IV.8.4 Unterhaltungsliteratur

Im Dritten Reich erscheint eine Reihe von historischen Romanen, deren Hauptwirkung etwa ab 1940 angesetzt werden kann. Diese Romane - "Eine Pilgerfahrt nach Lübeck"(1935) von Hans Franck, "Der Kerzelmacher von Sankt Stephan"(1937) und "Das Abschiedskonzert"(1944) von Alfons Czibulka, "Der junge Herr Alexius" (1940) von Otto Rombach und "Tage und Stunden aus dem Leben eines leutseligen, gottfröhlichen Menschenfreundes, der Johann Friedrich Flattich hieß"(1940) von Georg Schwarz - zeichnen sich durch einen derart unpolitischen und idyllischen Inhalt aus, daß im Vergleich dazu selbst einige Romane Ganghofers eminent gesellschaftskritisch wirken. Sie erinnern stark an die neuromantischen Trivialromane von Steinhausen und Wolff(643). Auffallend ist dabei, daß gerade historische Romane dieser Art, nach dem Ende des Wilhelminismus, fast ganz verschwunden waren. Selbst die innerlich-neuromantischen Romane der Weimarer Republik thematisieren Religion, Gottsuchertum und Herrschaft und lassen damit immer noch einen stärkeren politischen Einfluß erkennen, als diese "neue" Unterhaltungsliteratur nach den Mustern des neunzehnten Jahrhunderts.

Fast alle diese Romane bevorzugen das 18. Jahrhundert, die Zeit des unpolitischen Bürgertums, als historisches Dekor; sie schildern pietistische Frömmigkeit, berühmte Musiker und vor allem Liebesgeschichten. Nur Rombach benützt die Zeit um 1500 zur Darstellung von Reisen und Liebesleben eines Ravensburger Kaufmannssohnes. Alexius, der sich dem deutschen Konquistador Federmann angeschlossen hat, erkennt nach Reisen durch fremde Länder: "War nicht die goldene Stadt in Schwaben stärker als alle goldenen Städte, die Federmann erobern konnte?" Der Roman endet mit einer Beschreibung der heimatlichen Idylle. Alexius und sein Reisekamerad betrachten, beim Erzählen alter Geschichten, ihre Heimatstadt:

Fern zog ein weißes Wölkchen in den hellblauen Himmel, der heute ganz unendlich, fröhlich stimmend, feierlich und hoch war. Und drunten leuchtete die goldene Stadt!(644)
Czibulka erzählt etwas altertümelnd, im Ton eines heiteren Conferenciers eine Anekdote aus Haydns Musikerleben und die Liebesgeschichte zwischen einer schönen Bürgertöchter und einem Kavallerieleutnant Maria Theresias, zu der schließlich auch die Kaiserin ihr Ja-Wort gibt. Der Krieg wird dabei zu einem netten Abenteuer verniedlicht:
Machten einander das Leben schwer, die Reiter des Königs und der Kaiserin. Aber Rabenau liebte dieses Leben, dieses Reiten und Jagen, Trompetenschall und das helle Wirbeln der Pauken, den Kampfruf der Reiter, den Hufschlag der Rosse, das Klirren des Stahls. (645)
Sämtliche Ereignisse, die über private Sphäre hinausgehen, können bei Czibulka nicht zum Problem werden, sie werden einfach ausgeblendet.

Der gottfröhliche Menschenfreund, der pietistische Pfarrer Flattich, in Schwarz' Roman wird zwar von Steuern und Krieg bedroht, kann diese Probleme jedoch durch munteres Gottvertrauen, kluges Wirtschaften und die Einsicht seines Landesherrn bewältigen. Auch Schwarz bemüht sich um eine gefühlvolle, heitere und altertümliche Sprache. Am weitesten geht dabei Franck in seiner Bachnovelle, die in einem umständlichen und gefühlvollen Barockdeutsch geschrieben ist.

Diese unpolitischen, rein auf Unterhaltung abzielenden, historischen Romane decken sich mit den Bemühungen des Regimes die Bevölkerung durch leichte Unterhaltung von der Realität des Krieges abzulenken (646). Siegfried Kracauer bemerkt zu derartig gemütvoller Unterhaltungsliteratur:
Das Gefühl ist alles, wenn alles andere fehlt. Es vermensch licht die Tragik, ohne sie aufzuheben, und nebelt die Kritik ein, die der Konservierung überalterter Gehalte gefährlich werden könnte.(647)
Geschichte wird zum Spielraum der kleinbürgerlichen Idylle. Abseits der bedeutenden historischen Ereignisse wird der Biedermeier ins 18.Jahrhundert transportiert. Die totale Abwendung von gegenwärtigen Problemen, die gewollte Distanz zur Realität, führt formal und stilistisch zu Imitationen der neuromantischen Literatur um die Jahrhundertwende. In Entwicklungsromanen, Liebesromanen und Novellen versuchen sich die Autoren ganz auf die "kleinen", persönlichen Sorgen ihrer Protagonisten zu konzentrieren. Der einzig bedeutende Unterschied ist, daß jetzt das Mittelalter als historischer Hintergrund aufgegeben werden muß, da es schon zu sehr mit zeitgenössischer Ideologie überfrachtet ist.

Im Gegensatz dazu hat sich der nationalsozialistische historische Roman nach Kriegsbeginn endgültig zum statischen Führerepos entwickelt. Bluncks Romane können durchaus als richtungsweisend angesehen werden. Jelusich und Schmückle verherrlichen an einzelnen historischen Höhepunkten den imperalistischen Führerstaat, wobei dem mittelalterlichen Reich der Staufer immer eine Vorbildfunktion zukommt. Die Romane konzentrieren sich ganz auf den Führertypus, der dabei völlig seine Indivualität verliert und ganz zum Werkzeug des Schicksals wird. Das Volk und die übrigen Beteiligten verkommen dabei zu Statisten, zu Material, dessen Wert nur durch seine Beziehung zum Führer bestimmt wird. Am Beispiel von Vaters "Herr Heinrich" kann man eine leichte Kritik von völkischer Seite an manchen Erscheinungsformen des Dritten Reichs erkennen. Sie richtet sich vor allem gegen die zunehmende Zentralisierung der Macht und den über die völkisch-nationalen Grenzen hinausgehenden Reichsbegriff. Allen diesen Romanen ist aber die sakrale Sprache, Führerverehrung und Typisierung und eine statische Darstellung des Protagonisten und der Geschichte gemeinsam. Dadurch hat diese Literatur sowohl die eigentliche Romanform aufgegeben, wie auch den letzten Rest an historischem Bewußtsein.

Die Romane von Gierer und Leip weichen dagegen den historischen Höhepunkten geradezu aus und zeigen statt dessen Niedergang und Zerfall. Dabei wird die verengende und statische Darstellung großer, heroischer Personen und Ereignisse ersetzt durch die Entwicklung relativ druchschnittlicher Familien, deren letzte Glieder sich den immer stärker werdenden politischen Systemen nur noch als Einzelgänger entziehen können. Man kann hier darauf verweisen, daß Bergengruen 1940, mit seinem Roman "Am Himmel wie auf Erden" den Sprung von der Renaissanceparabel zur preußischen Geschichte gemacht hat und an ihr gerade die Notwendigkeit des Staates vorführt. Sein Individualist - Carion - gibt am Ende des Romans seine Emigrationspläne auf und stellt sich dem System zur Verfügung.

© Frank Westenfelder


MAIN & INHALT