und künstliche Sauberkeit dieser völkischen Erotik findet in Jansens Roman "Heinrich der Löwe"(1923) ihren adäquaten Ausdruck. Heinrich kehrt erschöpft von seinem Kriegszug zurück und wagt kaum sich zu seiner "reinen" Frau ins Bett zu legen: "Aber sie drängte ihren Leib an seine erstarrten Glieder und wärmte ihn mit mütterlicher Lust, bis der Schlaf sein Herz erlöst und entrückt"(323).

Die neue, sachliche Lebensborn-Moral erkennt man in Jansens Ordensroman "Geier um Marienburg"(1925). Die Pflicht zur Arterhaltung, die laufend erwähnt wird, ist nur mit der reinen, blonden, völlig entsexualisierten Frau zu erfüllen, wohingegen die dunklen, sinnlichen Polinnen den deutschen Rittern zum Verhängnis werden; der Geschlechtsakt mit ihnen erscheint als Sündenfall(324). Kotzde gebraucht das Bild der fremdrassigen, erotischen Frau, um allegorisierend Egoismus und Verrat zu umschreiben. Die Sexualität wird zur Bedrohung der alten Ordnung und Wehrkraft; sie vergiftet das Blut der Männer und weckt deren niedrigste Instinkte:

Er blickte von dem Weibe, das an seiner Brust lag, auf und sah in zwei schwarze, glutvolle Augen, sah nachtschwarzes Haar sich lösen und auch auf seine Schultern niederfallen.
<...>
"O ihr Dirnen!" schrie er. "Schön seid ihr wie die Rosen, die an diesem Zweige blühten;aber eure Adern sind voll Gift. So verführt ihr einen Mann zur Meintat und verpestet ihm das Blut, daß er nicht Treue und Ehre bewahrt!"(325)
Der Topos der dunklen, sinnlichen und bedrohlichen Frau findet sich bereits in einigen historischen Romanen des Kaiserreichs, wo er die Doppelfunktion erfüllt, die prüde Reinheit der Protagonisten gegenüber Wollust und Dekadenz zu demonstrieren und gleichzeitig die politischen Gegner des deutschen Reiches rassisch abzuwerten. So verrät die Geilheit der Franzosen und Italiener vor allem Dekadenz und sittliche Entartung, die der Slawen dagegen ihre niedrigen, tierhaften Triebe(326). Nach 1918 gehört dieser Topos zum festen Inventar der Trivialliteratur und wird sogar gerne in der proletarischen Literatur verwendet(327). Am beliebtesten ist er aber in der völkischen Literatur, die sich damit vehement gegen die modernen "moralischen Auflösungserscheinungen" und die Emanzipation der Frau zur Wehr setzt(328). Dem völkischen Zuchtwart Heinrich Himmler bereitet der eigene Glaube an die stärkere sexuelle Attraktivität "rassisch weniger wertvoller Mädchen" gegenüber den blaublonden "Mauerblümchen" sogar noch 1936 gewisse Probleme(329). Aber auch von katholischer Seite wird der überzeitlichen Gestalt der Mutter und Jungfrau - Maria - die der "großen Hure" - Eva - gegenübergestellt, die unmißverständlich auf die modernen Emanzipationsbestrebungen bezogen wird:
Nicht die emanzipierte, dem Manne gleichgestellte Frau, sondern das Ewig-Weibliche wird in der kommenden Periode der Geschichte eine größere Bedeutung gewinnen.(330)
Das Bild der Mutter ist der zweite völkisch-konservative Gegenentwurf zur modernen Entwicklung der Geschlechterverhältnisse. Dabei vermischen sich konservative Familienvorstellungen mit christlichen Mythen. Einen besonders starken Einfluß hat 1926 die Wiederentdeckung von Bachofens Mutterrechtstheorie(331). Zu dieser zeittypischen Mischung von Muttermythen bemerkt Glaser:
Die völkische Heimat- und Bauernliteratur betrieb einen besonderen Kult mit dem Mütterlichen, wobei pantheistische (Mutter Natur!), christliche (Mutter Gottes!) und tiefenpsychologische Elemente (die große Mutter!) verwendet und verfälscht wurden.(332)
Während christlich-konservative Muttervorstellungen die Regel sind - selbst die Völkischen benützen trotz ihres Antikatholizismus gerne das Bild der Gottesmutter Maria(333) -, findet man das neue, von Bachofen geprägte Mutterbild nur in Gmelins Hohenstaufenroman von 1927. Ein Bauer erblickt früh am Morgen die Geliebte Friedrichs II.:
<...> vom weißen Angesicht gingen Strahlen aus, als wärs die Mutter Gottes selber. Er fiel nieder, kniete, schaute im Antlitz beglückenden Traum der ewigen Mutter.(334)
Für die völkischen Romane sind Ehe und Familie die wesentlichen sozialen Strukturen. Am auffälligsten ist diese kleinbürgerliche Familienideologie und die damit verbundene Geschichtsklitterung, wenn in Bluncks Vorgeschichtsroman "Gewalt über das Feuer"(1928) der Mann Börr zum Führer der matriarchalischen Urhorde wird und diese nicht nur zu den ersten Kulturtaten befähigt, sondern auch mit der Monogamie beglückt.

Eine zeitgemäßere Einstellung zur Sexualität und eine überwiegende Ablehnung von Familie und Ehe kennzeichnet die dynamische nationalrevolutionäre Literatur und macht auch dadurch den Unterschied zur kleinbürgerlichen, antimodernistischen völkischen Literatur deutlich. In den noch im Kaiserreich erschienenen historischen Romanen, die man wegen ihrer heroisch-existentialistischen Botschaft zu den Vorläufern der nationalrevolutionären Literatur rechnen kann - Rilkes "Cornet" und Molos "Fridericus" - kann man diese neue Bewertung der Sexualität schon nachweisen. Für Rilkes Cornet wird das Liebeserlebnis sowie der folgende Heldentod zum orgiastischen, abschließenden Höhepunkt seines kurzen, ekstatischen lebens. Molos Friedrich zeigt zwar keinerlei Interesse an Frauen, demonstriert aber mit seiner Einstellung zur Sodomie ein nüchternes und sachliches Verhältnis zur Sexualität. Der unversöhnbare Gegensatz zwischen dem "Triebsand" des Familienlebens, der "ehelichen Kohlsuppe", und einem ekstatischen, sich selbst zerstörenden Leben ist das Grundthema von Leips Seefahrerroman "Godekes Knecht". Auch für Gmelins Hohenstaufenkaiser ist wilde, ausschweifende Sexualität ein Kennzeichen seines rauschhaften Lebens, das mit bürgerlich-völkischen Moralvorstellungen nicht zu bewerten ist. Sinnliche arabische Frauen sind für ihn keine Bedrohung, sondern exotischer Reiz, den er ohne Zögern auskostet:
Es gab Tage, an denen er vom Leib innerlich nicht loskam, wo der Tag nur eine Unterbrechung der Nacht war. Die Nacht war lustvoll freudespendend, Meer von Glut und Wonne, Spiel der Liebe zwischen Leib und Seele. (335)
Ein elementares Grundbedürfnis ist die Liebe für Nasos Reiter Seydlitz. Ganz Mann und Soldat beschränkt er sie auf ihren körperlichen Bereich und verzichtet auf die störenden Emotionen. Der Tod durch die Syphilis scheint seinem ekstatischen, selbstzerstörerischen Leben fast noch angemessener als ein abrupter Heldentod.

Eine Mittelposition zwischen nationalrevolutionärer und völkisch-konservativer Literatur nehmen die Romane von Blunck und Hinrichs ein, wobei die Darstellung der Sexualität ein Kriterium der literarischen Wertung sein kann. Bluncks Übermenschen- und Führerroman "Hein Hoyer" endet mit Ehe und Happy-End und entlarvt damit zumindest teilweise Bluncks neue Gesellschaftsvorstellungen als triviale Lippenbekenntnisse. Ganz anders Hinrichs Bauernroman, hier scheitert die Liebesgeschichte an den nicht überbrückbaren Klassengegensätzen, die auch durch Tapferkeit im Kampf nicht ausgeglichen werden können. Die relativ freie und unkomplizierte Sexualität der einfachen Fischer beschreibt der Autor nebenbei(336). Hinrichs zeigt, trotz der postulierten Volksgemeinschaft, daß er die sozialen Realitäten - im Gegensatz zu Blunck - nicht ganz übergehen kann.

© Frank Westenfelder


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