II.5.4. Kritik und Toleranz

Daß der historische Roman nach der Jahrhundertwende nicht nur vom wachsendem Militarismus und Nationalismus bestimmt wird, kann mit einigen Beispielen belegt werden, die zwar auch alle von konservativen Wertvorstellungen geprägt sind, sich aber doch durch Toleranzforderungen oder die Ablehnung von Heroismus und Krieg von der üblichen patriotischen Literatur abheben.

Am einflußreichsten sind hier die Romane der katholischen Autorin Enrica Handel-Mazetti. In ihnen werden weder heroische Kämpfer noch große Persönlichkeiten dargestellt, sondern der innere Glaubenskampf einfacher und oft naiver Menschen. So gelingt es in "Meinrad Helmpergers denkwürdiges Jahr" (1900) einem einfältigen, aber herzensguten Mönch, den Sohn eines evangelischen Freigeistes zum katholischen Glauben zu bekehren. Der protestantisch-atheistische Vater ist dabei durchaus eine positive Figur. Sein Sohn wird dann auch nicht von den besseren Argumenten überzeugt, sondern von der Liebe des Mönchs, der Kraft der katholischen Riten und seiner Sehnsucht nach der Jungfrau Maria.

Weniger eindeutig wird der Glaubenskonflikt in Handel-Mazettis erfolgreichstem Roman "Jesse und Maria" (1906) entschieden. Jesse, ein junger protestantischer Landadliger, ist eifrig bemüht, in den nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder katholischen Donaulanden die Bauern dem Protestantismus zurückzugewinnen. Seinen ganzen Ehrgeiz setzt er in die Bekehrung des Försters Schinnagel, wobei dessen naiv-fromme Frau Maria zu seiner eigentlichen Gegenspuelerin wird. Mit der Lutherbibel gelingt es Jesse fast den Förster zu überzeugen, er scheitert jedoch schließlich an dessen Marienverehrung, die der überzeugte Protestant als Götzendienst bezeichnet. Als Schinnagl in finanzielle Not gerät, versucht ihm Jesse das Marienbild abzukaufen, woraufhin ihn Maria bei den Jesuiten anzeigt. Im Zorn verletzt Jesse einen seiner Richter und wird deshalb zum Tode verurteilt. Nach anfänglichem Triumph empfindet Maria Mitleid mit ihrem Gegner, besucht ihm im Kerker und bringt ihm die Nachricht von der Geburt seines Sohnes. Nun erkennt und bereut auch Jesse sein Verbrechen:

"Meine Schuld an diesen armen Menschen, das ist meine Todesschuld, ich will sie büßen. Nehmt mich jetzt und gebt mir meinen Lohn."(245)
Der Märtyrer dieses Romans ist und bleibt Protestant. Nachdem er seinen intoleranten, religiösen Eifer überwunden hat, kann auch er auf die göttliche Gnade hoffen. Noch weiter geht Handel-Mazetti in dem Roman "Die arme Margret"(1910). Hier wird eine fromme Protestantin von katholischen Soldaten in ihrem Haus tyrannisiert. Nur knapp entgeht sie den Zudringlichkeiten des Leutnants Herliberg, der daraufhin zum Spießrutenlaufen verurteilt wird und in ihren Armen stirbt.

Wegen ihrer Toleranz und ihrer positiv gezeichneten protestantischen Figuren wurde Handel-Mazetti sogar von katholischer Seite angegriffen(249). Gerade im Auflösen des aggressiven Freund-Feind-Schemas zugunsten von Verständnis und Verzeihen liegt der wesentliche Unterschied ihrer Romane zur völkisch-nationalen Literatur. Bernhard Doppler hat auf ihre "sehr distanzierte Erzählerhaltung" hingewiesen, ihr "Nicht-Ernst-Nehmen" und ihr "Kindisch-Halten der Romanfiguren"(250). Die Protagonisten werden schlimmstenfalls zu verwirrten Gotteskindern, aber nie zu Feinden. Jeder ist in seinen naiven Vorstellungen befangen, die er allerdings nicht rational erkennend überwinden kann, sondern, von ihnen ausgehend, sich der göttlichen Liebe und Gnade unterordnen muß:
Denn nicht die psychologische oder historisch bestimmte Entwicklung zu einem Individuum wird gezeigt, sondern - ganz in der Tradition einer kasuistischen Apologetik - eine Kon version: vom Irrglauben oder Unglauben zum wahren Glauben, vom Irrenden zum wahrhaft glaubenden,vom Sünder zum Heiligen. (251)
Während dieser Konversionsvorgang die Romane formal prägt, indem einer sehr langen Erzählzeit eine relativ kurze erzählte Zeit gegenübersteht, äußert sich die Naivität der Figuren in ihrer einfachen Dialektsprache und in zahllosen Gefühlsausbrüchen. An äußerer Handlung, an heroischen Taten geschieht dagegen fast nichts. Daß diese formalen Kriterien auf eine tiefe Ablehnung des völkisch-nationalen Heroismus deuten, läßt sich mit einen Hinweis auf Rilkes "Cornet" und den "Werwolf" von Löns unterstreichen. Rilkes rhythmische Sprache drängt die kurze Novelle zur sinnstiftenden, heroischen Ekstase. Für den völkischen Autor Löns ist die gnadenlose Vernichtung des Feindes Dienst am Volk und somit Gottesdienst, was bei ihm zu einer Reihung von Mord und Totschlag führt, die er zudem in Beziehung setzt zu der endlosen Kette von Kämpfen von der Steinzeit bis zu den Befreiungskriegen.

Anstelle des Helden der völkisch-nationalen Literatur verwendet die katholische Autorin die Figur des Märtyrers(252), wodurch Gewaltverzicht, Toleranz und Humanität eine grundlegende Bedeutung erhalten. Der Märtyrer überwindet nicht in heroischer Tat den Feind, sondern seine eigenen egoistischen und rachsüchtigen Gedanken. Diese Bemühungen um Verständnis und Toleranz lassen sich zwar mit der seit dem Kulturkampf isolierten Situation des Katholizismus erklären, sie folgen aber auch einer humanistischen Tradition, die sonst im historischen Roman verkümmert. Ebenfalls dieser Tradition zuzurechnen ist Max Brods "Tycho Brahe". Obwohl von Brod, im Gegensatz zu Handel-Mazetti, die Brüchigkeit des religiösen Weltbildes und der damit verbundenen weltlichen Ordnung beschrieben wird, sind auch für Tycho Brahe Selbstüberwindung, Gotteskinderschaft und Humanität charakteristisch.

Die Zeit der Glaubenskämpfe dient auch in recht trivialen Romanen dazu, gegen Krieg und Intoleranz Stellung zu nehmen. So beschreibt Emil Strauß in seinem Roman "Der nackte Mann"(1912) den Konflikt zwischen dem kalvinistischen Markgraf von Baden und der lutherischen Stadt Pforzheim. Mag die Erinnerung an "die gute alte Zeit" und deren selbstbewußtes Bürgertum das Hauptinteresse des Autors sein, so fällt doch auf, daß alle positiven Figuren zu religiöser Toleranz mahnen, während die fanatischen Eiferer beider Seiten den bewaffneten Konflikt herbeiführen. Bemerkenswert ist ebenfalls, daß das Bürgertum seine Freiheit gegen den impulsiven Landesherrn, dessen Kriegszug durch einen Schlaganfall vereitelt wird, behaupten kann.

Wesentlich dezidierter noch ist die Kritik an Militarismus und Adelsherrschaft in Adolf Schmitthenners Roman "Das deutsche Herz" (1908), wenn auch nicht gerade nach weniger trivialen Mustern(253). Friedrich von Hirschhorn, ein kleiner Landesherr am Neckar, versucht sein Gebiet aus dem Dreißigjährigen Krieg herauszuhalten. Obwohl Lutheraner praktiziert er religiöse Toleranz und lehnt den Religionskrieg - vom Autor als apokalyptische Vision angedeutet(254) - aus Sorge um seine Untertanen als Wahnsinn ab: "Aus Hirschhorner Gebiet fließt nichts in diesen verfluchten Krieg"(255). Seiner Vernunft steht der törichte Idealismus seines Sohnes gegenüber. Friedrich erinnert ihn immer wieder an seine zukünftigen Regierungspflichten, die in Verwaltung und Friedenspolitik bestehen und nicht in naivem Heroismus. Doch trotz des väterlichen Verbots schließt sich der junge, ruhmsüchtige Schwärmer den Protestanten an und fällt in dem sinnlosen Krieg.

Zur Adelskritik benützt Schmitthenner bekannte Muster, um die Dekadenz des Adels darzustellen(256). Dessen "biologischer Niedergang" und "Entartung" bilden den Hauptstrang der Handlung. Um der drohenden Unfruchtbarkeit zu entgehen, haben zwei verwandte Geschlechter nach einem alten Ritual ein junges Paar lebendig in ihre Burgen eingemauert. Diese barbarische Tat der Vergangenheit wird zum Fluch der Gegenwart: "Sie waren alle durch Trunk und Unzucht verdorben, und in ihren verwüsteten Leibern waren die Seelen bösartig geworden"(257). In Friedrich vereinigen sich noch einmal alle guten Anlagen seines Geschlechts, aber auch ihn trifft der Fluch der Vergangenheit: Seine Kinder sterben, er wird der letzte seines Geschlechts sein. Er ahnt bereits die kommenden gesellschaftlichen Veränderungen: "Mag nun der Reiter der Edelmann sein wie heute, oder mag der Edelmann zu Fuß gehen und der Bürger auf dem Roß sitzen. Das kann auch einmal kommen"(258). Die Unfähigkeit und die historisch überholte Stellung des Adels wird in den von ihm initierten Krieg offensichtlich. Die Ritter verlassen ihre Burgen und flüchten in die Städte, wo sie sich von den Bürgern beschützen lassen, während sich draußen Lehrer und Pfarrer um das notleidende Volk kümmern.

Biologistische Argumentation und das Walten des Schicksals sind nicht nur triviale Elemente des Romans, sie verraten auch die völkisch-konservative Einstellung des Autors. Schmitthenners Aussagen zu Adel und Krieg sind dennoch von einer Eindeutigkeit, die sich in keinem der bisher untersuchten historischen Romane nachweisen läßt.

Die konsequenteste Ablehnung von Militarismus und Krieg, die sich auch anspruchsvollerer literarischer Mittel bedient, findet sich in Ricarda Huchs Roman "Der große Krieg in Deutschland" (1912-14). Es soll hier nicht auf die komplexen formalen Strukturen des Romans eingegangen werden, sondern nur auf die wichtigsten Merkmale, die ihn von der zeitgenössischen Literatur abheben(259).

Am auffallendsten ist, daß Huch auf einen herausragenden Protagonisten sowie auf eine durchgehende Handlung verzichtet(260) und statt dessen den Krieg in zahlreichen Einzelkapiteln - 224 in drei Bänden - schildert. Damit steht der Krieg an sich im Mittelpunkt mit all seinen Greueln. Im Gegensatz zu anderen historischen Romanen überwiegt die Schilderung des zivilen Elends die üblichen Schlachtbeschreibungen. So erledigt sie die Schlacht am weißen Berg mit ein paar Sätzen, während sie den anschließenden Hinrichtungen in Prag mehrere Seiten widmet. Das Heldentum des Adels wird in der Regel als Abenteuerlust und Beutegier entlarvt: besonders am Beispiel von Mansfeld(261). Immer wieder wird die Not der Bevölkerung dargestellt mit einer für den Leser quälenden Eindringlichkeit. Werden Vergewaltigungen in anderen historischen Romanen verschwiegen oder allenfalls angedeutet, so werden sie hier in aller Grausamkeit geschildert(262).

Huchs christlich-humanistische Weltanschauung verdichtet sich in der Gestaltung des Jesuitenpaters Friedrich von Spee und dessen vergeblichen Kampf gegen die Hexenprozesse und den Aberglauben seiner Zeit(263). Spee und Kepler lassen das Verhältnis der Autorin zur Aufklärung erkennen, indem sie dem reinen Rationalismus die Vernunft von Menschlichkeit und Nächstenliebe entgegenhält:
Aufklärung muß der Menschlichkeit entspringen. Dieselbe Auffassung bekundet sich auch bei der Gestalt Keplers, dessen Wissenschaft nicht die rigorose Trennung von mechanistischer Physik und dem wissenschaftlichen Erfahrungsbereich entzogener Metaphysik aufweist wie die seit Newton, sondern in schöner Einheit Gott in seiner Welt wirken sieht.(264)
Ein weiteres wichtiges Merkmal des Romans ist seine vermeintliche Objektivität. Sehr distanziert, meist mit dem Mittel der indirekten Rede, läßt Huch kaum eine Parteinahme erkennen (265). Ihre Sympathie gilt nicht den kämpfenden Fraktionen oder Weltanschauungen, sondern dem leidenden Volk und den zum Scheitern verurteilten Helden. Dadurch wird die in der völkischen und konservativen Literatur übliche Freund-Feind-Unterscheidung aufgehoben. Durch seinen Antiheroismus, seine christliche Interpretation von Fortschritt und Aufklärung und vor allem seinen grundlegenden Humanismus ist Huchs Roman das stärkste Gegenstück zu den heroisch-patriotischen Romanen des Kaiserreichs. Daß mit solchen Inhalten und den daraus sich ergebenden formalen Konsequenzen die zeitgenössischen Leser überfordert sind, zeigen die für den Bekanntheitsgrad der Autorin auffallend niedrigen Auflagenzahlen.

Wesentlich erfolgreicher sind dagegen die in dem Band "Wallensteins Antlitz"(1918) gesammelten "Geschichten vom Dreißigjährigen Krieg" von Walter Flex. Auch Walter Flex verzichtet auf Kriegs- und Kampfhandlungen und wendet sich mehr dem Leid des Volkes zu. Der Krieg ist bei ihm nicht mehr Aufbruch und Bewährung, sondern hat sich düster und zerstörend über die Welt gebreitet. Vertierte Soldaten ermorden die Bauern oder zerfleischen sich selbst. Als ein junges Mädchen von einem Soldaten bedroht wird, erkennt ihr junger Begleiter in ihm "den Erzfeind der Menschheit"(266). Obwohl Flex als patriotischer Autor der Jugendbewegung bekannt geworden ist, dokumentieren diese gegen Kriegsende erschienenen Erzählungen ungeschönt das Grauen des Krieges.

Bei Flex und auch bei Schmitthenner erscheint der Krieg als mystischer Naturvorgang, ist aber in seinen Auswirkungen derartig menschenfeindlich, daß für Heroismus einfach kein Platz mehr bleibt. Brod und Handel-Mazetti nehmen nur wenig Stellung zum Krieg, vertreten aber aus einer katholischen Tradition heraus ein humanistisches Weltbild. Am weitesten geht Ricarda Huch, da sie nicht nur Inhumanität und Wahnsinn des Krieges verurteilt, sondern mit den Figuren Spee und Kepler auch Ideen andeutet,die einen historischen Fortschritt ermöglichen.

© Frank Westenfelder

Historische Biographien der Antike und der Renaissance, Södner und Abenteurer.

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