III.4.1. Themen völkischer historischer Romane

Wollte man alle historischen Romane,die Begriffe wie Blut, Volk oder Rasse verwenden, als völkisch bezeichnen, so hätte man sicher ca. 90% der zu untersuchenden Literatur erfaßt. Darum sind zuerst die Schwerpunkte in Ideologie und Geschichtsbild der Völkischen aufzuzeigen, die eine eindeutige Zuordnung der entsprechenden Literatur erlauben.

Grundlegend für die Völkischen sind ihre organischen Geschichtsvorstellungen. Aber im Gegensatz zu Spengler sind sie der Ansicht, daß der Untergang des Abendlandes nicht nur aufzuhalten ist, sondern daß neue Höhepunkte angestrebt werden können(134). Die Lösung, um den als verhängnisvoll empfundenen historischen Prozeß zu entgehen, liegt in der Realisierung der Blut- und Boden-Ideologie, die zum umfassendsten "Angriff auf die Moderne" wird(135).

Diese Moderne bedeutet: Liberalismus, Demokratie, Sozialismus, Industrialisierung, Urbanisierung, Säkularisation und Rationalismus. Die völkische Ideologie ist also wie schon im Kaiserreich ein Ausdruck der bedrängten Situation des bürgerlichen Mittelstandes und der Landwirtschaft, die der Weltkrieg besonders hart getroffen hat(136). Nach der Niederlage des wilhelminischen Imperialismus und während der Weimarer Dauerkrise finden die völkischen Theorien besonders günstigen Nährboden. Sie bieten dem Bürgertum vor allem den Vorteil, Systemkritik üben zu können, ohne dabei die Besitzverhältnisse antasten zu müssen. Nach völkischer Ansicht ist der Kulturverfall mit einem Niedergang der biologischen Substanz - dem Blut - eines Volkes verbunden. Dieser kann nur durch ein gesundes Bauerntum verhindert werden. Zu dessen Verbreitung wird Grimms Schlagwort vom "Volk ohne Raum" aufgegriffen. Man fordert allerdings nicht zur Siedlung in den Kolonien auf, sondern zur Landnahme im Osten. Daß es sich hierbei mehr um alldeutsche Großmachtträume handelt als um biologische Notwendigkeiten, zeigt die Tatsache, daß der Ruf nach Lebensraum in krassem Gegensatz zur Realität der Landflucht - besonders in den Ostgebieten steht(137).

Ein hervorstechendes Merkmal völkischer Literatur ist ihr extremer Antikatholizismus, der sogar weit über die preußisch-konservative Position hinausgeht. Der Katholizismus wird als römisch-jüdisch abgelehnt, ebenso der übervölkische Reichsbegriff. Die völkischen Religionsvorstellungen reichen von einem sehr nationalen Protestantismus bis hin zu Neubelebungsversuchen germanisch-heidnischer Mythen(138). Manchmal sind die völkischen Gruppen auch von einer gewissen Adelsfeindlichkeit gekennzeichnet. Der Adel gilt ihnen als dekadent und international versippt; der Blut-und Boden-Ideologe W.Darr‚ fordert statt dessen einen "Neuadel aus Blut und Boden"(139). Im völkischen historischen Roman wird so der Adel oft zur Chiffre für das Großkapital, das sich egoistisch auf Kosten des bäuerlichen Mittelstandes und des Kaisers bereichert.

Die völkische Geschichtswissenschaft gibt sich modern, wenn sie die "dynastisch-territorialistische Geschichtsauffassung" ablehnt und statt dessen die Einbeziehung naturwissenschaftlicher Methoden fordert(140).Ferner gelten als zentral das "Kämpferische" und "Heldenhafte", die deutsche Vorgeschichte und die "Geschichte des deutschen Ostens"(141). Trotz aller wissenschaftlichen Verbrämung wird das völkische Geschichtsbild zum konstruierten Mythos von germanisch- preußisch-kleindeutscher Kontinuität. Die Ahnenreihe beginnt oft direkt in Walhall und geht über Armin den Cherusker und den Sachsenherzog Widukind zu Heinrich I., in dem man den Gründer des deutschen Reiches verherrlicht:"Es wird dann eine Geisterreihe entstehen, von Odin, Siegfried, Widukind, Friedrich II. dem Hohenstaufen, Eckehart, dem von der Vogelweide, Luther, Friedrich dem Einzigen(142). Für das Hochmittelalter gibt man, in kleindeutscher Tradition, den Welfen den Vorzug vor den Hohenstaufen. An der Italienpolitik der deutschen Kaiser wird vor allem der Kampf gegen das Papsttum betont; deshalb ist auch - im Gegensatz zum Wilhelminismus - Friedrich II. wesentlich beliebter als Barbarossa. Mit dem Ende der Staufer erlischt auch das Interesse an den politischen Führern des Reiches und setzt erst mit dem Aufstieg Preußens wieder ein. Die Reformation dazwischen gilt als germanische Befreiung vom "artfremden" Katholizismus. Die katholischen Habsburger werden entsprechend hart verurteilt(143).Trotz aller Germanentümelei der Völkischen ist ihre Vorliebe für deutsche Frühgeschichte nicht überzubewerten. Im historischen Roman wird zur Interpretation der Gegenwart eher das Mittelalter und die frühe Neuzeit verwendet(144). Die bevorzugten Themen der völkischen Belletristik sind auch nicht die Völkerwanderung, sondern "Not und Kampf deutscher Bauern - Bauernkriege"(145) und die mittelalterliche Ostkolonisation.

© Frank Westenfelder


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