III.7. Tendenz und Wirkung

Am auffälligsten ist, daß von den 36, der für den Zeitraum der Weimarer Republik ausgewählten, historischen Romanen nur die beiden von Feuchtwanger unbedenklich als fortschrittlich-demokratisch bezeichnet werden können. Dieses Ergebnis mag etwas dadurch beeinflußt sein, daß einige Romane während des Dritten Reiches hohe Auflagen erreichten und deshalb ausgewählt wurden. Zum Ausgleich wurden aber auch die Auflagenhöhen bis 1960 festgestellt, die dieses Ergebnis bestätigen.

Unter den Neuerscheinungen dominieren eindeutig Romane mit völkischen Inhalten - zehn können als "völkisch" bezeichnet werden, zehn sind stark völkisch beeinflußt - dagegen sind, verglichen mit dem Kaiserreich, Romane, die einen monarchisch-obrigkeitsorientierten Altkonservatismus vertreten, stark zurückgegangen. Nur drei Romane, die am Anfang der Republik erschienen sind, kann man dieser preußisch-konservativen Position zurechnen, die für die historischen Romane bis 1918 vorherrschend gewesen ist (425), obwohl deren Ideologie weiterhin das ganze Genre beeinflußt. Die heroisch-existentialistische Weltanschauung des revolutionären Nationalismus ist nur für drei Romane charakteristisch(426), sie wirkt allerdings stark bei der Herausbildung des nationalsozialistischen historischen Romans - schon in den noch mehr völkischen Romanen von Jansen und Kotzde, Mitte der Zwanziger Jahre -, dem sie dann die entscheidende Prägung gibt. Diese den nationalsozialistischen historischen Roman kennzeichnende Mischung aus heroischem Führerkult, Blut- und Boden-Ideologie und prozeßfeindlicher Geschichtsmystik läßt sich in Reinform nur an drei Romanen gegen Ende der Republik nachweisen(427), obwohl die Romane von Jansen, Kotzde und Blunck durchaus als Vorformen gelten können. Man kann also nicht behaupten, daß ein Großteil der nationalsozialistischen Literatur bereits vor 1933 geschrieben worden ist(428). Der historische Roman der Weimarer Republik ist von Anfang an von Teilen der späteren nationalsozialistischen Weltanschauung geprägt, erhält aber erst nach einer längeren Entwicklung seine genuin nationalsozialistischen Inhalte mit den entsprechenden statischen Formen, die den sich oft noch am Bildungsroman orientierenden völkischen Romanen nicht mehr entsprechen. Diese Veränderung steht in Zusammenhang mit der Entwicklung der NSDAP von einer völkisch-kleinbürgerlichen Partei zu einer durchorganisierten Massenbewegung, in der die Position des Führer entscheidend gestärkt ist.

Acht Romane mit vorwiegend religiös-innerlicher Thematik markieren eine andere wichtige Tendenz der Weimar Republik. Die Positionen reichen hier vom Katholizismus bei Federer und ViesÜr und Papkes Protestantismus, über eine bereits leicht völkisch säkularisierte Religiösität bei Diehl, Scholz, Franck und Hesse, bis zu Kolbenheyers nordischem Gottsucher Paracelsus. Man könnte diese Reihe bis zu Bluncks "Urvätersaga" fortsetzen, aber hier dienen die mythisch-religiösen Ergüsse nur noch zur pseudoreligiösen Erhöhung des Führerkultes. Irrationale Erkenntnis und Wertsetzung sind Hauptmerkmale des historischen Romans der Weimarer Republik, die nur in einem einzigen Roman - Feuchtwangers "Häßlicher Herzogin" - ironisch demontiert werden. Selbst Feuchtwangers Jud Süß findet eine Art Identität in der Religion und in der Mystik des Judentums.

Außer in Feuchtwangers Romanen ist der Antisemitismus im historischen Roman der Weimarer Republik kein Thema. Dabei entfallen allerdings auch weitgehend Toleranzbekundungen, wie sie von den monarchistischen Autoren Ganghofer und Schreckenbach noch vorgenommen wurden. Nur Wilhelm von Scholz wendet sich in seinem Gottsucherroman "Der Weg nach Ilok"(1930) dezidiert gegen Juden- und Ketzerverfolgungen(429). Ansonsten schildert nur Hesse mehrmals kurz Juden als positive Figuren, Gmelins Friedrich II. schützt sie vor dem abergläubischen Volk. Nur in Kolbenheyers "Paracelsus" ist vom "Fremdvolk", das in deutschen Städten "nistet", die Rede(430). Der in der tagespolitischen Propaganda gebräuchliche Antisemitismus findet immer noch keinen Zugang zum historischen Roman.

Untersucht man nur die elf historischen Romane, die in der Zeit von 1919 bis 1932 höhere Auflagen - das heißt um die 50 000 und mehr - erreichten, so bleiben die völkische Blut- und Boden-Ideologie und eine religiöse Innerlichkeit als Hauptmerkmale des historischen Romans der Weimarer Republik. Zwei Romane sind geradezu völkische Propagandaschriften(431), und in zweien ist ein stark völkischer Einfluß spürbar(432). Religion und Irrationalismus sind das Thema von vier Romanen, wovon zwei eine katholische Position vertreten(433). Einer der altkonservativen Romane - Schreckenbachs "Wildefüer" - erreicht ebenfalls höhere Auflagen, was allerdings zum Teil mit der Beliebtheit des Autors zu erklären ist. Ebenso steigt die Bedeutung von Feuchtwangers Romanen, die beide recht hohe Auflagen erreichen; was zeigt, daß fortschrittliche Inhalte durchaus publikumswirksam verpackt werden können(434).

Verändert werden diese Ergebnisse allerdings durch die Neuauflagen älterer, im Kaiserreich erschienener Romane. Mit 27 historischen Romanen, deren Neuauflagen 50000 übersteigen, erfreut sich diese Literatur immer noch einer weit größeren Publikumsgunst als die zeitgenössische. Die größte Gruppe - zwölf Romane - stellen hier Romane mit altkonservativen oder preußisch-konservativen Inhalten, vor allem der Autoren Ganghofer, Schreckenbach und Wolff, wovon Ganghofers Mittelalteridylle "Der Klosterjäger" in ca. 260 000 Exemplaren aufgelegt wird. Zum Vergleich sei darauf hingewiesen, daß der erfolgreichste historische Roman der Weimarer Republik - Feuchtwangers "Häßliche Herzogin" - "nur" in ca. 150 000 Exemplaren aufgelegt wird. Als nächstgrößere Gruppe folgen mit sieben Romanen die Völkischen, von denen Dahns "Kampf um Rom" mit ca. 300 000 und Löns' "Werwolf" mit ca. 260 000 Exemplaren ebenfalls eine eminente Wirkung haben (435). Sehr erfolgreich sind außerdem die heroisch-existentiali- stischen Romane, die, ausgehend von der geistigen Situation der Jugendbewegung, eine direkte Vorstufe zur nationalrevolutionären Literatur bilden. Hierzu ist, mit einer Neuauflage von über 250 000 eines der erfolgreichsten Bücher der Weimarer Republik, Rilkes "Cornet" zu rechnen. Daneben unterstreichen drei beliebte Romane der Handel-Mazetti die Bedeutung des Katholizismus. Von den fortschrittlichen historischen Romanen des Kaiserreichs erreicht nur Huchs "Der große Krieg in Deutschland" in Form einer gekürzten Fassung höhere Neuauflagen.

Die antidemokratische Tendenz des historischen Romans in der Weimarer Republik wird durch die andauernde Beliebtheit wilhelmischer Romane noch weiter verstärkt, wobei nicht berücksichtigt wurde, daß die bis 1918 verkauften Romane oft weiterhin gelesen werden. Sehnsucht nach Obrigkeit und Ordnung, Religiösität und Irrationalismus, Heroismus und Blut-und Boden-Ideologie bestimmen somit im wesentlichen die Inhalte dieser beim Publikum sehr beliebten Gattung.

© Frank Westenfelder


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