IV.5. Machtkampf und Änderungen im Geschichtsbild

Die Widersprüche innerhalb des Nationalsozialismus lassen sich am eindrucksvollsten an historischen Romanen nachweisen, die sich mit demselben Thema befassen. Viele Konflikte werden vermieden, da die einzelnen Fraktionen und Autoren in ihre jeweilige Lieblingsepoche ausweichen. Bei der Interpretation der deutschen Kaisergeschichte stoßen jedoch die unterschiedlichen Interessen aufeinander. Da die nationalsozialistische Historiographie ihren wichtigsten Streit um die mittelalterliche Kaisergeschichte führt und zu diesem Thema eine ganze Reihe von historischen Romanen vorliegen, kann daran gezeigt werden, wie das Genre an der Diskussion, an der sich auch die NS-Größen beteiligen, teilnimmt. Da der Forschung allerdings bei der Datierung und Gewichtung dieser Auseinandersetzung einige Fehler unterlaufen sind, soll hier nur auf die wichtigsten Punkte eingegangen werden.

Bei dem Streit um die deutsche Kaisergeschichte handelt es sich um ein Aufleben des alten Sybel-Ficker-Streites, und ähnlich wie die deutsche Geschichtswissenschaft nach der Reichsgründung zur großdeutschen Geschichtsinterpretation überwechselt, ändert sich nach der Machtübernahme die Beurteilung der mittelalterlichen Ahnengalerie(303). Die einzelnen Gruppen streiten sich um die Bevorzugung von Karl dem Großen oder Widukind, Barbarossa oder Heinrich dem Löwen, Weltpolitik oder Ostkolonisation, universalistischem Reich oder völkischem Nationalstaat. Aufgrund ihrer völkisch-kleindeutschen Geschichtsinterpretation verurteilen die Nationalsozialisten die Italienpolitik der Staufer und verdammen Karl den Großen als "Sachsenschlächter"(304). Verden an der Aller und der Braunschweiger Dom - die Grabstätte Heinrichs des Löwen - werden zu nationalen Weihestätten, die besonders von Himmler und Rosenberg gefördert werden(305).

Nach Arnim gilt Widukind als der "Ahnherr" der Deutschen, auf ihn folgt dann "tausend Jahre später Adolf Hitler als unmittelbarer Fortsetzer des Werks Hermanns des Cheruskers und des Herzogs Widukind"(306). Karl der Große und Widukind werden zu polaren weltanschaulichen Prinzipien hochstilisiert: "Der Kampf spielte sich ab zwischen dem römischen Kaisergedanken und der germanischen Königsidee"(307).Es folgt das Paar Heinrich der Löwe und Barbarossa. Der Staufer wird nicht so stark angegriffen, man wirft ihm nur seine sinnlose Italienpolitik vor, während Heinrich eine erfolgreiche Ostkolonisation betrieben habe:

Am deutlichsten sehen wir es wieder bei Barbarossa, der immer wieder das Blut neuer germanischer Scharen vergoß in Italien und Palästina, bis Heinrich der Löwe, der Niedersachse, dagegen rebellierte und ihm die Gefolgschaft versagte. Hieraus ergab sich, daß die Sachsenherzöge den Ackerboden für das kommende deutsche Volk schufen.(308)
Auch Hitler scheint sich zunächst für diese Interpretationsweise auszusprechen. Er nennt in "Mein Kampf" nur drei wesentliche und bleibende Erscheinungen , die aus dem "Blutmeer" der deutschen Geschichte hervorgegangen sind: Die Eroberung der Ostmark, die Eroberung des Gebietes östlich der Elbe und die Schaffung des brandenburgisch-preußischen Staates. Ferner stellt er fest: "Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten". Anstatt Kolonialpolitik zu betreiben, soll sich Deutschland wieder auf der "Straße der Ordensritter" in Marsch setzen.(309) Nachdem er jedoch selbst zum Führer des neuen Reichs aufgerückt ist, drängt es Hitler danach, eine repräsentativere Ahnengalerie zu erstellen, wobei für nur noch die mittelalterlichen Kaiser in Frage kommen. Nach seiner Ansicht ist nun Karl der Große "einer der größten Menschen der Weltgeschichte, da er es fertig gebracht hat, die deutschen Querschädel zueinander zu bringen". Und:
Die Kaisergeschichte ist das gewaltigste Epos, das - neben dem alten Rom - die Welt je gesehen hat. <...> Fünfhundert Jahre lang war das unbestritten die Herrschaft der Welt.
Heinrich den Löwen dagegen bezeichnet er als einen "Kleinsiedler", der durch seine "Treueeidsverletzung" gerade eine erfolgreiche Italienpolitik der Staufer verhindert habe(310). Hitler spricht des öfteren davon, daß er Himmler und Rosenberg gewarnt habe, Karl den Großen weiterhin zu diffamieren(311).

Die öffentliche Diskussion entflammt 1935 nach dem Vorstoß namhafter Historiker, die mit dem Buch "Karl der Große oder Charlemagne? Acht Antworten deutscher Geschichtsforscher" versuchen, Karl den Großen für die nationale Geschichte zu retten(312). Auf dieses Buch wird von nationalsozialistischer Seite zuerst mit vehementer Ablehnung reagiert, dann aber werden die eigenen Positionen langsam geräumt(313). Hitler rehabiliert schon auf dem Nürnberger Parteitag 1935 Karl den Großen(314), und Goebbels instruiert 1936 die Propagandaleiter, daß Karl der Große nichts geringeres gewesen sei "als der Schöpfer der deutschen Reichsidee"(315). Das SS-Organ "Das schwarze Korps" bezeichnet es Ende 1936 als "töricht", "die Italienpolitik der größten deutschen Könige des Mittelalters mit billigen Schlagworten lediglich als unnatürlich und landfremd zu verurteilen"(316). Auf dem Erfurter Historientag kommt es 1937 noch einmal zum Streit, den Hitler dadurch beendet, daß er Karl und die übrigen Kaiser in die Reihe seiner Vorfahren aufnimmt(317). Völlig auf die neue Linie ist auch die HZ eingeschwenkt, wenn 1938 Karl dem Großen die Einigung des deutschen Volkes durch "Blut und Eisen" bestätigt wird und 1939 die Bezeichnung "Sachsenschlächter" bestenfalls noch völkischen Schriftstellern zugestanden wird(318).

Als 1937 im Festzug zum "Tag der deutschen Kunst" die deutsche Geschichte aufmarschiert, ist außer dem Karl dem Großen und den Staufern nur Heinrich I. vertreten, dagegen fehlen Widukind und Heinrich der Löwe(319). Nach den Lehrplänen sollen an den Schulen Karl und Widukind, Barbarossa und Heinrich der Löwe gleichrangig behandelt werden, bis unter dem Einfluß des Krieges auch hier Karl bevorzugt wird. Selmeier bemerkt zu diesen raschen Veränderungen der Geschichtsbücher: "Nur die Kurzlebigkeit des Dritten Reichs hat dem nationalsozialistischen Regime das Einstampfen und Umschreiben erspart"(320). Unter dem Einfluß der außenpolitischen Erfolge sinkt der "Nationalheld Widukind" dann ab in die Rolle "einer politischen Provinzgröße des Frankenreichs"(321).

Nach 1940 ist die Entscheidung endgültig zugunsten der deutschen Kaiser gefallen. In einem 1941 erschienenen Artikel zum "Schrifttum der Stauferzeit" spricht der Verfasser nur noch von der "Glanzzeit des staufischen Jahrhunderts", während ein Buch, das noch für Heinrich den Löwen Stellung bezieht, als das Werk eines "Einhundertfünfzigprozentigen" abgelehnt wird(322). Ein anderer Artikel setzt sich 1942 ganz offen für "Das Erbe Karls des Großen" ein(323). Selbst Himmler stellt 1941 fest, daß er Karl wegen der Sachsenmorde eigentlich verabscheuen müßte, dies jedoch die einzige Möglichkeit war, das Reich zu bilden, das Europa viele Male vor dem Ansturm Asiens rettete(324).

Dieser Umschwung im NS-Geschichtsbild wird von der westdeutschen Forschung zum Teil ignoriert, wohl auch weil man Karl den Großen zur historistischen Illustration von christlichem Abendland, EWG und deutsch-französischer Verständigung selbst benötigt. Mit der konservativen Abendlandideologie knüpft man nahtlos, wenn auch dezent an die offizielle nationalsozialistische Geschichtsinterpretation der vierziger Jahre an, postuliert aber einen Kontinuitätsbruch, der von Hitler schon zehn Jahre früher eingeleitet worden war(325). In der Regel wird der Umschwung in der Interpretation der Kaisergeschichte zwar beobachtet, aber zu spät datiert. Eine Reihe von Historikern weist auf den Zusammenhang von erfolgreicher expansiver Außenpolitik und Eroberungskrieg hin, was sicher die Umwertung beschleunigt, aber nicht initiiert hat(326); andere betonen die Bedeutung der Historiker, die wohl kaum in der Lage gewesen wären, wenn ihr Vorstoß 1935 nicht im Trend gelegen hätte(327). Daß der Einsatz für die deutschen Kaiser bereits 1935 sehr angebracht war, läßt sich damit belegen, daß Rosenberg die entsprechenden Stellen in seinem "Mythos" zwischen 1934 und 1935 umgeschrieben hat und auch 1936 edierte Reden abgeändert und mit speziellen Einleitungen versehen hat, was nur mit einer Einflußnahme Hitlers zu erklären ist. Als Beispiel sei hier auf die Stelle des "Mythos" verwiesen, die die Umwertung der Kaiserpolitik bereits vor den Historikern leistet: Ausgabe bis 1934:
Widukind kämpfte zwar für sich, aber zugleich für die Frei heit aller nordischen Völker. Er unterlag; aber kein Zweifel darf heute mehr darüber bestehen, daß wir zu den Kräften stehen, die ihn leiteten und nicht zu denen, welchen Karl der Große zum Siege verhalf.
Ausgabe 1935:
<...> aller nordischen Völker. Wobei Karl der rauhe Gründer des Deutschen Reiches als politische Einheit bleibt. Es ist zweifelhaft, ob ohne ihn dies Machtgebilde entstanden wäre. Nach der Wiederherstellung der Ehre der 1000 Jahre geschmähten Niedersachsen gehen beide großen Gegner ein in die deutsche Geschichte: Karl als Gründer des deutschen Reiches, Widukind als Verteidiger der germanischen Freiheitswerte.
Die Italienzüge der deutschen Kaiser bezeichnet Rosenberg bis 1934 noch als "Wahnsinnsfahrten" und ab 1935 als "Eroberungsfahrten"(328). Dieser Positionswechsel läßt sich ebenfalls an einigen Reden Rosenbergs zur deutschen Geschichte nachweisen(329).

Um die Kontinuität und die sich wiederholenden Muster dieser Auseinandersetzung zu belegen, ist es notwendig, kurz auf die wichtigsten historischen Romane hinzuweisen, die bis 1933 zum Thema der Kaisergeschichte erschienen sind. Dies sind von Felix Dahn "Bis zum Tode getreu"(1887), von Hermann Löns "Die rote Beeke"(1912), von Paul Schreckenbach "Markgraf Gero"(1916) und "Das Recht des Kaisers"(1922), von Werner Jansen "Heinrich der Löwe"(1923) und "Verratene Heimat"(1932), von Hans-Friedrich Blunck "Stelling Rotkinnsohn"(1924), von Otto Gmelin "Das Angesicht des Kaisers"(1927) und "Konradin reitet"(1933).

Dahns Erzählung spielt in der Zeit nach den Sachsenbekehrung. Ein sächsischer Freibauer und seine Frau, die fast völlig der wilhelminischen Familie nachempfunden sind, werden von korrupten fränkischen Grafen in ihrer Existenz bedroht. Diese negativ gezeichneten Verwaltungsbeamten entsprechen den außenpolitischen Gegnern des deutschen Reichs - Aquitanier, Dänen, Langobarden und Wenden. Vor diesen Feinden und der Willkür der Grafen kann nur Kaiser Karl Schutz gewähren. Die Grafen sind vereinfacht "die Bösen", und alle Freien haben "nichts zum Schutz als das Schwert an der Seite, den Himmelsherrn da droben und - Kaiser Karl zu Aachen"(330). So hält der Sachse gegen den eigenen rebellischen Bruder und bis zum vermeintlichen eigenen Untergang Karl den Treueeid. Dieser erscheint in höchster Not wie Harun al Raschid als einfacher Königsbote verkleidet, bestraft die bösen Grafen und belohnt den treuen Sachsen mit dem Grafentitel. Für Dahn steht die Rebellion gegen den Monarchen nicht mehr zur Diskussion, er ist im Gegenteil die einzige Hoffnung des bedrohten Mittelstandes. Kaiser Karl wird in diesem schmalzigen Liebes- und Familienroman zum rettenden Märchenprinzen.

Der Monarchist Schreckenbach verherrlicht mit seinem "Markgraf Gero", der die Slawen angemessen als "hündisches Volk behandelt" (331), zwar den Ostkolonisator, der aber gleichzeitig treu seinem Kaiser dient und dessen Italienpolitik unterstützt. Die gewaltsame Christianisierung ist für den Protestanten Schreckenbach durchaus ein positives Ereignis: "Wir sind Christen geworden durch das Schwert des großen Karl"(332). Sein 1922 erschienener Roman "Das Recht des Kaisers" formuliert schon im Titel die wesentliche Botschaft. Der Streit zwischen Welfen und Staufern gilt hier als nationales Unglück(333), das mit der Hochzeit eines Sohnes Heinrichs des Löwen mit einer Nichte des Kaisers beendet werden soll. Die welfische Position kennzeichnet Schreckenbach als Empörung und Verrat, die dem Reich schaden(334).

Bei Schäfer manifestiert sich bereits die Niederlage des Weltkrieges. Karl der Große gilt ihm noch als typisch deutscher Herrscher (335), die Italienpolitik der deutschen Kaiser lehnt er jedoch bereits als "Fremdherrschaft" ab(336). Das früheste populäre Beispiel einer völkischen Gegenposition findet man 1912 in Löns'"Die rote Beeke", wo Karl voll Haß als dekadenter, artfremder, orientalischer Herrscher beschrieben wird(337). Während der Weimarer Republik ergreifen die meisten Romane zum Thema dieselbe Partei: Jansens "Heinrich der Löwe", Bluncks "Stelling Rotkinnsohn" und am extremsten Jansens "Verratene Heimat".

Vor diesem Hintergrund wird erst die völlig andere Interpretation eines Autors wie Gmelin deutlich: Er verherrlicht mit seinem Roman "Das Angesicht des Kaisers" und der Erzählung "Konradin reitet" die Staufer als heroische Existentialisten, die allein im vergeblichen Kampf ihre Bestimmung erfüllen. Für die Blut- und Boden-Ideologie und die Ostkolonisation interessiert sich Gmelin offensichtlich nicht, ihm geht es nur um das Leben der Übermenschen. Wenn sein Friedrich II. mit Elefanten, Negern und Harem in Deutschland Einzug hält, so ähnelt die Beschreibung der Schilderung der Hofhaltung Karls des Großen bei Löns; aber was bei Löns zum Zeichen von Dekadenz und Entartung wird, gilt hier als angemessene Umgebung des Weltkaisers.

Für die Zeit der Weimarer Republik kann man also feststellen, daß die populären historischen Romane zur Kaiserpolitik meistens eine völkische Position beziehen; selbst einer der bekanntesten völkischen Zeitromane - Hans Grimms "Volk ohne Raum"(1926) - beklagt Karls Sieg über die Niedersachsen(338). Es erstaunt also nicht, daß die NS-Geschichtswissenschaft nach 1933 lieber die historische Belletristik zu ihrem Vorgänger erklärt als die Historiographie(339). Löns' Schlagwort von der "roten Beeke" wird auch von Rosenberg übernommen(340).

Von den bekannteren nach 1933 erschienenen historischen Romanen beschäftigen sich zwei mit dem Konflikt zwischen Barbarossa und Heinrich dem Löwen: "Kaiser und Herzog"(1936) von Werner Beumelburg und "Der Löwe"(1936) von Mirko Jelusich. Beide ergreifen mehr oder weniger stark für den Welfen und gegen die Italienpolitik der Staufer Partei. Es erscheint zwar auch Literatur zu den Staufern, jedoch nicht in solcher Anzahl und ohne die Popularität der Welfenliteratur zu erreichen(341). Es ist also falsch, davon zu sprechen, daß der "neue Welfenkult" im historischen Roman wenig Resonanz findet(342).

Problemloser ist für die Nationalsozialisten die Verwendung des Stauferkaisers Friedrich II., ihm fehlt der welfische Gegenspieler, und man kann seine antiklerikale Politik hervorheben. Von Beumelburg erscheint schon 1934 eine Schrift zu Friedrich II., in der er den Staufer als großen Führer beschreibt, der sich dem "Anruf des Schicksals" unterwirft, trotzdem bezeichnet er die Italienpolitik als "verhängnisvollen Wahn" und "unseligen Zwang zur Ferne"(343). In seinem Roman "Kaiser und Herzog" übernimmt er die frühe NS-Position, die die Ostkolonisation als einzige Realpolitik anerkennt. Fast wörtlich wird sogar eine Formulierung aus Hitlers "Mein Kampf" wiederholt: "Die Deutschen <...> schauen immer nach Westen und Süden, aber sie vergessen den Osten und den Norden"(344). Ebenfalls Parteivokabular benützt Beumelburg, wenn er wie Rosenberg Barbarossas Vorgänger "Karl den Franken" nennt(345). Beumelburg versucht jedoch, auch Barbarossa für die deutsche Geschichte zu rekrutieren. Beide - Heinrich der Löwe und Barbarossa - werden zu Vorkämpfern des Reichs. Aber gerade hier zeigt sich seine idealistische ahistorische Geschichtsauffassung. Das Handeln der Gegenspieler wird nicht mit der Territorialpolitik erklärt, beide werden nur zu schablonenhaften Verkörperungen des deutschen Menschen: der nüchterne Realist und der geniale Schwärmer. Beide müssen ihrer schicksalhaften Veranlagung folgen. Schon der junge Heinrich ahnt seine Bestimmung:
"Es ist unser welfisches Unglück, daß wir nicht träumen können, und es ist euer staufischer Wahn, daß ihr das träumen nicht lassen könnt.<...> man müßte aus beiden eine Einheit schmelzen, das müßte die richtige Mischung ergeben."(346)
Da die Italienpolitik des träumerischen Staufers immer sinnloser wird und dabei nur Heinrichs Herzogtum, die einzige Stütze des Reichs, zerschlagen wird, ist Beumelburgs Parteinahme offensichtlich; er vermeidet aber die menschliche Abwertung Barbarossas.

Da er versucht, überparteilich zu sein, gibt er manchmal den unter NS-Schriftstellern üblichen auktorialen Erzählstil auf, wenn er Formulierungen benützt wie "Niemand weiß" oder "Bekannt ist nur"(347). Die eigentlichen Negativfiguren des Romans sind die deutschen Fürsten, denen "Eigennutz und Eigensucht" wichtiger sind als die Größe des Reichs(348). Beumelburgs Reich ist keine lockere Föderation, sondern der zentralistische, expansive Machtstaat. Heinrich wird somit zu einem verhinderten Vorgänger Preußens, seine Reichseinigungsversuche fallen noch einmal dem Partikularismus der Fürsten zum Opfer.

Wesentlich deutlicher noch bringt Jelusich die Positionen der Partei zum Ausdruck. Die Abwertung Barbarossas wird von ihm unmißverständlich vollzogen: "Er denkt nicht mehr ans Reich - nur noch an sich und sein Geschlecht"(349). Der Löwe kämpft dagegen für höhere Ziele: "Nicht seine Macht - die des Reiches ist es, die er fördern will"(350). Dieser Löwe spricht auch unverblümt und pathetisch von Deutschland: "Deutschland, das einzige große Deutschland - das ist das Ziel, das jeden Opfers wert ist"(351). Am Schluß des Romans erklärt Jelusich den Löwen zum "Vorläufer und Verkünder"(352). Wenn Heinrich die staufische Italienpolitik ablehnt, so ist seine Argumentation vom Achsenbündnis zwischen dem faschistischen Italien und Nazi-Deutschland geprägt: "Welsch ist welsch und deutsch ist deutsch, und Gott selber will es nicht, daß eines der Völker das andere unterdrücke"(353). Die Ostkolonisation muß dagegen gottgewollt sein.

Ganz in Trivialität versinkt Jelusich, wenn er bei der Charakterisierung von Freunden und Feinden sein schematisches SchwarzWeiß-Denken verrät. Heinrichs treuester Paladin ist riesenhaft mit großen treuen Hundeaugen, ebenso gesund und stark sind die Lübecker Bürger(354). Der Antityp ist der Intellektuelle, der Kanzler Rainald von Dassel. Von Beumelburg noch durchaus positiv dargestellt(355), ist Rainald nun "ein junger Kleriker, zartgliedrig, behend, mit listigen, ruhelos umherschießenden Blicken", der fortwährend mit seinen Pergamenten raschelt (356). Rainald treibt mit seinen Intrigen den Kaiser in den Untergang und bezeichnet sich selbst als "ruina mundi" (357).

Beide Romane können als nationalsozialistisch bezeichnet werden wegen der Verherrlichung heroischer, vom Schicksal gesandter Führer, ihres ahistorischen Geschichtsbildes und der Bedeutung der mit der Blut- und Boden-Ideologie gerechtfertigten Ostkolonisation. In beiden werden nur Typen beschrieben, die sich entsprechend ihrer Veranlagung - der bei Jelusich auch noch das Aussehen entspricht - verhalten. Beumelsburgs Darstellung ist etwas zurückhaltender; er versucht, eine Spannung darzustellen, wo Jelusich ganz einseitig Partei nimmt. Nachdem die NS-Historiographie in ihrer Beurteilung der Kaiserpolitik umgeschwenkt ist, bleibt Beumelburgs Roman immer noch rezipierbar, während Jelusich wegen "tendenzhafter Darstellung" kritisiert wird(358).

Die einzig positive Darstellung der Kaiserpolitik, die eine höhere Auflage erreicht, ist Otto Gmelins Erzählung "Das Reich im Süden"(1937). Gmelin hatte schon in der Weimarer Republik die Staufer Friedrich II. und Konradin als rastlose Übermenschen verherrlicht. Mit seinem neuesten Buch wendet er sich einem weniger bekannten Kapitel der Kaisergeschichte zu, der Italienpolitik der Ottonen. Aber auch hier bezieht er Position für die deutsche Kaiserpolitik, die er ausdrücklich nicht auf die Ottonen beschränkt. Nachdem wieder einmal ein deutsches Herr sinnlos in Italien geopfert worden ist, stellt Gmelin die Frage nach dem Sinn. Damit für den Leser keine Zweifel bestehen bleiben, richtet der Autor, wie des öfteren in der Erzählung, die Antwort direkt an ihn:
Wir Deutsche des zwanzigsten Jahrhunderts verstehen die Idee jenes deutsch-römischen Kaisertums nicht mehr, sie erscheint uns sinnlos, falsch und wie ein ungeheurer, gefährlicher und gefräßiger Irrtum deutschen Wollens. Aber wie manches unseres Tuns und Wollens wird späten Geschlechtern unserer Nachfahren nach abermals tausend Jahren abermals wie ein solcher Irrtum erscheinen. Wir wissen es nicht. auch uns bleibt nur dasselbe wie unseren Ahnen vor tausend Jahren: Die Treue. Die Ideen wandeln sich im Wandel geschichtlichen Werdens, aber die Dienstbereitschaft und Opferbereitschaft kann immer dieselbe sein.(359)
Gmelin postuliert damit einen heroischen Existentialismus nationalrevolutionärer Prägung. Treue, Opferbereitschaft und die Idee des Imperiums gelten ihm mehr als Ostkolonisation, Rassereinheit und andere völkische Werte. Er steht damit in Opposition zur NS-Geschichtsinterpretation, besonders wenn er Otto III. als großen Kaiser und einen Deutschen "in allen Zügen" bezeichnet(360), zu dem die offizielle Geschichtsschreibung bemerkt:
Otto III., ein Mischling, rassenseelisch stark vorderasiatisch bestimmt, zwischen überspanntem Imperialismus und asketischem Mystizismus schwankend, will den von Kaiser und Papst gemeinsam beherrschten christlichen Universalstaat mit der Hauptstadt Rom begründen. Deutschland soll Nebenland werden.(361)
Gmelin ist mit seiner Erzählung wie mit seinem Hohenstaufenroman der Entwicklung um einige Jahre voraus. Auf seine unkritische Verherrlichung der mittelalterlichen Kaiser und ihres Imperiums schwenkt der Nationalsozialismus erst in den vierziger Jahren ein. Das Beispiel zeigt auch, daß der nationalrevolutionäre Heroismus von der Entwicklung mehr begünstigt wird als der völkische Antimodernismus.

Ist man trotz des Bevorzugung Heinrichs des Löwen geneigt, die Hohenstaufen als deutsche Kaiser zu akzeptieren, so richtet sich gegen Karl den Großen ein regelrechter Haß. Er gilt der völkischen Gesichtsschreibung als undeutscher Franke und wird vor allem wegen seiner Sachsenkriege und der damit verbundenen Christianisierung angegriffen. Seine Rehabilitation verläuft wesentlich schwieriger als die Barbarossas. So lobt eine Rezension noch 1939, daß der Verfasser eines Widukindromans Karl den Großen als "rücksichtslosen und grausamen Herrscher darstellt" und "keine Entschuldigung für die unmenschliche Grausamkeit des Geiselmordes, die Bluttat von Verden" hat(362).

Im historischen Roman werden die Hohenstaufen nie eindeutig verurteilt, und ab 1939 geht die Tendenz eher dahin, die großen deutschen Kaiser zu bevorzugen(363). Zu Karl dem Großen erscheint nach 1933 kein einziger Roman, mit seinem Gegner Widukind dagegen befassen sich bis 1939 sieben Romane: die zwei bekanntesten sind "Weking"(1938) von Fritz Vater und "Der Herzog und die Könige" (1939) von Kurt Pastenaci. Hervorzuheben ist außerdem der Roman "Fürst Widukind der Sachsenführer"(1936), denn es ist einer der ganz wenigen historischen Romane, die nach der ersten Auflage verboten werden.

In den Romanen von Vater und Pastenaci kommt völkisch-nationalsozialistisches Gedankengut derartig direkt zum Ausdruck, daß man sie auch als SS-Romane bezeichnen könnte. Vaters Sachsen zitieren aus der Edda(364), und ihre jungen Krieger werden in einer Art religiösem Orden im Ostaraholze erzogen(365). Der SS-Wahlspruch "Ehre und Treue" steht ihnen "über allem"(366). Pater beschreibt Karl als jähzornigen, grausamen Herrscher und als Kirchenknecht und die Massenhinrichtung in Verden als grausame Metzelei(367). Widukind dagegen ist der wahre völkische Führer, "dem das Schicksal besondere Vollmachten gegeben hatte"(368). Besonders auffällig ist Vaters Ablehnung der christlichen Religion. Als ihren Gegensatz beschreibt er immer wieder germanische Kulthandlungen, in deren Mittelpunkt die Externsteine als eine Art germanisches Stonehenge stehen. Es geht Vater allerdings weniger um die germanische Religion als um einen pathetischen Blut- und Opferkult:
Gesegnet ist das Blut, das in die Heimaterde fiel; es wird wachen über ihr, daß sie nie verloren geht. Gesegnet ist die Heimaterde, die der Tapferen Blut trank; sie wird es wiedergeben, hundert Tropfen für einen.(369)
Die eigentliche Religion gilt dem Volk:
Er ließ sich fangen von den Klängen des Liedes und seine Seele von ihnen hintragen zu der großen Seele seines Volkes, die uralt war und ewig sein wird, auch wenn wir vergangen sind.(370)
Vater überträgt hier Wekings fiktives Erlebnis auf das "Wir"- Gefühl der Leser. Eine andere Art, dem Leser Vaters Einsichten zu vermitteln, sind visionäre Vorausahnungen. So wissen die Auserwählten unter den Sachsen, daß Karls universalistisches Reich zerfallen muß und statt dessen ein nordisch-germanisches Reich entstehen wird(371). Damit dennoch für den Leser nichts, aber auch gar nichts offenbleibt, verkündet Vater selbst im Nachwort die Vollendung des "germanischen Reichs deutscher Nation" durch Adolf Hitler (372).

Für Himmler ist die freiwillige Unterwerfung Widukinds und seine spätere Taufe dessen einziger Makel. Er vermutet deshalb sogar eine entsprechende Fälschung der fränkischen Reichsannalen (373). Vater entspricht diesem Wunsch; sein Weking ist geflüchtet oder gefallen, seine Taufe ist jedenfalls eine Lüge der Pfaffen (374). Wie Rosenberg erwähnt Vater jüdische Zwischenhändler, die mit den Franken ins Land kommen. Die Ähnlichkeit der Textstellen ist so frappierend, daß ein Zufall wahrscheinlich auszuschließen ist (375).

Pastenacis Roman ist schon von der Umwertung des Geschichtsbildes beienflußt, ansonsten verherrlicht er wie Vaters "Weking" Widukind als völkischen Führer und die Externsteine als germanisches Heiligtum(376). Als Gegner der nordischen Sachsen gilt der Süden, der durch die katholische Kirche vertreten wird. Der Kampf zwischen Süden und Norden wird von Pastenaci, wie schon von Dahn und Kolbenheyer, zum ewigen Prinzip erhoben (377). Anders als Vater beschreibt Pastenaci Karl den Großen als positive Figur (378). Die Hinrichtung der Geiseln in Verden ist zwar auch für ihn ein "Morden", ist aber die Voraussetzung zur Schöpfung des Reichs. Das Ziel ist die Versöhnung von Franken und Sachsen, die dann symbolisch in Verden ihre Heere vereinigen und gemeinsam die Dänen besiegen. "Beide Stämme durch Jahrhunderte verfeindet, wurden in Jahrzehnten ein Volk, weil gemeinsames Blut in ihren Adern fließt"(379). Am Ende des Romans ahnt Karl, daß Widukind durch seine Unterwerfung siegte. Während er sein übervölkisches Reich zerfallen sieht, weiß er, daß dem vom Widukind geschaffenen Volksstaat die Zukunft gehört(380). Wie das deutsche Heer im 1.Weltkrieg bleibt auch Widukind, entgegen den historischen Tatsachen, "im Kriege unbesiegt"(381); Karl bittet um Frieden und Widukinds Taufe ist nur noch eine rein formale Angelegenheit, bei der es ihm von Karl erlassen wird, den alten Göttern abzuschwören(382).

Ganz anders interpretiert Käthe Papke diesen Vorgang. Für sie ist die Christianisierung der Sachsen das wichtigste Ergebnis der Sachsenkriege. Sie dienen bei ihr weniger der fränkischen Expansion, sondern erscheinen als der symbolische Kampf zwischen Christus und Wodan, in dessen Verlauf Widukind die Überlegenheit des Christentums anerkennen muß:
Ja - Widukind hatte sehr scharfe Vergleiche gezogen, zumal in den letzten zwei Jahren. Und alle waren zu ungunsten der alten Götter ausgefallen. Leuchtend hell stand Christus, der Gott der Franken, vor seinem Geistesauge.(383)
Während der Taufe wird Widukind regelrecht von heiligen Schauern überflutet(384). Papke verfällt in ihrem Missionierungseifer in ein ähnliches aggressives Pathos, wie es bei den NS-Schriftstellern üblich ist:
Christus hatte über Sachsen gesiegt, - Christus siegte über die Wenden, die Preußen, die Pommern, - und Christus wird einst siegen über die ganze Welt.(385)
Ansonsten wird mit den üblichen Versatzstücken Widukind immer wieder als "Führer" verherrlicht und beschworen (386). Man kann vermuten, daß Papkes Roman ein paar Jahre später geduldet worden wäre, wenn sie ihr aggressives Christentum an Pommern oder Preußen demonstriert hätte (387). 1936 sind die Sachsenkriege jedoch ein zu umstrittenes Thema, und so wird der Roman nach der ersten Auflage verboten.

© Frank Westenfelder


Kunst & Geschichte - Historienmaler: Pompeo Girolamo Batoni und Aubrey Vincent Beardsley

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