II.5.2. Völkische historische Romane

Die Radikalisierung der Völkischen und ihre Anpassung an den wilhelminischen Staat lassen sich an zwei der bekanntesten historischen Bauernromane demonstrieren, an Adolf Bartels "Die Dithmarscher"(1898) und Hermann Löns'"Der Werwolf"(1910). Bartels schildert den Freiheitskampf der Dithmarscher Bauernrepublik von der siegreichen Schlacht bei Hemmingstedt bis zu ihrer Unterwerfung durch Dänemark. Die Heidebauern bei Löns schließen sich während des Dreißigjährigen Krieges zu Selbstschutzgruppen zusammen, den "Werwölfen", um sich gegen plündernde Soldaten zu wehren. In beiden Romanen verschmelzen die Bauern während einer Krisenzeit zu einer heroischen Kampfgemeinschaft, in der die besten zu Führern im Kampf gegen den äußeren Feind werden(214). Charakteristisch ist für beide ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken. Aber gerade in ihren Feindbildern unterscheiden sie sich wesentlich. Während die Werwölfe gegen landfremde, tierische Landsknechte - Tatern, Zigeuner - kämpfen, sind die Gegner der Dithmarscher der dänische und schleswig-holsteinische Feudaladel. Die Dithmarscher bezeichnen die Fürsten als "die Mörder unserer Freiheit" und als "hinterlistige, heuchlerische Fürstenbrut", ihr Kampf wird in eine Tradition mit dem der Schweizer gegen Karl den Kühnen gestellt(215). Der Landesherr der Heidebauern dagegen ist ein gütiger Patriarch, der in der schlechten Zeit die Steuern der Bauern aus eigener Tasche bezahlt. Die bedanken sich dafür, daß sie ihm später 1000 Taler aus ihrer Kriegsbeute schenken.

Das Feindbild von Löns ist nicht frei von rassistischen Anspielungen: "die gelbe Haut und das schwarze Haar"(216) der Tatern sind Kennzeichen ihres schlechten Charakters; die Marodeure werden als "Ungeziefer" und "Raubzeug" vertiert und entsprechend behandelt(217). Ein wesentliches Merkmal des "Werwolfs" ist seine unbarmherzige Brutalität und die Lust an der völligen Vernichtung des Gegners. Seine "blutrünstigen Taten sind in eine Aura von Genugtung gehüllt"(218). Der Autor genießt diese Gewalttaten offensichtlich, steht aber unter einem ständigen Rechtfertigungszwang. Der Hauptfigur muß erst unmenschliches Leid widerfahren - der Mord an seiner Familie - , bis er sich genußvoll rächen kann. Die Heidebauern wirken geradezu schizophren: Zu Hause sind sie gemütvolle Väter und lieben ihre sauberen, drallen Frauen, während sie im Kampf durch Ströme von Blut waten.

Ganz anders die Dithmarscher; sie führen laufend Fehden, üben noch Blutrache und plündern bei den Friesen. Der Totengräber Hans Bahr, ein typischer Dithmarscher, mehr Pirat als Bauer, ohrfeigt sogar seine tote Frau - eine Szene, die im zum Teil rührseligen "Werwolf" völlig unmöglich wäre. Die Lust am Kampf liegt den Dithmarschern sozusagen im Blut, ist aber mit wesentlich weniger Haß und Rechtfertigungszwängen verbunden als bei den Werwölfen. Auch nimmt die Darstellung von Kampfhandlungen auf den über 500 Seiten des Romans einen relativ bescheidenen Raum ein. In der Schlacht bei Hemmingstedt ist die "schwarze Garde", ein internationaler, verrufener Landsknechthaufen, der Hauptgegner der Bauern. Aber die Garde kämpft und stirbt wesentlich heroischer als die anderen - deutschstämmigen - Gegner, Jüten, Friesen und holsteinische Ritter. Daß die "großen Herren" (219) zuerst flüchten, ist das wohl vernichtendste Urteil, das ein konservativ-völkischer Autor aussprechen kann.

Während "Der Werwolf" eine "nationale Krisensituation"(220) wiedergibt, in der alle braven, biederen Untertanen zusammenhalten müssen, um die brutalen, tierischen Feinde abzuwehren, erzählt Bartels vom Kampf gegen den Feudaladel , "gegen die von Gott verordnete Obrigkeit"(221).Den Dithmarschern droht nicht die Ausrottung durch unmenschliche Feinde, sondern der historische Prozeß, verbunden mit dem Verlust der Selbstständigkeit und der Tradition. So wird der Lateinschüler Karsten Holm, da er die Verbindung zu seinem Volk verloren hat, zum Landesverräter(222).

Der Unterschied läßt sich auch an den Geschichtsbildern der Romane festmachen. Für beide Autoren steht der Bauer eigentlich außerhalb der Geschichte. Die Bauern, die in der Marsch leben, sind ein Teil der Natur geblieben, während Römer, Franken, Sachsen und verschiedene dänische und holsteinische Fürsten gekommen und gegangen sind(223). Auch an den Heidebauern ist die Geschichte spurlos vorbeigegangen; obwohl immer wieder einige den Kämpfen zum Opfer gefallen sind, so hat sich doch das Geschlecht der Wulfsbauern erhalten; denn "es blieb immer noch einer, der den Namen am Leben hielt"(224). Ein Nachkomme der Wulfsbauern dient als Freiwilliger in den Befreiungskriegen. Der Roman endet mit Hermann Wulf, der wie sein Vorfahr Harm das Brummelbeerlied flötet und denselben Wahlspruch führt.

Anders als die Wulfsbauern, die ihren Frieden mit dem Reich gemacht haben, verlieren die Dithmarscher ihre Freiheit. Nach und nach schwächt sich ihr Traditionsbewußtsein. Gesellschaftliche Veränderungen lockern die alten Bindungen, so daß die alten Dithmarscher visionär den Untergang kommen sehen:

"Ja man wird sie wie die wildgewordenen Stiere erschlagen, die Überlebenden werden um Gnade betteln, und die Freiheit ist dahin. Gut, daß ich es nicht erlebe."(225)
Natürlich fordert auch Bartels den inneren Zusammenhalt gegen den äußeren Feind, aber der wirkliche Gegner ist der unaufhaltsame historische Prozeß, der die zu Anfang gegebene Gemeinschaft zerstört. Sein pessimistischer Roman ist kennzeichnend für die Krisenzeit der Landwirtschaft in den neunziger Jahren. Löns dagegen ist mit der sozialen Realität zufrieden; er muß nur seine braven Bürger-Bauern gegen zahlreiche äußere Feinde mobilisieren.

Während der patriotische "Werwolf" recht schnell hohe Auflagenziffern erreicht, wird Bartels Krisenroman erst gegen Ende der Weimarer Republik stärker rezipiert, als sich in einer neuen Agrarkrise die schleswig-holsteinische Landvolkbewegung gegen die staatliche Obrigkeit auflehnt. Der konservative Revolutionär Ernst von Salomon beschreibt die Bauern dieser Landvolkbewegung dann so: "Dieser Klaus Heim war eine Gestalt wie einst Wulf Isenhart, und wie zur Schlacht von Hemmingstedt ritten die Jungbauern von Hof zu Hof und riefen die Bauern zum Thing, und ihr Ruf lautete `slah doot'"(226).

© Frank Westenfelder


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