III.1.DER HISTORISCHE ROMAN ZUR ZEIT DER WEIMARER REPUBLIK

Der Weltkrieg und die folgenden Revolutionen verbunden mit dem Verlust der alten Ordnung verändern für die bürgerlichen Autoren und ihre Leser vollständig die sozialen und politischen Orientierungsmuster. Damit ändert sich nicht nur der Kontext, in dem der historische Roman als Parabel gedeutet wird, sondern auch das Verhältnis zur Geschichte. Die Flut der Veränderungen beginnt mit dem Krieg 1914. Er scheint die Lösung aller Probleme zu sein,die längst überfälligen Reformen können verschoben werden, und selbst die bislang am Kulturpessimismus festhaltenden Kreise schließen sich fast vollständig der allgemeinen Aufbruchstimmung an. Das bedeutendste Erlebnis ist aber das scheinbar spontane Entstehen der Volksgemeinschaft aus der vorher in Parteien und Interessengruppen zerpaltenen Nation. Wilhelm II. will nur noch Deutsche und keine Parteien mehr sehen, die Katholiken können endlich ihre vaterländische Gesinnung beweisen(1), und selbst die SPD stimmt in ihrer Mehrheit den Kriegskrediten zu: "Überhaupt soll der Weltkrieg als das große befreiende Erlebnis gelten, das alles Getrennte wieder zur lebendigen Einheit zusammengeschmolzen habe" (2). Die idealisierte Volksgemeinschaft wird zu einer Formel, die man ganz bewußt den individualistisch-materialistischen Ideen der Französischen Revolution entgegensetzt(3). Der von den völkischnationalen Theoretikern immer wieder propagierte Zusammenschluß des Volkes gegen den äußeren Feind hat in einem unerwarteten Ausmaß funktioniert, so daß die bewährte Methode der Integration über Feindbilder nun endgültig zu einem Grundmuster für Problemlösungen wird.

Der Krieg verspricht nicht nur Industrie und Landwirtschaft Expansion und den demokratischen Parteien das Wahlrecht; er gibt auch dem in seiner sozialen Stellung bedrohten Bürgertum in ungeahntem Maße die Möglichkeit zur Integration und sozialem Aufstieg. Vor dem Krieg besteht das Offizierskorps aus 22 112 aktiven Offizieren und 29 230 Reserveoffizieren, dem "Ersatzadel" des Bürgertums. Bis Kriegsende sind über die Hälfte der aktiven Offiziere (11 357) gefallen. Diese hohen Verluste und die Vergrößerung des Heeres führen zu einem enormen Bedarf an jungen Offizieren, der fast ausschließlich aus dem Bürgertum gedeckt wird. Während des Krieges bildet man über 200 000 junge Offiziere aus(4). Es handelt sich zwar vorwiegend um untere Offiziersdienstgrade, doch der nächste Krieg zeigt, daß diese Karrieren fortzusetzen sind(5).

Im Krieg scheint sich eine dynamische Leistungsgesellschaft abzuzeichnen, in der der Adel nicht mehr in der Lage ist, seiner Führungsrolle gerecht zu werden. Das Versagen Wilhelm II., der vom eigenen Generalstab nicht ernstgenommen wird(6), trägt dazu bei, das Ansehen des Adels weiter zu untergraben. Dagegen entwickeln die jungen, oft durch persönlichen Einsatz beförderten Frontoffiziere ein neues Elitebewußtsein. Die nationalistische Weltkriegsliteratur beschwört neben diesem Elitebewußtsein, zwar auch die Volksgemeinschaft im Schützengraben, wo Student, Arbeiter und Bauer gleichermaßen zusammensaßen. Daß aber nur der Student Offizier werden konnte, wird nicht reflektiert,denn dies hätte das neue Elitebewußtsein relativiert. Die Ursache des sozialen Aufstiegs wäre dann auf die Klassenzugehörigkeit reduziert worden und hätte nicht mehr die eigene Auserwähltheit bestätigt.

An der Unfähigkeit der alten Führungsschicht und der idealistischen Orientierung der Aufsteiger, die eine rationale Analyse des Krieges weitgehend verhindert, liegt es, daß die modernen Entwicklungen des Krieges zum Großteil ignoriert werden(7). Ludendorff versucht noch nach dem Krieg, seine Versäumnisse bei der Einführung der Panzerwaffe auf anachronistische Weise zu rechtfertigen: "Die beste Waffe gegen den Tank waren die Nerven, Mannszucht und Unerschrockenheit"(8). Der an konservativen Wertvorstellungen und einem überholten Gesellschaftbild festhaltende preußisch-deutsche Adel wird von dem rasanten Modernisierungsprozeß des Krieges einfach überrollt: " Zu den grundsätzlichen Erkenntnissen, wie sie <...> Lloyd George gewann, daß der Weltkrieg als Waffengang ein `engineers war' sei, fehlten der deutschen Führung alle Voraussetzungen"(9). Die deutsche Führung verrät hier einen antiquierten, individualistischen Heroismus, wie er in den wilhelminischen historischen Romanen üblich ist. Ob die neuen Erfahrungen zu neuen Einsichten führen und damit zu neuen literarischen Darstellungsformen verdient ganz besondere Beachtung. Selbst Ernst Jünger, einer der geistigen Führer der neuen Aufsteigergeneration, feiert den Krieg zunächst noch als Rückkehr zu atavistischen Lebensformen, erst später "erscheint der Krieg als Akt der Modernität"(10).

Zwar verstärkt der Krieg die Bedeutung von Großstadt und Industrie, doch die Bevölkerung hat vor allem unter den negativen Auswirkungen auf die Landwirtschaft zu leiden. Das Abziehen von Arbeitskräften - Männer, Frauen, Pferde - für Krieg und industrielle Produktion verursacht einen starken Produktionsrückgang in der Landwirtschaft, was zusammen mit der englischen Blockade zu schweren Hungersnöten führt(11). Während so die Landwirtschaft, wenigstens im Bewußtsein der hungernden Menschen, an Bedeutung gewinnt, gelten die Städte nach den ersten großen Streiks 1917 in Berlin und Leipzig als Keimzellen von Revolution und Umsturz.

Der Weltkrieg scheint außerdem Deutschlands Situation als "Land der Mitte", sowohl in strategischer wie in geistiger Hinsicht, zu bestätigen. Diese Ideen waren schon im Kaiserreich aufgrund der politischen Isolation entwickelt worden. Die westlich-kapitalistische Demokratie sah man vor allem in England verkörpert, das jetzt hinter Frankreich zurücktritt. Rußland erscheint als "gelbe Gefahr", gegen die das Abendland unter der Führung des Reichs verteidigt werden muß. Die großen Gebietsverluste im Westen und im Osten durch den Versailler Vertrag, die Unterstützung des Separatismus im Saargebiet und im Rheinland durch Frankreich und die erfolgreiche russische Revolution verstärken nach 1918 noch die Vorstellungen von der bedrohten Mittelstellung Deutschlands. Während nach dem Krieg die SPD und die Gewerkschaften einen enormen Machtzuwachs verzeichnen können, und die Großindustrie riesige Kriegsgewinne gemacht hat, hat sich die Situation des bedrängten Mittelstandes weiter verschlechtert. "Land der Mitte" ist nicht nur geographisch zu verstehen, es bezeichnet auch den nationalkonservativen Mittelstand, der seine Forderungen zur Wiederherstellung alter Privilegien idealistisch verbrämt(12). Den Feinden in Ost und West scheinen auch die gesellschaftlichen Kräfte zu entsprechen, von denen sich der Konservative im eigenen Land bedroht sieht: kapitalistische Demokratie und sozialistische Revolution.

Eine weitere Folge des verlorenen Weltkrieges sind Heroismus und Todeskult. Das ganze Volk und besonders die jungen Kriegsfreiwilligen werden durch die unerhoffte Niederlage mit der ganzen Sinnlosigkeit ihrer Opfer konfrontiert, was ein pseudoreligiösen Gefallenenkult kompensieren soll: "Der Gefallenenkult ist nur vor dem Hintergrund dieser Kriegsbegeisterung zu verstehen, denn die Kriegsfreiwilligen hielten sich für eine gottgeweihte Elite"(13). Wollte man mit der Vergangenheit nicht bedingungslos abrechnen, mußte man den Opfertod zum absoluten Wert erheben, ihn in religiöse Bereiche entrücken. Greiffenhagen erläutert diese "konservative Theorie des Opfers", die schon Ende des 19.Jahrhunderts fordert, sich Ziele zu suchen, für die es sich zu kämpfen lohnt, bis im 1. Weltkrieg das Opfer selbst zum höchsten Wert wird(14). Der sich in Kriegerdenkmälern und Heldenhainen manifestierende Gefallenenkult heiligt das Opfer in Fortsetzung säkularisierter christlicher Traditionen(15). Die Volksgemeinschaft zwischen den Lebenden und den Toten wird beschworen; die Toten leben durch ihr Opfer im Volk weiter. Diese Verherrlichung von Kampf und Opfer führt, trotz aller christlichen Verbrämung, zur Aufgabe der christlich-humanistischen Tradition und damit zu einer "Brutalisierung des Bewußtseins"(16).

Erst durch den für Deutschland katastrophalen Ausgang des Weltkrieges scheitert der zuvor völlig auf Expansion festgelegte mechanistische Fortschrittsglaube. Der von der Kulturkritik um die Jahrhundertwende entwickelte Kultur- und Geschichtspessimismus findet eine breite Basis und kann sich durchsetzen(17). Man kann wohl annehmen, daß Spenglers "Der Untergang des Abendlandes" ohne die Niederlage von 1918 das Werk eines Sektierers geblieben wäre, so aber wird Spengler zum "Ideologen eines kulturpessimistischen Bürgertums"(18), und das von ihm zur Mahnung propagierte zyklisch-organische Geschichtsbild beeinflußt die gesamte Weimarer Rechte und formuliert ihre wesentlichen ideologischen Grundlagen.

Spenglers Geschichtsbild ist im wesentlichen von Nietzsches Vorstellung von der "Wiederkehr des Ewiggleichen" beeinflußt (19), denn er interpretiert Geschichte als ein organisches Werden und Vergehen von Kulturen. Eine wesentliche Grundlage dieser Gedanken und deren Popularität sind Altertumsforschung und Archäologie des 19.Jahrhunderts, die den bekannten Kulturen der Griechen und Römer noch die Entdeckung des alten Ägyptens, Trojas und des Zweistromlandes hinzufügen. Durch den Kolonialismus werden die vergessenen, teilweise vom Dschungel begrabenen Städte in Hinterindien, Mittel- und Südamerika neu entdeckt. Ein Zeichen der davon ausgehenden Faszination sind die beliebten Kolonialromane von Rider Haggard, Edgar Wallace und Edgar R. Burroughs, in denen die Entdeckung versunkener Kulturen oder Städte ein beliebtes Motiv ist. Mythisch fasziniert vom untergehenden Aztekenreich ist auch Eduard Stucken in seinem Roman "Die weißen Götter"(1918).

Der um die Jahrhundertwende in den Städten konstatierte und als bedrohlich empfundene Geburtenrückgang, verbunden mit Kultur- und Zivilisationskritik, legt es nahe, in der selbst so empfundenen Dekadenz eine Vorstufe des Verfalls zu sehen. So hatte Spengler sein Buch schon bis 1912 konzipiert, um vor der verhängnisvollen Entwicklung zu warnen. Er definiert "Weltgeschichte" als "Stadtgeschichte": Jede Entwicklung, die gleichzeitig eine Entwicklung hin zum Untergang sein soll, finde in den Städten statt. Der Bauer dagegen sei "geschichtslos":

Der Bauer ist der ewige Mensch, unabhängig von aller Kultur, die in den Städten nistet. Er geht ihr vorauf, er überlebt sie, dumpf und von Geschlecht zu Geschlecht sich fortzeugend, auf erdverbundene Berufe und Fähigkeiten beschränkt, eine mystische Seele, ein trockener, am Praktischen haftender Verstand, der Ausgang und die immer fliessende Quelle des Blutes, das in den Städten die Weltgeschichte macht.(20)
Die Stadt wird zur Weltstadt, wie Babylon oder Rom, und verbraucht immer mehr die Lebenskraft des umliegenden Landes, sie wird zum Moloch:
Nun saugt die Riesenstadt das Land aus, unersättlich, immer neue Ströme von Menschen fordernd und verschlingend, bis sie inmitten einer kaum noch bevölkerten Wüste ermattet und stirbt.(21)
Die konsequente Anwendung dieses Denkmodells scheint zur Apathie gegenüber jeglichem politischen Engagement führen, da ja doch alles seinen Weg in den Abgrund geht. Doch meistens führen diese Gedanken gerade nicht zur Gleichgültigkeit. Vor allem die völkischen Gruppen hetzen gegen den Moloch Stadt und preisen ein "gesundes" Bauerntum als Rettung. Im zyklischen Weltbild wird historische Entwicklung durch und durch negativ aufgefaßt; man kann sich bestenfalls mit Hilfe des von ihr unberührten Bauernstandes vor ihr retten. Eine Nation nimmt ihre Kraft nicht aus ihrem fortschrittlichen Staatsmodell oder ihrer leistungsfähigen Wirtschaft, sondern aus der biologischen Substanz ihres Volkes, die trivial als "Blut" bezeichnet wird. Die Rückständigkeit Deutschlands kann so umgedeutet werden zu einem Zeichen seiner Jugendlichkeit, seiner Vitalität. Aus dieser postulierten Stärke leitet man ein "Recht der jungen Völker"(22) auf Expansion ab.

Das organische Geschichtsbild ist auch eine Reaktion auf die Theorielosigkeit des Historismus, denn es scheint erstmals Ordnung in die bislang waltenden Geschichtsmächte zu bringen. Dem historischen Prozeß wird eine Bestimmung zugrundegelegt(23); der einzelne Mensch kann dieses Schicksal nur erahnen und heroisch akzeptieren.

Das heroische Geschichtsverständnis geht zwar auf die im Kaiserreich beliebte Methode zurück, Geschichte als die Geschichte großer Männer und Taten zu schreiben(24), geht aber in seiner Radikalität weit darüber hinaus. Obwohl es in der Weimarer Republik Bemühungen gibt, dieser Tendenz entgegen zu wirken(25), verstärkt der mystisch verklärte Heroismus des Weltkrieges dieses Geschichtsverständis enorm. Kriegerische Erlebnisse und das vergebliche und allein schon deshalb heroische Ringen um Deutschlands Bestimmung dominieren das Geschichtsbild der Weimarer Republik. Als ersehnter Höhepunkt der deutschen Geschichte gilt die Verwirklichung des Reichs. In dieser nebulösen Utopie vermischen sich eschatologische Geschichtsvorstellungen, romantische Sehnsüchte, imperialistische Großmachtträume und mittelständische Ständestaatsideen:
Ständisches Modell und Reichsidee waren im Grunde Ausfluß eines zyklischen Geschichtsbildes, welches grundlegende Veränderungen nicht zuließ, da es in ihm galt, das Alte, ewig wahre, das in Deutschland zeitweise verschüttet war, wieder ins Tageslicht zu holen und weiterhin vor dem Walten "geschichtlichen Unholdentums" zu schützen.(26)
Der Weg zum Reich muß von wenigen Führern gewiesen und erkämpft werden, denn weder Volk noch Íkonomie können geschichtsmächtig werden ohne die von Schicksal erwählten Führer: "Sie gerieten in quasi Hegelscher Kultivierung zu Geschäftsführern des Weltgeistes"(27).

© Frank Westenfelder


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