II.6. Tendenz und Wirkung

Die hier untersuchten historischen Romane sind sicher nur zum Teil typisch für die Zeit des Kaiserreichs, da sie vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Weiterwirkung ausgewählt worden sind. Ich war bemüht, die Bestseller unter den historischen Romanen, Erzählungen und Novellen ab 1890 möglichst vollzählig zu erfassen. Bei der Untersuchung des "Vorfeldes" - d. h. der Zeit zwischen 1871 und 1890 - ist es zur Demonstration der wichtigsten Tendenzen ausreichend, auf einzelne typische Romane zu verweisen. Bei den historischen Novellen von Storm, Fontane, Meyer und Raabe habe ich mich ganz auf die Sekundärliteratur beschränkt, da sonst der Schwerpunkt der Arbeit zu sehr ins 19. Jahrhundert verlagert worden wäre. Es ist mir sinnvoller erschienen, die Problematik des bürgerlichen Geschichtsbewußtseins an den literaturwissenschaftlich nicht so bedeutenden, dafür aber um so publikumswirksameren historischen Romanen von Dahn und Freytag aufzuzeigen und in kurzen Interpretationen auf die damals beliebten, aber heute längst vergessenen historischen Romane von Weinland, Steinhausen, Rosegger, Wichert und Wolff zu verweisen.

Da die nach 1890 erschienenen publikumswirksamen historischen Romane möglichst vollzählig zu dieser Untersuchung herangezogen wurden, empfiehlt es sich, auch einige quantitative Aussagen zur ideologischen Wirkung des Genres zu machen. Versucht man die 43 in Frage kommenden Romane(284) grob den verschiedenen politisch-ideologischen Strömungen zuzuordnen, so überwiegen mit 21 Titeln, die Romane mit preußisch-konservativen Wertvorstellungen, d. h. Verherrlichung der brandenburgisch-preußischen Geschichte, Obrigkeitsdenken, Nationalismus und eine kulturkämpferische Ablehnung der katholischen Kirche. Es folgen mit zehn Titeln die historischen Romane mit völkischer Thematik. Obwohl sie den preußisch-konservativen Romanen in vielem ähnlich sind, ist aufgrund der biologistisch-rassistischen Vorstellungen und der mittelständischen Defensivideologie doch eine deutliche Unterscheidung möglich. Das Mißtrauen gegenüber der Obrigkeit verschwindet in den völkischen historischen Romane erst als Imperialismus und Weltkrieg die innenpolitischen Spannungen nach außen verlagern; so zum Beispiel ganz bei Löns und Jansen.

Die nächstgrößere Gruppe bilden sechs historische Romane mit religiös-innerlicher Thematik. Alle diese Romane setzen sich aus katholisch-konservativer Position für Toleranz und Humanismus ein und sind deshalb völlig frei von Nationalismus, Heroismus oder gar Rassismus. Historische Romane mit religiöser Thematik protestantischer Provenienz - zum Beispiel von Schmökel, Greinz oder Ganghofer - habe ich wegen ihrer nationalistischen Aussagen der preußisch-konservativen Fraktion zugerechnet.

Eine neue Position des deutschen Konservatismus zeichnet sich in drei Büchern ab, was noch dadurch verdeutlicht wird, daß sie auf die übliche Form des historischen Romans verzichten. In Rilkes Novelle, Molos novellenartigem Roman und in Vespers nacherzählten mittelalterlichen Epen wird auf die übliche historistische Ausschmückung verzichtet, die Autoren konzentrieren sich ganz auf die heroische, sinnstiftende Tat. Kulturkritik und Aufbruchspathos der Jugendbewegung verbinden sich dabei mit älteren nationalistischen und militaristischen Wertvorstellungen. Unter dem Einfluß Nietzsches versucht man den Nihilismus heroisch zu überwinden. Dieser noch relativ unbedeutende Ansatz wird nach dem verlorenen Krieg eine enorme Bedeutung erlangen.

Drei historische Romane - von Huch, Schmitthenner und Strauß - lassen sich keiner politisch-ideologischen Gruppierung zuordnen, in ihnen artikuliert sich auf recht unterschiedliche Weise liberal-humanistisches Gedankengut, verbunden mit einer deutlichen Kritik an Obrigkeit, Militarismus und Nationalismus. Allerdings läßt nur Huchs Roman ein fortschrittliches Geschichtsverständnis erkennen; die beiden anderen bleiben formal und stilistisch in der üblichen Historienmalerei stecken.

Beschränkt man die Auswertung auf die acht Romane, die bis 1918 eine Auflagenhöhe von mindestens 50 000 erreichten, so bleiben vier preußisch-konservative - alle von Ganghofer -, zwei völkische, ein katholischer und Rilkes "Cornet". In den historischen Romanen Ludwig Ganghofers kann man, wegen ihrer dominierenden Wirkung und ihrer starken Übereinstimmung mit der offiziellen Politik, die Manifestation des wilhelminischen historischen Romans und den ihm entsprechenden bürgerlichen Geschichtsvorstellungen sehen.

Abschließend sei noch bemerkt, daß der Antisemitismus in dem gutbürgerlichen Medium des historischen Romans anscheinend keine Resonanz findet. Die Juden sind eher Objekt für Toleranzbekundungen. In keinem der insgesamt 59 ausgewerteten historischen Romane finden sich Negativbeschreibungen von Juden oder antisemitische Äußerungen. Im Gegenteil: In sechs Romanen werden Juden positiv erwähnt und in zweien sind sie der Sündenbock des abergläubischen Volkes(285). Der durchaus vorhandene Rassismus richtet sich viel mehr gegen die politischen Gegner des Kaiserreichs, wobei rassistische Angriffe gegen Franzosen am häufigsten zu finden sind(286). Da man, um dieses Feindbild beizubehalten, auch vor ethnologisch unsinnigen Argumenten nicht zurückschreckt(287), wird ersichtlich, wie sehr die Rassenlehre ein Instrument des deutschen Imperialismus ist.

© Frank Westenfelder


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